Von „500 Days of Summer“ bis „Fantastic Mr. Fox“: Der Internet-Hype um (vermeintliche) Indie-Filme ist so groß, dass sie gar nicht mehr anders können als zu enttäuschen. Leider ist das auch bei „Where the Wild Things Are“ so.

“I’m still anxiously awaiting the opportunity to see ‘Where the Wild Things Are’ – because I believe Spike has created something endearing, and potentially edgy, and I want to see what he has been able to do with such a beloved children’s story.” Das schrieb Alex Billington im November 2008 in dem amerikanischen Kinoblog firstshowing.net. Wann der Film, von dem er da sprach, erscheinen sollte, stand damals noch nicht mal fest. Tatsächlich dauerte es noch fast ein Jahr.
Trotzdem war der Hype um „Where the Wild Things Are“ schon damals riesig. Immerhin ging es um eines der beliebtesten Kinderbücher der Welt, das seit jeher großen Tumult verursacht hat. Die Geschichte von Maurice Sendak handelt vom kleinen Max, der von seiner Mutter ausgeschimpft wird und sich daraufhin in eine Fantasiewelt flüchtet. Dort wohnen die wilden Kerle, sieben große, fürchterliche Monster. Max schafft es, die Kerle zu zähmen und ihr König zu werden.
Als das Buch 1963 erschien, wurde es stark kritisiert: Die Bilder seien zu gruselig, die Geschichte zu schwach und überhaupt viel zu wirr. Dennoch bekam der Autor viele Preise, und die außerordentlich guten Verkaufszahlen sprachen für sich.
Die Aufregung war groß, als 2006 ausgerechnet der Indie-Regiesseur Spike Jonze („Being John Malkovich“, „Adaption“) mit den Dreharbeiten begann. Wie sollte es ein Buch, das gerade mal zehn Sätze und 40 Seiten lang war, auf Spielfilmlänge bringen? Wie wollte Jonze die fremde Welt der wilden Kerle gestalten, wie sollten sie überhaupt zum Leben erweckt werden, die Monster mit den „fürchterlichen Krallen“, die so „fürchterlich brüllen“?
In Blogs und Foren kursierten fortan die wildesten Gerüchte, die noch zusätzlich befeuert wurden von schlechten Nachrichten der Produktionsfirma: Das Testpublikum reagierte schlecht, es musste nachgedreht werden, zwischenzeitlich soll Jonze sogar mal gefeuert worden sein.
Dann erschien im vergangenen März – mehr als ein halbes Jahr vor Kinostart – ein erster Teaser zum Film. Jetzt war klar, dass es einer dieser Indie-Kultstreifen werden würde: Er hatte gute Musik, ein selbstgemacht anmutendes Kritzel-Artwork und den Kultstatus der Buchvorlage im Rücken. Der Teaser schwappte durchs Web wie eine große Welle, die immer noch mehr Fahrt aufnimmt. Im August – noch drei Monate bis zur Premiere – kam der richtige Trailer, ein erstes Soundtrack-Schmankerl von Yeah Yeah Yeahs-Frontfrau Karen O erschien bei MySpace, Posterentwürfe kursierten in der Blogosphäre. Auch der Regisseur selbst fing an zu bloggen. Er zeigte Videos von der Produktion und veranstaltete einen „Fan Art Contest“, bei dem es eine „Where the Wild Things Are“-Skateboard-Edition zu gewinnen gab. Die Erwartungen an Jonze und sein neuestes Werk stiegen ins Unermessliche.
Der Trailer zu „Where the Wild Things Are“:
Als der Film am 16. Oktober endlich in den USA anlief, war es daher schon keine Überraschung mehr, dass er gleich am ersten Wochenende 32,7 Millionen Dollar einspielte. Aber war der Hype gerechtfertigt?
Tatsächlich ist „Where the Wild Things Are“ sehr liebevoll gemacht: Die übergroßen Puppen möchte man unbedingt einmal anfassen, einfach um zu wissen, wie sie sich anfühlen. Und wenn ihre Gesichter sich bewegen, weiß man gar nicht, wo die Puppe aufhört und der Computer anfängt, so gut sind sie animiert. Auch der erst zwölf Jahre alte Hauptdarsteller Max Records, dessen Gesicht man schon aus Musikvideos von Death Cab for Cutie und Cake kennt, ist ein wahrer Casting-Coup: Die Geschichte verlangt ihm die komplette Bandbreite an Emotionen ab, und er meistert sie scheinbar ohne Probleme.
Im Gegensatz zu Max sind die Monster nicht gerade Sympathieträger. Während das Buch lediglich Mutmaßungen über das Wesen der wilden Kerle zulässt, hat Jonze hier sehr umfangreich dazugedichtet. So sind Carol und Co. einerseits groß und ungestüm – sie zerstören sich gegenseitig ihre Häuser, boxen Löcher in Baumstämme und reißen einander sogar Gliedmaßen aus -, gleichzeitig haben sie aber die gleichen Ängste und Streits, Vorlieben und Abneigungen wie Menschen.
Neben den Charakteren musste natürlich auch die Handlung selbst erweitert werden, und das ist wahrscheinlich der Knackpunkt. Jonze und sein Drehbuchautor Dave Eggers haben sich gemeinsam mit Sendak verschiedene „Aktionen“ ausgedacht, zu denen Max seine Kerle anstiftet. Die passieren alle irgendwie hintereinander, ohne aufeinander aufzubauen oder eine richtige Spannung zu erzeugen.
Dazu kommt noch die sehr karge Welt der wilden Kerle, die bloß aus Wald und Wüste besteht. Der einzige Farbtupfer sind hier ein paar blühende Kirschbäume. Das ist keine Welt, in die man sich selbst einmal hineinträumen will.
Auf Dauer ist das alles zu eintönig. Man weiß nicht recht, wen man einladen soll, mit ins Kino zu kommen – bei den Freunden liefe man Gefahr, dass sie sich langweilen, und die kleine Cousine bekäme womöglich Alpträume. Als Zuschauer hat man nämlich ständig Angst, dass Max von den Monstern zertrampelt, zerquetscht, zerrissen oder gar aufgefressen werden könnte.
Natürlich kann man auch etwas mitnehmen aus diesem Film. Für die einen werden das ausführliche Charakteranalysen der wilden Kerle sein, für die anderen die Erkenntnis, dass Kinder oft unbedingt erwachsen sein wollen, während man sich als Erwachsener manchmal die Kindheit zurückwünscht.
Alles in allem ist „Where the Wild Things Are“ ein ungewöhnlicher, gut gemachter Film, der – dank der berühmten Buchvorlage – ein erweitertes Indie-Publikum erreichen wird. Der große Hype, die übersteigerten Erwartungen im Vorfeld waren aber zu viel.
Der Trailer zu „500 Days of Summer“:
Das Prinzip Hype ist trotzdem längst zur Masche der Filmstudios geworden. Ganz ähnlich lief es beispielsweise mit „500 Days of Summer“, der im vergangenen Oktober in Deutschland startete. Auch hier kursierte schon ein halbes Jahr vor der Premiere ein toller Trailer im Netz. „500 Days of Summer“ schien der perfekte Indie-Film zu sein, mit Indie-Schauspielern, Indie-Musik, Indie-Klamotten. Die Erwartungen schwappten vom Indie-Publikum auf den Mainstream über und die Besucherzahlen waren dementsprechend nicht schlecht – doch der Film war auch nicht wirklich gut.
Der nächste Kandidat steht übrigens schon in den Startlöchern: Mit „Fantastic Mr. Fox“ kommt im Mai 2010 ein weiterer vermeintlicher Indie-Knüller ins Kino. Wieder ist es eine Kinderbuch-Verfilmung (Roald Dahl), wieder gibt es einen Indie-Regisseur (Wes Anderson), Indie-Schauspieler (Bill Murray, Jason Schwartzman) und Indie-Musik (Jarvis Cocker, The Wellingtons). Wieder ist der Internet-Hype riesig. Aber wer weiß? Vielleicht wird das ja auch einfach mal ein richtig guter Film.
jetzt.de, 15. Dezember 2009


Und ich hatte mich so auf die Kuschelmonster gefreut. Jetzt mag ich gar nicht mehr ins Kino – toll.
Indie scheint dein Lieblings-Hasswort geworden zu sein oder?^^
Davon ab halte ich diesen Streifen genausowenig für einen Indiefilm wie 500 Days of Summer. Allein wenn schon das Wort Produktionsfirma in einem Satz mit Indiefilm auftaucht, passt das für mich einfach nicht zusammen ;-)
Gute Musik macht einen Film nicht gleich zum Indiefilm, auch keine “Kritzel-Artworks”.
Falls du in letzter Zeit von vermeintlichen Indie-Filmen enttäuscht wurdest empfehle ich dir 2 wahre Vertreter ebendieses Genres, das sich garnicht so leicht klassifizieren lässt. Was ist ein Indiefilm? Dass Produzenten und Regisseure ohne störenden Einfluss genau den Film machen den sie sich vorstellen? Ohne Studiobosse die auch was zu sagen haben?
Dann wäre James Camerons AVATAR sicherlich auch ein Indie-Film ;-) aber nein, dass passt ja nicht oder?
Also, abschließend hier meine “Indie”-Empfehlungen der Woche:
-Garden State (kennen aber die meißten sicherlich schon.)
-Junebug (mit der wunderbaren Amy Adams)
-Sunshine Cleaning (ja auch Amy Adams^^)
-ein zuhause am ende der welt
-broken flowers
Hallo Sebastian, nein, ich mag “Indie” und habe auch – bis auf den mit Colin Farrell – alle Filme gesehen, die du empfiehlst. Mit “vermeintlichen” Indie-Filmen wollte ich nur deutlich machen, dass die Studios das als Marketing-Masche für sich entdeckt haben. Vielleicht muss man inzwischen tatsächlich zwischen “Indie”, dem Lebensgefühl, und “Independent”, also sozusagen den harten Fakten, unterscheiden. Dann trifft Ersteres nämlich sehr wohl auf 500 Days und co. zu, finde ich.
Okay, wenn du es so formulierst, muss ich dir recht geben.
Neinnein, die bewegen sich viel zu schnell die Wilden. Das kann gar nicht sein, das war damals in meiner Fantasie gaaaaanz anders.
Ich habe mir bei diesen wilden Kerlen voll ins Fell gesch***en. Herrschen fand den Film sogar sowas’ von schlecht. Naja, so isser halt, fand ja auch Transformers 2 totlangweilig, den fan isch wiederum suber.
Aberrrr… er libbt “Wes Anderson”… dessen Filme sagt er, waren alle bisher supprrr. Dann noch die Standartbesatzung mit Bill Murray und Jason Schwartzman. Naja. So isser. Isch mag eher so Helden wie mich.