Journalistin & Moderatorin

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Höhöhö, der Holocaust

„So you’re German – are you okay with Holocaust jokes?“ Diese Frage wurde mir auf einer Party gestellt, zu der mich ein jüdischer Freund mitgenommen hatte. Mir blieb gar keine Zeit, darauf zu antworten, denn im nächsten Moment begannen die Partygäste, einen Witz nach dem anderen zu erzählen, über Ghettos, Vergasung, KZs.

„Ein Deutscher boxt gegen einen Juden in einer Gaskammer. Wer gewinnt? – Der Jude natürlich! Heimvorteil…“ Noch witziger fanden es die jungen Juden auf der Feier, dass ich selbst so gar nicht darüber lachen konnte. „Komm schon“, meinten sie. „Das ist einfach unser Weg, damit umzugehen.“

Ich habe als Deutsche in Israel noch nie Probleme gehabt, im Gegenteil: Die Menschen hier sind Fans von Berlin, Vapiano und Angela Merkel und aus einem Grund, den ich bis heute nicht nachvollziehen kann, auch von Schnappi, dem kleinen Krokodil. Unter den jungen Leuten sprechen viele Deutsch, weil sie Kurse im Goethe-Institut besuchen, es von ihren Großeltern gelernt haben oder von Deutschen, die ihnen im obligatorischen Indienurlaub nach dem Militärdienst begegnet sind.

Schon bei unseren Dreharbeiten in Tel Aviv vor zwei Jahren hatte ich den Eindruck: Da tut sich was. Während man sich auf weltpolitischer Bühne „darüber einig ist, uneinig zu sein“, findet in den Bars in Berlin und Tel Aviv eine Annäherung statt, die das deutsch-israelische Verhältnis entscheidend verändern und für die Zukunft neu prägen könnte. Im 50. Jahr seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen gibt es neue Gemeinsamkeiten, die unsere Generation zusammenbringen.

Das bedeutet aber auch, dass wir einen gemeinsamen Weg der Vergangenheitsbewältigung finden müssen. Und da knirscht es manchmal noch. Es gibt inzwischen sogar israelische Parodien über Deutsche, die herkommen, weil sie meinen, die Schuld ihres Volkes begleichen zu müssen:

Darüber kann ich inzwischen dann doch lachen. Das liegt zum einen daran, dass man sehr schnell zynisch wird in diesem Land. Zum anderen ist es ein Jude selbst, der diese Witze macht. Wie schon die Gäste auf der Party gibt er mir damit die Erlaubnis, mit ihm gemeinsam zu lachen. Als Nichtjüdin würde ich mir aber niemals herausnehmen, das Dizengoff-Zentrum als „biggest jews gathering since Umschlagplatz“ zu bezeichnen. Gerade für Deutsche sind Holocaustwitze weiterhin ein Tabu – Naziwitze hingegen sind in Ordnung.

Warum ist das so?

Das habe ich Johannes Büchs gefragt, der mehrere Jahre als Autor an den „Neuesten Nationalen Nachrichten“ mitgewirkt hat. Die Grimme-Preis-nominierte Rubrik des NDR-Satiremagazins Extra 3 macht sich über die NPD lustig – indem sie ausgerechnet Hitler über sie herziehen lässt.

„Hitler als satirische Person ist salonfähig in Deutschland“, sagt Johannes. Für seine Arbeit hat er viel Literatur zu dem Thema gelesen. In der Hitlerbiografie von Volker Ullrich beschreibt der Autor, wie Rudolf Heß dem Führer geraten habe, seinen schon damals extrem auffälligen Schnurrbart abzurasieren. Der sei ein gefundenes Fressen für Karikaturisten. „Hitler hat das aber abgelehnt, unter anderem, weil er so eine lange Nase hatte und meinte, sie würde noch größer wirken, wenn er den Bart abrasiert. Und eine lange Nase ist ja – laut den Nazis – auch ein semitisches Merkmal für Juden. Das fand ich sehr witzig, als ich das gelesen habe.“

In Zeiten, in denen selbst Themen wie Sexualität und Tod keine richtigen Tabus mehr seien, „ist die Figur Hitler deshalb so interessant, weil sie natürlich belastet ist mit den schlimmsten Verbrechen“, sagt Johannes.

Naziwitze könnten aber nur dann witzig sein, wenn das Thema Juden ausgeklammert werde. „Es ist nicht allein die Anzahl der Tode, sondern das industrielle Töten, das in der Geschichte einmalig ist. Das ist die Unsagbarkeit, Undenkbarkeit, Unfühlbarkeit dieses Verbrechens.“