The September Issue

26. Januar 2010 · 1 Kommentar


“Many people said that you’re an Ice Woman.” – “Well this week is pretty cold, that’s all I can say.”

“The September Issue” wollte ich schon lange sehen, aber irgendwie war immer etwas dazwischen gekommen. Jetzt ergab sich ausgerechnet auf der Berlin Fashion Week endlich die Möglichkeit. Eine kleine Bar in Berlin Mitte zeigte vier Tage lang Modefilme von “Frühstück bei Tiffany” über “Brüno” bis hin zu “Der Teufel trägt Prada”. Letzterer war die Steilvorlage für die Dokumentation von R.J. Cutler. Schließlich wollte nach dem Erfolg des Spielfilms alle Welt wissen, ob Anna Wintour wirklich so kalt und biestig ist, wie Meryl Streep sie darstellt.

Tatsächlich ist “The September Issue”, der die “Vogue”-Chefin bei der Produktion der dicksten und wichtigsten Ausgabe des Jahres 2007 begleitet, auch ganz ähnlich aufgebaut wie der “Teufel”. Am Anfang wird zunächst klargestellt, wie mächtig diese Frau ist. Wer glaubt, innerhalb einer Moderedaktion herrsche Anarchie oder zumindest eine kreativ-chaotische Demokratie, der irrt. Die “Vogue” wird absolutistisch regiert, von einer Frau, der alle hörig sind: Ihre Redakteure ducken sich und nicken nur, den Designern sagt sie, welche Stoffe sie verwenden sollen, und den Händlern schreibt sie die Einkaufszettel. “Can we say that Anna is the high priest of all of us?”, fragt der Regisseur einmal eine Redakteurin und bekommt zur Antwort: “I would say pope.”

Nachdem die Machtverhältnisse ein für alle Mal geklärt sind, zeigt der Film, wie es den Untertanen damit geht. Als Musterbeispiel muss Grace Coddington herhalten, die Art Directorin, die sich eigentlich nie hatte filmen lassen wollen. Was für eine Überraschung, dass ausgerechnet diese schrullige Frau, die mit ihrer roten Mähne und dem humpelnden Gang an eine Hexe erinnert, einmal als Model bei der “Vogue” angefangen hat! Nun wird sie einhellig als kreatives Genie beschrieben – und von der Chefin doch immer wieder gepiesakt und überstimmt. Trotzdem ist sie die einzige, die sich auch mal traut zu widersprechen. (Dumm nur, dass die Wintour niemals auf einen Widerspruch eingeht.)

Gerade, als der Zuschauer sich endgültig auf Graces Seite schlagen will, zeigt Anna Wintour doch noch Schwäche, ganz wie in “Der Teufel trägt Prada”. Es ist ein ungewohnt wackliger Moment. Wintour erzählt von ihren Geschwistern, die allesamt so ehrenwerten Berufen nachgehen. Sie berichten über Politik, suchen Wohnungen für Arme oder helfen Bauern in Südamerika. Über das, was Anna mache, seien sie, nun ja, “amused”. Und dann ist da auch noch ihre Tochter Bree, die lieber Anwältin werden will als Redakteurin und die Branche sowieso ziemlich merkwürdig findet. Dass Anna Wintour ihren Beruf ausgerechnet im engsten, privatesten Kreis verteidigen muss, das überrascht.

Was dem Film leider fehlt, sind tiefere Einblicke in den Arbeitsalltag der “Vogue”-Redaktion. Dafür war angesichts der beiden Hauptdarstellerinnen wohl einfach kein Platz mehr. Der Zuschauer bekommt ein ziemlich ausführliches Psychogramm von Anna Wintour und kann sich doch keine rechte Meinung bilden. Das allein ist eigentlich schon ein Kunststück.


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