Alle Einträge mit dem Tag Praktikum

Tag Vier – Flutsch

Heute ist es ziemlich ruhig, in den heiligen Hallen von jetzt.de. Die Hälfte der Redaktion ist nach Hamburg ausgeflogen für eine große Interviewoffensive. Eine Stunde nach der Konferenz versagen die Server oder die Datenbanken oder irgendetwas dazwischen, und das Magazin verschwindet von der Oberfläche des Web.

Flutsch.

Es fühlt sich an wie draußen im Schnee, wo selbst die viel befahrenen Straßen inzwischen wie gebacken aussehen, mit dicken, festgeklopften, weiß-grauen Schichten bedeckt. Da ist alles auf eine plumpe Art leise und noch dazu unbewegt, weil keine Flocken mehr fallen.

Tag Zwei – Seife und Senkel

In dem (sonst sehr tollen) Hostel, das ich bewohne, gibt es keine Seife und natürlich bekomme ich Sonntag Abend nirgendwo welche. Auch am Montag muss ich noch darauf verzichten, weil ich mich an jeder Ecke neu verlaufe und der einzige Drogeriemarkt, den ich schließlich finde, dann schon zu hat. Stattdessen ziehe ich an diesem Abend die Schnürsenkel aus meinen Schuhen und bekomme sie wegen ihrer ausgefransten Enden nicht mehr wieder hinein. Also schreibe ich für Dienstag auf meine Liste: Seife und Schnürsenkel.

Zum Glück habe ich ein zweites Paar Schuhe dabei, mit dem ich am folgenden Morgen durch den FRISCHEN SCHNEE stapfe. In der Mittagspause will ich einem großen Sportgeschäft die Seife die Senkel kaufen, aber sie sind aus. Stattdessen begegne ich dort einer Schauspielerin, die meines Wissens gerade eine Comedyserie für einen Privatsender macht. Ich kenne sie noch auf einem öffentlich-rechtlichen Jugendprogramm. Im nächsten Laden finde ich endlich, was ich suche.

Abends, nach dem Verlassen der Redaktion, stellt sich der erste Durchhänger ein. Nicht wissend, was ich essen soll, aber wohl wissend, dass ich etwas essen muss, um nicht später hungrig im Bett zu liegen, laufe ich zwischen den noch immer rätselhaften Ecken der Stadt entlang. Ich bin so wenig euphorisch, dass ich nicht mal ein Foto von der Eislauffläche am Stachus mache. Diese komischen vier, fünf Stunden Einsamkeit am Abend, sie sind ein Genuss, sie sind eine Qual. Eine so große Stadt für sich allein zu haben und alles mit ihr machen zu können, bedeut für mich ein Hochgefühl. Und auch um halb zehn mit einem Buch im Bett zu sitzen, ist schön. Dabei aber daran zu denken, was man alles tun könnte, wäre man in diesem Moment Zuhause und mit den Lieben, das kann einem dieses Gefühl durchaus vermiesen.

Irgendwo esse ich ein paar Nudeln, zum zweiten Mal an diesem Tag, und dann gönne ich mir den Luxus einer Bahnfahrt zurück zum Hostel – es hat längst aufgehört zu schneien, ist aber wirklich bitterkalt. Am Hostel hängen kleine Eiszapfen. Auf der Treppe hoch in den fünften Stock beginne ich mich ein bisschen zu freuen. Auf die bunten Wände meines Zimmers, das Tomte-Buch und meine neu zu installierenden Schnürsenkel. Beim Auspacken meines Rucksacks merke ich, dass ich die in der Redaktion habe liegen lassen.

Jetzt gehts los

Heute bringen meine Eltern mich nach Köln. Das ist ziemlich weit, wenn man bedenkt, von wo ich eigentlich schon mit dem Zug losfahren wollte, aber der erste Zug fällt aus, wegen des großen Sturms. In der Schule hatten wir übrigens sturmfrei, tatsächlich, und dort gibt es jetzt bald ein neues Dach. Wenn man nach Stürmen zurück in die Schule kommt, ist stets ein Großteil des Hofes abgesperrt – dort, wo Ziegel runtergefallen sind oder noch fallen könnten – und man muss seinen Weg durch das rot-weiße Absperrbandwirrwarr finden. Ich stellte mir vor, wie der Wind abends unter die alten Pfannen fährt und sie klappern lässt. „Das sieht dann aus wie ein winkendes Dach“, sagte jemand.

Jedenfalls, von Köln fahre ich nach München. Für zwei Wochen, und wehe, dieser Zug fährt auch nicht. Die zwei Wochen werde ich sehr täglich in der Redaktion von jetzt.de sitzen und springen, und hoffentlich wird es noch besser als letzten Sommer. Auf dem Zettel mit den Vorgaben für die Praktikumsmappe steht ein optionaler Punkt, in dem man seine Erwartungen, vorher und nachher, vergleichen soll. Ich hatte überlegt, Vorher-Erwartungen aufzuschreiben, aber ehrlich gesagt habe ich keine, nur dass es gut sein muss.

Abends ist Zeit, der Stadt eine zweite Chance zu geben. Ich werde das lustige Mädchen mit den roten Haaren sein, Apfelschorle trinken, ein bisschen Bayerisch lernen und hoffentlich viele tolle Dinge entdecken. Wohnt jemand in München? Sag: was soll ich tun?

handelsblatt.com

Die zweite Woche beim Handelsblatt verbringe ich im achten Stock. Mit einem Panoramablick über Düsseldorf, darf ich Panorama-Artikel schreiben. Über Raucher-Airlines und Säure-Spritzer, ich binde den Lesern einen Bären auf und sogar Wale, berichte über zaubernde und knutschende Harrys. Politisch wird es mit fehlenden Kindern und Dreck – und mit Gesetzesänderungen. Die laufen immer so gut. Am meisten Spaß macht das Duden-Quiz. Der ganzen Redaktion.

Die ist auch ganz toll. Christina gegenüber trug einen Brasilienhut und vermeidet Trauerkleidung für Deutschland, Sebastian sächselt und hilft und lästert mit Tanja über das Kantinenessen. Letztere hat ihre Gothic- und die Tattoo-Phase erfolgreich und ohne Rückstände überlebt und lacht jetzt stattdessen. Daniel mag noch DOS und empfiehlt Aktien, Patrick macht Fernsehen und kommt mit in die Börse. Der Chef sieht immer noch ein bisschen so aus wie der Abiturient, der mit der Ledertasche unterm Arm über den Schulhof schlackst – nimmt er mir das jetzt übel? Es ist nett gemeint – und Podcasts sind sein Steckenpferd.

Er verteilt „was zum Rauchen“ an seine erfolgreiche Redaktion und schmilzendes Eis, von dem Mann hinter der Glastür gibt es Neoprentaschen. In Pink. Manchmal komme ich vorbei, an diesen Türen, rollend auf dem Stuhl. Ab Morgen nicht mehr, jetzt sind Sommerferien. Aber irgendwann vielleicht wieder, wenn ich mehr Zeit habe. Und auch nur, wenn diese Fahrstuhlsache bis dahin geklärt ist…

Viele Grüße an alle von euch, die hier noch mitlesen. Und danke!

Doch noch WM-Content

Deutsche Geschichte

Ich bin jetzt gedruckt in der Neon. Meine Karriere geht steil bergauf.
- Vonwegen.

Vom 22. Januar bis 2. Februar 2007 werde ich ein Praktikum machen. Die Schule schreibt das vor. Es darf nicht im väterlichen oder mütterlichen Betrieb sein, Fahrtkosten für einen Platz im Umkreis von 25 km werden übernommen. Für einen Nahrungsmittelbetrieb muss man sich zuvor einer gesundheitsärztlichen Belehrung unterziehen. Ein Auslandspraktikum ist im Einzelfall möglich.

Ich gehe nicht zu Papa, ich gehe weit weg. Aber nicht ins Ausland, denn ich brauche meine Sprache. Und mit Essen werde ich höchstens in einer Kantine in Berührung kommen, oder aber an einer Kaffeemaschine (ich bete, dass nicht). Ich will in eine Redaktion. Darum muss man sich sehr früh kümmern, weil: Alle wollen in eine Redaktion. Alle beschweren sich über die bösen Journalisten, trotzdem glauben alle, was in der Zeitung steht. (Das ist, nebenbei, eines der größten Rätsel des Journalismus. Sagt Jan-Martin Wiarda.) Und trotzdem strömen alle in diesen Beruf.

Für die Anrufe öffne ich ein Word-Dokument und schreibe die tollsten Redaktionen auf. Dann sammle ich die Telefonnummern. Neon steht ganz oben in der Praktikumswunschliste. Aber Neon sagt, das ist doch langweilig hier, so langsam. Man würde in zwei Wochen ja nicht einmal eine ganze Produktion mitbekommen. Praktika nur ab drei Monaten. Jan-Martin Wiarda sagt, alles, was länger ist als zwei Monate, hat gleich diesen Ausbeutungs-Geruch. Den Kaffee-Geruch. In der Medienbranche dauern Praktika fast durchschnittlich drei Monate. Die Medienbranche hat den Begriff „Generation Praktikum“ geprägt. Weil sie die Studenten herumreicht. Aber auch nur die.

Als Schüler bei einer großen Zeitung oder Zeitschrift unterzukommen, scheint fast unmöglich. Aus Glauben an die gute Sache rufe ich trotzdem bei allen an. Welt, FAZ, Süddeutsche, Bild. Man macht das grundsätzlich nicht mehr. Spiegel, Focus, Stern. Das Gleiche. „Bei Schöner Wohnen kann man allerdings eins machen.“ Da habe ich schon längst bei Frau Kuttner in der Redaktion angerufen. Sie sind sehr nett dort. Wissen nicht genau bescheid, rufen aber noch am gleichen Abend zurück: Nein, sorry. Ich drücke Strg+A und färbe alles rot.

Dann: Die V.i.s.d.P., da geht was. „Was, so früh meldest du dich?“ Und die Musikmagazine sind grundsätzlich offen. Céline war bei der Spex, unclesally*s empfängt auch mit offenen Armen, und der Visions sollte man einfach mal eine Mail schreiben. Morgen noch ein Anruf beim WDR. Da wird grundsätzlich nur für Eins Live oder die Sendung mit der Maus vergeben. Mit Sonderwünschen wie „Zimmer frei!“ oder „Wissen macht Ah!“ soll man sich ab Dienstag an Frau K. wenden. Ich habe ihre Nummer und färbe sie blau. Die Online-Redaktionen, jetzt.de und zuender, die sagen übrigens erst „hmm, dann versuch es einfach mal“, wenn man erwähnt, dass man schon ein Praktikum in der Online-Redaktion des Handelsblattes gemacht haben wird. Das wirkt bei Neon aber auch nicht, beim zweiten Versuch.

Irgendwann schaue ich da trotzdem mal vorbei. Das habe ich mir fest vorgenommen.

P.S.: Sollte jetzt tatsächlich jemand unter meinen geschätzt-geliebten Lesern einen Überschuss an Vitamin B haben – meine E-Mailadresse lautet post@hurra-blog.de. Ich verschenke Buttons und Schokokekse. (Und Paniniaufkleber!)