A Traumatized City? New Orleans im Jahr 9 nach dem Sturm

Wow! Vielen von euch hat mein Blogpost mit dem Soundschnipsel aus New Orleans offenbar ganz besonders gefallen. In den Kommentaren, über Twitter und private Nachrichten erreichte mich der Wunsch nach mehr Hurra! zum Hören. Deshalb folgt nun ein Experiment: Den folgenden Text gibt es nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Lauschen. Viel Spaß damit!

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29. August 2005. Das ist der Tag, an dem in New Orleans eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Alles, was bis zum 29. August 2005 geschah, ist heute „vor dem Sturm“. Alles, was danach kam, ist „nach dem Sturm“.

Katrina war ein Hurrikan der Stufe 3. Er drückte Wasser vom Meer in den nahegelegenen Lake Pontchartrain und weiter in die Kanäle, deren Deiche unter dem Druck brachen. Die Flutwellen waren bis zu siebeneinhalb Meter hoch. Es dauerte keine drei Tage, bis 80 Prozent der Stadt unter Wasser standen. Obwohl die Bewohner evakuiert wurden, starben über 1300 Menschen. Die Wassermassen hinterließen Sachschäden in Höhe von 125 Milliarden Euro.

Hunderttausende flohen, während die Politiker darüber stritten, wer hier wie versagt hatte – und wann die ersten Bewohner in die Stadt zurückkehren könnten. In drei Monaten, in vier? Zeitweise wurde sogar erwogen, New Orleans völlig aufzugeben. So groß war das Desaster, so klein die Hoffnung.

Menschen in meinem Alter haben jetzt zwei Orte, die sie Heimat nennen

Im Jahr 9 nach dem Sturm könnte man meinen, alles sei wieder in Ordnung. Die touristischen Viertel – das quirlige French Quarter, die Innenstadt, der hübsche Garden District – waren ohnehin kaum betroffen oder wurden schnell wieder aufgebaut. Hier sind keine Narben zu sehen, höchstens zu hören. Zum Beispiel von dem jungen schwarzen Eisverkäufer, der mir erzählt, er sei zwar aus NOLA, aber erst vor ein paar Monaten wieder hergezogen. „I had to relocate.“

Relocation war das Schicksal eines großen Teils der über 450.000 Einwohner von New Orleans. Plötzlich standen sie ohne Zuhause da. Zogen nach Dallas, Austin, Savannah, ohne zu wissen, für wie lange. Ob nicht vielleicht sogar für immer. Was macht es mit der Identität eines Teenagers, wenn sein Zuhause zerstört wird und er die zweite Hälfte seiner Jugend an einem völlig anderen Ort verbringen muss? Solche Fragen sind schwer über einer Kugel Eis zu besprechen.

Außerhalb der Touristenviertel sieht man die Narben der Stadt

Wer sich aus dem touristischen Zentrum heraus bewegt, am Mississippi entlang gen Osten wandert, kommt ins Bywater. Dort hört man die Narben nicht nur, man sieht sie auch. Die Poland Avenue, eine der Hauptstraßen, ist übersät mit Rissen und Schlaglöchern. Auf dem Gehweg liegen Scherben, Müll, eine Spritze. Und wem gehören eigentlich die dürren Hühner, die hier gackernd herumstaksen?

Da vorne steht ein runtergekommenes Haus, ohne Fenster und mit rottendem Dach, offensichtlich unbewohnt seit dem Sturm. Direkt daneben liegt meine Airbnb-Unterkunft.

Es ist eines der typischen Shotgunhäuser. (Die heißen so, weil sie keine Flure haben und alle Zimmer direkt miteinander verbunden sind. Wenn sämtliche Türen offen stehen, könnte man rein theoretisch also einmal durch diese Häuser durchschießen.) Mein Zimmer ist das Durchgangszimmer zwischen dem von Logan, der Blues-Musiker ist, und dem von Natalie, die in einem der neuen Restaurants hier im Viertel als Köchin arbeitet.

Das Bywater entspricht vielleicht Neukölln vor fünf, sechs Jahren. Ursprünglich wohnten hier vor allem Angehörige der schwarzen Unterschicht. Diejenigen, die Katrina nicht für immer aus New Orleans vertrieben hat, sitzen heute überwiegend arbeitslos auf den Veranden vor ihren Häusern. Sie mischen sich mit einer jungen, weißen Alternativszene: Bei mir um die Ecke haben die ersten Bars, Cafés und Neighbourhood Restaurants eröffnet, die Wohnung der Nachbarin ist zugleich eine Second-hand-Boutique. Eines Nachmittags stolpere ich über eine zehnköpfige Band, die mitten auf einer Kreuzung jammt. Es ist ein hippes, aufregendes Viertel. Aber keines, durch das ich ohne Bedenken meinen Laptop tragen würde, um ihn in einem der neuen Coffee Shops aufzuklappen.

Gentrifizierung mit Ansage

In den meisten Städten geschieht Gentrifizierung scheinbar von selbst. In New Orleans passierte sie mit Ansage. Nachdem man sich dagegen entschieden hatte, die Stadt aufzugeben, schmiedeten die Politiker einen Plan. Sie beschlossen, die Besiedlungsdichte in den sozial schwachen Stadtteilen drastisch zu senken. Ein Großteil der Sozialwohnungen wurde abgerissen. Auf den lukrativen Grundstücken sollten nun Mustersiedlungen entstehen, deren Einwohner sich heterogener zusammensetzten.

Heute sind die Mieten um 50 Prozent gestiegen, die Stadt ist weißer und wohlhabender – auf Kosten der Alten, Armen und Schwarzen. Sie seien ganz bewusst ausgesperrt worden, kritisieren zum Beispiel die beiden deutschen Journalisten Friedrich Schorb und Christian Jakob.

„Diese Stadt ist nicht erst seit dem Sturm traumatisiert.“

Wie stark die Planungs- und Baupolitik die Stadt verändert hat, wurde mir klar, als ich eines morgens (ohne Laptop) im Café saß und mit Nate ins Gespräch kam. Nate ist gelernter Schreiner, im Herzen Musiker und sieht aus wie der Mitbewohner von Hugh Grant in „Notting Hill“. Er sei 2005 direkt nach dem Sturm hergekommen, um beim Wiederaufbau zu helfen.

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„Schau dir das Haus an, es ist völlig morsch“, sagt er und deutet auf eines der hölzernen Shotgunhäuser auf der anderen Straßenseite. „Nur die Farbe hält es noch zusammen.“ Doch zu renovieren wäre viel zu teuer für die Menschen, die hier leben. Wenn sie hingegen verkaufen, laufen sie Gefahr, sich ihre eigene Wohngegend später nicht mehr leisten zu können. Auch hier im Bywater sind die Mieten rapide gestiegen. Manche der neu Zugezogenen setzen sich jetzt dafür ein, Clubs zu schließen und Auftritte von Straßenkünstlern zu verbieten. „Dabei machen die doch gerade die Stadt aus!“, sagt Nate und obwohl er mit leiser, ruhiger Stimme spricht, merke ich, wie sehr ihn das aufregt.

Es gebe aber doch auch gute Projekte, wende ich ein, und schwärme vom Crescent Park. Der zweieinhalb Kilometer lange Abschnitt des Mississippiufers wurde aufwendig saniert und erst kürzlich wiedereröffnet. Ein Zeitungsartikel beschreibt ihn als „a landscape design masterpiece that will provide comfortable outdoor recreation opportunities without forgetting the muscular industrial history of the New Orleans wharves“. Die Politiker hätten es sicher nicht schöner formulieren können. Nate verdreht die Augen. „Den haben sie doch nur gebaut, um eine Verbindung zwischen der Innenstadt und der Mall zu haben, die da hinten bald öffnen soll.“

Und was ist mit der Filmindustrie? In den letzten Jahren hat sich New Orleans zum „Hollywood des Südens“ entwickelt: Filme wie „Django Unchained“, „Dallas Buyers Club“ und „12 Years a Slave“ wurden hier gedreht. Das schafft doch jede Menge Jobs und kurbelt den Tourismus an. „Jobs? Von wegen!“, murrt Nate. „Diese Industrie ist nicht hier gewachsen, sie wurde aus LA und Austin importiert und hat die Stadt einfach eingenommen.“ Doch er liebt sein New Orleans und wird auf jeden Fall hier bleiben. Zumindest, solange er es sich leisten kann.

Ist die Stadt traumatisiert, seit dem Sturm? „Im späten 18. Jahrhundert war New Orleans eine der größten Sklavenstädte in Amerika“, antwortet Nate. „Diese Stadt ist nicht erst seit dem Sturm traumatisiert.“

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Was tun im Bywater? (Hipster Edition) Das Viertel am besten mit dem Fahrrad erkunden. Im Satsuma frühstücken und dabei der jungen Küchencrew zuschauen, in der trotz Stress alle ruhig bleiben und sich lieb haben. Gute Musik (kann ich bezeugen) und guten Wein (habe ich mir sagen lassen) im Bacchanal genießen. Durch den Crescent Park spazieren und versuchen, sich am Blick auf den Mississippi sattzusehen.

In der Stadt der Toten

Zum Glück bin ich in New Orleans nicht gestorben. Man kommt da als Toter nämlich nicht unter die Erde.

Die Stadt ist auf hunderte Meter tiefes Sumpfgebiet gebaut, große Teile von ihr liegen bis zu anderthalb Meter unter dem Meeresspiegel. Als man die Toten noch vergrub, dauerte es nur bis zum nächsten starken Regen, der den Mississippi oder den naheliegenden Lake Pontchartrain über die Ufer treten ließ und die Stadt flutete. Dann spülten die Särge wieder aus der Erde und trieben, der Legende nach, sogar durch die Straßen. Nach Experimenten, bei denen sie vor dem Begräbnis mit Sand aufgefüllt oder Löchern versehen wurden – alles ohne Erfolg -, beschloss man, seine Toten künftig über der Erde zur letzten Ruhe zu betten.

Der Lafayette Cemetery No. 1 ist der älteste städtische Friedhof von New Orleans.   7000 Menschen sind hier begraben, die meisten davon in den 1100 Familiengräbern und Mausoleen. Letztere gehörten Vereinen und Gesellschaften wie der freiwiligen Feuerwehr, der YMCA oder Kirchengemeinden.

Die Lösung bestand in hausartigen Gruften, Tempeln, Mausoleen. Mark Twain, der in New Orleans seine Ausbildung zum Dampfschiffpiloten absolvierte, schreibt in „Life on the Mississippi“:

    „They bury their dead in vaults, above the ground. These vaults have a resemblance to houses—sometimes to temples; are built of marble, generally; are architecturally graceful and shapely; they face the walks and driveways of the cemetery; and when one moves through the midst of a thousand or so of them and sees their white roofs and gables stretching into the distance on every hand, the phrase ‘city of the dead’ has all at once a meaning to him.“

Der Lafayette Cemetery No. 1, den ich besucht habe, ist fast 200 Jahre alt. Deswegen überrascht es nicht, dass auf vielen der Grabsteine deutsche Namen stehen. Deutsche bildeten, neben Iren, damals die größte Einwanderergruppe in Louisiana. Allerdings waren sie nicht besonders wohlhabend. Viele konnten sich keine eigene Familiengruft leisten. Für solche Fälle gab es hunderte schmale Gräber in den tiefen Friedhofsmauern. Weil die Särge dort über- und nebeneinander wie Brotlaibe hineingeschoben wurden, nannte man sie „Ofengräber“.

Das Gruselige daran: Diese Öfen funktionieren. Im subtropischen Südstaatensommer heizen sie sich auf bis zu 400 Grad Fahrenheit auf und funktionieren wie natürliche Krematorien. So heiß werden sie, dass schon nach einem Jahr und einem Tag von den Toten nur noch Asche übrig war. Nach diesem Zeitraum durfte ein Grab wieder geöffnet werden, um im Fall der Fälle das nächste Familienmitglied hinterher zu schieben.

Viele der deutschen Einwanderer starben an Gelbfieber. Weil sie sich keine eigene Gruft leisten konnten, wurden sie in den Friedhofsmauern in sogenannten „Ofengräbern“ bestattet.   „When one moves through the midst of a thousand or so of them and sees their white roofs and gables stretching into the distance on every hand, the phrase 'city of the dead' has all at once a meaning to him.“

Angesichts dessen möchte man Mark Twain fast zustimmen, wenn er schreibt:

    „I have been trying all I could to get down to the sentimental part of [graveyards], but I cannot accomplish it. I think there is no genuinely sentimental part to it. It is all grotesque, ghastly, horrible.“

Und doch: Man kann fast gar nicht anders, als sentimental zu werden, wenn man heute durch diese Stadt der Toten wandert. Es sind so viele Leben, so viele Geschichten, die dort liegen, hinter Grabsteinen, die nach und nach von Unkraut berankt werden und deren Inschriften allmählich verblassen.

„The Big Easy“ New Orleans

Zu dieser Tageszeit, zu dieser Jahreszeit, ist das Wetter groß-ar-tig. Ich trete aus dem Haus und im nächsten Moment legt sich ein feiner, klebriger Film auf die Haut, gegen den man sich gar nicht wehren kann. Also nehme ich ihn einfach hin. Steige auf Natalies altes Peugeot-Rad, das kein Licht hat und kaum Bremsen, und klappere die Straße hinunter, im Zickzack, um den Rissen und riesigen Schlaglöchern auszuweichen. 80 Grad Fahrenheit, der leichte Wind, die Feuchtigkeit, es ist perfekt. Man kann alles anhaben und nichts bei diesem Wetter. Man kann alles tun und nichts.

In den amerikanischen Südstaaten herrscht subtropisches Klima. Jetzt, an einem Morgen im späten April, entspricht es den besseren der deutschen Sommertage. Doch die Mittagsstunden lassen mich in eine reptilienhafte Starre fallen und bereits ahnen, wie unerträglich die Sommer hier sein müssen, lang und heiß und schwül und drückend.

Endlich verstehe ich, warum die Menschen in Louisiana sich alle ein bisschen langsamer zu bewegen, sogar langsamer zu sprechen scheinen als in anderen Teilen Amerikas. Sie fragen auch nicht „wie geht’s?“, wenn sie einander begegnen – „das würde ja ein längeres Gespräch bedeuten“, erklärt mir ein alter Mann in einem Diner. „Viel zu anstrengend, bei der Hitze!“ Nein, man sage einfach „hey y’all“, das reiche völlig aus.

Die St. Louis Cathedral am Jackson Square, dem Herzen des French Quarter.   "The Big Easy" ist nicht nur Spitzname, sondern Lebensgefühl dieser Stadt - zumindest auf dem Jackson Square.

Download „„The Big Easy“ New Orleans“ (0:42 Min. | 2 MB)

„Hey New Orleans“, denke ich, wie ich so durch die Gassen klapper-cruise und ganz erschlagen bin von dieser Stadt. Im berühmt-berüchtigten French Quarter tummeln sich Voodoo-Gläubige und Straßenmusiker zwischen Touristen- und Junggesellengruppen. Die Häuser sind bunt und alt und hübsch, ihre schmiedeeisernen Balkone üppig bepflanzt. An der einen Ecke duftet es nach süßen Beignets (Puderzucker mit Krapfen) und Fried Green Tomatoes, an der nächsten preist ein hölzernes Krokodil mit breitem Grinsen sein eigenes Fleisch an: „U can’t beat gator meat!“ An Krimskrams überquellende Läden, skurrile Galerien und vor allem die unzählige Kneipen der Bourbon Street, aus denen ab dem frühen Abend Live-Musik schallt – man verliert sich im French Quarter. Kein Reiseführer, der nicht dazu rät, diesen Stadtteil am besten ohne Plan zu erkunden.

„There are no rules here. If you cannot self-regulate, you’re gonna be lost“, raunt mir ein Bartender zu, der über und über mit den bunten Plastikperlenketten behangen ist, die hier an Mardi Gras von den Karnevalswägen ins Publikum geschmissen werden.

Im Gegensatz zu den meisten amerikanischen Städten ist es in New Orleans auch auf der Straße erlaubt, Bier zu trinken. Wovon besonders in dieser Gebrauch gemacht wird.   „There are no rules here. If you cannot self-regulate, you’re gonna be lost.“

In der frühen Nacht spuckt mich das Quarter wieder aus. Draußen ist die Luft jetzt leichter, der Wind ein kleines bisschen kühler. Das Peugeot-Rad und ich verfahren uns, aber auf eine gute Art: Auf einmal liegt da der Mississippi, dieser unglaubliche Fluss, ruhig und breit und Ehrfurcht gebietend.

An diesem Tag habe ich noch nichts davon gemerkt, dass die Zeitrechnung in New Orleans seit ein paar Jahren eine andere ist. Dass dies nicht das Jahr 2014, sondern das Jahr 9 ist. Jahr 9 nach dem Sturm.

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Was tun in New Orleans? (Tourist Edition) Sich von den Straßenkünstlern auf dem Jackson Square unterhalten lassen. Beignets im Café du Monde kaufen. In einer Second Line mittanzen (Schirm nicht vergessen!). Einen Abend in der Bourbon Street verloren gehen. Die Villen im Garden District bestaunen. Eine Friedhofsführung mitmachen.

Das Fahrrad hatte Natalie, meine Gastgeberin, extra noch einmal aufgepumpt, bevor ich kam.

„They smoke you.“

Fünf Jahre nach meinem letzten Aufenthalt am Flughafen von Atlanta hängen da noch immer diese Banner: „The State of Georgia and the City of Atlanta Welcome Our Troops Home“. Hartsfield-Jackson ist nicht nur der Flughafen mit dem größten Passagieraufkommen der Welt, er ist auch das Dreh- und Angelkreuz für das amerikanische Militär. Soldaten legen hier einen Zwischenstopp ein, wenn sie an einen neuen Standort versetzt werden, zu ihren Familien nach Hause oder zum Einsatz ins Ausland fliegen. Überall sieht man Männer und Frauen in Uniform. Nur Zivilisten, die ihnen auf die Schulter klopfen, sehe ich dieses Mal keine.

Zum Mittagessen im Food Court setze ich mich einem jungen Mann oder, naja, eigentlich einem Jungen gegenüber, der zwar keine Uniform trägt, aber einen olivgrünen Seesack bei sich hat. Über unsere gebratenen Nudeln kommen wir ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass Alex tatsächlich ein Soldat ist und just an diesem Tag aus der Grundausbildung entlassen wurde.

„Schön, dass du diesen Moment mit mir teilst“

„Ich musste mich gerade total kontrollieren, um an der Kasse im Thai-Laden nicht so zu stehen wie vor meinem Drill Sergeant“, lacht er und macht die Haltung vor: streckt den Rücken durch, verschränkt seine Arme dahinter und guckt ganz ernst. Auf einmal sieht er so gar nicht mehr jungenhaft aus.

Mit 18 sei er eingetreten, es sei schlicht die beste der wenigen Optionen gewesen, die er hatte. „Im Grunde bezahlen sie dich dafür, fit zu werden. Das ist doch kein schlechter Deal.“ Sie zahlen aber auch dafür, dass man sich herumschubsen lässt von unberechenbaren – „unmenschlichen!“ – Ausbildern. „Angeschrien werden tut nicht weh“, sagt Alex. „Das habe ich vor ein paar Wochen dann endlich kapiert.“

Was sind das für Typen, die ihn da anschreien? „Man kann sich nicht bewerben, um Drill Sergeant zu werden, dazu wird man einfach ernannt. Sie ernennen die Leute zu Drill Sergeants, die eigentlich gar nicht in die Armee hätten aufgenommen werden dürfen.“

Alex ist schon fertig mit seinen Nudeln, jetzt reißt er eine Packung Jelly Beans auf – die ersten Süßigkeiten seit acht Monaten. „Schön, dass du diesen Moment mit mir teilst“, grinst er und schüttet die bunten Zuckerkugeln auf dem Tisch aus. In die Kaserne hätte manchmal jemand etwas reingeschmuggelt, aber das sei ihm zu teuer gewesen. „Ich habe gesehen, wie einer 20 Dollar für eine Packung salzige M&Ms bezahlt hat.“

Nachdem er sich die ersten in den Mund gesteckt und dabei genüsslich die Augen geschlossen hat, schiebt er drei braune Root Beer- und eine weiße 7up-Bean so zusammen wie eine militärische Formation. Der schlimmste Befehl sei „halb links“ – das bedeute Workout. „They smoke you.“ Richtigen Sport hätten sie nicht machen dürfen, die ganze Zeit nur Rennen, Liegestütze, solche Sachen. Musik war auch nicht erlaubt. Kein Fernsehen. Kein Internet. Moment mal.

„Hast du von der Krim gehört?“, frage ich ihn.

„Was zur Hölle ist die Krim?!“, lacht Alex.

Das war im April 2014. Alex hatte nicht die leiseste Ahnung davon, dass in der Ukraine gerade ein Krieg im Gange war (oder in Gang kam). Er wusste nicht, was in Syrien passierte und in welchem Ausmaß sich die NSA-Affäre entwickelt hatte. Acht Monate lang war er komplett vom Weltgeschehen abgeschnitten gewesen. Ich war völlig baff. Warum macht man das mit jemandem, der dazu ausgebildet wird, in den Krieg zu ziehen? Sollte er nicht dringend wissen, warum er an welche Orte geschickt wird? Was sagt das über das System, von dem Alex ausgebildet wird? Was traut man ihm zu? Vertraut man ihm überhaupt?

Alex zuckt mit den Schultern. Das nächste halbe Jahr muss er ohnehin pausieren, er hat eine Fraktur im Knie. „Wenn die Verletzung nicht wäre, wäre ich jetzt auf Hawaii, zum Navy-Training“, seufzt er. Nun muss er sechs Monate irgendwie rumbringen und hoffen, dass sie ihn danach zurücknehmen. Aber diese Sorge schiebt er gerade noch auf. Jetzt geht es erst mal darum, die nächsten zehn Stunden rumzubringen. So lange dauert es, bis sein Anschlussflug geht.

Apropos Auslandseinsatz: Für den Klub Konkret habe ich mich letzten Sommer mit deutschen Soldaten auf Afghanistan vorbereitet. Den Film dazu gibt es hier.

Mein Roadtrip Soundtrack (2): Alabama und Tennessee

Mein Roadtrip Soundtrack (2): Alabama und Tennessee

Seit Wochen hadere ich mit meinen weiteren Reisebeschreibungen aus den US-Südstaaten. Nach Georgia bereiste ich Alabama und Tennessee. Als Reisender in diesen Bundesstaaten ist es ein bisschen wie als Tourist in Berlin: Um manche Themen – zweiter Weltkrieg, das geteilte Deutschland – kommt man einfach nicht herum. Also begann ich, mich noch einmal ganz neu mit dem Civil Rights Movement auseinanderzusetzen.

In Museen und an Gedenkstätten lernte ich, dass die Bewegung viel stärker von jungen Menschen geprägt und leider auch viel stärker von Gewalt überschattet war, als ich gedacht hatte. Auf den Straßen, in Restaurants und Supermärkten lernte ich, dass sie noch längst nicht vorbei ist. Schwarze und weiße Sphären scheinen einander kaum zu überschneiden, so war zumindest mein Eindruck. Aber das niederzuschreiben, als Touristin, die die Region gerade einmal ein paar Wochen bereist hat, kam mir falsch und vorschnell vor. Es gibt so viele Vorurteile, die man lieber nicht bestätigen möchte.

Dann kam Ferguson und damit eine sehr bittere Bestätigung. Inzwischen wurde wieder viel geschrieben über dieses Amerika und seine Bürgerrechte. Über den Civil Rights Act. Dieser viel beachtete Tweet bringt es auf den Punkt:

Für mich persönlich war Alabama der Staat, in dem ich auch mental endlich in den Südstaaten und meinem Roadtrip ankam. In dem ich die ersten wirklich langen Strecken zurücklegte und (doch noch) ein ziemlich amerikanisches Verhältnis zu meinem Auto entwickelte.

Ich fuhr durch die Außenbereiche von Städten wie Birmingham und Montgomery, vorbei an Teenagern, die stundenlang am Straßenrand stehen und für ein paar Dollar die Stunde das pfeilförmige Werbeschild eines Diners oder Elektrofachmarkts in die Höhe recken. Ich fuhr über ewig lange, schnurgerade Highways und Interstates, an denen das Interessanteste die Billboards waren, auf denen Jesus gepriesen wurde, und ab und zu einer von diesen riesig großen Trucks, die ganze Häuser transportieren. Alabama, Mississippi, Tennessee – das sind die US-Bundesstaaten, wo in Tankstellentüren Schilder hängen wie diese:

NO SHOES NO SHIRT NO SERVICE  Pull up your pants

Diese Orte waren fremd. Aber genau richtig. Ich drehte das Autoradio auf.

Hier geht es zu meinem Roadtrip Soundtrack (1): Georgia und die Carolinas.