Studieren, wo andere Urlaub machen
6. März 2010 · 11 Kommentare
An Education
5. März 2010 · 2 Kommentare
“Vermutlich bin ich für Sie eine gefallene Frau.” – “Du bist keine Frau.”
Seit Tagen läuft bei mir nichts anderes mehr als der wunderbare Soundtrack zu “An Education”. Er holt die schönen Pastellfarben, den funkelnden Schmuck, all den Glamour zurück, nach dem die Hauptdarstellerin sich im Film so sehnt – und den sie für kurze Zeit auch bekommt.
Es ist Anfang der 60er Jahre. Die 16jährige Jenny (Carey Mulligan) und ihre Eltern leben einzig und allein für das Ziel, dass sie eines Tages ein Studium in Oxford beginnen kann. Jenny spielt Cello, nur um im Bewerbungsgespräch ein Hobby angeben zu können, muss immer pünktlich um zehn ins Bett und bekommt zum Geburtstag – autsch – ein neues Lateinwörterbuch. Wenn sie der strengen Aufsicht ihres Vaters einmal entrinnen kann, raucht sie filterlose Zigaretten und hört französische Musik. Frankreich, das ist ihr großer Traum, er steht für Freiheit, Genuss, Lebensfreude und ist doch viel zu weit weg von den nass-grauen Londoner Vororten. Bis David auftaucht.
Der charmante Mann mit dem schicken Auto (Peter Sarsgaard) ist locker doppelt so alt wie sie, aber er interessiert sich für Kunst, für Musik, für Frankreich! Um Jenny ist es geschehen. Und zu ihrer Überraschung (und der des Publikums) auch um ihre Eltern: Mit seinen übertriebenen Komplimenten (“Du hast mir nicht gesagt, dass du eine Schwester hast, Jenny!”) und wüsten Geschichten überredet er sie immer wieder, Jenny “entführen” zu dürfen – in verruchte Bars, auf eine Hunderennbahn und schließlich nach Paris. Es ist die glitzernde Welt ihrer Träume, und erst spät erkennt Jenny, dass in dieser Welt nicht alles so ist, wie es scheint.
Das Drehbuch zu “An Education” hat “High Fidelity”-Autor Nick Hornby verfasst. Es basiert auf einem autobiografischen Artikel der Journalistin Lynn Barber. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass das Ende des Films eher seicht ausfällt. Als Zuschauer fragt man sich da wieder einmal, wie Filmemacher mit real-life-Vorlagen umgehen sollten: Ist es besser, wenn sie nah an der Vorlage bleiben und damit ein allzu erwartbares Ende in Kauf nehmen, oder sollten sie, ganz Quentin-Tarantino-mäßig, ruhig mal die Geschichte verdrehen und sie schön dramatisch machen?
Das ist auch schon alles, was ich an diesem Film kritisieren kann, und längst kein Hindernis, ihn mir bald noch ein zweites und drittes Mal anzuschauen. Die Musik, die Ausstattung und erst recht die Schauspieler sind einfach zu gut! Alfred Molina als strenger, ur-moralischer Vater hat hier eine ganz ähnliche Rolle wie in “Chocolat”. Und dass man die grandiose Rosamund Pike nicht öfter sieht, kann nur an ihrer makellosen Schönheit liegen, mit der sie bereits Keira Knightley in “Stolz und Vorurteil” zumindest streckenweise die Show stahl.
Dann ist da natürlich Carey Mulligan, die absolut zurecht schon jede Menge Preise für ihre Hauptrolle bekommen hat. Und auch, wenn sie den Oscar dieses Jahr vielleicht noch an Gabourey Sidibe (“Precious”) abtreten muss, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie selbst einen bekommt. Schade bloß, dass Peter Sarsgaard bei all dem Rummel um die junge Kollegin in den Schatten gerät – etwas, das ihm irgendwie ständig passiert, obwohl er ein so guter Schauspieler ist.
Jedenfalls: Wer Lust hat auf eine Mischung aus “Mona Lisas Lächeln” und dem “Miss Dior Cherie”-Spot von Sofia Coppola, sollte diesen Film nicht verpassen.
Das ist die falsche Zeit, um ein Genie zu sein.
1. März 2010 · 8 Kommentare
Es ist Chopins 200. Geburtstag und Roman und ich fragen uns, warum eigentlich so viele große Künstler, ja so viele Genies, gleichzeitig gelebt haben: Chopin, Liszt, Schumann, Brahms, Mendelssohn, Wagner… Das Gleiche – und auch noch fast zur gleichen Zeit – in der Literatur, um Goethe und Schiller. Roman sagt, heute fallen die Genies einfach nicht mehr auf, es sind zu viele in einer überinformierten Zeit. Ich bin mir da nicht so sicher. War vielleicht das 19. Jahrhundert einfach eine Zeit für Genies? War das Universium gerade so in Schwung, und hat sie in einem fulminant-funkelnden Schöpfungswahn alle auf einmal auf unseren Kontinent pruzeln lassen? War soviel Gottesgnadetum ansteckend, oder das Talent der ersten so außerordentlich inspirierend, dass es zu weiteren Schöngeistern führte? Vielleicht hat diese Frage längst einen wissenschaftlichen Namen, oder gibt es womöglich sogar schon eine Antwort? Falls ja, wären wir sehr gespannt darauf – eure (ruhig ganz unwissenschaftlichen) Meinungen zum Thema würden wir aber auch gern hören!
Doppelt sehen mit Candice Breitz
27. Februar 2010 · 2 Kommentare

Das Kunsthaus Bregenz ist ein spannender Ort, vor allem in diesen Wochen. Da wird es nämlich von der Videokünstlerin Candice Breitz bespielt, die sich in verschiedenen Arbeiten mit der Frage auseinandersetzt, wie ein Mensch zu seiner Identität gelangt.
Ich konnte mit Videokunst nie so viel anfangen, bis ich diese Ausstellung betrat. In der großen, dunklen Halle des Kunsthauses sind Teile des Werks “Factum” installiert: Da hängen riesige hochformatige Flachbildschirme paarweise nebeneinander und zeigen – auf den ersten Blick – das jeweils gleiche Bild. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es Zwillingspaare sind, die da jeder einen Bildschirm für sich haben und von sich und ihrem Geschwister erzählen. Über Kopfhörer kann man zuhören und eintauchen in die Geschichten, die in getrennten, jeweils mehrstündigen Interviews aufgezeichnet und nachher kunstvoll zusammengeschnitten wurden.
Da sind zum Beispiel die zwei koreanischen Schwestern, die als Jugendliche wegen ihrer Herkunft schikaniert wurden und daraufhin beide an Bulimie erkrankten. Oder die beiden alten Damen, die sich einerseits ganz nah, andererseits so fern sind: Die eine ist streng gläubige Mormonin und noch immer gekränkt, weil die andere sich nie zu einem Gott bekannt hat. Da fallen Sätze wie “Ich fand uns eigentlich nie besonders schön”, und kurz darauf wird erzählt, wie sie sich gemeinsam einer Schönheitsoperation unterzogen. Es ist spannend und lustig zu beobachten, wie die beiden jungen Frauen sogar von gleichen Träumen erzählen, die sie haben, und die beiden Omas sich ständig widersprechen. Gleichzeitig machen diese Geschichten nachdenklich, sie gehen einem noch lange nach dem Besuch im Kopf herum.
Eine andere sehr aufwendige Arbeit ist “Him” und “Her”. In zwei Videocollagen hat Breitz kurze Szenen aus den Filmografien von Jack Nicholson und Meryl Streep zusammengeschnitten. Da unterhält sich auf einmal der Jack Nicholson aus “Wenn der Postmann zweimal klingelt” mit dem Jack Nicholson aus “The Departed” und es entstehen Dialoge wie dieser: “Wer bist du?” – “Ich bin ein gottverdammtes Wunder moderner Wissenschaft!” – “Ich bin ein großartiger Kerl.”
Diese Kunst entlarvt nicht nur das Prinzip, nach dem diese Schauspieler ihre Rollen auswählen, sondern auch, wie sie sie spielen: Während Meryl Streep unendlich wandelbar scheint und sich immer wieder in komplizierten Beziehungskisten verfängt, bleibt Nicholson doch immer Nicholson und findet sich selbst wohl ziemlich großartig.
Es gibt noch weitere Werke mit ebenso tollen, überraschenden Ideen, in denen immer wieder Dopplungen, Zwillinge, Synchronitäten auftauchen. Sie alle sind von beeindruckender Bildqualität und ganz wunderbar geschnitten worden. Deshalb kann ich diese Ausstellung, die übrigens den Titel “The Scripted Life” trägt, nur jedem ans Herz legen. Sie läuft noch bis zum 11. April. Bringt genug Zeit mit und, falls ihr habt, auch euren Zwilling – dann gibts vielleicht freien Eintritt.
Sex mit Karasek
24. Februar 2010 · Kein Kommentar

Am Dienstag war Hellmuth Karasek zu Besuch an meiner Uni und hat aus seinem neuen Buch vorgelesen, das, wenn der Eindruck nach drei Ausschnitten nicht täuscht, so etwas wie seine erotische Biografie ist. Die ganze Zeit war ich überrascht, dass er doch viel weniger tüddelig zu sein schien als für gewöhnlich im Fernsehen – dann schmiss er jedoch kurz vor Ende der Veranstaltung noch gleich zwei Gläser hintereinander vom Podium. Aber das war okay, es war sogar gut. Genauso gut wie die Sätze und Gedanken, die er da von sich gegeben hat. Ein paar konnte ich mitschreiben.
Über Emanzipation: “Die Frauen haben die Männer längst überflügelt. Es kann nur noch eine kurze Zeit dauern, bis sie auch gleich bezahlt werden – ich schätze 70 Jahre.”
Über Helene Hegemann: “Diese Literatur ist für mich nicht mehr geschrieben.”
Über Treue: “Treue ist Mangel an Gelegenheit oder einfach Faulheit.”
Über Google Street View: “Das gab es bis zur Industriellen Revolution auf jedem Dorf! Die Nachbarn waren die stärkste Kontrolle.”
Über die Zurückweisung einer Frau: “Dafür war ich dankbar – aber nur einerseits.”
Das Buch heißt übrigens “Ihr tausendfaches Weh und Ach – Was Männer von Frauen wollen” und ist bei Hoffmann und Campe erschienen.


