Vor einem halben Jahr zog Eva Schulz, 19, in eine eigene Wohnung, 500 Kilometer entfernt von ihrer Familie. Beim ersten Heimatbesuch wird klar: Im Elternhaus hat sich von Fernsehprogramm bis Wäsche-Service so ziemlich alles verändert. Eva fragt sich: Ist das noch ihr Zuhause?
Es sind meine ersten Semesterferien, und ich weiß nicht, wo mein Zuhause ist. Ich habe jetzt zwei Wohnsitze: die Adresse, unter der auch meine Eltern wohnen und an die die Bank noch immer meine Post schickt. Und die neue, in der neuen Stadt, deren Postleitzahl ich nicht auswendig kann.
Mein Begriff von Zuhause ist auf einmal verschwommen und doppeldeutig. Er steht gleichzeitig für zusammen und allein wohnen, für eine große und eine kleine, eine ordentliche und eine weniger ordentliche Wohnung. Dass ich damit nicht allein bin, merke ich an meinen Kommilitonen. Wenn einer von ihnen erwähnt, dass er gleich nach Hause fährt, lautet die erste Frage immer: “Nach Hause zu deinen Eltern oder in deine Wohnung?”
Bei meinen Eltern war ich das letzte Mal kurz nach dem Umzug in die neue Stadt. Da hatte meine Mutter im Vorfeld schon leise angedeutet, dass ich dreckige Wäsche in Zukunft bitte selbst waschen könne, schließlich hätte ich ja nun eine eigene Maschine. Plötzlich fühlte ich mich in meinem Elternhaus eher wie ein Gast, nicht mehr wie ein Bewohner.
Natürlich war das auch schön: Mein Vater holte mich bei meiner Ankunft vom Bahnhof ab, obwohl ich auch den Bus hätte nehmen können, meine Mutter kochte mein Lieblingsessen. Wir redeten wieder viel mehr miteinander als früher. Meine kleine Schwester überließ mir sogar freiwillig die Fernbedienung und verzichtete auf “Hannah Montana”. Aber dennoch: So richtig kam ich in diesen Haushalt nicht mehr rein.
Der kratzige Ringelpulli erinnert an den Chemietest
Das fing schon damit an, dass ich mein Zimmer nicht wiedererkannte. Alles, was diesen Raum früher zu meinem gemacht hatte, war verschwunden – das Bett, die Bücher, die Bilder an den Wänden. Schließlich war der ganze Kram mit mir umgezogen. Stattdessen stand da nun ein neuer Schreibtisch mit den Aktenordnern meiner Mutter und daneben das schmale Gästebett. Das sollte mein Zuhause sein?
Erst am Abend, als ich die Augen schloss und die Bettwäsche so herrlich vertraut roch, war ich mir wieder sicher. Doch als dann morgens alle zur Arbeit und in die Schule gegangen waren, saß ich da und wusste nicht so recht etwas anzufangen mit der freien Zeit. In meinem anderen Zuhause hätte ich wenigstens die Wäsche waschen können.
So war ich fast ganz ohne Anziehsachen angereist und musste auf die ausweichen, die es nicht in einen der Umzugskartons geschafft hatten. In dem kratzigen Ringelpulli und der grünen Cordhose fühlte ich mich in die Mittelstufe zurückversetzt. Ich weiß noch, wie ich in genau diesem Pullover einen schrecklichen Chemietest schrieb und dabei furchtbar schwitzte.
Meine Freundin Lisa darf ihre Wäsche noch mit nach Hause bringen. Sie hat in ihrer WG keine Waschmaschine und wohnt nur zwei Stunden Fahrtzeit von ihren Eltern entfernt. Alle zwei Wochen fährt sie sie besuchen, außer in Prüfungsphasen. “Arbeiten kann ich da überhaupt nicht”, sagt sie. “Die lenken mich viel zu sehr ab.”
Jetzt blockiert die Schwester das Bad
Sie findet, dass alle sich verändert haben – sie selbst, ebenso ihre Eltern: “Wir bewegen uns in gegensätzliche Richtungen. Ich habe mir in der neuen Wohnung angewöhnt, hier und da mal was liegen zu lassen. Darauf reagieren meine Eltern jetzt viel empfindlicher als früher.” Bei mir hat es solche Veränderungen auch gegeben. Meine Schwester blockiert das Bad zu genau der Zeit, in der ich es früher immer benutzt habe, und im Kühlschrank suchte ich vergeblich nach der gewohnten Margarine. Mein Vater mag jetzt eine andere.
Ich wohne 500 Kilometer von Zuhause entfernt. Das ist fast so viel wie bei meinem Freund Christoph. Er ist letztes Jahr von Bayern nach Berlin gezogen und hat das Zwei-Zuhause-Dilemma für sich so definiert: “Zuhause ist in Berlin. Bayern ist meine Heimat”, sagt er. Heimat, das stehe für die Kindheit, alte Traditionen und irgendwie auch für gutes Essen.
Für Christoph bedeutet der Heimatbesuch aber vor allem Stress: “Wenn ich da bin, will ich auch alle meine Freunde treffen.” Sowieso sei das Leben in Berlin entspannter. “Ich hatte nie wirklich Ärger mit meinen Eltern, aber in einer WG hat man einfach dauerhaft sturmfrei”, sagt er. “Da kümmert es niemanden, ob ich eine ganze Woche lang kein Gemüse esse oder wann ich abends nach Hause komme.” Wenn er jedoch in Bayern ist und dort mit seinen Freunden ausgeht, gibt er den Eltern noch immer Bescheid.
Ein Besuch im alten Zuhause ist einerseits wie Urlaub. Andererseits ist es Alltag. Man weiß genau, wo die Tischsets liegen und welche Reihenfolge die Sender im Fernseher haben. Und man muss immer noch beim Abwasch helfen oder staubsaugen. In solchen Momenten lernt man das Alleinwohnen zu schätzen. Im neuen Leben ist es nämlich nicht schlimm, wenn die dreckigen Teller mal eine Nacht lang dreckig bleiben. Da darf man auch selbst entscheiden, wann gegessen und wann aufgestanden wird und was im Fernsehen läuft.
Vor ein paar Tagen habe ich mich allerdings dabei ertappt, wie ich ganze 20 Minuten ausgerechnet bei “Hannah Montana” hängen blieb. Es wird wohl doch mal wieder Zeit für einen Besuch zu Hause. Also, in der Heimat.
Spiegel Online, 30. März 2010


Sehr netter Artikel über die Erfahrungen, die wohl alle ausziehenden Studenten machen.
Mein Schlüsselsatz ist aber der hier:
Genau das musste ich auch erfahren. Der eigentliche Plan, die kompletten acht Wochen Semesterferien in der Heimat zu verbringen, scheiterte an der Hausarbeit, die ich zu schreiben hatte. Ich hab’s probiert, aber irgendwie ging’s überhaupt nicht vorwärts – also nach dem wichtigen Termin in der Heimat schnell wieder abgereist, zurück an den Bodensee gefahren, geschrieben, geschrieben, geschrieben. Da ging’s auf einmal…
Ein sehr schöner Text! Ich wohne zwar auch nur 2h von der “Heimat” entfernt, aber kenne das verlorene Gefühl im alten Kinderzimmer – genauso wie du das beschreibst.
Ich habe das für mich ein bisschen anders definiert als du – das große Wort “Zuhause” verwende ich einfach gar nicht mehr, ich versuche es immer zu umgehen und weiche stattdessen auf Städtenamen aus. Den Begriff “Zuhause” gibt es in dieser Form nicht mehr für mich, weil er eben – genau wie bei dir – so relativ geworden ist. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es eigentlich auch egal ist, was jetzt Zuhause ist und was nicht.
Inzwischen fällt es mir auch unheimlich schwer, zu meinen Eltern nach Lüneburg zu fahren. Freunde von mir gibt es dort kaum noch, diejenigen, die es in Lüneburg gehalten hat, kann man an einer Hand abzählen. Ich langweile mich in meiner Heimatstadt zu Tode. Kein eigener Computer mehr, keine Menschen, keine Aufgabe. Ich freue mich jedesmal wieder, zurück in Berlin zu sein. Es ist eigentlich kaum zu fassen, wie schnell man sich irgendwoanders ZUHAUSE fühlen kann.
Ich habe es auf ein paar Kilometer mehr geschafft und lebe jetzt in Barcelona. Aber ich glaube, dass die Kilometer, ab dem 3 stelligen Bereich, keinen Unterschied mehr machen.
Selbst in der gleichen Stadt, ist es normal, dass man seine eigenen Gewohnheiten anfängt oder stärker entwickelt.
Deswegen ist es für mich so wichtig gewesen, erst mit meinem Freund zusammen zu ziehen und dann zu heiraten, was in Spanien nicht so üblich ist…
lustig, irgendwie schreiben wir alle mal so einen artikel… meiner ist vier jahre alt und steht auf seite 15: http://www.stellungswechsel-magazin.de/swmag/ausgabe_01/pdf/swmag01.pdf
Wie kommt man dazu eine Artikel bei Spiegel schreiben zu können? :)
@Lena: Man fährt halt zu seinen Eltern, das passt immer.