Uns fehlt die Zeit

Uns fehlt die Zeit um über Zeit zu schreiben, warum schreiben wir also über Zeit, wenn wir wissen, dass uns die Zeit fehlt und ihr keine Zeit habt um über Zeit zu lesen, nicht zuletzt, weil die Zeit mit der Zeit langweilig wird. Trotzdem schreiben wir über Zeit, jetzt, hier, sofort und ohne lange beim Anfang zu bleiben, denn dafür kann keine Zeit verschwendet werden, schließlich brauchen wir sie beizeiten noch.

Zeit kann verrückt machen. Sie kann unglaublich stressen, jeder kennt das, man ist ja schließlich zur typisch deutschen Pünktlichkeit erzogen. Und wenn es dann, morgens vor der Schule oder bei einer wichtigen Verabredung, bloß um fünf Minuten geht, dann kann sie uns schon verrückt machen, die Zeit. Zu solchen Zeiten wünscht man sich, brasilianisch zu leben, in diesem Land, in dem die Uhren noch anders gehen, und in dem eine halbe Stunde Verspätung gang und gäbe ist. Doch auch andersherum schafft die Zeit, um den Verstand zu bringen: Wenn sie zu langsam vergeht. Wenn man sie absitzen, wenn man warten muss. Auf ein Wiedersehen, auf ein Postpaket, auf das Ende einer Schulstunde, eines Tages, eines Jahres. Auf das Klingeln eines Gongs, den Ruf eines Kuckucks, das Vorrücken eines Zeigers. Zeiten machen verrückt, wenn man sie im Englischen durcheinander schmeißt oder wenn die nächste Folge von den Guten und Schlechten erst nach dem Wochenende kommt.

Am verrücktesten jedoch macht Zeit, wenn man über sie nachdenkt. Wenn man denkt, was ist Zeit eigentlich, und was wären wir ohne sie. Zeit ist nichts. Zeit ist Geld. Zeit ist Physik. Zeit ist, was die Uhr anzeigt. Letzteres hat Albert Einstein gesagt. Und Albert Einstein war ein ziemlich cooler Typ. So cool, dass man ihm gern sofort recht geben möchte. Kann man auch eigentlich. Denn gäbe es keine Uhren, dann wäre erst einmal alles viel langsamer. Und sehr wahrscheinlich wäre Zeit dann auch schon kein Geld mehr. Doch wäre Zeit tatsächlich überhaupt nichts?

Uhren zeigen schließlich nur die Gegenwart an. Nur, nur, nur die Gegenwart. Den aktuellen Moment. Und benennen ihn mit ein paar Ziffern. Vier Ziffern, oder sechs, die Uhren in Braunschweig auch schon mal 15 allein hinter dem Komma. Meistens ist es allerdings „19 Uhr 27 und 30 Sekunden“. Wenn du mit einer Uhr in die Vergangenheit wandern möchtest, sie zurückdrehst, dann ist sie immer noch in der Gegenwart, sie hat nur einen anderen Namen für die aktuelle Zeit, der sich unterscheidet von dem, was die Regeln sagen. Ebenso ist es, wenn du sie vorstellst. Du kannst weder vor noch zurück in die Zukunft. Nicht mit einer Uhr.

Wenn Zeit also lediglich das wäre, was die Uhr anzeigt, dann wäre Zeit nur der Moment, die Gegenwart, weniger als ein Augenblick. Aber das kann nicht sein. Sorry, Einstein. Zeit muss auch Vergangenheit sein und Zukunft. Sonst könnten Großeltern nicht erzählen, „damals, das waren noch Zeiten“, und Eltern könnten nicht sagen, „auf dich kommen noch einmal ganz andere Zeiten zu.“ Du könntest nicht sagen: „Morgen? Da habe ich keine Zeit.“

Zeit ist einzeln und doch für alle gleich. Gleichzeitig. Überall ist jetzt gerade der gleiche Augenblick, und doch fragst du nach den Ferien, „wie war deine Zeit in Spanien?“. Es gibt deine Zeit und meine, und doch gibt es auch „zu unseren Zeiten“. Jeder deiner Zeitgenossen hat seine Zeit in der Hand, kann selbst entscheiden, was er mit ihr anfängt. Ob er sie zu gemeinsamen Zeiten werden lässt. Ob er sie vergeudet, verschenkt. Stiehlt, anhält, oder einfach mal hat. Das ist wohl eine ihrer tollsten Eigenschaften: Dass jeder, wirklich jeder sie hat. Und frei ist mit ihr. Deine Zeit, und wenn es nur eine Minute ist, kannst du gestalten. Wie wäre es, wenn du deine nächste Minute lang einfach mal die Augen schließt. Kurz all diese Gedanken hier weiterspinnst. Und sie dann wertschätzen lernst, die Zeit, noch mehr als vorher. Sie zu verstehen, das verlangt niemand von dir. Das kann schließlich auch niemand.

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber mit dem Universum bin ich mir noch nicht so sicher.“ Wieder so ein Satz von Einstein. Aber mit diesem hat er wohl recht gehabt, wie so oft. Denn es gibt Geheimnisse, die werden wir nicht lösen. Die Zeit scheint so ein Geheimnis zu sein. Ein Rätsel, für die Ewigkeit. Oder doch nur eins auf Zeit?

life + science, Mai 2007
1. Platz Wettbewerb “write + more”

10 Kommentare

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  1. Christoph sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Zwei Wochen London, wow. Nach England fahre ich dieses Jahr zwar auch noch, aber nicht nach London, zumindest nicht die ganze Zeit.

    (Das das das
    das ist unsre Zeit
    und die Zeit leuchtet
    lass sie leuchten.

    Tag für Tag laufen die Bänder
    Tag für Tag Nacht für Nacht
    fliegen die Funken
    und wir suchen die Spur.

    PeterLicht – Unsere Zeit)

  2. Kathi sagt:

    “Die Zeit gibt uns Rätsel auf, die wir wegen dieser Zeit nicht lösen können.”

    Auch ich beglückwünsche dich noch einmal zu zwei Wochen London.

  3. Roman sagt:

    Und warum beglückwünscht sie keiner für diesen tollen Text?
    Super Gut Eva

  4. Sarah sagt:

    aber echt. ich hab wirklich die augen für eine minute zu gemacht. im hintergrund lief “Wir sind Helden – Zeit heilt alle Wunder”. Ein wahnsinns text. die reise hast du wirklich verdient.

  5. Bei uns in der Schule lag heute die life+science rum. Ich hab sie durchgeblättert und dann kam ich auf die Seite mit deinem Foto und schrie “DIE KENNE ICH!” und jetzt sehe ich den Artikel auch hier im Blog. Herzlichen Glückwunsch, Eva! Viel Spaß in London. Warst du schon mal dort?

  6. Kathi sagt:

    Weil, Roman, sich das ja daraus ergibt. Und nach zwei Wochen London, wird jeder wissen, weshalb London rein beglückwünschungsrangtechnisch oben steht.

  7. Roman sagt:

    Ach, Kathi. Genauso gut kann man mit einem schlechten Text etwas gewinnen … zu müde um zu denken.
    London wird toll. Und Prag auch. Beglückwünscht mich. Los. Los.

  8. Kathi sagt:

    Yippiyayej.

  9. kristof- dieser komische aus dortmund dieser asoziale sagt:

    ich habe kein wort verstanden… war das eine stickanleitung für eine monsterente???

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