200 Meter bis zur Unendlichkeit

200 Meter bis zur unendlichen Sicht

Neulich hat eine Dozentin erzählt, dass 90 Prozent der Jugendlichen in asiatischen Großstädten kurzsichtig seien. Das läge daran, dass die nie raus kämen, und wenn doch, sei ihnen die Sicht gleich durch ein Dutzend Hochhäuser verbaut.

Ich habe das mal recherchiert und weiß inzwischen, dass die Teenies in Shanghai und Tokyo tatsächlich kaum ihre Zimmer verlassen. Es ist aber weniger die eingeschränkte Sicht als das dauernde Lesen und Lernen, das ihren Augen schadet. Wichtig ist, dass das Auge regelmäßig zwischen naher und weiter Sicht wechselt.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wann gucke ich schon mal so richtig weit raus, ohne, dass der Blick von irgendwas beschränkt wird? Die Antwort liegt so nahe, dass ich gar nicht gleich drauf gekommen bin. Genau genommen sind es keine 200 Meter, die meine Wohnung vom Bodensee trennen.

In den letzten zwei Jahren habe ich diesen See sehr schätzen gelernt. Wer hätte gedacht, dass es so gut tut, sich fünf Minuten an sein Ufer zu stellen und bloß zu gucken – in den Nebel, auf die Boote, oder, an den wirklich guten Tagen, bis in die Schweiz, wo von den Gipfeln im Moment schon der Schnee herüber blitzt.

Auch die Uni ist direkt am See, und es ist zum Ritual geworden, ihn nach jedem Mittagessen, jeder anstrengenden Klausur und dem einen oder anderen gelesenen Kapitel in der Bibliothek kurz zu besuchen. Dann stehen wir da, reden, flitschen Steine oder gucken einfach nur. Es macht den Kopf frei – und hält die Augen fit. 200 Meter bis zu diesem Ort. Was für ein Glück.

Küchenstolz: Chocolate Chip Cookies

Chocolate Chip Cookies

Dieses Cookie-Rezept von Nicole Stich hat mich neulich in eine sehr peinliche Situation gebracht. Schon der erste Backversuch war erfolgreich – bis auf die Tatsache, dass ich die beiden Bleche einen klitzekleinen Moment (zehn Minuten…) zu lang im Ofen gelassen hatte. Die Cookies waren also etwas hart, schmeckten aber trotzdem so gut, dass ich gleich süchtig danach war.

Wahrscheinlich macht das der besondere Zucker, den es in Friedrichshafen nur im Weltladen zu kaufen gibt. Und die Tatsache, dass die geschmolzene Butter nicht sofort verarbeitet, sondern erst richtig schön gebräunt und dann noch eine halbe Stunde zur Seite gestellt wird. Und das Beste überhaupt ist das Salz oben drauf – wenn man in den Keks beißt und zuerst die Süße schmeckt, die sich dann beim Kauen so grandios mit dem Salzigen mischt… Deshalb konnte ich es mir auch nicht verkneifen, ein paar Cookies mit in die Bibliothek zu nehmen.

Dort ist es im Moment sehr voll, wir stecken nämlich schon in der Prüfungsphase. Ich hatte Glück, dass ich überhaupt noch einen Platz bekommen habe! Jedenfalls schaffte ich es etwa eine halbe Stunde lang, mich voll auf meinen Text zu konzentrieren. Aber dann musste ich doch mal einen Cookie essen. Und noch einen. Und noch einen. Bis mir plötzlich mein Kommilitone Max auf die Schulter tippte. Er saß direkt hinter mir und sah mich genervt an: „Sorry, Eva, aber ich kann einfach nicht lernen, wenn du so krachende Kekse isst!“

Das war doppelt peinlich, weil ich ihm ja zur Entschuldigung nicht mal welche abgeben konnte – so harte Kekse darf man doch niemandem anbieten! Also habe ich meine Dose schnell im Rucksack und mein rotes Gesicht wieder hinter den Büchern verschwinden lassen…

Beim zweiten Versuch nahm ich die Cookies pünktlich nach zwölf Minuten aus dem Ofen und, naja, was soll ich sagen – die wären für die Bibliothek genau richtig gewesen, so weich, wie sie waren! Das Foto oben zeigt Fuhre Nummer drei (15 Minuten), und die war wirklich perfekt: Die Cookies sind außen knusprig, innen weich und schmecken besser als gekauft. Deshalb sind sie auch schon längst wieder alle aufgegessen.

Unbequeme Interviews: Marina über Schmerzen

Tunis, was jetzt?

Dass ich in einem wirklich fremden Land bin und nicht irgendwo in Europa, erkenne ich daran, dass die Leute mich komisch angucken. Wenn man mit Kübra in Deutschland unterwegs ist, wird sie angeguckt – weil sie ein Kopftuch trägt. In Tunis hingegen ist ein Kopftuch nichts Besonderes. Rote Haare aber offenbar schon.

Vieles ist anders in Tunis. Auch die Probleme, die Blogger dort haben. Zwar ärgern sie sich genau wie wir über unfreundliche Kommentare oder den überlasteten Server von Twitter, aber es gibt noch dringendere Sorgen: Wie schütze ich mich vor Hacking-Angriffen? Ist meine Anonymität gesichert? Kann ich diesen Artikel veröffentlichen, ohne mit einer Strafe rechnen zu müssen?

Die Forderung nach einer „Bloggers Charter“, einer Art Pressekodex für Blogger, hätte ich vor einer Woche noch als naiv und unnötig abgetan. In Tunis hingegen entwickelte sich daraus eine ernsthafte Diskussion. Ein solcher Kodex könnte zum Beispiel regeln, wie Meldungen verifiziert werden. Während der Revolution waren die vielen Gerüchte, die durch die sozialen Netzwerke geisterten, ein großes Problem. Sie konnten oft stunden- oder tagelang nicht bestätigt werden und lösten dadurch Verwirrung und Ärger aus.

Am Ende waren wir uns aber doch einig, dass ein Regelwerk nicht der richtige Weg sein kann. Es würde die Kreativität und Unabhängigkeit der Blogger einschränken und wäre eine zusätzliche Hürde für Neueinsteiger. Tatsächlich reguliert sich die Blogosphäre ja bereits von selbst, es gibt gewisse ungeschriebene Gesetze. Und die, die doch aufgeschrieben werden müssen – zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsäußerung – sollten nicht nur für Blogger, sondern für alle Bürger gelten.

Die tunesische Bloggerszene wandelt sich. Das große Ziel, der Sturz Ben Alis, für den alle gemeinsam gekämpft haben, ist erreicht. Was kommt jetzt? Während die einen schon neue Ziele propagieren, zweifeln die anderen noch am Erfolg der Revolution („Is it really a progress or will we experience the same, just with new names, new keys?“). Wieder andere kehren in ihren Blogs zurück zum Alltag. Statt Politik schreiben sie nun wieder über Persönliches. Die Szene fragmentiert sich und läuft Gefahr, den Einfluss wieder zu verlieren, den sie gerade erst errungen hat.

Postkarte aus Tunis

Postkarte aus Tunis

Salamunaleikum! Ich bin in Tunis auf dem Young Media Summit der Deutschen Welle – zusammen mit Kübra und vielen Bloggern aus Deutschland, Frankreich, aber auch Tunesien, Mauretanien oder Marokko. Wir diskutieren über die Demokratisierungsbemühungen in Nordafrika und den Einfluss, den Facebook, Twitter und Blogs darauf haben. Heute haben uns die tunesischen Blogger zu den verschiedenen Schauplätzen der Revolution geführt. “I was standing right there, feeling like a hero”, berichtet Oussama vom 14. Januar. Im Moment sind die vielen Eindrücke noch kaum zu fassen. Folgt mir auf Twitter, um mehr mitzukriegen – zum Beispiel, was “Hurra” auf Arabisch bedeutet…