Sorry, Mama, aber nach ein paar Tagen bei euch fängt meine Nase an zu jucken. Da ist ein Kribbeln, das stärker wird, und schließlich vergeht keine Nacht, ohne dass ich von meinem eigenen Niesen aufwache.
Eigentlich freue ich mich jedes Jahr schon Wochen vorher darauf, euch an Weihnachten zu besuchen. “Zuhausezuhause” nenne ich das, denn “Zuhause” ist ja jetzt meine eigene Wohnung. Ich freue mich auf das festlich geschmückte Haus, auf deine kitschig-schönen Weihnachts-CDs und auf Papas ständige Beschwerden darüber.
Doch nach kurzer Zeit beginnt die Juckerei. Das passiert ziemlich genau dann, wenn ihr aufhört, mich wie einen Gast zu behandeln, und wir alle zurück in alte Rollen fallen. Ich sehe dann zu viel fern, nasche dir deine Lakritze weg und streite mich mit meiner Schwester über Nichtigkeiten. Ihr lasst mich zum Badputzen oder Schneeschippen antreten und regt euch auf, weil ich morgens lieber im Bett liege, statt mit euch zu frühstücken. Und schon bin ich allergisch gegen Zuhausezuhause!
Am Ende freue ich mich sogar ein wenig, wieder in meine Wohnung zu kommen, und ihr freut euch wohl auch ein bisschen, dass ich fahre. Ein schlechtes Gewissen müssen wir deshalb nicht haben. Manchmal ist Telefonieren ja auch ganz schön.
ZEIT Campus, Januar/Februar 2012



Kommentiert
anna*: tolle reihe, echt spannend!
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse