Alle Einträge mit dem Tag Schülerakademie

Barack Obama Saved His Dessert For You

Darauf freue ich mich schon seit Monaten: Die Wahlprognose, die wir im Juli in Semmering erstellt hatten, mit den richtigen Ergebnissen zu vergleichen.

Wie sich herausstellt, waren wir echt nicht schlecht: Bis auf Virginia, das wir fest ins republikanische Lager gerechnet hatten, haben wir uns höchstens mal bei den swing states geirrt. Da waren wir, wie man das halt so macht, immer lieber vom schlimmsten Fall ausgegangen. Doch selbst wenn alles so gekommen wäre wie in der Semmering-Variante, hieße der neue Präsident der Vereinigten Staaten jetzt Barack Obama. Da wird sich Liz, meine Lehrerin aus Portland, aber freuen.

Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache Steffi ist nichts passiert

Ojojoj die Ferien sind die Zeit der kleinen Revolutionen.

Revolution Nr. 1: Ich war zum ersten Mal beim Theorieunterricht seit.. Monaten. Und zwar gleich an zwei Abenden hintereinander! Noch zwei Stunden – und die läppische kleine Prüfung – dann habe ich das hinter mir.

Revolution Nr. 2: Die Euphorie über Revolution Nr. 1 hielt selbst am nächsten Morgen noch an, weshalb ich mir in Ermangelung kurzer Hosen kurzerhand eine alte Jeans aus dem Schrank geschnappt und ein paar feet kürzer gemacht habe. Was für ein anarchisches Gefühl, einfach die teure Hose durchzuschneiden! Sieht jetzt sogar besser aus als vorher.

Revolution Nr. 3: Ein Bikini. Der Hammer! Liebe Herren- sonstige Damen- Welt, ist dir eigentlich bewusst, wie schwierig es für einen blassen rothaarigen weiblichen Menschen sein kann, passende Bademoden zu finden? Also nicht einmal passend im Sinne von an den Körper anschmiegsam, ohne das etwas am Saum rausschwabbelt (die Amerikaner nennen Mädchen, denen das am Hosen- oder Rockbund passiert, übrigens “Muffin Girls” – herrlich, oder? Auch sowas lernt man am Semmering.), sondern passend im Sinne von farbliche Augenweide. Sämtliche Knallfarben fliegen schonmal raus, wenn man blass ist, und von dem kleinen Reststapel auch noch alles, was rot, orange, gelb oder dazwischen aussieht. Deswegen ist es durchaus eine Revolution, dass ich heute einen durch und durch passenden Bikini gefunden habe. Er ist braun (im Gegensatz zu mir), und zwar braun gemustert, und ich warte gespannt – was kommen da noch für Revolutionen?

Achja, und Steffi hatte einen Autounfall. Zum Glück mit Airbags.

Evas EM-Tagebuch (5): Geht wählen

Evas EM-Tagebuch (4): Sonnenwende

Wenn man in Semmering die Hauptstraße hinunterläuft, kommt man an mindestens vier schwarzen Brettern vorbei. Jeder hier scheint ein schwarzes Brett zu haben. Mein Lieblingsbrett war von Anfang an das der Freiwilligen Feuerwehr Semmering: Mit einem bunten Ausdruck wurde dort die Bevölkerung über die letzte wagemutige Aktion der Feuerwehrleute informiert. Sie hatten eine junge Katze gerettet, die sich auf dem Golfplatz nicht mehr von einem Baum heruntertraute. Nach einem misslungenen Fluchtversuch konnte man sie schließlich buchstäblich „einsacken“. Und man ist modern in Semmering: Alle Fotos dazu gibts im Internet.

Auf einem anderen schwarzen Brett informiert das Dorf über alle Veranstaltungen des jeweiligen Monats. Dort las ich letzten Samstag von einer Sonnenwendfeier auf dem Zauberberg, dem örtlichen Skiberg, die just an diesem Tag stattfinden sollte. In meiner wehmütigen Sehnsucht nach Schweden hatte ich geglaubt, dieses Jahr gar nicht zu einer Sonnenwendfeier gehen zu können – wie froh war ich, als ich von dieser las!

Von einer Sozialisierungsproblemattacke geschüttelt machte ich mich abends klammheimlich aus dem Staub, um ein paar Stunden allein auf dem Zauberberg zu verbringen. Es war so schön! Ich fuhr mit dem Lift hinauf, als es noch ganz hell war, kletterte auf einen Aussichtsturm und aß eine österreichische Suppe. Stumme Schneemaschinen und lahme Lifte erinnerten an den Hochbetrieb, der dort im Winter herrschen muss. Als es dunkel wurde, begann auf der Hütte eine Country-Band zu spielen. Die Musik war so amerikanisch wie in „Sweet Home Alabama“, das Fest so gemütlich wie in „Chocolat“.

Mit Einbruch der Dunkelheit kam die Freiwillige Feuerwehr mit einem großen Wagen an, um das große Sonnenwendfeuer zu entzünden. So viele Menschen waren dort um zu feiern, und gleichzeitig war es so ruhig und romantisch und sogar ein bisschen schwedisch. Ich habe es sehr genossen und mein Buch ausgepackt und am Feuer gelesen, bis meine Knie so heiß waren, dass es sich anfühlte, als würden sie so lodernd brennen wie das Feuer selbst. Da bin ich zurück hinunter ins Dorf gefahren und hatte für zwei Tage genug Ruhe gehabt.

Am nächsten Mittag kam ich wieder am schwarzen Brett der Freiwilligen Feuerwehr vorbei. Dort hängt jetzt ein Bericht über die Sonnenwendfeier, bei acht Mitglieder als Brandsicherheitswache im Einsatz standen und das Feuer erfolgreich in Schach hielten. Fotos davon gibt es – natürlich – im Internet.

Evas EM-Tagebuch (3): Das Sozialisierungsproblem

Schon vor Jahren habe ich immer davon geträumt, mal eine Zeit als Internatsschülerin zu verbringen. Ich stellte mir eine Mischung aus Hanni und Nanni, Schloss Einstein und Schule Schloss Salem vor – mit mir mitten drin. Lustige Cliquen, die Mitternachtspartys veranstalten, coole Lehrer und gemeinsames Mittagessen, ja sogar Hausaufgabenzeiten und Joggingzwang gefielen mir in diesem Zusammenhang.

Inzwischen hatte ich nicht mehr damit gerechnet, so etwas noch einmal erleben zu dürfen. Tatsächlich ist diese Sommerakademie aber wie ein Internat auf Zeit. Wir wohnen in einer Schule für Tourismus und Management, die von Schülern unseren Alters besucht wird. Viele von ihnen kommen von weit her und wohnen deshalb im angeschlossenen Internat. Dann liegen sie wie wir abends erschöpft in ihren Viererzimmern oder sitzen noch am Schreibtisch oder im Computerraum, um etwas auszuarbeiten. Wie wir essen sie drei Mal am Tag in der Mensa, wo es immer Salat und meistens auch noch etwas anderes Leckeres gibt.

Sie treiben Sport in der hauseigenen Turnhalle und gehen vielleicht auch morgens um sechs mit ihrem Deutschlehrer joggen (freiwillig). Wie wir werden sie dauernd den Weg herunter ins Dorf machen, wo der einzige Supermarkt am Ort bis abends um sechs geöffnet hat, und im Gemeinschaftsraum zusammen fernsehen. Womöglich dürfen sie auch jederzeit und umsonst im Grand Hotel nebenan schwimmen gehen. Alles in allem: Es ist toll.

Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es sein muss, ein Internatsleben zu führen. In einer Gemeinschaft, die sehr viel enger ist als die einer normalen Schule, wo jeder sich kennt und man mit vermeintlich fremden Zimmergenossinnen offener umgeht als mit manch einer Freundin zuhause.

Diese erfreulichen Einblicke werfen aber auch Fragen auf: Bewirkt das ständige Leben in der Schulgemeinschaft eine geringere Bindung zur eigenen, weit entfernten Familie? Wird es – vor allem in einem kleinen Dorf wie Semmering – nicht irgendwann langweilig? Und: Wie viel Privatsphäre ist jedem Einzelnen noch garantiert?

Letztere Frage ist mein größtes Problem. Mir fällt es schwer, permanent, wirklich die ganze Zeit unter Menschen zu sein, ja, ich kann sogar ziemlich ungemütlich werden in Situationen, in denen es nicht anders geht. Das eigene Zimmer mit drei Mädchen, zweien davon Stubenhockerinnen, zu teilen, führt manchmal zu solchen Situationen. Ich nenne das immer mein „Sozialisierungsproblem“ und übe momentan, es zu überkommen.

Das fällt nicht schwer, weil es nur nette Leute sind, die einen hier umgeben. Sie bieten dir an, in ihrem Zimmer aufs Klo zu gehen, weil sie denken, du hättest deinen Schlüssel vergessen, und rennen los, um ihren zu holen, wenn du dich wirklich mal ausgeschlossen hast. Sie wollen, dass du zuerst duschst, weil du verschwitzter aussiehst als sie – obwohl sie schon mit Handtuch und Duschgel im Bad stehen – und fragen dich ganz traurig, warum du allein unterwegs bist, wenn sie dir auf dem Weg zum Supermarkt entgegenkommen.

Ich gehe allein in den Supermarkt oder zum Schwimmen, weil ich ab und zu meine Ruhe brauche, weil es mein Sozialisierungsproblem löst. Und alle sind so nett und verstehen das.

Vielleicht liegt das daran, dass wir eine Gemeinschaft auf Zeit sind. Jeder weiß, ab Samstag ist er die Anderen wieder los. Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass wir alle freiwillig hier mitmachen. Dass niemand murrt, weil er sich sechs Stunden lang voll konzentrieren und abends noch Hausaufgaben machen muss, während die Freunde daheim längst Ferien haben.

So oder so: All das macht es heute zu einer großen Freude, endlich mal ein EM-Spiel anzuschauen. Im Gemeinschaftsraum. In einem richtigen Internat.