Um das jetzt einmal klarzustellen: Ich mache keinen Urlaub. Ich mache ein Praktikum. Ich bin Küchenhilfe und Zimmermädchen, organisiere Veranstaltungen und betreue Projekte an einem Ort, der mit Worten schwer zu beschreiben ist. Hier kommt ein Versuch.

Das Château d’Orion ist…
… ein Schloss. Im 17. Jahrhundert erbaut, thront es noch heute auf einem der schönsten Hügel der französischen Provinz Béarn. Die kleine Kirche und wenigen Häuser drum herum bilden das Örtchen Orion, das eine knappe Stunde Fahrt von der Atlantikküste und beinahe ebenso weit von der spanischen Grenze entfernt liegt. Zum nächsten Supermarkt sind es 15 Minuten, zum nächsten Kino… ach, davon wollen wir gar nicht erst anfangen.
… ein Museum. Vor bald zehn Jahren kaufte die Familie meiner Chefin Elke das Haus samt seines geschichtsträchtigen Inventars. Im 19. Jahrhundert wohnte hier ein reicher „Schinkenbaron“, später der französische Chirurg Paul Reclus, der unter anderem durch seine Experimente mit Kokain als Anästhesiemittel berühmt wurde. Seine ebenso bekannten Brüder waren „Geografen und Anarchisten“, wie Elke gern betont. Ihre Spuren finden sich überall im Haus: In den Schränken hängen prächtige Kleider und an den Wänden stattliche Ölportraits. Die Gäste essen von 100 Jahre alten Tellern und blättern in beinahe ebenso alten Zeitungen. (Auf Wunsch gibt es natürlich auch die von heute.) Jede Tür darf geöffnet, jede Schublade aufgezogen werden – und überall finden sich kleine Schätze.
… ein Gästehaus. Nach einer umfassenden Renovierung eröffnete Elke das Château als Gästehaus. Es gibt neun verschiedene Zimmer, jedes mit einer eigenen Geschichte. Morgens servieren wir ein üppiges Frühstück, abends auf Wunsch ein Diner. Dafür wird in der herrlichen Küche mit viel Freude und regionalen Zutaten gekocht. Das Brot kommt morgens vom Bäcker aus dem nächsten Ort, die Eier von der Farm um die Ecke, das Gemüse aus dem eigenen Garten.
… eine Begegnungsstätte. Die reine Gastronomie war Elke nicht genug, im Gegenteil: Sie dient eher dazu, den höheren Zweck des Châteaus zu finanzieren, nämlich als Ort der Begegnung und des gemeinsamen Nachdenkens zu dienen. Hier treffen sich die unterschiedlichsten Leute zu „Denkwochen“ und anderen Veranstaltungsreihen, sie diskutieren, lernen, schaffen.
Das alles führt dazu, dass ich mir manchmal vorkomme wie in der französischen Variante eines Inga-Lindström-Films: Wir leben und arbeiten im perfekten Landhausidyll. Wir essen Dinge, die kein Food Stylist sich schöner und gesünder ausdenken könnte. Und hin und wieder laufen liebenswerte Nebendarsteller durchs Bild, wie die britische Köchin, die seit einigen Jahren in Frankreich lebt, oder der junge Dirigent aus St. Petersburg, der hier ist, um sich in Wagners „Ring“ zu versenken.
Nach der Arbeit, am späten Abend, sitzen wir manchmal noch draußen und schauen ins Tal. In der Hand eine Tasse Tee, im Ohr die unzähligen Grillen. In diesen Momenten fühlt es sich dann doch ein bisschen wie Urlaub an.


Klingt traumhaft. Wir kommen dich jetzt alle besuchen, okay?
Oh, beim Besuchen wär ich auch dabei. Bilden wir ne Fahrgemeinschaft? :)
Das klingt fantastisch! Eine Erfahrung, die du nie wieder vergessen wirst. Und ganz sicher eine mit dem Potential für viele kleine weitere wertvolle Erlebnisse. Genieß die Zeit dort – trotz Arbeit und saug alles auf ;-) Wer weiß, ob sich eine solche Gelegenheit noch einmal bietet. Danke für den schönen Artikel!
Wuensche dir viel Spass! Muesste von Lyon aus eine Reise planen. War auch mal ZUler.
Von Lyon aus ist es ja tatsächlich nicht mehr weit. Und ZUler haben hier wirklich schon viele gearbeitet… Bestimmt kennst du den einen oder anderen meiner Vorgänger!
Hach, ich war grad erst im Urlaub – und lese den Artikel daher auch erst jetzt – aber wenn ich das so lese und die tollen Bilder dazu sehe, juckt mich schon wieder das Fernweh :-)
Ich wünsche dir eine ganz tolle Zeit!