“Die Leute sagen immer, Musiker wären so egozentrisch. Aber was sollen wir auch sonst sein?”
Vor dem Betreten des Kinos bekommen wir dieses Mal ein Geschenk: Einen Glückskeks, dessen Botschaft wir im Dunkel des Vorführraums kaum lesen können. Erst Zuhause sehen wir, dass es sich bei dem Text nicht um ein beliebiges Konfuzius-Zitat handelt, sondern um eines aus „Trip to Asia“, der neuen Dokumentation von Thomas Grube. Er hat schon mit „Rhythm is it!“ große Erfolge gefeiert und nimmt sich nun der Berliner Philharmoniker an, die bei seiner vorangegangenen Produktion noch eine Art Nebenrolle spielten.
Nun hat er sie auf ihrer Asientournee begleitet. Grube und sein Team waren während der Konzerte dabei – vor und hinter der Bühne -, bei den Proben, den Vorbereitungen, sogar, wenn die Musiker einen freien Tag hatten. Die großartigen Bilder, die sie dabei sammelten, wechseln sich ab mit buchstäblichen Nahaufnahmen der Musiker.
In tiefgehenden Interviews erzeugt der Film bruchstückhafte Charakterisierungen von der Violinistin bis zum Trompeter, von der Piccoloflötistin, die mitten in der Probezeit steckt, bis hin zum Cellisten, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Sie alle sprechen sehr persönlich, sehr ehrlich über den Druck und das Glück, in dem weltberühmten Orchester zu spielen. Dabei wird klar, dass diese Tätigkeit auch eine ständige Reflexion bedeutet, ein Nachsinnen über die Essenz dieses Berufs und dieses großen Kollektivs.
Viele der Aussagen lassen sich aus dem musikalisch-künstlerischen Zusammenhang in das eigene Leben übertragen. Sie regen so sehr zum Nachdenken an, dass ich mir nach zwei Dritteln leise wünschte, ich könnte eine kleine Pause haben, um alles zu verarbeiten. Auf der anderen Seite aber hielt es mich in meinem Sitz, da der Film neben der großartigen Wortebene noch andere Qualitäten hat.
Man mag an Dokumentationen grundsätzlich viele Ansprüche stellen dürfen. Bei einem solchen Film ist der Ton allerdings so wichtig wie bei keinem sonst. Dennoch beschränkt man sich im Vorfeld auf hohe Erwartungen an den Ton der dargebotenen Stücke. Dabei handelt es sich in „Trip to Asia“ übrigens um Werke von Beethoven, Strauß und des zeitgenössischen Komponisten Thomas Adés. Deren Qualität ist makellos, ganz wunderbar – was aber die Arbeit der Tonleute und Sounddesigner so hervorstechen lässt, sind die Klangcollagen, die auf einmalige Weise den Gegensatz zwischen dem gesitteten, ruhigen, westlichen Orchester und der hektischen asiatischen Welt einfangen. Dazu kommen wunderbare Schnipsel, die während der Proben aufgenommen wurden. Hier hatte man jeden Musiker mit einem Mikrofon ausgestattet, die es im Nachhinein ermöglichten, einzelne hervorzuheben. Dieses „Belauschen“ ist eine herrliche Innovation („Dieser Stuhl ist viel zu klein… Das ist doch wirklich ein Scheißstuhl!“).
Nicht zu vergessen natürlich die Bilder, die stets entweder das asiatische Treiben neutral beobachten oder als symbolische Schnittbilder verwendet werden, welche die tolle Dramaturgie des Films unterstützen. Alle Übergänge und überhaupt die Gliederung sind sehr gelungen und lassen den Zuschauer und –hörer nur so durch die 112 Minuten gleiten.
Am Schluss steht dabei weniger ein Reisebericht als ein Versuch, die Faszination Orchester in ein kleines Stück Kinogeschichte zu fassen. „Trip to Asia“ ist eine Dokumentation, die ohne Kommentator auskommt, ohne Einführung oder Beipackzettel – weil jeder einzelne Ausspruch darin einen Zettel in einem Glückskeks wert ist.








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Bis jetzt 1 Kommentar
Chris 20. Juni 2008 um 12:44 Uhr
Sehr schöne Kritik. Gibt hervorragend wieder, was ungefähr 90 Prozent der Leute in meinem Bekanntenkreis auch zu denken scheinen. Jeder scheint den toll zu finden. Ich selbst bin mit gemischten Gefühlen wieder aus dem Kino gekommen. Mit großer Ehrfurcht vor der technischen Umsetzung, denn mit so wenig Personal auf einer Orchesterreise derart tolles Material einzufangen, das muss Grube und seinem Team erst einmal jemand nachmachen.
Andererseits hat der Film mir als Orchestermusiker nicht unbedingt viel Neues vermittelt. Sicher war das für Grube eine Gratwanderung, und sicher steckt in dem Film für Menschen, die Sinfonieorchester, die Abläufe dort und die Menschen darin nicht so gut kennen, unheimlich viel an Eindrücken. Mir hat allerdings häufig etwas Tiefe gefehlt. Viele Themen, wie der Leistungsdruck, die Einsamkeit in der Kindheit, wurden für mein Empfinden eigentlich nur angeschnitten, um dann zum nächsten Thema weiterzuziehen, ohne wirklich nach dem “warum” zu suchen. Teutsch sagt an einer Stelle zum Beispiel: “Es gab Dirigenten, die immer zeigen wollten: Seht, ich habe Recht, ich bin der, der ganz toll weiß, wo’s lang geht. Der blitzt ab.” Die Aussage wird dann zwar durch Aussagen anderer Musiker ergänzt, aber im Grunde stehen gelassen, ohne zu erklären, warum so jemand abblitzt. Da wirds doch eigentlich erst interessant.
Überhaupt haben sie es m.E. mit der Konzentration auf Teutsch und Strehle etwas übertrieben. Sätze wie “Der Schwächste bestimmt das Niveau” und “Dirigenten kommen und gehen, die Philharmoniker bleiben” hörst du in jedem Spitzenorchester regelmäßig, dennoch sind sie bestenfalls teilweise richtig. Und was fängt man mit Aussagen an wie: “Ein Klang entsteht aus dem Reiben von verschiedensten Persönlichkeiten auf einem nicht messbar kleinen Raum”? Fällt mir schwer, das nicht “Nullsatz” oder “völligen Quatsch” zu nennen. :)
Trotzdem ist es natürlich insgesamt ein guter und auch ein wichtiger Film. Ein Film, der in all seiner Offenheit noch vor wenigen Jahren schlicht nicht möglich gewesen wäre, das darf man nicht vergessen. Aber auch beim Thema “Offenheit” muss man halt differenzieren: Die Leute erzählen sehr frei von sich selbst, von positiven wie negativen Seiten des Berufes, aber sie reden bei weitem nicht mit der gleichen Offenheit über das eigene Orchester. Es wurde schon sehr darauf geachtet, die Philharmoniker als Institution in einem möglichst guten Licht erscheinen zu lassen. Kann man niemandem vorwerfen, ist aber auffällig…
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