Redet mit uns – nicht über uns!

25. Dezember 2009 · 14 Kommentare

Zeitungen buhlen um junge Leser. Aber was sagt die Zielgruppe?

In Amerika wäre es ganz leicht, die Jugend wieder zur Zeitung zu bringen. Man müsste nur ein bisschen zahlen und den Darstellern in Teenie-Serien wie „90210“ oder „Gossip Girl“ regelmäßig die „New York Times“ oder den „San Francisco Chronicle“ in die Hand drücken. Was die Gossip Girls cool finden, finden auch tausende amerikanische Jugendliche cool – die Zukunft der Zeitung wäre gerettet.

Leider ist das in Deutschland nicht so einfach. Mal abgesehen vom Schleichwerbeproblem – das man ja noch durch eine gesetzliche Sonderregelung oder gar staatliche Subventionierung à la Frankreich umgehen könnte –, werden hier einfach keine guten, reichweitenstarken Jugendserien produziert.

Dabei geben sich die Zeitungen doch Mühe: Die „Süddeutsche“ unterhält mit „jetzt.de“ ein Online-Portal und eine extra Jugendseite, die „FAZ“ druckt im Rahmen von „Jugend schreibt“ Artikel von Schülern und dem „Rheinischen Merkur“ liegt regelmäßig das „junge Magazin“ „mercury“ bei. Trotzdem sind Leser zwischen 14 und 29 rar.

Keine Zeit für die Zeitung

In diese Altersgruppe gehören meine Freunde und ich. Ich habe im vergangenen Sommer mein Abitur gemacht, meine ehemaligen Mitschüler ziehen gerade um und fangen an zu studieren. Drei von ihnen haben eine WG in Berlin gegründet, wo sie Medizin, Design, audiovisuelle Medien studieren. Dass sie eine Zeitung abonnieren wollen, war für sie von Anfang an klar. Nach kurzer Diskussion entschieden sie sich für die „Süddeutsche“ – weil man zum Studentenabo ein vierteiliges Topfset dazubekommt und der Designstudent das „SZ Magazin“ nicht missen will, das er schon Zuhause immer gelesen hat, wo das Abo auf Papa lief.

In vielen WGs geht es allerdings so zu wie bei meinen Freunden in Aachen. Sie studieren Chemie, Wirtschaftsingenieurwesen und Kommunikationsdesign. Bei ihnen stand gleich fest: Die Tageszeitung wird eingespart. Julian, der Wirtschaftsingenieur, hat nicht mal einen Fernseher, auf dem er abends die Nachrichten schauen könnte. Er informiert sich ausschließlich per iPhone. „Da habe ich die Apps von SpOn, stern.de und Sport Bild installiert“, sagt er, das reiche völlig.

Julian ist nicht der Einzige, dem das Internet lieber ist. Kilian bekommt über seine Uni das E-Paper der „Zeit“ umsonst. Er könnte sich auch vorstellen, später mal einen E-Reader zu benutzen. Und Johanna hat neben dem Studium einfach nicht genug Zeit für die Zeitung. „Im Internet gibt es Tags, Kommentare, eine Suchfunktion, da kann ich viel schneller querlesen“, sagt sie. „Das geht auch während einer langweiligen Vorlesung.“

Es ist nicht so, dass diese Generation nicht mehr liest – im Gegenteil: Seit wir bloggen, twittern, chatten und ständig neue Statusmeldungen schreiben, gibt es sogar viel mehr zu lesen. Und wöchentlich oder monatlich erscheinende Magazine sind lange nicht so unbeliebt wie Zeitungen. Dafür geben wir gern Geld aus, auch, wenn es nicht um Unterhaltung, sondern um Information geht. Ich erinnere mich an viele Freistunden im Oberstufencafé, in denen der künftige BWLer in der „Wirtschaftswoche“ blätterte und unter den Naturwissenschaftlern das „Bild der Wissenschaft“ herumgereicht wurde. Wir kaufen diese Magazine, weil dort Themen, die uns wirklich beschäftigen, gut aufbereitet werden – und wir uns als Leser ernst genommen fühlen.

So nicht!

Das ist etwas, das Deutschlands Tageszeitungen noch nicht beherrschen. Themen, die Jugendliche betreffen, werden zu oft in einem Erklärstil verfasst, der sich nur an Eltern und Großeltern richtet. Es gibt ständig Generationenbeschreibungen, zum Beispiel jüngst während der Revolution im Iran. Diese Betrachtungen sind aber immer von außen verfasst und viel zu selten von innen heraus. Dabei könnten junge Journalisten ihre Generation doch so viel besser erklären als jemand, der gar nicht da reingehört – und zwar, ohne ihre Eltern von den Lesern auszuschließen.

Stattdessen scheinen die Redaktionen zu glauben, es reiche, wenn man hin und wieder an fester Stelle über Hip Hop oder YouTube berichte. Doch das ist genau der falsche Weg, denn auf diese Weise werden junge Leser gesondert behandelt. Das ist, als würde man bei einem großen Fest an den Kindertisch gesetzt – man fühlt sich einfach nicht ernst genommen. Außerdem wird „die junge Zielgruppe“ als eine homogene Masse gesehen, in der die Interessen der 14jährigen Pferdenärrin sich ganz selbstverständlich mit denen des 19jährigen Hobbyfotografen decken.

Wunschliste!

Damit diese Leser nicht ein, sondern sechs Mal die Woche zum Kiosk gehen, sollte junge Themen täglich vorkommen und über die ganze Zeitung verteilt sein. So können sie mal etwas Spannendes im Wirtschaftsteil entdecken, dann wieder im Feuilleton.

Und anstatt alle vermeintlich „jugendgerechten“ Inhalte mit „hippen“ Logos zu brandmarken, sollte das Äußere der Zeitung lieber im Ganzen verjüngt werden. Damit meine ich nicht bunte Farben, lauter Illustrationen oder ungewöhnliche Schrifttypen, die irgendwie modern und jugendlich wirken sollen. Das mag für den „Spiesser“ funktionieren, bei Tageszeitungen, die vor allem der Information dienen, ist uns aber immer noch schlichte Eleganz lieber, weil es seriöser und Vertrauen erweckender wirkt.

Zusätzlich kann man aber Links oder Handycodes in Artikel einbauen und ein bisschen Platz für Hinweise auf die hauseigenen Twitter- und Facebook-Profile hergeben. Das ist ein guter Weg, um mit jungen Lesern in Kontakt zu treten. Im Gegensatz zu unseren Eltern sind wir es nämlich gewohnt, nicht nur Empfänger zu sein, sondern auch Sender. Wir benutzen interaktive Angebote, wollen mitmachen, selber machen. Wir wollen mit denen sprechen, die unsere Zeitung schreiben. Ihre Artikel zu kommentieren, ihnen zu followen, einen „Gefällt mir“-Button drücken zu können sind da wahrscheinlich nur die Anfänge.

Bitte handlich und fehlerfrei!

Dann ist da noch die Sache mit dem Format. Ein Leser, der am Frühstückstisch als erstes seinen Laptop einschaltet, anstatt den Politikteil aufzuschlagen, will seine Zeitung mitnehmen können, um sie in der S-Bahn oder der Mensa zu lesen. Doch das ist mit diesen Riesenblättern, die immerzu auseinanderfleddern, einfach viel zu unpraktisch. Das ist keine neue Erkenntnis. Trotzdem haben lediglich das „Handelsblatt“, die „Frankfurter Rundschau“ und „Welt Kompakt“ schon auf das viel handlichere Tabloid-Format umgestellt.

Doch selbst das reicht noch nicht aus. Entgegen manchem Vorurteil spielt auch die Qualität der Texte eine wichtige Rolle. Ein kleiner Rechtschreibfehler genügt, um jugendliche Leser gegen sich aufzubringen. Was uns in einem Blog kaum juckt, wird bei der Zeitung zur Lachnummer. So trug ein sportbegeisterter Mitschüler jahrelang eine ausgeschnittene Zeitungsmeldung in seinem Mäppchen, in der der Name seines Lieblingsstürmers gleich drei Mal unterschiedlich geschrieben
wurde – und kein einziges Mal richtig.

Was immer sie sich auch ausdenken, die Redaktionen sollten sich heute jedenfalls nicht mehr darauf verlassen, dass sich die jungen Zeitungsverweigerer in ein paar Jahren nach Papas morgendlichem Blätterrascheln zurücksehnen. Nur deshalb werden sie auch nach Studium oder Ausbildung nicht mehr anfangen, Zeitung zu lesen. Dann nutzt Julian nämlich ein neues iPhone, und Kilian längst einen Kindle.

Medium Magazin, Dezember 2009


Diese Einträge könnten dich auch interessieren

    » “Das Internet ist für euch wie die Luft zum Atmen”
    » “Die Piraten klingen so cool”
    » Wo du mal Zuhause warst
    » Das Leben ist kein Ponyhof
    » An den Tatort via Facebook


    Bis jetzt 14 Kommentare

    • Tina 25. Dezember 2009 um 17:01 Uhr

      Hab den Artikel vorgestern im gedruckten Mag gelesen und finde ihn auch beim zweiten Lesen immer noch wirklich gut!

    • Max 26. Dezember 2009 um 16:17 Uhr

      Ich für meinen Teil brauche keine Facebook-Seite “meiner” Tageszeitung – und wahrscheinlich lohnt es sich für Tageszeitungen auch nicht, die junge Zielgruppe zu fokussieren, da die Bevölkerung ohnehin altert. (Dass damit auch die Fertigkeit, mit neueren Medien umzugehen, in ältere Bevölkerungsschichten vordringt, ist meiner Meinung nach eine andere Sache.)

      Was ich schon begrüßen würde: Ein handliches Format. “The Times” kann man im Bus einigermaßen elegant lesen, bei der (bei mir seit Studienbeginn abonnierten) FAZ ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn ich sie doch in der Uni lesen will, dann muss ich mir dafür einen eigenen Tisch suchen.

    • Zeitungen und junge Leser « Verwickeltes 26. Dezember 2009 um 17:01 Uhr

      [...] anderem plädiert sie für das handlichere Tabloidformat sowie gegen Katztische und Sonderseiten: Hurra!-Blog: Redet mit uns – nicht über uns![...]Damit diese Leser nicht ein, sondern sechs Mal die Woche zum Kiosk gehen, sollte junge Themen [...]

    • Eva 26. Dezember 2009 um 17:34 Uhr

      Dann kannst du dich ja schon auf die geplante “junge” Ausgabe der FAZ freuen, Max: http://bit.ly/4LH8Xn!

    • Nico 26. Dezember 2009 um 18:51 Uhr

      Sehr interessanter Beitrag! Da hab ich doch mal ein paar Gedanken zusammengekramt. Erstmal:

      Ich brauche nicht:
      - Zeitungen als Wiederverwerter der Nachrichtenagenturen, also als Nachrichtenlieferanten. Dazu schau ich zu regelmäßig auf SpOn vorbei, als dass ich in der Zeitung neue Nachrichten erfahren würde.
      - Zeitungen bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken. Die bestehen nunmal zwischen Personen.
      - Zeitungen bei Twitter, die nur einen Feed aus Schlagzeile und Verlinkung zum Online-Auftritt rauspusten

      Es braucht denke ich
      - viel mehr Hintergrundinformationen, Reportagen und Kolumnen – einen Mehrwert zum Narichtenüberblick. Und ja das kostet weitaus mehr als Leute für das Umschreiben von Agenturmeldungen.
      - Redakteure die twittern, die interagieren. Nicht nur mit ihren eigenen Sachen, sondern sich öffentlich auch kritisch zu Beiträgen von Kollegen äußern – DAS wäre mal wirklich Web 2.0
      - ein handlicheren Format, aber das fangen Sie an zu begreifen
      - eine gute Mischung zwischen verschieden Themengebieten. Quasi eine Platzierung zwischen Nachrichtenlieferant und spezifisches Themenmagazin. Da ist noch reichlich Platz.
      - Ruhig mal ein Profil entwickeln, eine Linie zeigen und nicht dauernd vor Angst vor Leserverlust das Gesicht verstecken. Ruhig mal auch ein Thema nicht bringen, auch wenn alle anderen es haben.
      - Redakteure, die ire Zielgruppe dann auch auf gleicher Augenhöhe betrachten und sie so behandeln. Nur so kann man auch für eine Zielgruppe schreiben.
      - Und du hast recht: weniger flippige Typo und Logos. Das junge kommt die die Schlichtheit und vielleicht mal durch andere Absätze, Blöcke als bisher. Und Serifen sind ja auch nicht soo ultra hip immer… ja, auch wenn man die wohl in längeren Texten besser lesen kann.

      Nebenbei: Ich finde, dass die Zeitung Der Freitag echt verdammt gute Ansätze zeigt, wie man mit der Interaktion zwischen Leser und Medium umgehen und sie sogar noch fördern kann.

    • sebastian 26. Dezember 2009 um 21:52 Uhr

      ich bin nicht ganz einverstanden mit diesem kommentar, der für mich vor allem durch seine oberflächlichkeit besticht. denn natürlich müssen zeitungen sich mehr und mehr an uns jungen lesern orientieren. twitter und facebook können dabei auf jeden fall helfen. dass das alleine aber nicht reicht, zeigen die klick-statistiken und abo-zahlen beim ach so gelobten freitag. die können sich im endeffekt nur halten, weil der gute alte rudolf augstein so viel geld angehäuft hat…
      die format-kritik ist natürlich bedingt berechtigt, aber auch sehr konformistisch und – die kritik sei mir erlaubt – echt beunruhgiend unromantisch. muss man denn jede information per touchscreen wie eine blöde iphone-app abrufen können?
      die hier von allen uniform geforderte tiefgründigkeit eines printmediums zeigt sich wohl auch im format. oder wie viele seiten sollen zeit-reportagen in einer möchtegern-modernen welt kompakt belegen?
      also: ich nehme dich, seit ich auf diesen blog gestoßen bin, als gute und vorwärtsgewandte journalistin wahr, bin aber hier ein wenig über deine oberflächlichkeit und pseudo-modernität enttäuscht…
      allein durch die signalworte twitter, facebook und apple wird journalismus nämlich wirklich nicht zukunftsfähiger geschweige denn besser.

    • Nico 26. Dezember 2009 um 23:37 Uhr

      Ich muss sagen, dass ich deine Kritik doch recht flach und undurchdacht finde:
      Twitter und Facebook können sicherlich helfen, aber dafür müssten sie entsprechend genutzt werden. Nur Schlagzeilen und Links abzuladen hilft da nicht sonderlich, da es eher störendes Rauschen als Mehrwert ist. Die Welt kompakt geht da inzwischen schon mehr in die Richtung, dass die Redaktion an sich twittert. Web 2.0 besteht nunmal aus Interaktion und die kann nur entstehen, wenn beide Seiten greifbar sind und nicht von einem großen Konstrukt Zeitung nur deren Infos abgeladen werden.

      Der Freitag mag sicher nicht so laufen, wie man sich das dort vorstellt – rein verkaufsmäßig gesehen. Aber da spielen anderen Sachen viel mehr rein. Das Konzept mit der starken Integration der Leser ist teils Testfeld als auch Vorbild – aber auf jeden Fall im Blick zu behalten.

      Tiefgründigkeit äußert sich übrigens nicht unmittelbar in ellenlangen Reportagen. Das kann schon beim 300-Zeichen-Block anfangen. Auch eine Welt kompakt kann tiefgründiger sein als bisher. Natürlich kommt man da nicht an lange Beiträge aus Spartenmagazinen heran. Muss man auch nicht, aber mehr als Agenturmeldungen abdrucken sollte drin sein.

      Und woher die iPhone-App bei dir kommt? Ich denke wir sind uns hier einig, dass so eine gedruckte Zeitung schon noch ihren Stellenwert hat, wenn auch nicht mehr unbedingt für Nachrichten. Wer will schon nen Touchscreen beim Frühstück mit Leberwurstbrötchen.

      In diesem Sinne: eine schöne Nacht noch.

    • Sebastian Wieschowski 27. Dezember 2009 um 10:03 Uhr

      Hallo Eva. Bin mit Freude über deinen Text gestolpert und finde es gut, dass sich mal eine junge Journalistin zu Wort meldet – denn du hast völlig Recht, dass Chefredakteure gern über junge Leser, aber nicht mit jungen Lesern reden. Mit vielen deiner Thesen stimme ich überein, ich glaube jedoch, dass du – und viele andere, die sich um das Thema “Jugend und Medien” Gedanken machen, einen zentralen Denkfehler machen: Sie verwechseln “die Jugendlichen” und “die Digital Natives”. Nach meiner Erfahrung ist es eben doch nicht so, dass “die junge Generation” bloggt und twittert. Das tut nach meinem Gefühl neben ein paar wenigen Ausnahmen praktisch niemand, der im Moment zur Schule geht. Und bei diesen wenigen Ausnahmen handelt es sich um junge Menschen, die auch sonst journalismus-affin sind. Deshalb glaube ich auch, dass in deinem und meinem Umfeld überraschend viele junge Menschen auftauchen, die ein Blog haben oder einen Twitter-Account – wir sind kreative Menschen und mit kreativen Menschen befreundet. Das ist aber ein Mikrokosmos, der sich nicht auf “die Jugendlichen” verallgemeinern lässt. Denn wenn ich mal in meinem Umfeld gucke und etwas nachforsche, ob von meinen jüngeren Bekannten oder im Freundeskreis meiner Schwester (22, Abitur, arbeitet nicht im Medienbereich) irgendjemand ein Blog führt oder twittert, treffe ich auf eine gähnende Leere. Genau so sieht es aus, wenn ich alle Nicht-Journalistik-Studenten durchgehe, die ich in Eichstätt oder anderswo in Deutschland kenne. Ja, Otto Normaljugendlicher ist bei StudiVZ und Facebook aktiv, aber er ist dadurch nicht schreibwütiger geworden.

    • Tina 27. Dezember 2009 um 11:36 Uhr

      @Sebastian (nicht Wieschowski, der andere ;)):
      Die Frage ist doch nicht, ob man jede Info über “neue Medien” wie iPhone-Apps abrufen muss. Man kann es nun einmal, und in den meisten Fällen ist es sogar auch noch kostenlos.

      Wie Nico bereits treffend meinte, wir brauchen nicht noch mehr Nachrichtenquellen – selbst Jugendliche, die nicht zu den absoluten Profis in Sachen Blogs und Twitter gehören surfen bereits am Heim-PC oft genug auf SpiegelOnline vorbei, um am nächsten Morgen die Meldungen in der Zeitung bereits zu kennen. Wieso sollte ein iPhone-Besitzer seine Apple-Wundertüte also nicht benutzen, wenn er es kann, und wenn es sowohl seinen Lebensumständen als auch seinen Interessen entspricht? Warum nicht in der S-Bahn Meldungen checken statt für die Zeitungslektüre am Morgen auch noch früher aufzustehen?

      Genau hier fängt doch die Orientierung an den jungen Lesern an, meiner Meinung nach müssen solche Entwicklungen sogar gleichzeitig zu der Verschiebung thematischer Schwerpunkte und einer Änderung des Schreibstils auf Augenhöhe geschehen. Zumal ich nicht sehe, wieso dies mit den von dir genannten ausführlichen Reportagen der “Zeit” nicht vereinbar sein sollte – wie Eva bereits in ihrem Artikel angemerkt hat, auch für gut recherchierte Informationen in Magazinen (also für die Info verpackt in ausführlicheren Formen!) geben zahlreiche Jugendliche gerne ihr Geld aus.

    • Janos Burghardt 27. Dezember 2009 um 15:48 Uhr

      Hallo Eva,

      toller Beitrag mit vielen guten Ansätzen, wie Zeitungen junge Leser besser ansprechen können. Deine Einschätzung zu Social Media halte ich auch für etwas optimistisch – ich denke, dass es erst einmal junge Medien wie bspw. yaez oder Welt Kompakt ausfindig machen sollten, was die Rolle einer Redaktion hier sein kann, und dann haben Zeitungen immer noch die Zeit, dies zu adaptieren. Die Lösung des Problems junge Leser steckt meiner Meinung nach weniger in Social Media als auch in formalen Aspekten wie das Tabloid-Format. Da finde ich deine Bemerkung zum Layout auch sehr treffend: Ein vermeintlich poppiges Layout verlangt doch keiner von seiner Tageszeitungen – auch wenn man hier, im Sinne aller Leser, regelmäßig seine Hausaufgaben machen sollte.
      Das eigentliche Problem sind die Themen, insbesondere bei den Regionalzeitungen (da ist es ja auch im besten Sinne bezeichnend, dass du nur von der Riege SZ/FAZ schreibst). Hier müssen die Nachrichtenagenturen als auch die Regionalredaktionen an ihrer Themenkompetenz arbeiten. Dabei sollte man Nachrichtenagenturen auch nicht immer als das Übel darstellen – Regionalzeitungen lassen sich ohne Agenturen ja nicht wirtschaftlich aufrechterhalten.

    • Henning 27. Dezember 2009 um 17:54 Uhr

      Wieso zum Teufel scheinen eigentlich sämtliche Leute zu glauben, man müsse für “die Jugend” (ist nicht eigentlich bereits dieser Begriff eine Diskriminierung? Man redet inzwischen bei “Senioren” anglo-euphemistisch von “Best Agern”, aber das Wort “Jugendlicher” hat für mich immer noch einen deutlichen Beigeschmack von “nicht ganz ernst zu nehmen”) eigens Medien kreieren um diese (angeblich scharf eingegrenzte) Zielgruppe anzusprechen? Sicher, das Internet ist in dieser Zielgruppe eines der wichtigsten Medien, aber seien wir mal ehrlich: Der Informationsflut, die auch hinsichtlich Nachrichtenbeiträgen nicht ganz unerheblich ist, kommt man auch mit Hilfsmitteln wie Google FastFlip nicht bei. Wieso sollte ich (oder irgendjemand, der schul- bzw. studientechnisch voll eingespannt ist) mir hier mühsam das zusammensuchen, was für mich am jeweiligen Tag relevant ist? Da kaufe ich mir (wenn die Zeit es zuläßt) doch lieber am Kiosk eine Tageszeitung.

      Fakt ist: diejenigen Jugendlichen, die ich kenne (und ich weiß nicht, ob ich hier eine Ausnahme bin) interessieren sich ebenso für aktuelle politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen wie ich, meine Eltern oder die pomadegestylten Geschäftsleute in der Ersten Klasse bei der Bahn. Der Unterschied ist nur: Während meine Eltern seit je her gewohnt sind eine Stunde pro Tag und mehr für das Zeitunglesen zu opfern und die jeweilige (Wirtschafts-)Zeitung für die erwähnten Geschäftsangeber mehr Prestigeobjekt als Informationsquelle zu sein scheint, habe ich (und die übrigen Leute aus meiner Generation) weder Zeit noch Muße, uns durch eine mehrere hundert seiten starke Zeitung zu quälen. Als Alternative hierzu stehen jedoch nur pornograpisch angehauchte Proletenblätter oder die einschlägige Jugendpresse mit ihrem Yo-Mann-Alder-Geschwätz zur Verfügung (bei denjenigen Herausgebern, denen ich mit meiner Generalisierung Unrecht getan habe bitte ich ausdrücklich um Verzeihung) – mit solcherlei Pamphleten konnte ich bereits zu meiner “Jugend”-Zeit nichts anfangen.

      Einen sehr vielversprechenden Ansatz verfolgt hierbei der Herausgeber eines der besagten Proletenblätter in Form der “Welt kompakt”. Ein überschaubarer Nachrichtenüberblick, den man auch in einer halbstündigen Mittagspause problemlos verdauen kann und der bei Bedarf direkt eine Verbindung zu weiterführenden Informationen im weltweiten Netz herstellt. Meiner Ansicht nach ist das die Zeitung der Zukunft, die, als Ergänzung zu den klassischen, auf Bestalternde zugeschnittene Monsterpapierstapeln auch ein jüngeres, “zeitlich hoch beanspruchtes Publikum” anspricht, ohne hierbei den Anspruch einer klassischen Tageszeitung zu untergraben. Animiert man nun noch junge Leser (wozu haben wir denn Deutsch-, Geschichts- und Politikunterricht?) dazu, sich aktiv mit aktuellen, allgemeingesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen, so würde ich annehmen, daß selbst ein regelmäßiges Verteilen von der heutigen Zeit angepaßten Tageszeitungen an Schulen von erheblichem Erfolg gekrönt wäre.

      Und würde man keine ständige Trennung zwischen verschiedenen Altersgruppen vornehmen sondern gezielt zielgruppendisorientiert Themen abdecken, die für Leser jeglichen Alters von Interesse sind (was auch die “Generationenübergreifende Kommunikation” erleichtern würde) dann hätte sich die hier losgetretene Diskussion erledigt, bevor sie überhaupt begonnen hat.

    • Kristof 29. Dezember 2009 um 15:06 Uhr

      Machen wir uns nichts vor. Eine gute Zeitschrift für “junge Leute” ist wohl auch eine gute Zeitschrift für alle anderen, und umgekehrt.

    • jensjetzt 1. Januar 2010 um 1:25 Uhr

      ich glaube ja: wenn die zeitung keine news mehr bringt, und damit eher zur wochenzeitung werden soll, dann sind wir schon bei einem spezifischen magazin.

      ich glaube auch: die “jugend” zieht sich in den nächsten 10 jahren immer mehr aktuelle nachrichten aus den digitalen medien, weil die “jugend” mit der unglaublichen geschwindigkeit heranwächst und damit von beginn an umgehen muss.

      ich glaube an: ein wochentabloid, welches kostenlos in den schulen ausliegt, werbung beinhalten darf, interessante überregionale und sehr regionale themen aufbereitet – unterstützt durch digitale auftritte für die täglichen updates.

      ich glaube an: ein wochentabloid mit ausgewählten und fokussierten beiträgen aus der leserschaft, als wichtigen bestandteil der entstehenden mitmachgesellschaft.

      und ps: ich wünsche ein gesundes, neues jahr! grüße aus berlin – jens

    • MEDIEN/UMBRUCH » Redet mit uns – nicht über uns! 21. Januar 2010 um 11:27 Uhr

      [...] Eva Schulz würde gerne mehr Zeitung lesen, aber die Redaktionen haben es scheinbar noch nicht begriffen, für die Jungen zu schreiben, anstatt über sie. Den ganzen Text auf Hurra-Blog [...]

    Schenk mir deine Worte

    Trackback URL