Am ersten Tag gibt es gleich eine Verletzte, am zweiten Tag ein Pärchen und am dritten Tag reisen die Ersten ab – allerdings nicht, weil es ihnen schlecht gefällt oder sie Heimweh haben, sondern weil sie im EU-Kurs sind, der für vier Tage nach Brüssel fliegt um vor Ort weiterzuforschen. Zu gerne würde ich mit meinem Kurs auch nach Washington, D.C. fahren, aber das ist wohl nicht drin.
Trotzdem fühle ich mich dort viel wohler, als ich gedacht hatte – entgegen meinen Erwartungen bin ich nämlich nicht aus Versehen in einen Haufen Überflieger geraten. Außer unseren Lehrern, einer Österreicherin und einer ganz jungen Amerikanerin aus Portland, sprechen alle gepflegtes Schulenglisch, niemand hat eine Klasse übersprungen – ja, es haben nicht einmal alle die Lektüre („Stupid White Men“ von Michael Moore) vorbereitet. Im Gegenteil: Manch einer weiß nicht einmal, wie man McCain schreibt.
Sechs Stunden am Tag haben wir Unterricht, aufgeteilt auf Vor- und Nachmittag, und unsere Lehrerinnen sind ständig bemüht, das Ganze möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Wir lesen Zeitungen und das Time Magazine, sehen und berühmte Reden an und die tollen „School House Rocks“-Lehrfilme aus den USA. Dazu kommen immer wieder Internetrecherche und eigene Vorträge, und wer weiß, was die beiden noch geplant haben.
Doch mit den sechs Stunden Unterricht am Tag ist es noch nicht getan: Dazu kommen die CNN News um 20 Uhr und das Abendprogramm – zum Beispiel „Mikroskopieren mit dem Biologiekurs“.
Noch immer habe ich kein EM-Spiel gesehen. Den spannendsten Teil von Spanien – Italien verbrachte ich im Bett, nach einer Kräftezehrenden Wanderung auf den steilen Pinkenkogel. Aus dem Fernsehraum im zweiten Stock drangen mitunter Jubel- oder Verzweiflungsschreie bis an unser Dachfenster – unter meinen Mitschülern sind einige mit italienischer Abstammung.
Heute Abend fand zum Glück kein Spiel statt, das man hätte verpassen können, und das war wohl einer der Gründe, warum es bei der heutigen Lesung so voll war. Außer den Brüsselern versammelten sich fast alle Mitschüler in einer Klasse, in die der Hamburger Schauspieler Christian Nickel geladen hatte. Er ist vor allem seit seiner Darstellung des Faust im Rahmen der Expo 2000 bundesweit bekannt. Damals wurde anderthalb Tage lang der komplette Faust aufgeführt, ungekürzt. Nickel sollte den „jungen Faust“ spielen, also etwa die halbe Rolle – musste aber die ganze übernehmen, als der „alte Faust“ Bruno Ganz sich verletzte. Für unseren Deutschkurs, dessen Thema einzig und allein „Faust“ lautet, war es also, als würde mein Kurs von Barack Obama besucht.
Nickel interpretierte einige Ausschnitte und gab uns eine Blitzführung durchs Werk. Was ich gelernt habe? Ob konventionelle oder moderne Inszenierung, das ist egal. Hauptsache, es gefällt. Nur mit Nacktheit sollte man aufpassen als Schauspieler – denn das geht meistens schief.







Kommentiert
Konstantin: Manchmal bringen einem die Facebook-Freunde dann etwas aus der weiten Welt mit (mir gerade ein Fahrrad aus Atlanta). Wenn man nicht wüsste, das...
Amelie: So wahr, das brachte mich gerade zum lachen :)
Claudia: Wie bedeutungslos wären manche Menschen ohne Facebook… (:-/
Roman: Den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke dafür, liebe Eva.