Museumsmoment: Alleine im MoMA

Jasper Johns: FlagAn der Uni habe ich Museen studiert: Welchen Wert sie für die Gesellschaft haben, wie man sie finanziert und bewirbt, wie man Ausstellungen kuratiert und einzelne Werke inszeniert. Deswegen hatte ich für New York dieses Mal bloß einen wichtigen Vorsatz: das MoMA. Wikipedia nennt es „eine der weltweit bedeutendsten und einflussreichsten Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst.“ Ich dachte, als Mensch mit einem Abschluss in Kulturmanagement sollte man dort vielleicht einmal gewesen sein.

Als ich ankam, an einem gewöhnlichen Dienstag Nachmittag, war es brechend voll. Das war wohl zu erwarten, schon klar, schließlich pilgern nicht nur Kulturmanager hierher. Trotzdem fühlte ich mich unwohl zwischen all den Menschen und überfordert mit so viel Kunst. Ich mag Museen nicht, wenn sie zu Sightseeing Spots verkommen. Oder zu viel auf einmal wollen. Deshalb beschloss ich, mich auf das vierte Stockwerk zu beschränken – Malerei und Skulpturen von 1940 bis 1980 – und steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren. Das MoMA hat diesen ziemlich guten Audioguide, den man über WLAN mit dem eigenen Smartphone abrufen kann.

So entdeckte ich Jasper Johns für mich. Der Amerikaner ist bekannt für die Verwendung mehrerer Techniken auf einmal: Er grundiert seine Leinwände mit Collagen aus Zeitungsausschnitten und trägt dann mit Öl- und Wachstechnik Zahlen, Buchstaben, Landkarten auf – „things that the mind already knows“. Vielleicht ist er heute ein typisches Beispiel dieses Fehlschlusses, den manche Menschen im Museum machen, wenn sie vor einem Werk wie Johns’ „Flag“ stehen (hier der MoMA-Audioguide dazu, und hier eine sehr gute Beschreibung aus der FAZ). Sie zucken mit den Schultern und sagen: „Da hätte ich ja auch drauf kommen können.“ Bist du aber nicht! Johns war der erste. Und wurde so zu einem, wenn nicht dem Wegbereiter der Pop Art.

Es war ein gutes, befreiendes Gefühl, sich im Überfluss des MoMA bloß auf einen einzigen Künstler einzulassen. Vor allem, als ich kurz vor Schluss herausfand, dass es neben seinen Werken in der allgemeinen Sammlung gerade noch eine Sonderausstellung von ihm gibt, einen Zyklus, den er in 2012/13 produziert hat. Da huschte ich noch schnell hinein, als über die Lautsprecher schon die Durchsage ertönte, dass in einer Viertelstunde alles zumachen würde.

Als ich in der kleinen Galerie stand, war plötzlich der Sound viel spannender als die Bilder: Man konnte hören, wie es die Menschenmassen aus den Ausstellungsräumen ins Treppenhaus zog, Richtung Ausgang. Sphärisches Rauschen. Ich sprach den jungen schwarzen Museumswächter darauf an, was das für ein guter Moment sei. „Ja“, grinste er, „das hat man hier selten.“ Ich wandte mich wieder den Bildern zu, da meinte er plötzlich: „You know what? I’ll let you take these last five minutes, all by yourself.“ Dann verschwand er um die Ecke. Ich hörte noch, wie er sogar zwei Frauen herausschickte – die Galerie sei nun geschlossen.

Plötzlich hatte ich das MoMA für mich allein. Versuchte, Jasper Johns mit den Augen einzuatmen, ganz tief, und verdrückte eine Träne angesichts solch magischer Momente. Draußen wurde das Rauschen leiser.

Die Sonderausstellung “Jasper Johns: Regrets” ist noch bis 1. September im MoMA zu sehen.

Durham, North Carolina: Kulturgeschockt am Rande der Südstaaten

Nach Amerika zu kommen fühlte sich noch genauso an wie bei meinem ersten Mal 2006. Nur war ich dieses Mal nicht als Touristin hier, sondern als Journalistin und Studentin. Die Berliner Rias Kommission fördert deutsche Journalisten mit sogenannten „Visiting Media Fellowships“, die einen einmonatigen Aufenthalt an der renommierten Duke University ermöglichen. Vier Wochen lang durfte ich sämtliche Ressourcen der Universität nutzen, alle Profs ansprechen und Bibliotheken besuchen, mich in jeden Kurs setzen und durch die unzähligen Coffee Shops auf dem Campus probieren.

Das Programm begann mit Field Trips nach New York und Washington. Wir trafen Reporter und Redakteure, besichtigten die Newsrooms der New York Times und des Wall Street Journal, besuchten das neue Facebook Office und das Watergate Building. So weit, so westlich. Doch dann zogen wir weiter – raus aus dem Westen, rein in den Süden. Nach Durham, North Carolina. Völlig überraschend hatte ich dort einen amerikanischen Kulturschock. Oder eher: einige Kulturschock-Momente.

Gefangen in der amerikanischen Weite

Die unendlichen amerikanischen Weiten gelten als das Sinnbild von Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit. Was dabei aber oft vergessen wird, ist, dass sich diese Vorzüge nur dem erschließen, der ein Auto hat.

Wir waren typisch amerikanisch untergebracht, in einer Wohnsiedlung außerhalb der Stadt. Zig gelbe, hölzerne Häuser, alle genau gleich aufgeteilt, standen mitten im Wald. In jedem gab es acht identisch möblierte Wohnungen. Und 100 Meter Luftlinie entfernt schon die nächste Apartmentanlage. Aber ein Supermarkt? Ein Café? Vielleicht eine Postfiliale? Fehlanzeige. All das war mindestens eine Viertelstunde Autofahrt entfernt, in Downtown, der Innenstadt.

Für unsere Stipendiengeber war es selbstverständlich, uns einen Mietwagen zur Verfügung zu stellen – zum Glück. Trotzdem hat es mich verrückt gemacht, nicht kurz zum Kiosk um die Ecke springen zu können, wenn mich die Lust auf einen Chocolate Chip Cookie packte, oder in einen Park zu flüchten, wenn mir daheim die dünne Sperrholzdecke auf dem Kopf fiel. Die einzige Strecke, die man zu Fuß zurücklegte, war die von der Haustür zum Parkplatz davor. Meine einzige wirkliche Begegnung blieb die mit dem Waschbär am Müllcontainer.

Die amerikanische Weite kam mir wie ein Gefängnis vor.

Was ist Fast Food?

Ich bin in Amerika also sehr viel Auto gefahren. Aber auch sehr viel gelaufen – über den Duke Campus, auf der Suche nach einem annehmbaren Mittagessen. Es ist nicht so, als gäbe es da keine Auswahl. Im Gegenteil: Auf dem Universitätsgelände finden sich über 20 verschiedene Restaurants. Aber täglich bei McDonald’s essen, oder im Asia Imbiss an der Business School? Als ich einer Kommilitonin einmal erzählte, wie befremdlich die vielen Fast Food-Filialen auf mich wirkten, schaute sie mich verwundert an: „Viel Fast Food, sagst du? Aber wir haben doch auch Subway!“

Kulturschock bedeutet vor allem: seine eigenen kulturellen Definitionen zu hinterfragen. Ein Subway-Sandwich ist für mich immer schon Fast Food gewesen. Die amerikanische Studentin jedoch nannte es „home made“: Immerhin belegt da ein Mann im grünen Poloshirt ein Stück Brot ganz frisch für sie. Mit Salat! (Und unsäglich viel Mayo.) Als „home made“ gilt in Südstaaten-Diners allerdings auch schon eine Portion Kartoffelpuffer, die in der Mikrowelle aufgewärmt wird.

Ich habe ziemlich viele Kalorien verbrannt auf der Suche nach Gemüse oder dunklem Brot. Und allzu oft tatsächlich nichts gefunden. Am Ende aß ich sehr viele Tacos. Und Burger. Und Chocolate Chip Cookies.

Umwelt-un-bewusstsein

Als wir im März in Washington ankamen, lag dort noch Schnee. Auch in Durham, wo man Weihnachten normalerweise beim BBQ auf der Veranda feiert, hatten sie den ungewöhnlich harten Winter zu spüren bekommen. Darauf, dass das mit dem Klimawandel zusammenhängen könnte, kam jedoch niemand. Im Gegenteil: „Die Politiker sagen: Wenn es dermaßen kalt wird, kann Global Warming ja nur Quatsch sein“, erzählte mir einer meiner Dozenten.

In Amerika gibt es vieles von dem, was wir als Erderwärmungsbeschleuniger erkannt haben, erschreckend günstig und im Überfluss: Benzin. Plastiktüten. Elektrische Heizungen. Der Klimawandel ist hier billig zu haben. Seine Auswirkungen werden aber umso teurer.

Etwa zwei Wochen lang wehrte ich mich mit Händen und Füßen gegen diese Ignoranz, stets den europäischen Zeigefinger in der Luft. Dann akzeptierte ich es irgendwann, weil mir meine Arroganz schon selbst auf die Nerven ging. Ich nahm mir vor, dieses Amerika fortan lieb zu haben. Das Land und seine Leute haben mir das ziemlich leicht gemacht. Wie? Das will ich in den nächsten Wochen hier aufschreiben. Kommt mit! Ich verspreche: Es wird abenteuerlich.

Mittsommernachtstango

Mittsommernachtstango

„Man könnte sagen, wir Finnen haben vor der Erfindung des Mobiltelefons so wenig gesprochen, dass die Erfindung des Tango eine absolute Notwendigkeit war.“

Eine Vielzahl der Geschichten, die mir letzten Sommer in Finnland passiert sind, habe ich hier aufgeschrieben. Aber es gibt auch ein paar Themen, zu denen ich nicht mehr gekommen bin. Zum Beispiel die sehr spezielle Haltung der Finnen zur Energiepolitik. Ihr sehr spezieller Umgang mit den dunkleren Seiten ihrer Vergangenheit, wie dem 2. Weltkrieg. Und ihre sehr spezielle Überzeugung, sie hätten den Tango erfunden.

Tatsächlich ist Finnland eine Tangonation. Tangomusiker sind landesweite Stars, jedes Dorf hat einen Tanzpavillon und jede Stadt, die etwas auf sich hält, mindestens ein jährliches Festival. Der große finnische Filmemacher Aki Kaurismäki pflegt zu erzählen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die einsamen Hirten hinter dem Polarkreis ihre Sehnsüchte in den Tangogesang packten – und damit, quasi nebenbei, auch die Wölfe fernhielten. Finnische Seemänner seien es gewesen, die die Musik schließlich nach Argentinien gebracht hätten.

Nun gibt es einen ganz wunderbaren Dokumentarfilm, der diesem Mythos auf den Grund geht. Die deutsche Regisseurin Viviane Blumenschein schickt darin drei argentinische Vollblutmusiker in den europäischen Norden. Der “Clash of Cultures” ist vorprogrammiert.

Mir fallen keine zwei Kulturen ein, die weiter voneinander entfernt wären. Das auszuspielen versteht Blumenschein nicht nur auf Schnitt- und Bild-, sondern auch auf inhaltlicher Ebene. „Die Argentinier sind, was wir gern wären: impulsiv, schwungvoll, leicht zu begeistern“, seufzt einer der finnischen Musiker im Film. „Wir sind so viel lauter!“, stellen auch die Argentinier sehr bald fest – und sind zugleich fasziniert von der Ruhe und Zufriedenheit ihrer neuen Freunde. Sie lassen sich auf Karelische Piroggen („finnische Empanadas!“) und in die Sauna einladen, verfransen sich mit ihrem alten Auto in der Tiefe der finnischen Wälder und verknoten sich die Zungen beim Vokabeln Lernen.

Während ich sogleich Sehnsucht nach Heidelbeeren und Helsinki bekomme, wenn ich das höre, bricht das Publikum des OmU-Kinos beim Klang dieser Sprache in Gekicher aus. Das soll die Sprache des Tango sein?

„Man könnte sagen, wir Finnen haben vor der Erfindung des Mobiltelefons so wenig gesprochen, dass die Erfindung des Tango eine absolute Notwendigkeit war“, sagt M.A. Numminen, der stets schelmisch grinsende finnische Jazzmusiker. „Die tanzen viel zu eng“, beschwert sich dann auch Dipi, der kulturgeschockte Gitarrist aus Buenos Aires. Doch bald passiert ihm und seinen Kollegen, was auch mir in Finnland passiert ist: Sie lernen voneinander, erforschen, wie ihre gänzlich verschiedenen Kulturen sich gegenseitig inspirieren und bereichern können.

Als schließlich der leidenschaftliche Laie Walter „Chino“ Laborde und die unfassbar gute Sängerin Sanna Pietäinen gemeinsam einen finnischen Tango schmettern, lacht niemand mehr im Publikum, im Gegenteil: Das macht Gänsehaut. Denn den Tango, diesen wohl intensivsten, leidenschaftlichsten, am stärksten mit Sehnsucht und Verlangen aufgeladenen aller Tänze, versteht man auch ganz unabhängig von der Sprache. Oder seiner Herkunft.

Wenn im Schlussbild am späten Abend die Sonne über den finnischen Seen hängt und doch nicht untergehen will, dann wünscht man sich, dass Viviane Blumenschein am liebsten noch eine Fortsetzung drehen möge. Den Anlass dafür hatte Kaurismäki schon ganz zu Beginn des Films gegeben: „Wir Finnen sind es ja gewohnt, in der Geschichtsschreibung übergangen zu werden“, grummelt er da. „Den Walzer haben wir auch entwickelt. Den haben uns die Österreicher geklaut.“

Die Bretter, die die Welt bedeuten – Lebenslauf einer Subkultur

Für meine allerletzte Klub Konkret-Reportage habe ich den “Lord of the Boards” Titus Dittmann in Münster besucht. Er hat die Subkultur in den 80er Jahren nach Deutschland gebracht – und zum Mainstream gemacht. Kann Boarden heute trotzdem noch cool und alternativ sein?

Unsere komplette Folge über Subkulturen findet sich hier.

„Ich war wahrscheinlich der schlechteste Emo aller Zeiten“

Nachdem wir uns im Klub Konkret bereits vor einiger Zeit schon einmal mit dem Mainstream auseinandergesetzt haben, wollen wir heute wissen: Was macht im Gegensatz dazu eine Subkultur aus? Warum gibt es die überhaupt? Und: Wie leicht kommt man da rein? Um das herauszufinden, habe ich mich ins Kostüm geschmissen und bin einen Tag lang in die Cosplay-Szene eingetaucht.

Die ganze Sendung – übrigens meine allerletzte – gibt es hier.