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Tomte im Konzerthaus Dortmund am 25.9.

Thees Uhlmann ist eine harte Sau. Das denke ich jedes Mal, wenn ich ihn so auf die Bühne kommen sehe, und jedes Mal weiß ich spätestens zwei Lieder später: Er ist auch ein großer Poet. Einer, der sich wie ein Kind darüber freut, unplugged in einem Konzerthaus zu spielen, das noch dazu mitten in Dortmunds „subkultureller Fußgängerzone“ liegt, wie er es nennt.

Auf der Bühne trinkt Uhlmann Wasser, Bier und vor allem Wein quer durcheinander, mokiert sich darüber, dass er der einzige Rockstar sei, der eben dafür ausgelacht werde. Von den ganzen „Schlauis“ im Tomte-Publikum, die gegen die Band denken statt mit ihr. Wäre er ein Rapper, sagt er, er wäre der einzige auf der Welt, der sich selber disst.

Wenn man Thees Uhlmann so erzählen hört, zwischen den großartigen musikalischen Darbietungen seiner immer bunteren Band, dann wünscht man sich, dass er eine Kolumne schreiben würde, ein öffentliches Tagebuch, oder warum nicht gleich einen Roman. Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.

Und doch ist es ein anderes Bandmitglied, in das ich mich aufs Neue verliebt habe, das aus dem Schatten Uhlmanns charmante Pfeile ins Publikum schießt und es so für sich gewinnt: Simon Frontzeck. Als wir ihn vor gut einem Jahr zum ersten Mal mit Tomte sahen, war er noch aushilfsweise dabei, wenn ich mich recht erinnere. Sein breites Grinsen legte er das ganze Konzert über nicht ab. Der Typ war genau da angekommen, wo das Glück war, und schien es immer noch nicht fassen zu können. Das habe ich jemandem noch nie so deutlich angesehen.

Das Wunderbare ist: Dieses Grinsen hat er nicht verloren. Und das, obwohl er inzwischen als Mann für die Tasten festes Bandmitglied ist. Wobei man am „Mann“ jedes Mal wieder zweifeln möchte – weil er immer noch so aussieht, als hätte er gerade das Abi bestanden und wäre jetzt der Praktikant der Band. Kein Wunder also, dass Thees Uhlmann ihn „eine Mischung aus Harry Potter und Keanu Reeves“ nennt – und dafür einen Mittelfinger erntet.

Aber selbst das sieht noch süß aus von dem Jungen, der binnen eines Konzertes – und gern auch mal innerhalb eines Liedes – Flügel, Orgel, Melodica und Xylophon bedient. Wenn er die spielt, ist das so leidenschaftlich und so gut. Und dann dreht er sich um, legt die Füße auf die Monitorbox und schirmt mit der Hand die Augen ab, um das Publikum erkennen zu können. Da ist es um mich geschehen.

Trotzdem darf man und möchte ich nicht vergessen, dass Frontzeck nur einer von sechs Leuten ist, die diese Band so besonders machen. Alle zusammen fabrizieren sie eine Musik, die die inspirierendste und ehrlichste ist, die man in Deutschland hört. Warum also sollte man nicht ewig grinsen, wenn man bei so etwas mitmachen kann?

Und überhaupt: „Harry Potter kann zaubern, und Keanu Reeves ist in der MATRIX“ – was will man mehr?!

Trip to Asia

Trip to Asia

“Die Leute sagen immer, Musiker wären so egozentrisch. Aber was sollen wir auch sonst sein?”

Vor dem Betreten des Kinos bekommen wir dieses Mal ein Geschenk: Einen Glückskeks, dessen Botschaft wir im Dunkel des Vorführraums kaum lesen können. Erst Zuhause sehen wir, dass es sich bei dem Text nicht um ein beliebiges Konfuzius-Zitat handelt, sondern um eines aus „Trip to Asia“, der neuen Dokumentation von Thomas Grube. Er hat schon mit „Rhythm is it!“ große Erfolge gefeiert und nimmt sich nun der Berliner Philharmoniker an, die bei seiner vorangegangenen Produktion noch eine Art Nebenrolle spielten.

Nun hat er sie auf ihrer Asientournee begleitet. Grube und sein Team waren während der Konzerte dabei – vor und hinter der Bühne -, bei den Proben, den Vorbereitungen, sogar, wenn die Musiker einen freien Tag hatten. Die großartigen Bilder, die sie dabei sammelten, wechseln sich ab mit buchstäblichen Nahaufnahmen der Musiker.

In tiefgehenden Interviews erzeugt der Film bruchstückhafte Charakterisierungen von der Violinistin bis zum Trompeter, von der Piccoloflötistin, die mitten in der Probezeit steckt, bis hin zum Cellisten, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Sie alle sprechen sehr persönlich, sehr ehrlich über den Druck und das Glück, in dem weltberühmten Orchester zu spielen. Dabei wird klar, dass diese Tätigkeit auch eine ständige Reflexion bedeutet, ein Nachsinnen über die Essenz dieses Berufs und dieses großen Kollektivs.

Viele der Aussagen lassen sich aus dem musikalisch-künstlerischen Zusammenhang in das eigene Leben übertragen. Sie regen so sehr zum Nachdenken an, dass ich mir nach zwei Dritteln leise wünschte, ich könnte eine kleine Pause haben, um alles zu verarbeiten. Auf der anderen Seite aber hielt es mich in meinem Sitz, da der Film neben der großartigen Wortebene noch andere Qualitäten hat.

Man mag an Dokumentationen grundsätzlich viele Ansprüche stellen dürfen. Bei einem solchen Film ist der Ton allerdings so wichtig wie bei keinem sonst. Dennoch beschränkt man sich im Vorfeld auf hohe Erwartungen an den Ton der dargebotenen Stücke. Dabei handelt es sich in „Trip to Asia“ übrigens um Werke von Beethoven, Strauß und des zeitgenössischen Komponisten Thomas Adés. Deren Qualität ist makellos, ganz wunderbar – was aber die Arbeit der Tonleute und Sounddesigner so hervorstechen lässt, sind die Klangcollagen, die auf einmalige Weise den Gegensatz zwischen dem gesitteten, ruhigen, westlichen Orchester und der hektischen asiatischen Welt einfangen. Dazu kommen wunderbare Schnipsel, die während der Proben aufgenommen wurden. Hier hatte man jeden Musiker mit einem Mikrofon ausgestattet, die es im Nachhinein ermöglichten, einzelne hervorzuheben. Dieses „Belauschen“ ist eine herrliche Innovation („Dieser Stuhl ist viel zu klein… Das ist doch wirklich ein Scheißstuhl!“).

Nicht zu vergessen natürlich die Bilder, die stets entweder das asiatische Treiben neutral beobachten oder als symbolische Schnittbilder verwendet werden, welche die tolle Dramaturgie des Films unterstützen. Alle Übergänge und überhaupt die Gliederung sind sehr gelungen und lassen den Zuschauer und –hörer nur so durch die 112 Minuten gleiten.

Am Schluss steht dabei weniger ein Reisebericht als ein Versuch, die Faszination Orchester in ein kleines Stück Kinogeschichte zu fassen. „Trip to Asia“ ist eine Dokumentation, die ohne Kommentator auskommt, ohne Einführung oder Beipackzettel – weil jeder einzelne Ausspruch darin einen Zettel in einem Glückskeks wert ist.

Susanne spielt Nasenflöte

Susanne aus meiner Stepptanzgruppe ist schon ziemlich erwachsen, von außen zumindest, sie hat sogar zwei Kinder, und die wird sie wohl niemals niemals zwingen, zur Musikschule zu gehen. Als Kind musste Susanne nämlich Blockflöte lernen, ausgerechnet. Ihre Mutter war sehr streng, was die Blockflöte anbelangt, Susanne musste üben, üben, üben und natürlich auch immer zum Unterricht gehen. Ich glaube, sie war ziemlich unterfordert mit ihrem Instrument. Deshalb machte sie in all der Übungszeit auf ihrem Zimmer gewisse Experimente.

Dann kam es so, dass ein Musikschulkonzert stattfand, bei dem Susannes Blockflötengruppe vor allen Eltern spielen musste. Natürlich war auch Susannes Mutter da und die guckte die ganze Zeit ganz streng darauf, dass Susanne auch alles richtig spielte. Dann kam das eine Lied. Die unterforderte Susanne benutzte statt dem Mund nun die Nase. Sie spielte das ganze Lied, ganz perfekt, ohne einen falschen Ton. Mit der Nase. Das hatte sie sehr intensiv geübt und sie war entsprechend stolz darauf.

Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter. Entsetzt starrte die ihre Tochter an und strich wütend mit dem Zeigefinger an ihrer Kehle entlang – Kopf ab.

Den Kopf hat Susanne noch, aber es gab ordentlich Ärger. Dafür kann sie jetzt Nasenflöte spielen, auf eine Art, die nur sie ihren Kindern beibringen kann. Dann könnten Sie ja mal ein Konzert für die Oma geben.

Mit geschlossenen Augen zu singen ist sehr ehrlich

I just want back in Your Head!

Ein wunderbares Indie-Rock-Konzert fand am Samstag, dem 25. August, im Kölner Stadtgarten statt. Das sahen mehrere hundert Fans der kanadischen Band Tegan and Sara voraus, die so eifrig Karten kauften, dass die Veranstaltung wenige Wochen vorher sogar in größere Räumlichkeiten verlegt werden musste. Und sicher ist: Damit hat man nichts falsch gemacht.

Tegan and Sara, das sind eineiige (!) Zwillingsschwestern aus Kanada, 1980 geboren, die sich als Kinder nach eigener Aussage überhaupt nicht verstanden. Erst als sie später in ganz unterschiedliche Teile ihres Heimatlandes zogen, wandelte sich ihre Beziehung. Jetzt sind die zwei eine Band, die mit vielen Gitarren und stets zweistimmig bald ihre fünfte Platte präsentiert.

Erste Stücke aus „The Con“ gab es im Stadtgarten bereits zu hören. „Obwohl es hier noch nicht erschienen ist“, vermutete Tegan, „werdet ihr wohl schon einige Lieder kennen. Unsere Plattenfirma möchte davon nichts wissen, aber WIR wissen sehr wohl, dass es dieses magische Ding namens Internet gibt.“ Und tatsächlich: Schon bei den ersten Takten ihrer neuen Single beginnt das Publikum zu jubeln.

Die beiden jungen Frauen, die mit ihren schrägen Frisuren und tätowierten Armen so wild scheinen, stellen sich schnell als sehr charmant heraus. Gern erzählen sie zwischendurch lustige Geschichten – und auch mal weniger lustige. So beschreibt Sara, wie depressiv sie war, als sie den Song „Monday Monday Monday“ schrieb. Davon ist an diesem Abend aber rein gar nichts mehr zu spüren. Mit drei Männern an Bass, Gitarre und Schlagzeug im Rücken amüsieren die zwei ihr Publikum mit Liedern über komplizierte Beziehungen, mit ihrem herrlich feinen Humor und tollen Stimmen.

Tegan and Sara mögen Deutschland, weil hier „jeder so guckt, als würde er dich verstehen, auch, wenn er es gar nicht tut“, und obwohl alles so teuer ist. Deshalb kommen sie wieder: Im Februar schon. Und wer das sehen will, sollte es im Kalender festhalten und rechtzeitig Karten kaufen – sonst ist bestimmt wieder ganz schnell ausverkauft.

Borkener Zeitung

Konzert ist nicht gleich Konzert

Wir gehen auf ein Konzert. Wir gehen in ein Konzert.
Laut. Leise.
Dunkel. Hell.
Die Band hat drei bis sieben Mitglieder. Die Band hat mindestens 20 Mitglieder und alles doppelt.
Man kommt im Fan-T-Shirt. Man kommt schick.
Wir schreien, jubeln und singen mit. Wehe, wir husten!
Ein Stück dauert 5 Minuten. Ein Stück dauert 15 Minuten. Mindestens.
Wir gehen in die Köln Arena. Wir gehen in die Kölner Philharmonie.
Die Band spielt auswendig. Die Band spielt vom Blatt.
Am Schluss ruft die Band „Dankeschön“ und das Publikum bekommt zig Zugaben. Am Schluss verbeugen sich alle und das Publikum applaudiert ewig und bekommt eine kleine Zugabe.

Wir waren in der Philharmonie um ein russisches Orchester zu hören, das Mendelssohn Bartholdy spielte. Es war ganz toll. Und überraschend. Von der Musik, die wir im Unterricht gehört hatten oder die manchmal zu Hause ertönt, war ich es gewöhnt, dass klassische Musik mich völlig umwummert, das sie überall ist, so laut, betörend, durch meine Ohren bis tief in mich rein. Aber dann war es ganz leise, zierlich leise, auch an den lautesten Stellen.

In der Mitte standen zwei Flügel, so ineinander geschoben, wie es ihre Form geradezu verlangt, und zum zweiten Stück betraten eine Pianistin und ein Pianist die Bühne, um ein großes Klavierkonzert zu spielen. Wir saßen der Pianistin gegenüber und konnten genau ihre herrliche Gestik und Mimik beobachten. Ich mag, wenn jemand so musiziert, weil man dann merkt, dass er das Stück sehr für sich interpretiert hat. Der Höhepunkt waren die Zugaben, die die beiden gaben. So viel wurde applaudiert, dass sie noch drei Mal wieder kamen und kleine Stücke spielten. So unerwartet fröhlich und leichtfüßig, dass es mich umwarf. Sie hörten genau in dem Moment auf, in dem die Gefühle womöglich mit mir durchgegangen wären, und so blieben die Erfüllung und der Abdruck meiner Zähne in den rechten Fingern und das Bild meines Lehrers, der auf der anderen Seite saß und mit glänzenden Augen grinsend dem Pianisten ins Gesicht schaute.

Ich mochte, wie die Bläser zwischendurch ihre Hörner leerten und wie in den kurzen Pausen tausend Menschen gleichzeitig husteten (die anderen tausend räusperten sich nur). Es war lustig, dass hinter den drei Männern mit den Kontrabässen drei Chinesen saßen. Und es war schön, als alle anderen mitten in der Nacht noch zu dieser schrecklichen Fast Food-Kette pilgerten und wir uns heimlich einen Burrito kauften, um uns dann vor den Burgerscheiben glücklich damit in der Nacht zu wiegen.