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Vielleicht werde ich Marktfrau

Um meiner Zeit in München einen sowohl touristischen als auch kulinarischen Schlusspunkt zu setzen, habe ich an einer Probiertour über den Viktualienmarkt teilgenommen. Ich liebe Märkte für ihre vielen verschiedenen, sorgsam ausgewählten Speisen, die oft von Familienunternehmen in der dritten Generation verkauft werden, für diese ganz besondere Stimmung und die vielen (Koch-)Ideen, die einem kommen, wenn man einfach nur an den Ständen vorbei schlendert.

Bayerische Antipasti - lecker!

Jetzt hatte mein Schlendern zum ersten Mal System: Eine Führerin nahm uns mit, kreuz und quer über das 22.000 Quadratmeter (!) große Areal, erzählte von Geschichte, Regeln und Mythen des Marktes und sammelte zwischendurch an den verschiedenen Standeln Essen ein. So haben wir Brot von der Bäckerliesel probiert, der ältesten Marktfrau Münchens, und „bayerische Antipasti“ vom berühmten Sauren Eck. Es gab frisch gepressten Saft, Wurst und Käse.

Oft gaben uns die Standelbesitzer selbst eine kleine Einführung. Sie arbeiten mitunter 80 Stunden die Woche – das ist vor allem im Winter hart. Eine Bodenheizung hat nämlich keiner der 140 festen Standel. Je nach Saison sind es noch mehr, für Spargel, Beeren, Pilze. Aber das ist nicht leicht: Wer auf dem Viktualienmarkt verkaufen will, muss ein strenges Bewerbungsverfahren durchlaufen und bisweilen mehrere Jahre warten. Denn die bunte Mischung ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer sehr genauen Marktaufsicht. „Am besten bietet man etwas an, dass es vorher noch nicht gegeben hat“, weiß unsere Führerin. Der x-te Bäcker hat dagegen keine Chance.

Apropos: Ein Marktbäcker ist es auch, bei dem es den günstigsten Kaffee der Stadt gibt. Aber ich kann ja hier jetzt nicht alles verraten. Wer mehr wissen will, muss eine Führung buchen – am besten schnell! Denn die Zukunft des Marktes ist ungewiss. Weil die Standel nicht mehr den heutigen Hygienebestimmungen entsprechen, wird diskutiert, alles abzureißen und neu zu bauen. Das fände ich sehr schade. Klar, Sauberkeit ist wichtig, aber was ist schon ein bisschen Schmutz gegen Jahrhunderte alte Tradition?

Stille Wasser sind… grau

Woran man sich im Condé Nast Verlag gewöhnen muss: Die sind hier alle auf Diät, oder tun zumindest so. Die Speisekarte der Kantine besteht zu großen Teilen aus Salat, und das Stück Kuchen, das man zum Nachtisch bekommen kann, ist – ungelogen – gerade mal so groß wie eine Praline. In den Büros gibt es außerdem Evianwasser in 1,5-Liter-Flaschen umsonst, und davon habe ich gefühlt in den letzten Wochen so viele geleert, wie man für mein gesamtes Gehalt kaufen könnte. Jetzt fühle ich mich total „rein, ausgewogen und mineralisiert“, aber auch etwas grau.

Stilles Wasser zu trinken habe ich mir schon vor einiger Zeit angewöhnt. Ich trinke gerne, und von Wasser ohne Kohlensäure kann man einfach noch viel mehr trinken. Vor allem macht es nicht diese komischen Blubber im Bauch. Ich bin also ganz zufrieden mit meiner Entscheidung – solange sie keiner mitkriegt.

Denn wenn man im Restaurant oder auf einer Party „ein stilles Wasser, bitte!“ sagt, erntet man mitleidige Blicke. Als wäre das das minderwertigste Getränk von allen. „Still?“, fragt der Kellner noch mal nach, als müsste er jetzt erstmal in den Keller gehen um zu gucken, ob er so was überhaupt hat. Die Bezeichnung „Wasser ohne Kohlensäure“ ist leider nicht viel besser, im Gegenteil. Das klingt wie „den Salat, aber bitte OHNE Karotten“ – als wäre man allergisch oder gar krank.

Anscheinend ist das stille Wasser ein graue Maus-Getränk. Unscheinbar, langweilig, still eben. Dabei könnte man das auch ganz anders sehen: minimalistisch! Zeitlos! Immer verfügbar! Dafür bräuchte es nur mal eine etwas schickere Bezeichnung. Habt ihr Ideen? Zur Belohnung für die besten Vorschläge schmuggele ich gerne ein paar Flaschen Wasser (oder wahlweise ein Stück Kuchen) aus dem Verlag.

Eva, was machst du da eigentlich in München?

Wired!

Wired!

Keep Surfing

Keep Surfing
„Mit Angst hab ichs nicht so.‟

Also ich will ja jetzt Surfen lernen. Aber das will ich eigentlich immer, wenn ich gerade einen Surf-Film gesehen habe, sei es „Blue Crush‟ (Mädchenfilm), „Dogtown Boys‟ (Jungsfilm) oder auch bloß „Surfer Girls‟ (Disneyfilm).

Bei „Keep Surfing‟ ist das allerdings noch etwas anderes, denn das ist zum ersten Mal eine Dokumentation und die zeigt, dass man zum Surfen längst nicht an irgendeiner wellenumspülten Küste wohnen muss. Der Film erzählt Geschichten rund um den Münchner Eisbach, in dem es eine magische stehende Welle gibt, auf der seit Jahrzehnten gesurft wird. Und fast genauso lange hat der Regisseur Björn Richie Lob das gefilmt.

Dieses Thema ins Kino zu bekommen, stelle ich mir nicht leicht vor. Zum Einen, weil es ein absolutes Nischenthema ist, und zum anderen, weil sich dort das übliche Sportfilmproblem einstellt: dass ein und der selbe Sport für den Laien auf Dauer (96 Minuten) langweilig anzuschauen ist. Doch diese Herausforderung meistert „Keep Surfing‟ mit Bravour. Die Bilder sind wunderbar scharf und nah und abwechslungsreich. Es gibt atemberaubende Zeitlupen, in denen jeder Wassertropfen auf der Leinwand glitzert, ästhetische Draufsichten und nostalgische Super 8-Aufnahmen. Das wirkt, kombiniert mit einem ausgefeilten Sounddesign, wie die von den Surfern so gefürchteten Strudel, wie ein „Tornado unter Wasser‟: Ratzfatz saugt der Film einen auf und lässt bis zum Schluss nicht mehr los.

Es geht um dieses ganz bestimmte Lebensgefühl, um persönliche Schicksale, um Abenteuer – und dabei immer, immer um die Suche nach der perfekten Welle. Das führt zu so spektakulären Aufnahmen wie denen vom Jahrhunderthochwasser 2005, als die Surfer von den Münchner Brücken in die offene Isar sprangen, nur für ein paar Minuten Nervenkitzel – bis die Polizei sie wieder raus holte.

„Keep Surfing‟ ist ein Film von Surfern für Surfer. Als Insider konnte Lob ganz nah an seine Protagonisten herankommen und neben surfenden Kameramännern, Informatikern und Ärzten auch Meister des Wassersports aus der ganzen Welt gewinnen, die nur der einen Welle wegen zum berühmten Eisbach reisen. Dieser Insider-Blick hat den Nachteil, dass die Dramaturgie ein wenig durcheinander gerät. So erfährt der unwissende Zuschauer erst recht spät, dass die geheimnisvolle Eisbachwelle bloß dank einer nicht ganz legalen Konstruktion ganzjährig steht (und auch ganzjährig genutzt wird, wie zum Ende hin gezeigt wird).

Aber das tut der Stimmung keinen Abbruch, dieser ganz besonderen Surferstimmung. Entspannt und mit einem fröhlichen Grinsen verlässt man deshalb das Kino und schielt aus den Augenwinkeln schon auf den nächsten Fluss, auf der Suche nach der perfekten Welle.

Was ich nach weiteren 9 Wochen über München gelernt habe

  1. Die verstehen hier wirklich was von Weihnachten.
  2. Im Ludwig Beck gibt es die tollste Papeterie und bei Dallmayr die tollste “Food Hall”.
  3. Meyerbeer Coffee am Rindermarkt

  4. Die allerbesten, allergrößten, allerschokoladigsten Schokomuffins gibt es immer noch bei Meyerbeer Coffee am Rindermarkt.
  5. Die Münchner sind ein unheimlich stylisches Volk. Sie sind die besten, wenn es darum geht, die Moderegeln zu befolgen, aber richtigen Modemut haben sie keinen.
  6. Bahnfahren macht hier, selbst wenn es Probleme gibt, viel mehr Spaß. Oder zumindest viel weniger keinen Spaß. Wenn man mal minutenlang im düsteren Untergrund stehen bleibt, bekommt man zum Beispiel minütlich Infos über den aktuellen Stand: “Entschuldigung, in ein paar Minuten gehts weiter… Der Kollege vor uns hat ein Problem mit den Türen… Der Kollege muss jetzt den Zug räumen… Jetzt sinds nur noch ein paar Sekunden!”
  7. Es gibt hier keine Schokobrötchen, nur anders geformte Schokocroissants, die Schokobrötchen genannt werden, zusätzlich zu den normal geformten Schokocroissants. Wenn überhaupt.
  8. München ist vermutlich die einzige Stadt Deutschlands, in der sich die “Stillen Verkäufer” für Zeitungen rentieren.
  9. Es! heißt! nicht! Brezel!