Es gibt besonders würdevolle Menschen, die wir bewundern. Letztendlich bewundern wir sie für eine Maske, die sie sicher tragen, die niemals verrutscht und uns genau das vorspielt, was wir wollen: Das Bild eines nahezu perfekten Menschen, der zudem – oder dennoch – unzählige Geheimnisse birgt. Die Geheimnisse besonders würdevoller Menschen offenbaren sich uns nie. Das macht sie so anziehend.
Ich finde, Königinnen sind besonders würdevoll. Würde, dazu gehört Anmut, eine gewisse Grazie. Deswegen sind es auch so oft Frauen, die voller Würde eine Treppe hinabschreiten oder auf jemanden zugehen. Das tun sie mit geradem Rücken und erhobenem Kopf, präzise einen Fuß vor den anderen setzend. Bedächtig und doch nicht schüchtern, sondern fordernd, so wirken schreitende Königinnen.
Dabei lächeln sie nicht unbedingt. Mit Würde zu lächeln ist eine Kunst für sich. Oftmals scheint es ein versteinerter Gesichtsausdruck zu sein, den die Königinnen tragen. Vielleicht gar eine kunstvoll gezeichnete Maske, mit lediglich zwei runden Löchern, durch die die königlichen Augen zu sehen sind. Wache Augen, hinter denen sich Sätze und Gedanken verbergen müssen, die ewig unausgesprochen bleiben. Anstatt dieser Sätze steht ausgesprochene Höflichkeit. So hat Würde auch immer etwas Geheimnisvolles. Sie weckt Fragen in uns nach dem, was im Kopf der Königin vorgeht. Sich danach zu erkundigen würde aber niemals irgend jemand wagen. Denn Würde wird Respekt entgegengebracht, ein Respekt, der bisweilen eine tiefe Schlucht zwischen der Königin und ihrem Gegenüber entstehen lässt. Deswegen fühlen wir uns meist so klein in Gegenwart besonders würdevoller Menschen. Die Würde macht die Menschen unantastbar.
Manchen von ihnen ist solche Würde von der Natur gegeben. Eigentlich beneidenswert, dieses Unnahbare, das letztlich sicher macht. Das uns rätseln lässt, das uns fasziniert, das diese Menschen so eindrucksvoll macht, wie wir schon immer sein oder zumindest wirken wollten. Die Würdevollen, die Königinnen haben eine besondere Präsenz, eine Ausstrahlung, die gefangen nimmt trotz der Introvertiertheit, die sich hinter ihrer Maske verbirgt.
Doch gerade diese Maske ist das, weswegen sie auf keinen Fall zu beneiden sind. Manchen Menschen wird gelegentlich von bestimmten Handlungen abgeraten, weil sie Gefahr laufen, ihre Würde, ihre Maske zu verlieren. Man muss ganz furchtbar aufpassen auf diese Maske. Sie verrutscht schon beim kleinsten Anflug von Hektik. Von Wut, Trauer oder, ganz gegenteilig, unbändiger Freude. Eine Maske zu tragen ist deshalb sehr anstrengend. Eine Aufgabe, die Perfektion und Konzentration verlangt und viel Verzicht. Eine Maske zu tragen ist harte Arbeit.
Nicht jeder ist für diese Arbeit gemacht. Fast alle von uns verlieren einmal ihre Würde, irgendwann, für kurze Zeit. Würde, hätte, könnte, sollte heißt es dann im Nachhinein. Wir lassen uns tadeln, wir schelten uns gar selbst für solche Ausrutscher. Verrutschte Masken stehen der Gesellschaft nicht. So lastet ein Druck auf uns, ein schrecklich würdevoller natürlich, dem wir kaum entkommen können. Entkommen ist noch schwerer, als würdevoll zu sein.
Denn seine Maske abzulegen würde bedeuten, endlich völlig frei zu handeln. Zu tun, was immer man möchte. Auszusehen, wie es einem gefällt. Zu sagen, was man denkt. Und zwar ohne sich beeinflussen zu lassen von dem, was Andere meinen. Der Mensch, der seine Maske überwunden hat, muss ein sehr glücklicher Mensch sein.
Die ohne Würde sind werden immer dargestellt als die schlimmen, als die schwarzen Schafe. Aber man muss unterscheiden zwischen denen, die absolut würdelos handeln, und denen, die ihre Würde richtig einzusetzen wissen. Denn ohne Würde zu leben, das geht nicht. Es machte andere Menschen unglücklich. In solchen Fällen zum Beispiel, in denen man eigentlich sagen möchte, was man denkt – in denen man aber jemand anderen verletzen würde. Dann muss man die Maske wieder hervorkramen. In diesem Moment muss der Würdevolle selbst Respekt haben.
Letztendlich gibt es drei Stufen. Die erste ist die der Würdelosen. Die zweite ist die der Würde als ein ständiges Kostüm. Und die dritte ist die der abgelegten, der kontrollierten Würde. Die dritte Stufe ist womöglich der einzige Zustand, in dem man absolutes Glück empfinden kann. Es gibt ein Wort für diese Stufe, irgendwo, da bin ich sicher. Aber ich finde es nicht. Es ist ein besonders würdiges Wort, das man leider nur selten benutzt.
Das liegt daran, dass Stufe Drei so selten erreicht wird. Es ist einfach unglaublich schwer. Und genau das ist wohl der Grund dafür, dass der Staat schon Stufe Zwei vorsorglich schützt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ja, vielleicht. An fremden Masken soll man nicht tasten. Das bringt nur Unglück, für alle. Aber die eigene sollte man hin und wieder auf Passform und Größe überprüfen. Vielleicht lohnt es sich ja, sie für einen Moment abzunehmen.
1. Platz “Würde des Menschen” von projekt.zeitung







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Bis jetzt 5 Kommentare
Fabian Wolff 20. Juni 2007 um 13:16 Uhr
Fast schon hinterhältig – da fängst du mit Königinnen und Grazien an und endest bei der Frage, in wie fern das Streben nach Würde (bzw. gesellschaftlicher Akzeptanz) unsere Freiheit einschränkt. Gerne würde ich jetzt sagen, dass so etwas wie Freiheit gar nicht gibt, aber nach deinem Text möchte ich das eigentlich gar nicht. Die Wortassoziationen/-spiele wie “Würde, hätte, sollte” (die mich bei deinem Zeit-Text ein bisschen zu sehr an eine geschriebene Mind Map erinnert haben) passen jetzt wirklich gut in die Struktur und sind sehr effektiv. Es wundert mich nur, dass du bei deiner Beschreibung der Würde als Maske nicht auf Emotionslosigkeit bzw -unterdrückung zu sprechen gekommen bist. Da wären wir nämlich bei der Stoa, “The Remains of the Day” etc. etc. Trotzdem, Gratulation.
Roman 20. Juni 2007 um 13:29 Uhr
Mich wundert nur: Wie kann ein Mensch seine Würde auf- und abnehmen, wenn sie doch unantastbar ist? Würde ist keine Maske. Würde ist Sein. Jeder hat sie. Fraglich nur, wie man sie wecken kann. Königinnenwürde, Priesterwürde, das ist etwas anderes, das ist keine Menschenwürde. Es gibt kein Privileg – kein Vorrecht auf Würde. Kein Recht. Nicht einmal der Schutz einer jeden Menschenwürde kann eine Pflicht sein. Was du beschreibst ist das Spielen der Würde. Erwartungen der Gesellschaft um in ihre leben zu können. Würde abnehmen. Das nimmt dir alles. Das nimmt dir eigentlich dein Leben. Immer alles so gesellschaftlich. Schiller hat das auch schon gemacht. Menschenwürde, Menschenwürde.
Fabian Wolff 23. Juni 2007 um 17:31 Uhr
Es gibt natürlich im Text den Punkt, wo sich der Fokus von der Würde im Sinne einer “Königin” etc. hin zu der Würde laut Grundgesetz verlagert. Ist das nun sprachliche Unachtsamkeit oder Absicht? Woher soll ich das wissen. Außerdem spielt Gesellschaft für jeden eine wichtige Rolle, natürlich meist im negativen-determinierenden Sinne, aber so funktioniert die Welt. Jeder Mensch ist vielleicht eine Insel, aber es gibt immer noch das Meer.
Roman 23. Juni 2007 um 17:15 Uhr
Warum aber Würde als gesellschaftliche Determinante?
Fabian Wolff 25. Juni 2007 um 18:42 Uhr
Ich bin nicht sicher, ob ich deine Frage verstehe. Warum sich Würde als gesellschaftliche Determinante etabliert hat – das weiß ich nun wirklich nicht. Ich würde mal spontan auf die ganze “Akzeptiere deinen von Gott gebenen Stand”-Bewegung im Mittelalter tippen. Es ist sicher richtig, dass “Würde” als Bewertungsmaßstab an gesellschaftlicher Bedeutung verloren hat, aber vielleicht lässt sich das mit einem Sammelbergriff zusammenfassen. Da stellt sich natürlich die Frage nach den Kriterien zur Beurteilung eines Lebens, eines Menschens. Je nachdem, welches Kriterium wir für uns wählen, versuchen wir natürlich, uns dementsprechend daran zu orientieren. Ob noch “Würde” in dem Zusammenhang eine Bedeutung hat – ich weiß es nicht. Gibt es noch so “Remains of the Day”-”Metropolitan”-Menschen?
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