Alle Einträge mit dem Tag Kino

Die Eleganz der Madame Michel

Die Eleganz der Madame Michel
„Nie die Katze heraus lassen. Nie die Concierge hineinlassen.‟

„Die Eleganz des Igels‟ ist ein wunderbares Buch von der französischen Autorin Muriel Barbery, das 2007 in Frankreich erschien und kurz drauf auch bei uns zum Bestseller wurde. Und wie das so ist mit international erfolgreichen französischen Büchern: Eine Verfilmung lässt nicht lange auf sich warten. Im Kino ist es also statt des Igels „Die Eleganz der Madame Michel‟.

René Michel arbeitet als Concierge in einem schicken Pariser Wohnhaus und entspricht – nach eigenen Worten – voll und ganz dem Klischee: „Ich bin Witwe, ziemlich klein, hässlich und mollig.‟ Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Fassade aber noch eine ganze andere, elegante und belesene Madame Michel.

Das entdeckt zu allererst Paloma, eine junge Bewohnerin des Hauses, die das Leben der Reichen schon mit elf Jahren satt hat und deshalb beschließt, sich an ihrem nächsten Geburtstag umzubringen. Bis dahin bleibt allerdings noch ein bisschen Zeit, die sie sich mit einem persönlichen Videotagebuch vertreibt. Sie dokumentiert die Depression ihrer Mutter, die Zickereien ihrer Schwester und den Einzug des neuen Hausbewohners, Monsieur Ozu. Der Japaner spürt ebenfalls, dass Madame Michel mehr ist als bloß die „verwilderte‟ Concierge und stellt ihr Leben mit einer Einladung zum Essen auf den Kopf.

Schon bei der Buchvorlage habe ich bedauert, dass Monsieur Ozu im Gegensatz zu Paloma und Madame Michel eine eindimensionale Figur bleibt. Im Film wird diese Nebenrolle, die eigentlich eine Hauptrolle sein sollte, von Togo Igawa allerdings hervorragend ausgefüllt. Genauso gut hat mir Garance Le Guillermic gefallen, die als Paloma aussieht wie eine Zeichnung von Cornelia Funke: schlaksig, mit riesigen Wuschelhaaren, Brille und immerzu in Ringelpullis.

Der Film braucht einen ziemlich langen Anlauf, ehe er seine typisch französische Poesie entfaltet. Darin erinnert „Die Eleganz der Madame Michel‟ übrigens sehr an eine andere Bestseller-Verfilmung – „Zusammen ist man weniger allein‟. Genau wie damals gilt auch hier wieder: Der Film ist zwar ganz nett, aber das Buch ist um Längen besser. Lesen! (Zum Beispiel im Rahmen des virtuellen Lesezirkels von Marcel…)

Keep Surfing

Keep Surfing
„Mit Angst hab ichs nicht so.‟

Also ich will ja jetzt Surfen lernen. Aber das will ich eigentlich immer, wenn ich gerade einen Surf-Film gesehen habe, sei es „Blue Crush‟ (Mädchenfilm), „Dogtown Boys‟ (Jungsfilm) oder auch bloß „Surfer Girls‟ (Disneyfilm).

Bei „Keep Surfing‟ ist das allerdings noch etwas anderes, denn das ist zum ersten Mal eine Dokumentation und die zeigt, dass man zum Surfen längst nicht an irgendeiner wellenumspülten Küste wohnen muss. Der Film erzählt Geschichten rund um den Münchner Eisbach, in dem es eine magische stehende Welle gibt, auf der seit Jahrzehnten gesurft wird. Und fast genauso lange hat der Regisseur Björn Richie Lob das gefilmt.

Dieses Thema ins Kino zu bekommen, stelle ich mir nicht leicht vor. Zum Einen, weil es ein absolutes Nischenthema ist, und zum anderen, weil sich dort das übliche Sportfilmproblem einstellt: dass ein und der selbe Sport für den Laien auf Dauer (96 Minuten) langweilig anzuschauen ist. Doch diese Herausforderung meistert „Keep Surfing‟ mit Bravour. Die Bilder sind wunderbar scharf und nah und abwechslungsreich. Es gibt atemberaubende Zeitlupen, in denen jeder Wassertropfen auf der Leinwand glitzert, ästhetische Draufsichten und nostalgische Super 8-Aufnahmen. Das wirkt, kombiniert mit einem ausgefeilten Sounddesign, wie die von den Surfern so gefürchteten Strudel, wie ein „Tornado unter Wasser‟: Ratzfatz saugt der Film einen auf und lässt bis zum Schluss nicht mehr los.

Es geht um dieses ganz bestimmte Lebensgefühl, um persönliche Schicksale, um Abenteuer – und dabei immer, immer um die Suche nach der perfekten Welle. Das führt zu so spektakulären Aufnahmen wie denen vom Jahrhunderthochwasser 2005, als die Surfer von den Münchner Brücken in die offene Isar sprangen, nur für ein paar Minuten Nervenkitzel – bis die Polizei sie wieder raus holte.

„Keep Surfing‟ ist ein Film von Surfern für Surfer. Als Insider konnte Lob ganz nah an seine Protagonisten herankommen und neben surfenden Kameramännern, Informatikern und Ärzten auch Meister des Wassersports aus der ganzen Welt gewinnen, die nur der einen Welle wegen zum berühmten Eisbach reisen. Dieser Insider-Blick hat den Nachteil, dass die Dramaturgie ein wenig durcheinander gerät. So erfährt der unwissende Zuschauer erst recht spät, dass die geheimnisvolle Eisbachwelle bloß dank einer nicht ganz legalen Konstruktion ganzjährig steht (und auch ganzjährig genutzt wird, wie zum Ende hin gezeigt wird).

Aber das tut der Stimmung keinen Abbruch, dieser ganz besonderen Surferstimmung. Entspannt und mit einem fröhlichen Grinsen verlässt man deshalb das Kino und schielt aus den Augenwinkeln schon auf den nächsten Fluss, auf der Suche nach der perfekten Welle.

Chloe


„I guess I’ve always been good with words.‟

„„Chloe‟ kommt wie ein billiges Klischee daher.‟ intro

„Trotzdem geht bei [Atom Egoyan] der Erotik-Thriller aus denselben Gründen an sich selbst zu Grunde wie bei jedem dahergelaufenen Stümper auch.‟ Frankfurter Rundschau

„Dass die wahre Beschaffenheit dieses unglückseligen „Dreiers‟ für den aufmerksamen Zuhörer viel zu früh enthüllt wird, führt leider früh zu Ernüchterung.‟ film-dienst

„Vergessen wir das schrecklich banale, auch noch das letzte Geheimnis auflösende und dem Regisseur unwürdige Ende, das klar macht, dass der Meister hier doch nicht ganz auf eigene Rechnung gearbeitet hat.‟ Berliner Zeitung

„Leider setzt auch Atom Egoyan, von „Exotica“ bis „Felicia’s Journey“ ein Star-Autorenfilmer der 90er Jahre, immer mehr aufs Bordkino.‟ Tagesspiegel

„Diesmal aber knallt [Egoyan] sein Blatt auf den Tisch, als wollte er sich den Weg in den Mainstream notfalls mit nackter Gewalt bahnen.‟ FAZ

„Verführerisch inszeniert, aber letztlich abstrus.‟ Die Welt

Also ich finde „Chloe‟ ja gut. Der Film ist ein bisschen wie „Elegy‟, ein bisschen wie „Wahnsinnig verliebt‟ mit Audrey Tatou und in seinem Purismus sogar – und ich hätte nie gedacht, dass ich das so schnell sagen würde – ein winzig kleines bisschen wie „A Single Man‟. Aber das könnte auch schlicht an Julianne Moore liegen, von der ich seit diesen beiden Rollen ein völlig anderes Bild habe. Von Amanda Seyfried übrigens auch! Die spielt jetzt die manische Lolita – ein Part, der vor fünf Jahren noch Scarlett Johansson sicher gewesen wäre.

So viel ganz spontan dazu. Was meint ihr?

A Single Man


“If the minority is somehow invisible, the fear is just greater.”

Das Besondere an Tom Fords „A Single Man‟ ist, dass dieser Film wahre Kunst ist, und wahre Kunst ist selten geworden im Kino. Und auch wenn Kunst nicht immer schön anzusehen sein muss – diese ist es. Die Musik ist schön, die Settings sind schön, die Kostüme sind schön, die Darsteller sind wunderschön, die Bilder sind kaum zu beschreiben.

Tatsächlich könnte man „A Single Man‟ in jeder einzelnen Sekunde anhalten, das Standbild auf eine Leinwand ziehen und direkt als Tom-Ford-Anzeigenmotiv verwenden. Der war schließlich schon Chefdesigner bei Gucci und YSL, ehe er 2003 sein eigenes Label gründete. Keine Frage also, dass Colin Firth in der bisher außergewöhnlichsten Rolle seiner Karriere ausschließlich Ford-Anzüge trägt. Viel spannender ist aber, was der Regisseur außerdem aus seinem Hauptdarsteller gemacht hat. Denn Firth war nach Filmen wie „Stolz und Vorurteil‟, „Ernst sein ist alles‟ oder auch „Bridget Jones‟ in erster Linie auf den steifen Briten abonniert, der seine tadellosen Manieren und Moralvorstellungen kaum auch nur für einen Moment vernachlässigt.

Jetzt sehen wir ihn auf einmal trinkend und rauchend und mit einer unbeachtet in die Stirn fallenden Schmalzlocke, wie er am Tod seines langjährigen Lebensgefährten zu Grunde geht. Ford blickt hinter die Fassade von Colin alias George, den nichts mehr im Leben hält – nicht sein Beruf als Professor, der längst nur noch Routine ist, nicht die Studenten, die ihn verehren, nicht die alte Freundin (eine wunderbar fatale Julianne Moore!), die ihn liebt.

Und das alles in dieser nie zuvor gesehenen, unheimlich dichten Ästhetik, die den filmischen Stil der 60er Jahre hervorragend imitiert und durch besondere Perspektiven und eine mutige Lichtgestaltung ergänzt. So sieht der Zuschauer manches von oben, was jeder andere Kameramann frontal oder seitlich gefilmt hätte, und durchlebt gemeinsam mit dem Protagonisten den fortwährenden Wechsel zwischen – buchstäblich – grauen und goldenen Zeiten.

Die hervorragende Musik trägt dazu bei, dass man diesen Film wohl auch ganz ohne Worte verstehen könnte. Die vergleichsweise wenigen, die da gesprochen werden, sind allerdings so präzise formuliert, dass man sie auf keinen Fall missen will.

Ach, sowieso: Den ganzen Film will man nicht mehr missen, wenn man ihn einmal gesehen hat. Man erwischt sich dann kurz bei dem dummen Gedanken, dass alle Filme so sein sollten wie dieser, um sich im nächsten Moment zu wünschen, dass es bloß nie einer schaffen möge. Deswegen habe ich auch ein bisschen Angst davor, was passiert, wenn Tom Ford nach diesem Riesenerfolg statt neuer Anzüge einen weiteren Film macht.

Solange warte ich darauf, dass endlich die DVD erscheint, und hänge sie mir dann vielleicht in einem Rahmen an die Wand. Wie es sich für wahre Kunst eben gehört.

An Education

“Vermutlich bin ich für Sie eine gefallene Frau.” – “Du bist keine Frau.”

Seit Tagen läuft bei mir nichts anderes mehr als der wunderbare Soundtrack zu “An Education”. Er holt die schönen Pastellfarben, den funkelnden Schmuck, all den Glamour zurück, nach dem die Hauptdarstellerin sich im Film so sehnt – und den sie für kurze Zeit auch bekommt.

Es ist Anfang der 60er Jahre. Die 16jährige Jenny (Carey Mulligan) und ihre Eltern leben einzig und allein für das Ziel, dass sie eines Tages ein Studium in Oxford beginnen kann. Jenny spielt Cello, nur um im Bewerbungsgespräch ein Hobby angeben zu können, muss immer pünktlich um zehn ins Bett und bekommt zum Geburtstag – autsch – ein neues Lateinwörterbuch. Wenn sie der strengen Aufsicht ihres Vaters einmal entrinnen kann, raucht sie filterlose Zigaretten und hört französische Musik. Frankreich, das ist ihr großer Traum, er steht für Freiheit, Genuss, Lebensfreude und ist doch viel zu weit weg von den nass-grauen Londoner Vororten. Bis David auftaucht.

Der charmante Mann mit dem schicken Auto (Peter Sarsgaard) ist locker doppelt so alt wie sie, aber er interessiert sich für Kunst, für Musik, für Frankreich! Um Jenny ist es geschehen. Und zu ihrer Überraschung (und der des Publikums) auch um ihre Eltern: Mit seinen übertriebenen Komplimenten (“Du hast mir nicht gesagt, dass du eine Schwester hast, Jenny!”) und wüsten Geschichten überredet er sie immer wieder, Jenny “entführen” zu dürfen – in verruchte Bars, auf eine Hunderennbahn und schließlich nach Paris. Es ist die glitzernde Welt ihrer Träume, und erst spät erkennt Jenny, dass in dieser Welt nicht alles so ist, wie es scheint.

Das Drehbuch zu “An Education” hat “High Fidelity”-Autor Nick Hornby verfasst. Es basiert auf einem autobiografischen Artikel der Journalistin Lynn Barber. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass das Ende des Films eher seicht ausfällt. Als Zuschauer fragt man sich da wieder einmal, wie Filmemacher mit real-life-Vorlagen umgehen sollten: Ist es besser, wenn sie nah an der Vorlage bleiben und damit ein allzu erwartbares Ende in Kauf nehmen, oder sollten sie, ganz Quentin-Tarantino-mäßig, ruhig mal die Geschichte verdrehen und sie schön dramatisch machen?

Das ist auch schon alles, was ich an diesem Film kritisieren kann, und längst kein Hindernis, ihn mir bald noch ein zweites und drittes Mal anzuschauen. Die Musik, die Ausstattung und erst recht die Schauspieler sind einfach zu gut! Alfred Molina als strenger, ur-moralischer Vater hat hier eine ganz ähnliche Rolle wie in “Chocolat”. Und dass man die grandiose Rosamund Pike nicht öfter sieht, kann nur an ihrer makellosen Schönheit liegen, mit der sie bereits Keira Knightley in “Stolz und Vorurteil” zumindest streckenweise die Show stahl.

Dann ist da natürlich Carey Mulligan, die absolut zurecht schon jede Menge Preise für ihre Hauptrolle bekommen hat. Und auch, wenn sie den Oscar dieses Jahr vielleicht noch an Gabourey Sidibe (“Precious”) abtreten muss, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie selbst einen bekommt. Schade bloß, dass Peter Sarsgaard bei all dem Rummel um die junge Kollegin in den Schatten gerät – etwas, das ihm irgendwie ständig passiert, obwohl er ein so guter Schauspieler ist.

Jedenfalls: Wer Lust hat auf eine Mischung aus “Mona Lisas Lächeln” und dem “Miss Dior Cherie”-Spot von Sofia Coppola, sollte diesen Film nicht verpassen.