Nashville, Tennessee: Hipster sind super

„Ein Mathematiker hat herausgefunden, warum alle Hipster gleich aussehen“, titelte neulich die Wired. Dass das heutzutage überhaupt noch eine Nachricht wert ist, wundert mich.

Laut Wired definieren sich Hipster durch ihr Ziel, „das individuellste aller Individuen zu sein.“ Was für ein Quatsch! Schon vor Jahren war klar, das Hipster eine Subkultur sind wie Emos oder Skateboarder, die sich durch gemeinsame Interessen, Vorlieben und nicht zuletzt einen bestimmten Kleidungsstil auszeichnet. Sonst hätte Klein Eva vom westfälischen Dorf sich doch niemals so leicht als einer verkleiden können (siehe – wahh, Flashback! – unsere Hipster-Videoblogs #1 und #2).

Das Augenzwinkern, mit dem wir damals die Hipsterisierung von Neukölln, Schawarma und Jutebeuteln betrachteten, ging bald in Deutschlandweiten Zynismus über. Nicht mal im sonst so gelassenen Hamburg darf man das Wort heute noch aussprechen. „Hipster“ ist zur Beleidigung geworden. Warum bloß?

In Amerika habe ich jede Menge Hipster kennengelernt, die auch gern welche waren. Zum Beispiel Caleb, der tagsüber Füchse aus Filz bastelt und abends mit Cowboyhut, Lederstiefeln und Gitarre auf Nashvilles Indie-Bühnen steht. Ruthie, die als freie Stylistin fürs Kinfolk Magazine arbeitet – das Hipster-Medium schlechthin – und von The Great Discontent interviewt wird. Oder das Musikerpaar Leander und Elise, meine Airbnb-Gastgeber in Memphis, Tennessee.

Es gibt hippe Städte – und es gibt Städte für Entdecker

Memphis ist bei Weitem keine hippe Stadt. Schon gar nicht, wenn man wie Leander aus Portland oder wie Elise aus San Francisco stammt. Wie halten es die beiden hier aus? „Mal ehrlich“, erklärte mir Elise über dem Abendessen – einem Rezept aus ihrem neuen veganen Kochbuch – „in San Francisco ist es doch viel zu leicht. Du kommst dort an und wirst sofort von dieser sehr hübschen, sehr komfortablen Hipster-Blase verschluckt, mit Second Hand-Boutiquen, Urban Gardening, Bike-Sharing-System… Da gibt es doch gar nichts mehr zu tun!“ In Memphis hingegen müsse man das hippe Coffee House noch suchen, und der Kampf für Fahrradwege beginne gerade erst. „Das ist wahre DIY-Kultur!“

Die Suche nach dem hippen Coffee House wurde auf meinem Roadtrip zum Ritual. Man kann nicht vier Wochen lang reisen und die ganze Zeit Touristenkram machen. Man muss auch mal einen Vormittag lang mit einem Cranberry Scone in einem tiefen Sofa hängen und einfach nur lungern. Die Orte dafür sind in den Südstaaten nicht gerade zahlreich und oft gut versteckt. In Nashville, Tennessee fand ich schließlich Barista Parlor und erreichte damit den Hipster-Höhepunkt meiner Reise.

Barista Parlor ist eine riesige alte Garage in der Gallatin Avenue. Da hängen Industrielampen von der Decke und Stars and Stripes an der Wand, in der Ecke stehen ein todschickes Motorrad und ein Plattenspieler, der einen Mix aus neuen Indie-Bands und amerikanischen Klassikern spielt. Während im Hintergrund Elton John ertönt, röhren und zischen im Vordergrund die Kaffeemaschinen. Die Baristas tragen Bärte, Flanellhemden und gewachste Schürzen und servieren Iced Lattes, ganz Südstaatenstyle, in Einweckgläsern. Dazu gibt es Scones und Sandwiches und Mast Brothers Chocolate. Kurz: Es ist Coffee House Heaven.

Hipster teilen diesen ganz bestimmten Sinn für die Ästhetik des Alltags

Ich habe einen ganzen Sonntag Vormittag im Barista Parlor verbracht, all die schönen, ausgelassenen Menschen beobachtet und ihre Subkultur dabei für mich neu definiert.

Ich glaube, dass Hipster vor allem einen ganz bestimmten Sinn für Ästhetik teilen – und den Spaß an der Suche nach Orten, Künstlern, Marken, die diesem Sinn entsprechen. Natürlich ist das konsumorientiert und in einem gewissen Maß hedonistisch. Aber es zeugt auch von einem Bewusstsein für das Glück im Kleinen, von dem Bestreben, sich seinen Alltag und die Orte, an denen er stattfindet, möglichst schön und lebenswert zu gestalten.

Oder wie es der Journalist Feargus o’Sullivan ausdrückt: „people don’t actually specifically want Korean tacos or great coffee or particular types of baseball caps. What they want is community, and to find lots and lots of new people that are like-minded in a new place so they can make their lives.“ Gleichgesinnte finden, das geht in Städten wie Memphis und Nashville nun mal am besten mit Bart und einem Kaffee im Weckglas.

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Was tun in Memphis und Nashville? Im Civil Rights Museum noch ehrfürchtiger vor Martin Luther King werden als ohnehin schon. Graceland besichtigen und einen mehrere Tage haltbaren Elvis-Ohrwurm mitnehmen. Einen Vormittag mit einem guten Buch im Barista Parlor verbringen. Mit einem Eis am Stiel von Las Paletas in den Sevier Park setzen. Und: unterwegs unbedingt einen Zwischenstopp in Brooks Shaw’s Old Country Store einlegen.

Küchenstolz: Radicchio-Risotto mit Walnüssen

Ich bin mir gar nicht sicher, woran das liegt, aber Risotto macht eigentlich immer was her. Es ist ein Gericht, mit dem Gäste sehr leicht zu beeindrucken sind – dabei besteht seine Zubereitung zu einem Großteil aus simplem Rühren. Dafür ein Rezept zu schreiben ist schwierig. Risotto ist ein Gefühlsgericht, zumindest bei mir: Ich rühre, gieße und würze nach Gefühl, brauche manchmal mehr, manchmal weniger Brühe, Käse, Zeit.

Die folgende Variante ist – neben der klassischen Kürbis-Weißwein-Kombi – mein liebstes Herbstrisotto. Während des Rührens lässt es sich übrigens vortrefflich darüber streiten, wie man das Wort „Radicchio“ nun richtig ausspricht. Sobald der auf dem Teller ist, ist das aber auch schon wieder egal.

Welche sind eure liebsten Risotto-Varianten?

Küchenstolz: Radiccio-Risotto mit Walnüssen

Radicchio-Risotto mit Walnüssen

Zutaten für 4 Portionen:
1 bis 2 rote Zwiebeln
¼ L trockener Rotwein
400 g Risottoreis
1 L Gemüsebrühe
50 g geriebener Parmesan
1 Kopf Radicchio
2 EL Johannisbeergelee
Salz und Pfeffer (am besten weißer)
50 g Walnüsse
Pancetta oder Chorizo (optional)

Die Zwiebeln schälen und fein würfeln. Etwas Olivenöl in einem großen Topf erhitzen und die Zwiebeln darin andünsten. Dann den Reis dazugeben und so lange anbraten, bis er leicht glasig wird. Mit Rotwein ablöschen und unter ständigem Rühren verkochen lassen. Nun kellenweise Brühe dazugeben und immer wieder umrühren, bis die Flüssigkeit aufgesaugt ist. So ungefähr eine halbe Stunde lang weitermachen, bis der Reis richtig schön weich und cremig ist.

Während man mit der einen Hand rührt, kann man mit der anderen schon die Walnüsse hacken und in einer Pfanne rösten. Der Radicchio muss gewaschen und in feine Streifen geschnitten werden. Diese werden zusammen mit dem Parmesan und dem Johannisbeergelee unter das Risotto gerührt, sobald es die gewünschte Konsistenz hat. Nun noch salzen, pfeffern und mit den Nüssen garnieren. Fleischessern empfehle ich zusätzlich ein wenig angebratenen Pancetta oder Chorizo, die man ebenfalls unterheben kann. Guten Appetit!

Mein Roadtrip Soundtrack (3): Nachts durch Mississippi

Mein Roadtrip Soundtrack (3): Nachts durch Mississippi

Mississippi ist der ärmste Bundesstaat der Vereinigten Staaten. Für Touristen gibt es hier tatsächlich nichts zu sehen außer ein paar toter Tankstellen und Gürteltiere am Straßenrand. Trailerparks, in denen Konföderierten-Flaggen wehen. Und die kurvenlose Straße, immer gerade, immer trostlos.

Also fuhr ich einfach durch. Eine Nacht dauerte das, die eine gute war: Ich ließ das Fenster herunter und die drückend warme Südstaatenluft herein. Streckte die Hand heraus und wellte sie im Wind (der Sofia Coppola-Moment). Eddie Vedder ließ mich meine Lieblingsmenschen vermissen. Ich dachte mich zu ihnen, einen nach dem anderen. Ich war allein, aber nicht einsam.

Diese Playlist holt die Wehmut zurück.

A Traumatized City? New Orleans im Jahr 9 nach dem Sturm

Wow! Vielen von euch hat mein Blogpost mit dem Soundschnipsel aus New Orleans offenbar ganz besonders gefallen. In den Kommentaren, über Twitter und private Nachrichten erreichte mich der Wunsch nach mehr Hurra! zum Hören. Deshalb folgt nun ein Experiment: Den folgenden Text gibt es nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Lauschen. Viel Spaß damit!

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29. August 2005. Das ist der Tag, an dem in New Orleans eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Alles, was bis zum 29. August 2005 geschah, ist heute „vor dem Sturm“. Alles, was danach kam, ist „nach dem Sturm“.

Katrina war ein Hurrikan der Stufe 3. Er drückte Wasser vom Meer in den nahegelegenen Lake Pontchartrain und weiter in die Kanäle, deren Deiche unter dem Druck brachen. Die Flutwellen waren bis zu siebeneinhalb Meter hoch. Es dauerte keine drei Tage, bis 80 Prozent der Stadt unter Wasser standen. Obwohl die Bewohner evakuiert wurden, starben über 1300 Menschen. Die Wassermassen hinterließen Sachschäden in Höhe von 125 Milliarden Euro.

Hunderttausende flohen, während die Politiker darüber stritten, wer hier wie versagt hatte – und wann die ersten Bewohner in die Stadt zurückkehren könnten. In drei Monaten, in vier? Zeitweise wurde sogar erwogen, New Orleans völlig aufzugeben. So groß war das Desaster, so klein die Hoffnung.

Menschen in meinem Alter haben jetzt zwei Orte, die sie Heimat nennen

Im Jahr 9 nach dem Sturm könnte man meinen, alles sei wieder in Ordnung. Die touristischen Viertel – das quirlige French Quarter, die Innenstadt, der hübsche Garden District – waren ohnehin kaum betroffen oder wurden schnell wieder aufgebaut. Hier sind keine Narben zu sehen, höchstens zu hören. Zum Beispiel von dem jungen schwarzen Eisverkäufer, der mir erzählt, er sei zwar aus NOLA, aber erst vor ein paar Monaten wieder hergezogen. „I had to relocate.“

Relocation war das Schicksal eines großen Teils der über 450.000 Einwohner von New Orleans. Plötzlich standen sie ohne Zuhause da. Zogen nach Dallas, Austin, Savannah, ohne zu wissen, für wie lange. Ob nicht vielleicht sogar für immer. Was macht es mit der Identität eines Teenagers, wenn sein Zuhause zerstört wird und er die zweite Hälfte seiner Jugend an einem völlig anderen Ort verbringen muss? Solche Fragen sind schwer über einer Kugel Eis zu besprechen.

Außerhalb der Touristenviertel sieht man die Narben der Stadt

Wer sich aus dem touristischen Zentrum heraus bewegt, am Mississippi entlang gen Osten wandert, kommt ins Bywater. Dort hört man die Narben nicht nur, man sieht sie auch. Die Poland Avenue, eine der Hauptstraßen, ist übersät mit Rissen und Schlaglöchern. Auf dem Gehweg liegen Scherben, Müll, eine Spritze. Und wem gehören eigentlich die dürren Hühner, die hier gackernd herumstaksen?

Da vorne steht ein runtergekommenes Haus, ohne Fenster und mit rottendem Dach, offensichtlich unbewohnt seit dem Sturm. Direkt daneben liegt meine Airbnb-Unterkunft.

Es ist eines der typischen Shotgunhäuser. (Die heißen so, weil sie keine Flure haben und alle Zimmer direkt miteinander verbunden sind. Wenn sämtliche Türen offen stehen, könnte man rein theoretisch also einmal durch diese Häuser durchschießen.) Mein Zimmer ist das Durchgangszimmer zwischen dem von Logan, der Blues-Musiker ist, und dem von Natalie, die in einem der neuen Restaurants hier im Viertel als Köchin arbeitet.

Das Bywater entspricht vielleicht Neukölln vor fünf, sechs Jahren. Ursprünglich wohnten hier vor allem Angehörige der schwarzen Unterschicht. Diejenigen, die Katrina nicht für immer aus New Orleans vertrieben hat, sitzen heute überwiegend arbeitslos auf den Veranden vor ihren Häusern. Sie mischen sich mit einer jungen, weißen Alternativszene: Bei mir um die Ecke haben die ersten Bars, Cafés und Neighbourhood Restaurants eröffnet, die Wohnung der Nachbarin ist zugleich eine Second-hand-Boutique. Eines Nachmittags stolpere ich über eine zehnköpfige Band, die mitten auf einer Kreuzung jammt. Es ist ein hippes, aufregendes Viertel. Aber keines, durch das ich ohne Bedenken meinen Laptop tragen würde, um ihn in einem der neuen Coffee Shops aufzuklappen.

Gentrifizierung mit Ansage

In den meisten Städten geschieht Gentrifizierung scheinbar von selbst. In New Orleans passierte sie mit Ansage. Nachdem man sich dagegen entschieden hatte, die Stadt aufzugeben, schmiedeten die Politiker einen Plan. Sie beschlossen, die Besiedlungsdichte in den sozial schwachen Stadtteilen drastisch zu senken. Ein Großteil der Sozialwohnungen wurde abgerissen. Auf den lukrativen Grundstücken sollten nun Mustersiedlungen entstehen, deren Einwohner sich heterogener zusammensetzten.

Heute sind die Mieten um 50 Prozent gestiegen, die Stadt ist weißer und wohlhabender – auf Kosten der Alten, Armen und Schwarzen. Sie seien ganz bewusst ausgesperrt worden, kritisieren zum Beispiel die beiden deutschen Journalisten Friedrich Schorb und Christian Jakob.

„Diese Stadt ist nicht erst seit dem Sturm traumatisiert.“

Wie stark die Planungs- und Baupolitik die Stadt verändert hat, wurde mir klar, als ich eines morgens (ohne Laptop) im Café saß und mit Nate ins Gespräch kam. Nate ist gelernter Schreiner, im Herzen Musiker und sieht aus wie der Mitbewohner von Hugh Grant in „Notting Hill“. Er sei 2005 direkt nach dem Sturm hergekommen, um beim Wiederaufbau zu helfen.

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„Schau dir das Haus an, es ist völlig morsch“, sagt er und deutet auf eines der hölzernen Shotgunhäuser auf der anderen Straßenseite. „Nur die Farbe hält es noch zusammen.“ Doch zu renovieren wäre viel zu teuer für die Menschen, die hier leben. Wenn sie hingegen verkaufen, laufen sie Gefahr, sich ihre eigene Wohngegend später nicht mehr leisten zu können. Auch hier im Bywater sind die Mieten rapide gestiegen. Manche der neu Zugezogenen setzen sich jetzt dafür ein, Clubs zu schließen und Auftritte von Straßenkünstlern zu verbieten. „Dabei machen die doch gerade die Stadt aus!“, sagt Nate und obwohl er mit leiser, ruhiger Stimme spricht, merke ich, wie sehr ihn das aufregt.

Es gebe aber doch auch gute Projekte, wende ich ein, und schwärme vom Crescent Park. Der zweieinhalb Kilometer lange Abschnitt des Mississippiufers wurde aufwendig saniert und erst kürzlich wiedereröffnet. Ein Zeitungsartikel beschreibt ihn als „a landscape design masterpiece that will provide comfortable outdoor recreation opportunities without forgetting the muscular industrial history of the New Orleans wharves“. Die Politiker hätten es sicher nicht schöner formulieren können. Nate verdreht die Augen. „Den haben sie doch nur gebaut, um eine Verbindung zwischen der Innenstadt und der Mall zu haben, die da hinten bald öffnen soll.“

Und was ist mit der Filmindustrie? In den letzten Jahren hat sich New Orleans zum „Hollywood des Südens“ entwickelt: Filme wie „Django Unchained“, „Dallas Buyers Club“ und „12 Years a Slave“ wurden hier gedreht. Das schafft doch jede Menge Jobs und kurbelt den Tourismus an. „Jobs? Von wegen!“, murrt Nate. „Diese Industrie ist nicht hier gewachsen, sie wurde aus LA und Austin importiert und hat die Stadt einfach eingenommen.“ Doch er liebt sein New Orleans und wird auf jeden Fall hier bleiben. Zumindest, solange er es sich leisten kann.

Ist die Stadt traumatisiert, seit dem Sturm? „Im späten 18. Jahrhundert war New Orleans eine der größten Sklavenstädte in Amerika“, antwortet Nate. „Diese Stadt ist nicht erst seit dem Sturm traumatisiert.“

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Was tun im Bywater? (Hipster Edition) Das Viertel am besten mit dem Fahrrad erkunden. Im Satsuma frühstücken und dabei der jungen Küchencrew zuschauen, in der trotz Stress alle ruhig bleiben und sich lieb haben. Gute Musik (kann ich bezeugen) und guten Wein (habe ich mir sagen lassen) im Bacchanal genießen. Durch den Crescent Park spazieren und versuchen, sich am Blick auf den Mississippi sattzusehen.

In der Stadt der Toten

Zum Glück bin ich in New Orleans nicht gestorben. Man kommt da als Toter nämlich nicht unter die Erde.

Die Stadt ist auf hunderte Meter tiefes Sumpfgebiet gebaut, große Teile von ihr liegen bis zu anderthalb Meter unter dem Meeresspiegel. Als man die Toten noch vergrub, dauerte es nur bis zum nächsten starken Regen, der den Mississippi oder den naheliegenden Lake Pontchartrain über die Ufer treten ließ und die Stadt flutete. Dann spülten die Särge wieder aus der Erde und trieben, der Legende nach, sogar durch die Straßen. Nach Experimenten, bei denen sie vor dem Begräbnis mit Sand aufgefüllt oder Löchern versehen wurden – alles ohne Erfolg -, beschloss man, seine Toten künftig über der Erde zur letzten Ruhe zu betten.

Der Lafayette Cemetery No. 1 ist der älteste städtische Friedhof von New Orleans.   7000 Menschen sind hier begraben, die meisten davon in den 1100 Familiengräbern und Mausoleen. Letztere gehörten Vereinen und Gesellschaften wie der freiwiligen Feuerwehr, der YMCA oder Kirchengemeinden.

Die Lösung bestand in hausartigen Gruften, Tempeln, Mausoleen. Mark Twain, der in New Orleans seine Ausbildung zum Dampfschiffpiloten absolvierte, schreibt in „Life on the Mississippi“:

    „They bury their dead in vaults, above the ground. These vaults have a resemblance to houses—sometimes to temples; are built of marble, generally; are architecturally graceful and shapely; they face the walks and driveways of the cemetery; and when one moves through the midst of a thousand or so of them and sees their white roofs and gables stretching into the distance on every hand, the phrase ‘city of the dead’ has all at once a meaning to him.“

Der Lafayette Cemetery No. 1, den ich besucht habe, ist fast 200 Jahre alt. Deswegen überrascht es nicht, dass auf vielen der Grabsteine deutsche Namen stehen. Deutsche bildeten, neben Iren, damals die größte Einwanderergruppe in Louisiana. Allerdings waren sie nicht besonders wohlhabend. Viele konnten sich keine eigene Familiengruft leisten. Für solche Fälle gab es hunderte schmale Gräber in den tiefen Friedhofsmauern. Weil die Särge dort über- und nebeneinander wie Brotlaibe hineingeschoben wurden, nannte man sie „Ofengräber“.

Das Gruselige daran: Diese Öfen funktionieren. Im subtropischen Südstaatensommer heizen sie sich auf bis zu 400 Grad Fahrenheit auf und funktionieren wie natürliche Krematorien. So heiß werden sie, dass schon nach einem Jahr und einem Tag von den Toten nur noch Asche übrig war. Nach diesem Zeitraum durfte ein Grab wieder geöffnet werden, um im Fall der Fälle das nächste Familienmitglied hinterher zu schieben.

Viele der deutschen Einwanderer starben an Gelbfieber. Weil sie sich keine eigene Gruft leisten konnten, wurden sie in den Friedhofsmauern in sogenannten „Ofengräbern“ bestattet.   „When one moves through the midst of a thousand or so of them and sees their white roofs and gables stretching into the distance on every hand, the phrase 'city of the dead' has all at once a meaning to him.“

Angesichts dessen möchte man Mark Twain fast zustimmen, wenn er schreibt:

    „I have been trying all I could to get down to the sentimental part of [graveyards], but I cannot accomplish it. I think there is no genuinely sentimental part to it. It is all grotesque, ghastly, horrible.“

Und doch: Man kann fast gar nicht anders, als sentimental zu werden, wenn man heute durch diese Stadt der Toten wandert. Es sind so viele Leben, so viele Geschichten, die dort liegen, hinter Grabsteinen, die nach und nach von Unkraut berankt werden und deren Inschriften allmählich verblassen.