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A Traumatized City? New Orleans im Jahr 9 nach dem Sturm

Wow! Vielen von euch hat mein Blogpost mit dem Soundschnipsel aus New Orleans offenbar ganz besonders gefallen. In den Kommentaren, über Twitter und private Nachrichten erreichte mich der Wunsch nach mehr Hurra! zum Hören. Deshalb folgt nun ein Experiment: Den folgenden Text gibt es nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Lauschen. Viel Spaß damit!


29. August 2005. Das ist der Tag, an dem in New Orleans eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Alles, was bis zum 29. August 2005 geschah, ist heute „vor dem Sturm“. Alles, was danach kam, ist „nach dem Sturm“.

Katrina war ein Hurrikan der Stufe 3. Er drückte Wasser vom Meer in den nahegelegenen Lake Pontchartrain und weiter in die Kanäle, deren Deiche unter dem Druck brachen. Die Flutwellen waren bis zu siebeneinhalb Meter hoch. Es dauerte keine drei Tage, bis 80 Prozent der Stadt unter Wasser standen. Obwohl die Bewohner evakuiert wurden, starben über 1300 Menschen. Die Wassermassen hinterließen Sachschäden in Höhe von 125 Milliarden Euro.

Hunderttausende flohen, während die Politiker darüber stritten, wer hier wie versagt hatte – und wann die ersten Bewohner in die Stadt zurückkehren könnten. In drei Monaten, in vier? Zeitweise wurde sogar erwogen, New Orleans völlig aufzugeben. So groß war das Desaster, so klein die Hoffnung.

Menschen in meinem Alter haben jetzt zwei Orte, die sie Heimat nennen

Im Jahr 9 nach dem Sturm könnte man meinen, alles sei wieder in Ordnung. Die touristischen Viertel – das quirlige French Quarter, die Innenstadt, der hübsche Garden District – waren ohnehin kaum betroffen oder wurden schnell wieder aufgebaut. Hier sind keine Narben zu sehen, höchstens zu hören. Zum Beispiel von dem jungen schwarzen Eisverkäufer, der mir erzählt, er sei zwar aus NOLA, aber erst vor ein paar Monaten wieder hergezogen. „I had to relocate.“

Relocation war das Schicksal eines großen Teils der über 450.000 Einwohner von New Orleans. Plötzlich standen sie ohne Zuhause da. Zogen nach Dallas, Austin, Savannah, ohne zu wissen, für wie lange. Ob nicht vielleicht sogar für immer. Was macht es mit der Identität eines Teenagers, wenn sein Zuhause zerstört wird und er die zweite Hälfte seiner Jugend an einem völlig anderen Ort verbringen muss? Solche Fragen sind schwer über einer Kugel Eis zu besprechen.

Außerhalb der Touristenviertel sieht man die Narben der Stadt

Wer sich aus dem touristischen Zentrum heraus bewegt, am Mississippi entlang gen Osten wandert, kommt ins Bywater. Dort hört man die Narben nicht nur, man sieht sie auch. Die Poland Avenue, eine der Hauptstraßen, ist übersät mit Rissen und Schlaglöchern. Auf dem Gehweg liegen Scherben, Müll, eine Spritze. Und wem gehören eigentlich die dürren Hühner, die hier gackernd herumstaksen?

Da vorne steht ein runtergekommenes Haus, ohne Fenster und mit rottendem Dach, offensichtlich unbewohnt seit dem Sturm. Direkt daneben liegt meine Airbnb-Unterkunft.

Es ist eines der typischen Shotgunhäuser. (Die heißen so, weil sie keine Flure haben und alle Zimmer direkt miteinander verbunden sind. Wenn sämtliche Türen offen stehen, könnte man rein theoretisch also einmal durch diese Häuser durchschießen.) Mein Zimmer ist das Durchgangszimmer zwischen dem von Logan, der Blues-Musiker ist, und dem von Natalie, die in einem der neuen Restaurants hier im Viertel als Köchin arbeitet.

Das Bywater entspricht vielleicht Neukölln vor fünf, sechs Jahren. Ursprünglich wohnten hier vor allem Angehörige der schwarzen Unterschicht. Diejenigen, die Katrina nicht für immer aus New Orleans vertrieben hat, sitzen heute überwiegend arbeitslos auf den Veranden vor ihren Häusern. Sie mischen sich mit einer jungen, weißen Alternativszene: Bei mir um die Ecke haben die ersten Bars, Cafés und Neighbourhood Restaurants eröffnet, die Wohnung der Nachbarin ist zugleich eine Second-hand-Boutique. Eines Nachmittags stolpere ich über eine zehnköpfige Band, die mitten auf einer Kreuzung jammt. Es ist ein hippes, aufregendes Viertel. Aber keines, durch das ich ohne Bedenken meinen Laptop tragen würde, um ihn in einem der neuen Coffee Shops aufzuklappen.

Gentrifizierung mit Ansage

In den meisten Städten geschieht Gentrifizierung scheinbar von selbst. In New Orleans passierte sie mit Ansage. Nachdem man sich dagegen entschieden hatte, die Stadt aufzugeben, schmiedeten die Politiker einen Plan. Sie beschlossen, die Besiedlungsdichte in den sozial schwachen Stadtteilen drastisch zu senken. Ein Großteil der Sozialwohnungen wurde abgerissen. Auf den lukrativen Grundstücken sollten nun Mustersiedlungen entstehen, deren Einwohner sich heterogener zusammensetzten.

Heute sind die Mieten um 50 Prozent gestiegen, die Stadt ist weißer und wohlhabender – auf Kosten der Alten, Armen und Schwarzen. Sie seien ganz bewusst ausgesperrt worden, kritisieren zum Beispiel die beiden deutschen Journalisten Friedrich Schorb und Christian Jakob.

„Diese Stadt ist nicht erst seit dem Sturm traumatisiert.“

Wie stark die Planungs- und Baupolitik die Stadt verändert hat, wurde mir klar, als ich eines morgens (ohne Laptop) im Café saß und mit Nate ins Gespräch kam. Nate ist gelernter Schreiner, im Herzen Musiker und sieht aus wie der Mitbewohner von Hugh Grant in „Notting Hill“. Er sei 2005 direkt nach dem Sturm hergekommen, um beim Wiederaufbau zu helfen.

hurra-bywater-nate

„Schau dir das Haus an, es ist völlig morsch“, sagt er und deutet auf eines der hölzernen Shotgunhäuser auf der anderen Straßenseite. „Nur die Farbe hält es noch zusammen.“ Doch zu renovieren wäre viel zu teuer für die Menschen, die hier leben. Wenn sie hingegen verkaufen, laufen sie Gefahr, sich ihre eigene Wohngegend später nicht mehr leisten zu können. Auch hier im Bywater sind die Mieten rapide gestiegen. Manche der neu Zugezogenen setzen sich jetzt dafür ein, Clubs zu schließen und Auftritte von Straßenkünstlern zu verbieten. „Dabei machen die doch gerade die Stadt aus!“, sagt Nate und obwohl er mit leiser, ruhiger Stimme spricht, merke ich, wie sehr ihn das aufregt.

Es gebe aber doch auch gute Projekte, wende ich ein, und schwärme vom Crescent Park. Der zweieinhalb Kilometer lange Abschnitt des Mississippiufers wurde aufwendig saniert und erst kürzlich wiedereröffnet. Ein Zeitungsartikel beschreibt ihn als „a landscape design masterpiece that will provide comfortable outdoor recreation opportunities without forgetting the muscular industrial history of the New Orleans wharves“. Die Politiker hätten es sicher nicht schöner formulieren können. Nate verdreht die Augen. „Den haben sie doch nur gebaut, um eine Verbindung zwischen der Innenstadt und der Mall zu haben, die da hinten bald öffnen soll.“

Und was ist mit der Filmindustrie? In den letzten Jahren hat sich New Orleans zum „Hollywood des Südens“ entwickelt: Filme wie „Django Unchained“, „Dallas Buyers Club“ und „12 Years a Slave“ wurden hier gedreht. Das schafft doch jede Menge Jobs und kurbelt den Tourismus an. „Jobs? Von wegen!“, murrt Nate. „Diese Industrie ist nicht hier gewachsen, sie wurde aus LA und Austin importiert und hat die Stadt einfach eingenommen.“ Doch er liebt sein New Orleans und wird auf jeden Fall hier bleiben. Zumindest, solange er es sich leisten kann.

Ist die Stadt traumatisiert, seit dem Sturm? „Im späten 18. Jahrhundert war New Orleans eine der größten Sklavenstädte in Amerika“, antwortet Nate. „Diese Stadt ist nicht erst seit dem Sturm traumatisiert.“


Was tun im Bywater? (Hipster Edition) Das Viertel am besten mit dem Fahrrad erkunden. Im Satsuma frühstücken und dabei der jungen Küchencrew zuschauen, in der trotz Stress alle ruhig bleiben und sich lieb haben. Gute Musik (kann ich bezeugen) und guten Wein (habe ich mir sagen lassen) im Bacchanal genießen. Durch den Crescent Park spazieren und versuchen, sich am Blick auf den Mississippi sattzusehen.