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MonsterMörderPunk

Da das Lesen von Büchern zum Ende des letzten Schuljahres hin ziemlich kurz kam, nahm ich mir folgendes vor: Jeder Woche deiner Ferien, Eva, widmest du ein Buch. Und voila! Hier sind die ersten drei Wochen.

Ferienbücher, 1. Teil

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.
Für Patrick Süßkinds „Parfüm“ wurde es jetzt einfach mal Zeit, wo momentan jeder davon schwärmt und noch dazu bald die – allem Anschein nach hochkarätige – Verfilmung in die Kinos kommt. Auf diese bin ich nun auch sehr gespannt, da viele Szenen und Umstände als nur sehr kompliziert verfilmbar anmuten. Die Geschichte spielt im stinkenden Frankreich des 18. Jahrhunderts. Es geht um Grenouille, einen armen und hässlichen Jungen mit der besten Nase der Welt, der später zu einem grausamen Mörder wird. Den Inhalt umfassender zu beschreiben, würde den Platz sprengen, den ich mir hier vorgeschrieben habe. Stattdessen muss ich erwähnen, dass die Idee dieses Buches unglaublich ist und brillant, und dass sie von einem Mann umgesetzt wurde, der sein Handwerk wirklich versteht. Für dieses Buch wurde sehr gut recherchiert, sehr gut fantasiert und sehr, sehr gut formuliert. Statt einer Zuneigung für den Protagonisten werden Gefühle heraufbeschworen, die von Unverständnis und Staunen über Verzweiflung bis hin zu Angst reichen. Am Schluss bleibt diese merkwürdig-makabere Mischung aus Schadenfreude, Zufriedenheit und Grauen. Und eine Gänsehaut.

Das Monster war zurückgekehrt.
„Rückkehr nach River’s End“ von Nora Roberts lag etwa zwei Jahrelang irgendwo unten in dem Bücherstapel neben meinem Bett und ich konnte mich einfach nicht aufraffen es zu lesen. Es war ein Geburtstagsgeschenk meiner Tante, das mich aber so gar nicht ansprach. Als ich es jetzt herauskramte, wurde es zu einem Erlebnis, von dem ich mir wünschte, dass mich die Figuren und diese Welt noch viel länger als 470 Seiten begleiten würden. Es geht um Livyy, Tochter eines Schauspielerpaares, die im Alter von vier Jahren den Mord an ihrer Mutter beobachtet. Ihr Vater landet als der Mörder im Gefängnis, und nach mehreren Zeitsprüngen wird das, was als Psycho-Thriller angefangen hat, zu einer fast idyllischen Liebesgeschichte. Der Sohn des damals zuständigen Cops, Noah, verliebt sich in die inzwischen 24jährige Livyy. Sie ist wie unter einer Glasglocke bei ihren Großeltern aufgewachsen, die ein Gästehaus in einem Naturschutzgebiet betreiben. Als Noah ein Buch über den grausamen Mord schreiben will, begegnet sie ihm wieder – und nicht viel später auch ihrem grausamen Vater. Abwechselnd spannend und gemütlich, mit ausgeprägten Charakteren, wurde mir dieses Buch höchstens mal ein bisschen zu porno, im letzten Drittel. Ansonsten aber ziemlich gut und das vor allem ziemlich unerwartet, weil Nora Roberts mit inzwischen über 100 Romanen nun mal doch eine von diesen amerikanischen Fließbandautorinnen ist. Aber vielleicht ist meine Begeisterung auch einfach damit zu begründen, dass ich lange keine intensive Geschichte mehr gelesen hatte.

Es ist der beste Job in ganz England und ich werde ihn nicht kriegen.
„Ballroom Blitz“, benannt nach dem gleichnamigen Song von The Sweet, unterscheidet sich, grob gesehen, in lediglich drei Punkten von Nick Hornbys „High Fidelity“: Wir befinden uns noch zwanzig weitere Jahre vorher, gegen Ende der Siebziger, die Hauptperson ist weiblich, und sie arbeitet statt in einem Plattenladen in der Redaktion eines Musikmagazins. Auch sie hat einen Ex-Freund, der einfach nichts von Musik versteht und mit dem zu Beginn des Buches Schluss ist. Daraufhin zieht Linda nach London um dort als Musikjournalistin mit schrulligen Kollegen und in schrulligen Klamotten Kreuzworträtsel zu basteln und sich in einen beziehungsscheuen (und natürlich völlig durchgeknallten) Fotografen zu vergucken. Das alles und noch viel mehr auf gut 380 Seiten, diese natürlich durchzogen von Song- und Bandlisten, wie man es von Hornby kennt. Nur hat Autorin Jessica Adams bisher nicht den Fehler gemacht, ihre vielleicht beachtenswerte Bibliographie mit einem Buch namens „31 Songs“ anreichern zu wollen, das ausschließlich von Liedern handelt, die ihr Leben verändert haben. Verfilmen lassen könnte sie „Ballroom Blitz“ aber trotzdem gern. Damit ich mir endlich eine Vorstellung von diesen Frisuren machen kann.

Mehrere Gedanken über das Lesen von Büchern

Gegen Ende eines Schuljahres wird der Alltag so stressig, dass für nichts mehr Zeit zu bleiben scheint. Ist auf einmal doch welche da, verbringt man sie damit, herumzuliegen und zu sinnieren, einfach kurz zur Ruhe zu kommen. In solchen Momenten, solchen halben Stunden, wäre ich in meinen letzten letzten Schulwochen gern ab und zu in eine andere Welt geschlüpft und hätte den ganzen nervtötenden Rest hinter mir gelassen. Und womit ginge das besser, als mit einem Buch? Was das Lesen von Büchern anbelangt, bin ich aber, wie wohl jeder Leser, eigen. Und habe meine Macken.

Macke Nummer 1 ist, dass ich einen freien Kopf brauche, um ein neues Buch zu beginnen. Ich muss es ein paar Tage lang verlockend auf dem Stapel neben meinem Bett liegen sehen, reizend durch ein tolles Bild, durch Titel oder Autor, durch Klappentext, durch die schönen Buchstaben innen drin. Während es dort liegt, während dieser Vorfreude, versuche ich Platz zu schaffen dafür in meinem Kopf, eine Art umzäunten Bereich. Bis ich es irgendwann nicht mehr aushalte und unbedingt seine Geschichte, seine Personen, sein Innenleben entdecken muss.

Dann warte ich auf einen guten Moment. Einmal mitten drin in einem Buch, kann ich überall lesen und zu jedem Zeitpunkt: Morgens beim Frühstück, beim Föhnen, beim Zähneputzen, in Werbepausen, im Schulbus (wenn es draußen dunkel ist) oder Zug, vor, nach, beim Essen, in Warteschlangen. Um aber eine Geschichte zu beginnen, braucht es mindestens eine halbe Stunde Zeit, natürliche Stille und eine gewisse Gemütlichkeit. Diese nehme ich mir abends, vor dem Schlafengehen, oder an einem freien Nachmittag.

Zu solchen Zeiten kann ich neue Menschen kennen lernen, mich mit fremden Regeln anfreunden, in Gedanken andere Welten aufbauen. Das alles packe ich in seinem ständigen Umbauzustand in meinen eingezäunten Kopfbereich, den ich in der Lesephase so häufig wie möglich besuche. Zwei Bücher gleichzeitig zu lesen käme allein deshalb nie in Frage. Das Buch begleitet mich überall hin. Es ist in der Schultasche und im Rucksack, wenn ich in die Stadt muss, ich trage es im ganzen Haus mit mir herum, wenn ich bloß schnell etwas zu trinken holen möchte. Schließlich kann man überall schnell hineinschauen, vielleicht läuft einem gerade im nächsten Moment, unten vor dem Kühlschrank, die Zeit für ein weiteres Kapitel über den Weg.

Das ist eine weitere Macke: In Blöcken lesen. Am liebsten und fast immer einen ganzen Teil, ein ganzes Kapitel. Kommt nach der kleinen Pause der Lehrer in die Klasse, dann doch mindestens noch bis zum nächsten Absatz. Erst danach kann ich ein Foto zwischen die Seiten legen und das Buch selbst zur Seite, und auf den nächsten, passenden Moment warten.

(Inspiration zu diesem Text war Kathis aktueller Eintrag.)

ein buch

ein buch
das ist etwas wundervolles, zauberhaftes
du kannst darin versinken
du kannst es überfliegen
du kannst
lachen
weinen
den atem anhalten
mitfühlen
die seiten zerknicken
den einband anmalen
die rechtschreibung berichtigen
dich über den text ärgern
oder freuen
du kannst dein buch
nicht mehr loslassen, ehe du es fertig gelesen hast
verfluchen, wenn es ein schulbuch ist
zur seite legen und darüber nachdenken
wegwerfen, aber nur wenn es ganz furchtbar schlimm ist.
und anschließend schreibst du einen brief an den autor.

Wieder vom Dach zu steigen

“Deswegen ist Silvester ja so ein beliebter Abend für Selbstmorde.” “Wann ist der nächste?” fragte Jess. “31. Dezember”, sagte Martin. “Ja, ja. Sehr witzig. Der nächstbeliebte Termin?” “Das wäre dann Valentinstag”, sagte Martin. “Das wäre in … sechs Wochen? Warten wir doch noch sechs Wochen. Wie wär’s? Wahrscheinlich geht’s uns am Valentinstag allen absolut beschissen.” Wir starrten alle in die schöne Aussicht. Sechs Wochen – das klang gut. Sechs Wochen waren nicht allzu lang. Das Leben konnte in sechs Wochen schon ganz anders aussehen – es sei denn, man muss sich um ein schwerbehindertes Kind kümmern. Oder die eigene Karriere liegt in Scherben. Oder man ist der Trottel der Nation. “Weißt du, wie es dir in sechs Wochen gehen wird?” fragte mich Maureen. Ach ja, natürlich – oder man hat eine tödliche Krankheit. Dann sähe das Leben auch nicht sehr viel anders aus.

Nick Hornby, “A long way down”

Frauenheld – Jude – Genie

2005 ist das Einsteinjahr. Ein guter Grund, das Buch „Abenteuer des Denkens“ von David Chotjewitz zu lesen. Dieser Roman erzählt spannend und vielseitig vom Leben des weltberühmten Physikers und Querdenkers und richtet sich dabei besonders an Jugendliche. Er führt sie heran an Einstein als Frauenheld, als Juden, als Musiker und nicht zuletzt als großes Genie.Der Leser nimmt auf 350 Seiten Teil am jojoartigen Auf und Ab in dessen Leben. Zwischendurch werden fast unbemerkt die einstein’schen Theorien erklärt. Endlich ist einmal halbwegs verständlich beschrieben, was E=mc² bedeutet. Dieses gut recherchierte Buch ist jedem sehr zu empfehlen, der sein Allgemeinwissen bereichern und etwas über Leben und Charakter des Ausnahmemenschen Einstein erfahren möchte.

Bestimmt gibt es detaillierte Biographien, doch kaum eine wird so viele Bereiche dieses so komplexen Lebenslaufs derart fesselnd abdecken.

Borkener Zeitung, 28. Juli 2005