Save the Date: Urban Journalism Salon #1 am 1. August

Urban Journalism Salon #1

Am 1. August starten wir ein Experiment: Wir holen Journalismus auf die Bühne. Die Idee dazu hatten Mark Heywinkel, Rabea Edel und Jens Twiehaus. Die drei sind Kollegen von mir und gelangweilt von der Auffassung, dass Journalismus nur auf dem Papier oder Bildschirm stattfinden kann. In dem (ziemlich h**en) Berliner Projektraum Lehrter Siebzehn geben sie deshalb jungen und innovativen Kollegen die Chance, ihre Texte, Recherchen und Projekte einmal ganz anders darzustellen. Ein „lebendiges Magazin“ nennen sie das und ich freue mich riesig, dass ich den Abend moderieren darf.

Vor allem, weil unter den Gästen einige sehr gute Freunde sind: Thilo Kasper wird eine interaktive Infografik bauen, die Crowdspondents Lisa und Steffi legen extra für uns einen Zwischenstopp in der Hauptstadt ein, um von ihrer Deutschlandreise zu erzählen, Hanno Hauenstein ist gerade aus Israel zurückgekehrt und bringt uns von dort eine Reportage mit. Teresa Bücker wird live für ihr Online-Magazin Edition F produzieren und die Redaktion vom Missy Magazin anschließend für Abkühlung sorgen. Wie? Das seht ihr erst, wenn ihr kommt.

Denn unser größter Wunsch für diesen Abend ist, dass es nicht noch eine von diesen selbstreflexiven Medien-Filter-Bubble-Veranstaltungen wird. Ihr seid keine Journalisten? Ihr macht nichts mit Medien? Sehr gut! Kommt am Freitag um 20 Uhr ins Lehrter Siebzehn und freut euch auf gute Geschichten, gute Unterhaltung und im Anschluss hoffentlich eine richtig gute Party.

Hier gehts zum Facebook Event: Urban Journalism Salon #1. Ich freu mich auf euch! (Und natürlich auch auf jeden Kollegen, der Lust hat…)

Hillsborough, North Carolina: Poo Kitty Farm

Seit fünf Jahren experimentieren Laurie und Ty auf ihrer Farm mit Biolandwirtschaft – von Obst- und Gemüseanbau über Hühnerhaltung bis hin zu kandierten Blüten probieren sie alles aus. Mitte April schauen gerade einmal die ersten Knospen aus dem Boden, und Ozzy, die Gans, ist krank. Während Laurie sie in den Stall bringt und die letzten Eier einsammelt (sie kann anhand der Farbe erkennen, von welchem Huhn sie stammen), führt uns Ty herunter zum ehemaligen Mühlstein. Er hat recherchiert, dass die Mauerreste hier noch aus Sklavenzeiten stammen müssen.

Auf ihrer Terrasse servieren die beiden ein typisches Südstaatenessen: Es gibt Hushpuppies, Pickles, Bohnen und Cole Slaw – und Pulled Pork, Schweinebraten, der so lang gegart wird, dass er ganz zart ist und zerfällt. Dabei ernähren Laurie und Ty sich eigentlich vegetarisch. „Wir sind Vegetoonists“, schmunzelt Ty. „Du weißt schon, wie im Cartoon: Da passiert den Figuren irgendwas richtig Schlimmes, sie fallen von einer Klippe oder laufen gegen einen Baum, aber im nächsten Moment sind sie wieder okay. Ein bisschen Pulled Pork ab und zu ist okay.“

Charleston, South Carolina: Über Blumenkästen als Gedanken-Souvenirs

In Charleston mutierte ich zur Spießerin. Auf einmal wollte ich bloß noch Mann, Kinder und einen Hund, den ich morgens durch den Waterfront Park spazieren führen könnte. Natürlich würden wir in einem dieser wunderschönen Häuser wohnen, dessen Blumenkästen ich mit jeder Saison neu bepflanzte – und im Hintergrund liefe Norah Jones in der Dauerschleife…

Woher kam bloß plötzlich diese Sehnsucht nach Sesshaftigkeit?

Charleston war die erste Stadt in Amerika, die preservation laws eingeführt und so die Architektur der Kolonialzeit erhalten hat. Vielleicht habe ich mich dort deshalb gleich so wohl gefühlt, weil es zum ersten Mal seit meinen Kulturschock-Momenten wieder ein bisschen europäisch zuging. Jedenfalls konnte ich mich gar nicht satt sehen an den schmalen Häusern mit Gasflammen neben den Fensterläden und schmiedeeisernen Toren zu englisch anmutenden Vorgärten.

Irgendwann will ich auch mal so einen Garten haben. Aber doch nicht genau dann, wenn ich mich eigentlich gerade zu einem vierwöchigen Roadtrip-Abenteuer aufmache!

Unterwegs in South Carolina ist mir wieder einmal klar geworden, dass Reisen sich ganz wunderbar eignet, um Inspiration dafür zu sammeln, wie man selbst leben will. Ich weiß zum Beispiel, dass ich irgendwann wieder meinen Joghurt selber machen möchte, wie damals im Château, dass ich gern am Wasser leben würde, wie in Helsinki, und dass ich, wenns richtig gut läuft, irgendwann einen Balkon oder gar eine Veranda mit einem Südstaatenschaukelstuhl haben werde.

Diese Gedanken sind meine Souvenirs geworden. Materielles habe ich kaum mitgebracht von meiner Reise – das würde ja eh nur in den Umzugskisten landen, die bei meinen Eltern im Keller stehen. Und wer weiß, wann ich die endlich wieder auspacke? Wahrscheinlich gehen bis dahin noch viel Zeit, Flugmeilen und Kulturschock-Momente ins Land.

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Was tun in Charleston? Spazieren gehen. Spazieren gehen. Spazieren gehen. Im Peanut Shop in der Market Street durch die Probierdosen futtern und nebenan den singenden Eisverkäufern zuhören. Eine der alten Plantagen besuchen. Einen Vormittag mit einem guten Buch im Black Tap Coffee Shop verbringen. Dem „Farm to Table“-Trend im Two Boroughs Larder frönen.

Duke University Campus, North Carolina: Die Blase

Kosten für ein Jahr Jahr Studium an der Duke University: $61.404
US-Durchschnittseinkommen : $48.872
Anteil der Duke-Studenten, die kein financial aid erhalten: 53 Prozent

Museumsmoment: Alleine im MoMA

Jasper Johns: FlagAn der Uni habe ich Museen studiert: Welchen Wert sie für die Gesellschaft haben, wie man sie finanziert und bewirbt, wie man Ausstellungen kuratiert und einzelne Werke inszeniert. Deswegen hatte ich für New York dieses Mal bloß einen wichtigen Vorsatz: das MoMA. Wikipedia nennt es „eine der weltweit bedeutendsten und einflussreichsten Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst.“ Ich dachte, als Mensch mit einem Abschluss in Kulturmanagement sollte man dort vielleicht einmal gewesen sein.

Als ich ankam, an einem gewöhnlichen Dienstag Nachmittag, war es brechend voll. Das war wohl zu erwarten, schon klar, schließlich pilgern nicht nur Kulturmanager hierher. Trotzdem fühlte ich mich unwohl zwischen all den Menschen und überfordert mit so viel Kunst. Ich mag Museen nicht, wenn sie zu Sightseeing Spots verkommen. Oder zu viel auf einmal wollen. Deshalb beschloss ich, mich auf das vierte Stockwerk zu beschränken – Malerei und Skulpturen von 1940 bis 1980 – und steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren. Das MoMA hat diesen ziemlich guten Audioguide, den man über WLAN mit dem eigenen Smartphone abrufen kann.

So entdeckte ich Jasper Johns für mich. Der Amerikaner ist bekannt für die Verwendung mehrerer Techniken auf einmal: Er grundiert seine Leinwände mit Collagen aus Zeitungsausschnitten und trägt dann mit Öl- und Wachstechnik Zahlen, Buchstaben, Landkarten auf – „things that the mind already knows“. Vielleicht ist er heute ein typisches Beispiel dieses Fehlschlusses, den manche Menschen im Museum machen, wenn sie vor einem Werk wie Johns’ „Flag“ stehen (hier der MoMA-Audioguide dazu, und hier eine sehr gute Beschreibung aus der FAZ). Sie zucken mit den Schultern und sagen: „Da hätte ich ja auch drauf kommen können.“ Bist du aber nicht! Johns war der erste. Und wurde so zu einem, wenn nicht dem Wegbereiter der Pop Art.

Es war ein gutes, befreiendes Gefühl, sich im Überfluss des MoMA bloß auf einen einzigen Künstler einzulassen. Vor allem, als ich kurz vor Schluss herausfand, dass es neben seinen Werken in der allgemeinen Sammlung gerade noch eine Sonderausstellung von ihm gibt, einen Zyklus, den er in 2012/13 produziert hat. Da huschte ich noch schnell hinein, als über die Lautsprecher schon die Durchsage ertönte, dass in einer Viertelstunde alles zumachen würde.

Als ich in der kleinen Galerie stand, war plötzlich der Sound viel spannender als die Bilder: Man konnte hören, wie es die Menschenmassen aus den Ausstellungsräumen ins Treppenhaus zog, Richtung Ausgang. Sphärisches Rauschen. Ich sprach den jungen schwarzen Museumswächter darauf an, was das für ein guter Moment sei. „Ja“, grinste er, „das hat man hier selten.“ Ich wandte mich wieder den Bildern zu, da meinte er plötzlich: „You know what? I’ll let you take these last five minutes, all by yourself.“ Dann verschwand er um die Ecke. Ich hörte noch, wie er sogar zwei Frauen herausschickte – die Galerie sei nun geschlossen.

Plötzlich hatte ich das MoMA für mich allein. Versuchte, Jasper Johns mit den Augen einzuatmen, ganz tief, und verdrückte eine Träne angesichts solch magischer Momente. Draußen wurde das Rauschen leiser.

Die Sonderausstellung “Jasper Johns: Regrets” ist noch bis 1. September im MoMA zu sehen.