Journalistin & Moderatorin

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Kollaps

Als Ausländer, oder „Expat“, wie die Expats sagen, sammeln wir hier alle diese Geschichten: von der Telefongesellschaft, die einem zwar Internet in den (palästinensischen) Ostteil Jerusalems verkauft, aber sich nicht dorthin traut, um den Router anzuschließen. Von dem Tinder-Date mit einem ultra-orthodoxen Aussteiger. Vom letzten Zwischenfall in einem der Checkpoints.

Wir sammeln diese Geschichten wie kleine Trophäen, wie Stempel auf dem Stammgast-Kärtchen im Coffee Shop: Schaut her, ich bin einer von hier, ich kenn mich aus, ich weiß wie es läuft. Und bei zehn Stempeln kriegt man einen großen Kaffee Latte umsonst.

Nur kriegt man in Israel keinen Kaffee. Hier kriegt man einen Kollaps.

Wenn der Kopf platzt

Ich hatte meinen ersten Kollaps auf den Tag genau vier Wochen nach meiner Ankunft. Papa ging ans Telefon.

„Papa, gestern gab es wieder einen Anschlag, und wir konnten einfach keine neutrale Nachricht finden. Es gibt immer gleich x Versionen der gleichen Geschichte, und alle sind gefärbt. Jeder sieht sich als Opfer und beschuldigt die anderen. Und ausgerechnet die, die gar nicht von hier kommen, meinen, sie wüssten es am besten.

Papa, heute hat das Auswärtige Amt eine E-Mail geschickt. Wegen des Anschlags warnen sie davor, in diesen Tagen die Straßenbahn oder Stadtbusse zu benutzen. Aber wie soll ich denn hier klarkommen, ohne Bus?!

Papa, wir stecken die ganze Zeit dazwischen. Ich darf nach Ramallah, meine israelischen Freunde nicht. Ich darf nach Jerusalem, manche meiner palästinensischen Freunde nicht. Den Israelis wird von klein auf eingeimpft, dass die Palästinenser alle böse seien, und die Palästinenser kennen die Israelis fast nur in Uniform. Ich verstehe mich mit beiden gut – warum können die das dann nicht auch??

Papa, die israelischen Jugendlichen müssen nach der Schule alle direkt zum Militär. Die Mädchen für zwei, die Jungs für drei Jahre. Drei Jahre, Papa! Das war die Zeit, in der ich studiert habe, in der ich so vieles gelernt und erlebt habe, das mich geprägt und weitergebracht hat. Währenddessen sitzen die Israelis in einer Kaserne irgendwo in der Wüste und werden gedrillt.

Kriegsdefinitionen und Holocaust-Witze

Papa, neulich habe ich einen neuen Bekannten gefragt, ob er im Sommer in den Krieg eingezogen worden sei. „Das war kein Krieg“, antwortete er. „Das war eine Operation.“ Aber da sind tausende Menschen gestorben! Mein Bekannter zuckt mit den Schultern, wenn er hört, dass Gaza in Schutt und Asche liegt, dass die Leute immer noch 16 bis 18 Stunden am Tag ohne Strom sind, dass der Wiederaufbau in der aktuellen Lage kaum zu stemmen ist. Wie soll ich da mit ihm diskutieren?! Also haben wir das Thema gewechselt und über Musik und Fotografie gesprochen. Damit wir trotzdem Freunde werden können.

Papa, vor Kurzem meinte jemand auf einer Party: „So you’re German – are you okay with Holocaust jokes?“ Sie haben mir ein Hakenkreuz aufs Namensschild gemalt und sich lustig gemacht, weil ich über ihre Witze nicht lachen konnte.

Papa, wir waren in einem Flüchtlingslager. Die sehen hier ganz anders aus als die in Europa, weil sie keine ein, zwei Jahre alt sind, sondern zig Jahre. Die Familien leben zum Teil in der dritten Generation dort. Ihre Kinder wachsen ohne Spielplätze auf. Nicht mal Bäume gibt es da.“

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Manchmal braucht es einfach nur jemanden, der zuhört

Bestimmt eine Stunde lang spuckte ich meinem Vater wahllos all die Eindrücke aus den ersten Wochen in den Hörer, zusammen mit lauter Gefühlen, die mir zuvor gar nicht bewusst gewesen waren. Plötzlich war ich traurig, wütend, genervt, verzweifelt. Plötzlich berührte mich das alles doch viel stärker, als ich gedacht hätte.

Papa überraschte das gar nicht. Mich schon.

Denn eigentlich war ich doch vorbereitet auf all das. Ich hatte jede Menge Israel-Puzzleteile gesammelt und gedacht, ich käme her, um sie endlich zu sortieren. Stattdessen sammele ich ständig nur weitere Teile. Und habe noch immer keine Ahnung, wie das Bild aussieht, zu dem ich sie zusammensetzen soll.

Lernen, ohne zu verstehen – das ist hier vielleicht die größte Herausforderung.