Telefontiraden (1)

Das Haus, in dem ich wohne, hat seit nicht allzu langer Zeit drei bewohnbare Stockwerke (plus Keller). Es hat deshalb eine ausgeklügelte Telefonanlage nötig. Wäre diese nicht vorhanden, würden wir ständig nach dem Hörer suchen, wenn es klingelt oder wenn wir dringend jemanden anrufen wollen. Zum Beispiel die Hautärztin oder das Geburtstagskind – oder Papa im zweiten Stock…

Fünf Telefone sind auf das Haus verteilt. Sie haben alle den gleichen Klingelton, aber nicht die gleiche Reaktionsgeschwindigkeit. Wenn jemand anruft, fängt es daher nicht überall gleichzeitig an zu klingeln, sondern fünfmal im Abstand jeweils weniger Sekunden. Es entsteht quasi ein Klingeltonkanon, aber kein komponistisch korrekter. (Ich musste mal einen Kanon komponieren. Das ist der Hammer. Telefone sind dazu ganz bestimmt nicht in der Lage. Nicht mal ich bin das. Allein die Quartsprünge!) Das Klingeltongedudel ist schräg, schrill, schrecklich.

Neulich klingelte es wieder einmal los. Wir saßen draußen im Garten, wo wir gerade gegessen hatten. Im Garten haben wir (noch) kein Telefon. Drinnen im Haus begann es zu dudeln. Zuerst in der Küche. Dann oben im Flur. Dann das Schnurtelefon im Wohnzimmer. Dann das Kabellose ganz oben. (Das Fünfte hörten wir nicht, es lag unter einem Haufen Kissen im Schlafzimmer meiner Eltern.) Wir saßen draußen und genossen die Sonne und schauten uns gegenseitig an. Mein Vater mit vorwurfsvollem Blick. Da könnten doch jetzt wirklich mal die Kinder gehen, nur schnell aufstehen und rein und ans Telefon. Irgendjemand musste gehen.

Und das ist das Problem!, stellte ich fest, genau in diesem Moment. Das ist eine gesellschaftliche und fast schon moralische Krux: IMMER RANGEHEN MÜSSEN. Wenn das Telefon klingelt, geht man ran. So lautet die eiserne Regel. Niemand, der das nicht verinnerlicht hätte. Das Telefon klingelt, während wir gerade einen schrecklich spannenden Film schauen – rangehen! Das Telefon klingelt, als wir gerade aus der Dusche kommen – rangehen! Das Telefon klingelt, wenn wir gerade knutschen – hmm, okay.. Aber man versteht, was ich meine, oder? Für diesen Umstand fällt mir keine andere Begründung ein als die scheinbar urmenschlische Angst, etwas zu verpassen. Bei meiner Mutter ist diese Angst sogar so ausgeprägt, dass sie beim Nachhausekommen zuerst zum Hörer greift und in der Anrufliste nachschaut, wessen Anrufe wegen des leeren Hauses unerhört blieben. Wenn es etwas Wichtiges war, sage ich dann immer, wird er oder sie schon noch mal anrufen. Oder auf den Anrufbeantworter sprechen.

Teil 2 steht hier.

4 Kommentare

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  1. Roman sagt:

    Der Anrufbeantworter geht bei euch aber erst nach zig Minuten an, und wenn es bei uns klingelt, will und geht selten einer ans Telefon. Der Anrufbeantworter hier wird bei Abwesenheit meist abgestellt, aus Unlust jemandem eine Antwort zu schulden, oder denjenigen in Hoffnung auf eine baldige zu lassen. Wir sind faul, aber ich mag das trotzdem, angerufen zu werden. Rangehen MÜSSEN nur die, welche zu schwach sind um das klingeln abzuwarten, das Telefon immer auf lautlos stehen zu haben, oder einfach vergessen es im Wäschebalg zu verstecken.

  2. diana sagt:

    Früher bin ich auch immer zum Telefon gerannt, aber ich hab es irgendwann aufgegeben und bin sitzen geblieben. Es ist ziemlich mühselig immer die gleiche Antwort zu geben: “Ist nicht da.” Ist ja meistens nicht für mich. ;)

  3. blacky sagt:

    Ich werde gottlob nicht oft angerufen. Ein Mobiltelefon hab ich nicht und zuhause ruft man mich selten an.

    Wenn ich natürlich Bereitschaft habe – auch bekannt als Würgehalsband für den Admin – sieht das etwas anders aus. Aber selbst da hat der Anrufer Pech, wenn ich zum Beispiel grade unter der Dusche stehe.

    Und dann gibt’s noch die blöden Blagen, die Samstag morgens um acht an der Tür klingeln und sich dann verdrücken. Wenn um die Zeit mal irgendwann der Lottobote kommt, um mir Unmengen Geld zu geben, hab ich wohl Pech gehabt.

  4. Olaf sagt:

    Ich gehe Wochentags prinzipiell nicht vor ca. 1 Uhr Nachmittags ans Telefon. Da alle wissen, dass in diesem Haushalt nur arbeitende Menschen leben, können also vor um 1 nur Menschen anrufen, nicht wissen, dass eigentlich niemand zu Hause ist – ergo irgendwelche Vertreter, Callcenter und weiß der Fuchs wer.

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