Tourismus und Tango im dunklen München

6. Oktober 2009 · 2 Kommentare

Neulich wollten wir uns führen lassen, durch den „Münchner Hofgarten bei Nacht“. Ich habe nie so eine verrückte Führung mitgemacht. Der Führer hieß Herr Gut. Er war über 90 Jahre alt und hatte ganz große Ohren, wie sie so viele alte Männer haben. Seine Augen dagegen waren klein und lieb. Er hatte sich seitenweise Notizen zu allen Kurfürsten und Prinzen gemacht und hielt sie die ganze Zeit über in seiner zitternden Hand. Dumm war nur, dass er sie in der Dunkelheit nicht lesen konnte, und dass er noch dazu so viel vergaß. Mitten im Satz entfiel ihm auf einmal jener Name oder dieses Datum, was ja nicht schlimm ist, aber schon ein bisschen merkwürdig, es war schließlich eine Führung.

Wirklich schlimm waren aber die anderen Führungsteilnehmer. Zum Beispiel die kleine Frau mit den zusammengekniffenen Lippen und dem blauen Haarband, die Herrn Gut dauernd ins Wort fiel mit rhetorischen Fragen à la „war das nicht 1786?“ – nur um dann von ihm verneint und berichtigt zu werden.

Ein Mann mit Trekkingweste und Baseballcap war ganz begeistert von der Bronzefigur vor der Staatskanzlei, die einst von einem Industriellen gespendet worden war, und rief: „Dazu weiß ich auch eine Geschichte!“ Seine Story hatte dann aber überhaupt nichts mit dem Hofgarten, der Bronzefigur oder der Staatskanzlei zu tun. So überboten sich alle gegenseitig in sinnlosen Besserwissereien, es war wirklich anstrengend.

Wir warteten dann noch ab, bis Herr Gut allen das Stück Berliner Mauer gezeigt hatte, das gegenüber der amerikanischen Botschaft steht („Da sind ja gar keine Graffitis drauf!“, rief die Frau mit dem Haarband), und verließen den Pulk etwas früher.

Wir stellten fest: Der Hofgarten ist eigentlich sehr schön. Es gibt ein tolles Café, das innen drin ganz österreichisch-Kaffeehausartig anmutet und draußen ein paar Tische mit roten Kerzen aufgestellt hatte. Der romantischste Fleck war in dieser Nacht aber der Dianatempel in der Mitte des Gartens. Hier treffen sich an jedem lauen Freitagabend Tänzer, die zu leiser Ghettoblastermusik Tango tanzen. Mehr darf man dazu gar nicht sagen. Man muss einfach hingehen, und vielleicht sogar mittanzen.


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    Bis jetzt 2 Kommentare

    • mais oui 6. Oktober 2009 um 23:13 Uhr

      in münchen habe ich auch vor jahren mal eine stadtführung gemacht. mit fahrrädern war das. und irgendwie auch lustig. der mann, der das gemacht hat, war toll. alternativ, würde man sagen, wohl, aber das wort fasst so viel zusammen und trifft am ende doch nicht den kern. aber man kann sich was drunter vorstellen. vielleicht.

    • jensjetzt 7. Oktober 2009 um 22:06 Uhr

      wirklich nerdige führung …

      die tangotänzer gibt es in berlin auch seit sehr vielen jahren im sommer auf der museumsinsel.

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