Tschüss, Abteil!

Die Bahn schafft die Abteile ab. Das finde ich ziemlich dramatisch. Ich habe überwiegend gute Erinnerungen an Bahnfahrten im Abteil – überhaupt merkt man sich die viel besser als Großraumfahrten. Warum? Weil man im Abteil Leute kennenlernt. Zum Beispiel den Gemüseverkäufer aus der „Fabelhaften Welt der Amelie”. Oder sogar den Bundeskanzler!

Bei meiner letzten Fahrt habe ich Max getroffen. Den kannte ich eigentlich schon, wir sind Kommilitonen, aber mehr als „Hallo“ und „Tschüss“ hatten wir noch nie zueinander gesagt. Und dann standen wir gemeinsam am Gleis in Friedrichshafen und warteten auf den Zug nach Berlin.

Zu Beginn einer so langen Fahrt jemanden zu treffen, den man kennt und der das gleiche Ziel hat, kann richtig gut ausgehen – oder ganz schrecklich. Mit Max ging es gut aus. Nach sieben Stunden lagen wir lang ausgestreckt im Behindertenabteil und erzählten uns von Beziehungen, Berufswünschen und Essgewohnheiten.

Das Behindertenabteil ist ein Geheimtipp. Viele Leute wagen es, aus welchen Gründen auch immer, nicht, sich hineinzusetzen. Also wurde es unser Refugium. Unser Kino, für 90 Actiongeladene Minuten. Unser Internetcafé, bis die Volumengrenze des iPhone-Tarifs erreicht war.

Man muss genau hinschauen, dann wird einem klar, wie viel Potenzial in so einem Abteil steckt. Es ist alles da: Steckdosen, Stauraum, ein Tisch, sogar eine eigene Klimaanlage. Man könnte einen Gaskocher mitbringen und eine Suppenküche oder einen Coffeeshop aufmachen, so als direkte Konkurrenz zum Speisewagen. Man könnte die Vorhänge zuziehen, eine Diskokugel aufhängen (die glitzert auch noch so schön in den Spiegeln unterhalb der Gepäckablage) und das Abteil zum Partyabteil erklären. Es ist – oder war – weit mehr als bloß der Rückzugsort für Eltern mit strapazierten Nerven und kreischenden Kindern. Oh, apropos: Wo sollen die dann jetzt eigentlich bleiben?!

8 Kommentare

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  1. Robert sagt:

    Nein. Nein. Ich muss dir widersprechen! Tschüß, Abteil! Für immer. Für mich als Langbeinigen und Großfüßigen sind Abteile eine Zumutung. Ich verkrampfe und fühle mich unwohl, finde nie die richtige Beinlage oder -haltung.

    Zum Leutekennenlernen empfehle ich das Boardrestaurant. Dann ist auch die peinliche Stille nicht so peinlich sollten die Themen ausgehen, es kann ja am Kaffee genippt, ins Brötchen gebissen werden.

    Leere Abteile sind zu selten, als dass sie überhaupt erhalten bleiben sollten. Ruhewagen! Vierer-Tisch und Fahrradwagen. Alternativen gibt es genug. Das Abteil werden wir vermissen wie Funklöcher.

  2. stiller sagt:

    Ich bin auch ein Abteilfreund. Unvergessen natürlich auf Klassenfahrten und -ausflügen. Mit geheimnisvoll zugezogenen Vorhängen. Und vor allem, wo sollen sich nun Harry, Ron und Hermine über die neuesten Schurkereien von Voldemort austauschen?

  3. Pablo sagt:

    Abteile waren absolute Spitze!
    Die letzten Jahre wurde Abteile ja sowieso schon sehr selten (im IC), was ich persönlich auch schade fand.
    In meinen 3 Jahren als regelmässiger Bahnfahrer lernte ich damals total viele Leute im Abteil kennen, man tauscht Geschichten aus, schweigt sich auch mal an, oder schmunzelt über die Mutter die ihre Kinder nicht unter Kontrolle hällt.
    Abteile waren super! :(

  4. Bahncard 5000 sagt:

    Och man. Ich mag Abteile auch! Und nicht nur bei Harry Potter, sondern auch bei Emil und den Detektiven. Oder Agatha Christie.

  5. Jules sagt:

    Wenn ich Abteilen saß, dann hatte ich meistens (zu) großes Gepäck dabei und es war voll. Insofern konnte ich da nie so eine große Liebe entwickeln.
    Geheimtipp (so lange es sie noch gibt) ist in den Zügen, die in die Schweiz weiterfahren, das Zollabteil. Da trauen sich die Leute oft auch nicht rein, und man hat in der Regel einigermaßen Platz.
    Und Leute lernt man immernoch am besten kennen, wenn irgendwas bei der Bahn nicht so läuft wie es sollte. Und das wird noch oft genug passieren.

  6. rebhuhn sagt:

    … ehrlich gesagt lerne ich auch leute in der bahn kennen, wenn ich nicht im abteil sitze. so gut wie immer sogar! :)

    abteil endete bei mir meist mit fremdem schweißgeruch in der nase oder auch z.b. ekel vor dem neurodermitisierenden halbwüchsigen, der sich ständig mit dem handrücken über die offene wunde über dem mund fuhr, und den handrücken dann mit der gleichen bewegung im velour des handlaufs seines sitzes abwischte. üärks.

    nee, danke: tschüß, abteil! :D

  7. Helge sagt:

    Schöner Blogpost…
    ich find’ Abteile auch deutlich heimeliger. Wobei schon ein weiterer Gast das Ganze in die Hölle verwandeln kann. Ich mag es überhaupt nicht, wenn im Abteil die Frikadellen oder die Bierflaschen ausgepackt werden. Ganz allgemein sollte man das Essen und Alkohol trinken ins Bordrestaurant verlegen. Gebäck und Kaffee sind okay, aber Burger, Pizza, Pommes und das ganze Fritösen-Gedöns find ich so grauslig da setz ich mich freiwillig ohne zu zögern zwei Abteile weiter. Ich erklär da auch nix mehr ich geh’ einfach!

    Ansonsten finde ich das Abteil vor allem der alten IC’s super. Die gemütlichen Sitze und die schönen Messing-Lampen, die noch ein fokussiertes warmes Licht statt dem kalten, grellen Stromsparlicht von der Decke liefern…

    …Abteil rockt normalerweise. Wenn’s allerdings voll belegt ist ist es eher anstrengend, weil wie im Flieger irgendwann immer einer raus muss und alle anderen Platz machen müssen.

    Mein Favorit ist daher der IC-Großraum mit Tisch und Stromversorgung für den Rechner bei starker Belegung des Zuges, und das Abteil nur wenn der Zug nicht zu voll ist.

    Meine 2 Cent…

  8. Tom sagt:

    Ich habe in Regionalbahnen schon seit Jahren keine Abteile mehr erlebt – außer alte Waggons wurden eingesetzt

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