“Die Schwerkraft ist überbewertet.”

PeterLicht gilt als „Phantom der Popkultur“: lange Zeit war nirgendwo ein Blick auf den deutschen Ausnahmekünstler zu erhaschen. Jetzt ist er erstmalig auf Tour. Und der guten Gründe dafür gibt es gleich zwei: die wunderbare neue Platte „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ sowie das Buch „Wir werden siegen!“ – Erleuchtung garantiert!

Das „Vorprogramm“ von PeterLicht kann man sich eigentlich sparen: Im Rahmen des Dortmunder LesArt Festivals las er am vergangenen Freitag nach Oliver Maria Schmitt. Letzterer kann lediglich mit einem guten Buchtitel aufwarten: „Anarchoschnitzel schrieen sie“ lautet der, aber schon der Untertitel holt wieder auf den Boden zurück. „Der Punkroman für die besseren Kreise“? Für schlafende Kreise vielleicht. Was Schmitt da liest – so furchtbar klischeehaft im 70er-Jahre-Tapeten-Hemd und mit dem Glas Rotwein immer griffbereit – ist langweilig und eigentlich schon längst wieder out. Das ist der späte Sprung auf das „Fleisch ist mein Gemüse“-Trittbrett, Geschichten über eine verlottert-punkige Dorfjugend, irgendwo zwischen unserer Generation und der unserer Eltern. Aber zum Glück entschädigt der Kölner Musiker („Sonnendeck“) und frische Buchautor PeterLicht danach für alles!

Groß angekündigt wurde er zuvor als Deutschlands „aussagekräftigster Welterklärer“, und das ist vielleicht etwas hoch gegriffen, wo man ihn doch noch immer ungestraft als Geheimtipp bezeichnen dürfte. Spätestens an diesem Abend hat er aber bewiesen, dass er das nicht mehr lange bleiben wird. Darf. Kann. Tatsächlich wird mit seinem Erscheinen auf der Bühne auch gleich das erste, vielleicht größte Rätsel des Abends gelöst. Denn PeterLicht ist – trotz Reim – der Mann ohne Gesicht. Auf den raren Pressefotos zeigte er sich bisher nur mit einem Haufen Kissen vor dem Gesicht oder dem Rücken zur Kamera. Während eines Auftritts in der Show seines bekennenden Fans Harald Schmidt wurde lediglich sein Körper, nicht aber sein Gesicht gefilmt. Und auch der eigenen Tour zu seiner zweiten Platte „Stratosphärenlieder“ blieb er fern. Die Besucher mussten Kartoffelmännchen basteln, während sie an ungewöhnlichen Orten den neuen Songs über Kopfhörer lauschten.

Gemeinsam mit einem Pianisten, einem Schlagzeuger (dessen Drumkit zu 80% aus Pappe und Sand besteht) und seiner Gitarre betritt PeterLicht dann aber tatsächlich die Bühne. Nette Leute. Neeeette Leute! PeterLicht sieht aus wie ein studierter Vater, der normalerweise nachmittags mit einer kleinen Tochter spielt. Und sich die Abende mit „seinen eigenen Tupperparties“ vertreibt. Wie sich herausstellt, ist dieser Mann sehr freundlich, auf eine zurückhaltende Art und lustig, und trotz des hohen Zauns um seine Intimsphäre irgendwie offen.

Das Trio beginnt mit dem „Lied vom Ende des Kapitalismus“, dem aktuellen Gassenhauer und Titeltrack des neuen Albums, und zieht damit gleich das Publikum in seinen Bann. Es folgen weitere neue Songs, ziemlich politische Lieder, wie man sie von PeterLicht gewohnt ist – aber ausnahmsweise mal auf eine tanzbare Art und Weise. Ob es nun um die „alte Tante Wohlfahrtsstaat“ geht oder um Amerika, wo „zwei Flugzeuge mal in zwei ziemlich hohe Häuser gerast sind“. Wunderschöne Melodien vereinen sich hier mit Texten, die mit der deutschen Sprache spielen, wie es lange keiner zustande brachte.

Deshalb hat PeterLicht gleich auch noch ein Buch veröffentlicht: „Wir werden siegen!“ ist eine Sammlung von Geschichten, Gedichten und anders gearteten Texten, die parallel zum Album entstand und jetzt im Blumenbar Verlag erschienen ist. Dieses Buch sprüht vor Charme, Ideen, versteckten Botschaften (Leseproben hier). Der größte Lacher sind wohl die ganz speziellen Berufsdefinitionen: „Schauspieler. Schauspieler sind keine Menschen. Sie tun nur so.“ Toll ist auch, wenn PeterLicht dann einfach eine Seite aus seinem Buch verteilt, kopiert, einen Liedtext, und das sitzende (gute Wahl!) Publikum kurzerhand zum Chor macht. Und während die Zettel herumgehen und „jeder sich bitte mal einliest“ hat dieser Mann plötzlich eine stilechte Sitar im Schoß! Das folgende Lied „Wir sind jung und machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ wird zu einem der Höhepunkte des Abends.

PeterLicht schafft es, sein Publikum zu betören auf die gleiche natürlich-naive Art, wie seine Texte sind, und genau wie dort hat er auch in seinem Treiben auf der Bühne bestimmt einen heimlichen Zauber versteckt. So eine PeterLicht-Konzert-Lesung, denkt man bei sich, ist derart romantisch, dass sie wohl perfekt für ein erstes Date wäre. Und so inspirierend, erhebend – gemütlich! Wer sein Publikum nicht nur zum Lachen und vielleich Weinen, sondern gar zum Kichern bringt, der muss wahrlich groß sein. Also, liebe lichterleser: Kauft lieber das Buch, „wir werden siegen!“, und nicht die Platte. Denn PeterLichts Musik sollte man am besten live erleben – einen so großen deutschen Welterklärer hat man lange nicht gehört.

6 Kommentare

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  1. roman sagt:

    (peterlicht beinflusst mich schon. ich male den ganzen tag minddesigner, staatsoberhäupte und künstler, wie sie uns bewerfen.)

  2. Kathi sagt:

    Peterlicht begleitet mich schon sehr lange, der Safarinachmittag schon ewig. Deswegen bin ich umso neidischer von diesem Konzerlesungsabend zu lesen, zu gerne wäre ich mal auf eine Audiovorführung der Stratosphärenlieder gegangen. Aber nie nie nie ist er in Frankfurt (wegen des Kapitalismus?)
    Schön, dass er dir (und wohl auch Roman) so gut gefällt.

  3. Eva sagt:

    Oh, ich denke nicht, dass der Kapitalismus der Grund für sein Fernbleiben ist, denn damit hat er gleich zu Anfang gescherzt: “Apropos Kapitalismus.. wir haben draußen auch noch einen kleinen kapitalistischen Stand aufgebaut.. Da können sie tolle Sachen kaufen, CDs zum Beispiel.. und Buttons.. und Bücher, und Shirts.. und sogar Vinyl!”

  4. Christoph sagt:

    „Wir sind jung und machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ habe ich auch schon mit PeterLicht “gesungen”. Damals, in Augsburg, nur habe ich nicht so toll darüber geschrieben. Fotos machen war verboten. Bei euch auch? Nun ja, vielleicht wäre es ja sonst langweilig. Herr Licht live ist jedenfalls nicht langweilig, nur schade, dass er “Wettentspannen” bei uns nicht gesungen hat. Ganz große Popmusik! …

  5. roman sagt:

    Nur der größte Fan, Sascha, der fand PeterLicht nicht gut. Er sei zu verklemmt gewesen. Nein. Sah ich nicht so. Vielleicht hatte er nur zuviele Kartoffelmännchen gebaut – vorher. Und Fotos waren verboten, ja. Und ich finde das gut.

  6. Ayla sagt:

    Ja dieser artikel ist veraltet aber ist mir egal! Ich möchte trotzdem meinen Senf dazugeben!
    War am 15.12.07 in Osnabrück auf einer Live-Darbietung des PeterLicht und zwar habe ich eine weite Reise von Köln auf mich genommen, weil wir in der Umgebung keine Karten bekamen. Wir haben 4 Stunden hin und 8 Stunden zurück gebraucht mit der Bahn.
    Aber es hat sich gelohnt, und ich würde es wieder tun. Es war traumhaft! Er hat alle meine Lieblingslieder gebracht (u.A. Safarinachmittag, Wettentspannen, Geschichte des Sommers, Sonnendeck etc.) Ich habe ein Poster bekommen und sogar signiert! Das wollte ich nur dazu sagen ;) Es lohnt sich ihn live zu sehen und Fotos sind wirklich nciht nötig!

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