Heute wurde ich Zeugin einer sehr zweifelhaften Veranstaltung. Ich kam durch die Drehtür unseres neuen Einkaufscenters (übrigens: Chuck Norris kann eine Drehtür zuschlagen!). Ehrlich gesagt, ist das gar nicht so neu, es ist bestimmt schon vor zwei Jahren komplett renoviert worden, aber noch immer gerate ich in einen Zustand völliger Verwirrung, sobald ich es betreten habe. Da sind so viele Ecken und Gassen! Ich weiß, welche Geschäfte es innen drin gibt – unter anderem diesen bestimmten Laden, der in meiner Stadt als einziger DVDs verkauft, und der deshalb mein eigentliches Ziel war -, aber niemals, wo sie dort sind. Ich geisterte durch die Gänge und stieß nach einigen falschen Runden tatsächlich und endlich auf besagtes Geschäft! Allerdings war kein Durchkommen möglich.
Denn direkt davor hatte sich ein geschniegelter Vertreter des Center-Managements nebst dumpf dreinschauendem Assistenten auf einem beinahe pompösen Stand postiert. Vor ihn Unmengen junger Familien, die mit ihren umherspringenden Sprösslingen und sperrigen Kinderwagen ein Durchdringen der Menge unmöglich machen. Ich war genau rechtzeitig gekommen zur „großen Preisverleihung“, wie der Schnickelfritz lauthals verkündete, zur „Verkündung des Kindes des Jahres“.
Zuerst dachte ich, ich höre nicht recht, aber tatsächlich hat ein Ableger dieser sonst so amerikanischen Veranstaltungen jetzt auch in meiner kleinen Stadt Einzug gehalten. Hunderte stolze Mütter und Väter hatten ihre Kinder von einem Fotografen ablichten können und danach „die Möglichkeit gehabt, die Bilder in unterschiedlichsten Ausführungen zu kaufen!“ Die Besucher des Einkaufscenters hatten daraufhin wochenlang die Möglichkeit, das hübscheste, süßeste, entzückendste Kind zum „Kind des Jahres“ zu wählen. Die unglaubliche TragReichweite dieses Namens vermochte der Moderator dem Publikum nicht so recht zu vermitteln. In Wirklichkeit sind es ja auch nur wenige Kilometer, nämlich bis zum nächsten Einkaufscenter. Entsprechend wenig kochte die Stimmung, wenn Herr Schnickelfritz immer wieder fragte: „Sind wir denn alle gut draaaaauf?“
Alle wollten nur endlich die riesige Vergrößerung des Portraits ihrer Kinder bei ihm abholen, die den zehn Bestplatzierten winkte. Natürlich konnten nicht alle gewinnen. Aber Justin und Tamara waren unter den Glücklichen, die zusätzlich noch ein umfassendes Seifenblasenset mit nach Hause nehmen durften. Letzteres war der einzige Punkt, in dem ich sie beneidete. Es überwog jedoch das Unverständnis dafür, wie jemand sein mitunter wenige Monate altes Kind für eine „offizielle“ Bewertung durch vollkommen fremde Menschen freigeben konnte. Am schlimmsten fand ich, dass unter den Gewinnerkindern auch ein sechsjähriges Mädchen war. Sie war mit Abstand die Älteste, und auch sicher die einzige (ihrer Generation) die halbwegs mitbekam, dass sie aufgrund ihres Aussehens, ihres Lächelns oder Blicks, gemocht und gefeiert wurde. Das sind die falschesten Werte, die man einem jungen Mädchen nahe bringen kann.
Zumal es dem Schnickelfritzen da vorn überhaupt um etwas ganz Anderes ging. Ihn interessierten keine glücklichen Kindergesichter, keine stolzen Mütter und nicht einmal die ausbleibende Freude des Publikums. Sein insgeheim wichtigster Satz war einfach: „Und bleiben Sie doch gleich hier stehen, bitte, dann können wir noch ein schönes Foto für die Presse machen!“



GROTESK! unsere kleine stadt ist ein wirkliches panoptikum der kuriositäten! (ich liebe dieses wort : panoptikum)
Traurig. Die können ruhig in Amerika bleiben, diese Wettbewerbe und Wertvermittlungen. Erinnert mich an den Film Little Miss Sunshine. Hast du den gesehen? Ich denke, der würde dir sehr gefallen, ist ein großartiger Film.
Chuck Norris bekommt auch bei Praktiker die 20 % auf Tiernahrung.