Auf und davon!

Jugendliche als Auswanderer

Im Fernsehen hat das Auswandern derzeit Hochkonjunktur: Serien wie “Mein neues Leben”, “Goodbye Deutschland” oder “Auf und Davon” zeugen davon. Kein Wunder: Allein 2007 wanderten über 600.000 Deutsche aus, um in fernen Ländern ihr Glück zu finden. Was auf der Mattscheibe so weit weg scheint, holt uns allmählich ein – es gibt kaum noch jemanden, der nicht von irgendeinem Bekannten erzählen kann, der eine Farm in den USA oder eine Kneipe in Puerto Rico eröffnet hat. Mitunter müssen wir uns sogar von guten Freunden und liebgewonnen Mitschülern/innen verabschieden. Wie sich so eine Auswanderung anfühlt, erzählen drei Jugendliche, die mit ihren Familien ausgewandert sind.

Nick ProbstNick Probst, 17, wanderte im November 2008 nach Kenia aus:
“Als ich in der vierten Klasse war, sind wir schon einmal für drei Jahre ausgewandert. Damals haben wir in Texas gelebt. Dieses Mal wird das aber ganz anders. Von den USA hatte ich schließlich noch eine gewisse Vorstellung. Aber bei Afrika weiß ich überhaupt nicht, was auf mich zukommt.

Mein Vater ist Militärattaché und wird an der Deutschen Botschaft in Nairobi arbeiten. Auf Fotos habe ich die Siedlung gesehen, in der wir wohnen werden. Dort leben Botschafter aus aller Welt. Jedes Grundstück ist eingezäunt und hat einen eigenen Wärter. Alle Fenster sind vergittert. Die Tatsache, dass das alles nötig ist, zeigt schon, dass mein Leben dort wohl eingeschränkter sein wird als hier in Deutschland. Denn wenn man sein Haus so stark absichern muss, wo kann ich dann mal alleine über einen Markt laufen?

Bestimmt werde ich auch Verständigungsprobleme haben. In Kenia wird Suaheli gesprochen. Mein Vater lernt das seit einem Jahr und sagt, dass es sehr schwer ist. Trotzdem mache ich mich nicht verrückt. Ich freue mich auf diese Zeit und ganz besonders auf die afrikanische Landschaft.

Wenn ich dann in zweieinhalb Jahren mein Abitur an der deutschen Schule in Nairobi gemacht habe, muss ich mich entscheiden: Ich kann dann zurück nach Deutschland gehen – vielleicht bleibe ich aber auch da.“

Lesley-Ann JohnstonLesley-Ann Johnston, 16, zog im Juni 2008 mit ihren Eltern nach Australien:

“Es fing damit an, dass mein Vater, der Arzt ist, einen Job in Canberra angeboten bekam. Er hat seine Jugend in Australien verbracht und liebt dieses Land. Wir beschlossen, es erstmal ein Jahr zu probieren. Dann werden wir entscheiden, ob wir ganz hierbleiben.

Bei den Vorbereitungen habe ich meine Mutter unterstützt. Alles musste in Kisten verpackt werden und wir mussten uns überall abmelden. Vor unserer Abreise hatte ich gemischte Gefühle: Natürlich freute ich mich auf das neue Land und die neuen Leute, aber der Abschied von Verwandten und Freunden war sehr traurig.

Inzwischen gefällt es mir hier richtig gut, vor allem die Schule. Sie dauert zwar den ganzen Tag, aber es geht viel entspannter zu als in Deutschland. Allerdings lernt man dort nicht sehr viel über andere Länder. Eine Mitschülerin hat mich zum Beispiel gefragt, ob Deutschland in Afrika liegt. Außerdem sind die Australier/innen völlig begeistert von Füllern und Tintenkillern – so etwas gibt es hier gar nicht.

Erschreckend finde ich ihre Essgewohnheiten. Meine Mitschüler essen ständig Fast Food. Was das angeht, versuchen wir, “deutsch“ zu bleiben: Mein Bruder und ich nehmen uns Sandwiches von Zuhause mit und essen dann abends mit unseren Eltern etwas Vernünftiges.“

Phillip GerlachPhillip Gerlach, 18, war drei Jahre in Vietnam und wohnt jetzt wieder in Deutschland:

“Meine Eltern wollten schon immer mal ins Ausland gehen. Als dann der alte Chef meines Vaters aus Vietnam anrief, war alles klar. Wir zogen nach Ho Chi Minh City (Saigon) und wohnten in einer tollen Villa, die im Kolonialstil gebaut war. Als Ausländer kann man in Vietnam gar nicht anders wohnen. Mit einem guten Gehalt gehört man da gleich zur High Society.

Ich habe eine Internationale Schule besucht und viele Freunde aus aller Welt gewonnen. Zu den Vietnamesen selbst hatte ich hingegen wenig Kontakt. Ich spreche auch ihre Sprache nicht, nur ein paar Brocken, die man im Taxi braucht. Die vietnamesische Mentalität lässt auch zu wünschen übrig. Wenn die etwas machen, tun sie das, ohne groß darüber nachzudenken – da kommt meist nichts Gutes heraus.

In den drei Jahren habe ich gutes Brot und vor allem Handball vermisst, denn dieser Sport ist dort kaum bekannt. Das Nachtleben dagegen ist der Hammer! In keinem Club gibt es Alterskontrollen und die Besitzer umgehen die Sperrstunde, indem sie irgendwem genug bezahlen. Korruption ist ein großes Problem in Vietnam. Womöglich war die Zeit dort die Schönste meines Lebens. Aber wir haben gemerkt, dass es einfach nicht unser Land ist. Mir ist bewusst geworden, wie gut es uns in Deutschland eigentlich geht. Trotzdem bin ich wieder umgezogen, nur nicht ganz so weit weg: Ich studiere jetzt in den Niederlanden.“

fluter.de, 10. Januar 2009

6 Kommentare

Du willst auch was sagen?
Kommentar schreiben

  1. Jonathan sagt:

    Schöner Artikel. Es ist schwer zu sagen, inwiefern sich ein Auslandsjahr von einer permanenten Emigration unterscheidet. Tag für Tag, habe ich das Ende vor Augen – mit dem faden Beigeschmack, dass nichts so sein wird, wie es einmal war. Auf der anderen Seite: Es ist ja nicht so, dass man mit diesem Pessimismus in die Zukunft schreiten müsste. In erster Linie geht es darum seinen Horizont zu erweitern, seine eigene kulturelle Identität zu bestimmen und zu festigen. Problematisch wird es nur dann, wenn mein selbst nicht mehr weiß wo man hingehört. So geht es mir.

  2. Josche sagt:

    Ich kenn das Gefühl, Jonathan, wo bist du denn?!

  3. Jonathan sagt:

    Ich bin seit fünf Monaten in den Vereinigten Staaten. Momentan befinde ich mich wohl auf dem absoluten Tiefpunkt meines Austauschjahrs. Keine Besserung in Sichtweite.

  4. Jupp sagt:

    Ich würde meine Kinder nicht so einfach ins Ausland gehen lassen. Sicherlich ist es für sie immer eine schöne Erfahrung und sie lernen eine andere Kultur kennen, aber es ist auch immer noch ein Risiko. Auswandern ist derzeit wirklich „in“ dass muss ich sagen, aber ich glaube nicht, dass so ein Jahr im Ausland gleichzusetzen ist mit einer kompletten Emigration. Denn es macht doch schon einen Unterschied wie ich finde, ob man nun für immer dort wohnt oder nur vorübergehend dort verweilt.

  5. Eva sagt:

    Also ich würde meine Kinder sofort losschicken, wenn Sie ein Jahr im Ausland zur Schule gehen wollten! Nachdem ich so viele tolle Sachen von Freunden gehört habe, die ein Jahr in Argentinien, Kanada oder den USA verbracht haben, bereue ich zutiefst, diese Möglichkeit nicht selbst wahrgenommen zu haben. Da würde ich mich, glaube ich, sogar noch eher vor der Emigration fürchten als vor dem – begrenzten – Austauschjahr.

  6. Lisa sagt:

    Wir sind vor über 16 Jahren nach Paraguay ausgewandert. Es war anfangs eine Umstellung, aber wir hatten nicht viel Zeit nachzudenken, wir waren mittendrin. Und haben es nicht bereut. Unsere kids sind inzwischen “Paraguayos”, das ist ihre Heimat (und unsere eigentlich auch)

Kommentar schreiben

Schenk mir deine Worte.