“Burt, sind wir Loser?”
Dass er auch Komödien machen könnte, die ähnlich großartig sind wie die beiden Dramen „American Beauty“ und „Zeiten des Aufruhrs“, hätte ich ja, ehrlich gesagt, von Sam Mendes gar nicht gedacht. Mit „Away We Go“ beweist er jetzt krachend das Gegenteil, denn dieser Film ist mitten in mein Humorherzzentrum eingeschlagen.
Es geht um Verona und Burt, dargestellt von den mir bis dato völlig unbekannten Schauspielern Maya Rudolph und John Krasinski. (So guuut, dass ich bald einen Fanclub gründen werde.) Am Anfang sieht es tatsächlich aus, als wären die beiden ziemliche Loser: Sie haben komische Über-Wasser-Halt-Jobs, Fenster aus Pappe und Eltern, die das Wort “Egoismus” völlig neu definieren, indem sie – wo Maya doch gerade schwanger ist! – einfach mal eben nach Belgien auswandern wollen. Jetzt, wo sie nichts mehr Zuhause hält, beschließen die beiden, im Rahmen einer großen Nordamerikareise den besten Ort zum Kindergroßziehen und Familiesein zu finden. Sie besuchen Freunde und Verwandte in Phoenix, Miami, Montreal und stellen bald fest, dass es nicht den einen Ort gibt, und schon gar nicht die eine Vorstellung von Familie.
Und wer anfangs noch dachte, Verona und Burt seien verrückt, wird schnell eines Besseren belehrt – die Leute, die sie da treffen, sind nämlich noch viel verrückter! Der Film, der in Schwung und Optik an “Little Miss Sunshine” erinnert, porträtiert zum Beispiel Veronas schrullige Ex-Chefin mit ihren dicken Kindern, oder Burts Studienfreundin “LN”, die zu einer gruseligen Esoteriktante mit unverständlicher Buggyphobie mutiert ist. Dann sind da noch die alten Freunde Tom und Munch, die nur auf den ersten Blick das perfekte Leben zu führen scheinen: Munch legt am Ende der Episode einen buchstäblichen Seelenstriptease hin. Damit kommt – völlig zurecht – der Nebendarstellerin Melanie Lynskey eine der zwei emotionalsten Szenen zu.
Das alles ist aber eben nicht nur emotional und mitunter dramatisch, sondern vor allem sehr, sehr lustig. Da sind so wunderbar unaufdringliche Running Gags wie Burts geschäftliche Telefonate, für die er immer seine Stimme verstellt, um ernst genommen zu werden. Oder seine Versuche, die Herzfrequenz des Babies in Veronas Bauch zu erhöhen, indem er sie regelmäßig zu Tode erschreckt.
Am Ende, nach vielen tollen Dialogen und viel guter Musik von Singer-Songwriter Alexi Murdoch, steht die Einsicht, dass man sich wohl nicht vornehmen kann, sein Zuhause zu finden – das Zuhause findet seine Bewohner. Oder holt sie ein. Und genau das ist der zweite emotionalste Moment dieses sehr sehenswerten Films.




Absolut toll geschrieben!!! Jetzt weiß ich schon welchen Film ich heute abend gucken werde ;)
Oh, du musst mir unbedingt sagen, wie er dir gefallen hat! Zwei Freunde waren gestern nämlich gar nicht so begeistert. Komischerweise.
John Krasinski ist jedenfalls in USA kein Unbekannter ;)
Er spielt in der Serie The Office mit(das amerikanische und bessere Stromberg). Dort ist er glaub ich genau so lustig wie im Film :)
Na, ich fand ihn schon nicht schlecht! Sehr sympathische Darsteller und auch sehr lustige Witze (und die Hauptdarstellerin ist Anatomiezeichnerin, was echt cool ist!). Wir haben nur eben ein bisschen die Geschehnisse vermisst.
Ich war den Abend davor in Chan-wook Park’s Thirst-Durst. Gewaltige, wunderschöne Bilder und eine so intensive Liebesgeschichte: http://www.imdb.com/title/tt0762073/
Eine ausgezeichnet formulierte Rezension.
Ober man das über den Plot auch behaupten wird können soll sich auf der Leinwand zeigen.