Das Weblog von Eva Schulz

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„Jeder Stempel eine Brandmarkung“ – Stefan Zweigs Flüchtlingskrise

Ich war dieses Jahr in 15 verschiedenen Ländern unterwegs, aber meinem Pass sieht man das nicht an. Manchmal habe ich meine Kommilitonen aus Bangladesch, den USA oder Marokko beneidet um ihre Reisepässe, in denen sie unsere Trips und Exkursionen sammelten wie Sticker in einem Panini-Album.

Das ist natürlich bescheuert. Denn mein deutscher Pass ist “the world’s most powerful passport”. In 177 von 218 Ländern der Welt muss ich mich nicht mit kompliziertem Papierkram herumschlagen, keine nervigen Wartezeiten in Ämtern und Konsulaten absitzen, keine teuren Gebühren bezahlen (450 Euro für ein Studentenvisum in Dänemark, WTF!).

Was dieser europäischer Pass für ein Privileg bedeutet, wurde mir erst neulich wieder klar, als ich in Stefan Zweigs Autobiographie las. Zweig war Österreicher, der sich aber schon als junger Mann viel mehr als Europäer identifizierte. Anfang des 20. Jahrhunderts besuchte er Berlin, Paris und Rom, London und Moskau. Er bereiste Indien und die USA – ohne sich jemals ausweisen zu müssen.

Das änderte sich in den frühen 30er Jahren. Zweig, inzwischen der meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller seiner Zeit, erinnert sich:

All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt. Man mußte sich photographieren lassen von rechts und links, im Profil und en face, das Haar so kurz geschnitten, daß man das Ohr sehen konnte, man mußte Fingerabdrücke geben (…)

Der erste Weg in einer fremden Stadt, in einem fremden Land ging nicht mehr wie einstens zu den Museen, zu den Landschaften, sondern auf ein Konsulat, eine Polizeistube, sich eine „Erlaubnis“ zu holen. (…)

Ständig wurde man vernommen, registriert, numeriert, perlustriert, gestempelt, und noch heute empfinde ich als unbelehrbarer Mensch einer freieren Zeit und Bürger einer geträumten Weltrepublik jeden dieser Stempel in meinem Paß wie eine Brandmarkung.

Für Zweig, den begeisterten Europäer, bedeutete ein neuer Stempel keine Trophäe, sondern eine Beleidigung.

1934 war sein österreichischer Pass plötzlich kein Privileg mehr, sondern ein Problem. Denn seine Familie war jüdisch. Er ging ins Exil nach London und wurde vom (Welt-)Bürger zum Flüchtling.

Auf meinen österreichischen Paß hatte ich ein Anrecht gehabt. Jeder österreichische Konsulatsbeamte oder Polizeioffizier war verpflichtet gewesen, ihn mir als vollberechtigtem Bürger auzustellen. Das englische Fremdenpapier dagegen, das ich erhielt, mußte ich erbitten. Es war eine erbetene Gefälligkeit und eine Gefälligkeit überdies, die mir jeden Augenblick entzogen werden konnte. (…) Gestern noch ausländischer Gast und gewissermaßen Gentleman, der hier sein internationales Einkommen verausgabte und seine Steuern bezahlte, war ich Emigrant geworden, ein „Refugee“. (…) man war mißtrauisch in allen Ländern gegen diese „Sorte“ Mensch, zu der ich plötzlich gehörte, gegen den Rechtlosen, den Vaterlandslosen, den man nicht notfalls abschieben und zurückspedieren konnte in seine Heimat, wie die andern, wenn er lästig wurde und zu lange blieb. Und ich mußte immer an das Wort denken, das mir vor Jahren ein exilierter Russe gesagt: „Früher hatte der Mensch nur einen Körper und eine Seele. Heute braucht er noch einen Paß dazu, sonst wird er nicht wie ein Mensch behandelt.“

75 Jahre später sind diese Zeilen wieder hochaktuell. Heute wird die europäische Identität nachdrücklich infrage gestellt und die nationale Identität doch zumindest als bedroht empfunden. In einer Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten scheint, klammern sich manche an ihren Pässen, ihren Nationalitäten fest. Andere können das nicht mehr. Was bedeutet heute ein syrischer Pass in Europa?

Jede Form von Emigration verursacht an sich schon unvermeidlicherweise eine Art Gleichgewichtsstörung. Man verliert – auch dies muß erlebt sein, um verstanden zu werden – von seiner geraden Haltung, wenn man nicht die eigene Erde unter sich hat, wird man unsicherer, gegen sich selbst mißtrauischer. Und ich zögere nicht zu bekennen, daß seit dem Tage, da ich mit eigentlich fremden Papieren oder Pässen leben mußte, ich mich nie mehr ganz als mit mir selbst zusammengehörig empfand.

Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ war für mich eines der wertvollsten Bücher in diesem Jahr.

Was bedeutet dir dein Pass? Welche Privilegien oder Probleme bringt er dir? Welche Geschichten hast du damit erlebt?