In New York ruft man ein Taxi nicht per Telefon. Die Stadt hat 12 000 davon, und mindestens eines ist immer im eigenen Blickfeld. Um es zu kriegen, stellt man sich mit in den Himmel gestreckter Hand an den Straßenrand und setzt einen grimmigen Gesichtsausdruck auf.
Mein erster New Yorker Taxifahrer ist schwarz, Mitte dreißig und trägt eine Sonnenbrille. Kaum sitze ich neben ihm, erschrecke ich, weil er mit mir zu sprechen scheint, und ich ihn nicht verstehe. Aber dann merke ich, dass er telefoniert, über einen Knopf in seinem linken Ohr. Er telefoniert ständig und mit langen, schweigenden Pausen, sodass ich erst nie weiß, ob überhaupt noch ein Gesprächspartner da ist, und mich nicht traue, etwas zu fragen. Ob es in den USA erlaubt ist, mit dem Handy am Ohr Auto zu fahren zum Beispiel. Aber vielleicht ist das ja auch ganz anders in New York, und man unterhält sich nie mit dem Taxifahrer.
Irgendwann fragt er mich dann, wo wir herkommen. „Oh, Germany! Munich?“ Alle Amerikaner denken sofort an Munich. Wir reden über große deutsche Städte, das Wetter hier und dort, die Zeitverschiebung, und er lacht, als ich sage, dass ich noch nie in Frankfurt war. Dann klingelt das Telefon. Er lauscht kurz und beginnt dann einen langen fremdsprachigen Dialog. Klingt wie Spanisch. Nach dem Gespräch entschuldigt er sich dafür. Er streite mit seiner Familie, weil er eigentlich schon seine Schicht im Restaurant begonnen haben müsste. Aber wir sind noch lange nicht in Manhattan.
Ich frage, welche Sprache das war. Bangladesh, antwortet er und erzählt, dass er sechs Sprachen spricht, sogar Chinesisch. Er liebt fremde Sprachen und war schon in 22 Ländern auf der ganzen Welt. Seit sechs Jahren ist er in New York. Ich sage, Fremde finden Deutsch immer sehr schwer. Er sagt, nichts ist so schwer wie Chinesisch. Als er damals nach China kam, hatte er Hunger, aber konnte das niemandem verständlich machen. Das erste, was er deshalb lernte, was „Ich will Reis“ (er spricht es mir vor). Wochenlang ernährte er sich daraufhin bloß von Reis. Ich bringe ihm „Ich habe Hunger“ auf Deutsch bei.
Taxifahren in New York kostet grundsätzlich $2,50. Dazu dann 40 ct für jede zurückgelegte Fünftelmeile beziehungsweise für zwei Minuten im stockenden Verkehr. Zwischen Vorder- und Rücksitzen ist immer eine Trennscheibe aus durchsichtigem Plastik angebracht, die man auf und zu ziehen kann. Ich sitze bei jeder Fahrt vorn, weil ich es mag, mit den Fahrern zu sprechen. Sie sind fast alle aus dem Ausland und garantiert alle männlich.
Einmal liest einer während der Fahrt einen Groschenroman in hebräischer Schrift. Das Heft liegt in seinem Lenkrad und an jeder roten Ampel wirft er einen Blick hinein, solange bis er angehupt wird, weil längst wieder grün ist. Dann hupt er reflexartig und mit mürrischer Miene zurück. Ein anderer will, dass ich mehr Sport mache. Er redet auf mich ein und sagt, er ist gonna call my boyfriend, damit der mit mir Schluss macht und ich dann am Wochenende mehr Zeit für Sport habe. Jede Frau in New York geht ins Fitnessstudio, sagt er. Und einmal vergisst ein Fahrer doch tatsächlich, seine Uhr anzustellen.




Kommentiert
Konstantin: Manchmal bringen einem die Facebook-Freunde dann etwas aus der weiten Welt mit (mir gerade ein Fahrrad aus Atlanta). Wenn man nicht wüsste, das...
Amelie: So wahr, das brachte mich gerade zum lachen :)
Claudia: Wie bedeutungslos wären manche Menschen ohne Facebook… (:-/
Roman: Den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke dafür, liebe Eva.