Ein Sonntag Abend im Regionalexpress. Da sind ein nettes Mädchen mit bestickten Slippern und lauter kleinen grünen Dingen an sich. Wir werfen Küsse durch die schmutzige Fensterscheibe und ich würde ihr gerne Fragen stellen. Ein wohlhabendes älteres Ehepaar, sie kommt mit jedem ins Gespräch und strahlt eine wundersame Herzlichkeit aus, während er, langsam, von ihr durch den Zug geleitet wird. Hoffentlich ist ihm bewusst, was er an ihr hat. Da ist ein kräftiger junger Mann mit Husky-Augen und viel Gepäck, ein schwarzer HSV-Fan und ein Nazijunge, aber der steht weit genug weg.
Er hat ein hübsches Gesicht, der Junge, er sieht verbittert aus, oder auch einfach nur kalt. Ich stelle ihn mir als lachendes Kind vor. Er ist kein richtiger Nazi, noch nicht, noch nur von seinem äußerstem Außen. Schwarze große Schuhe und eine schwarze große Jacke, kariert von innen, und ein roter Kragen unter dem dunklen Pullover. Aber an der Jacke dieser Button mit dem Adler, und um seinen Hals das merkwürdige Amulett, und in seinen Ohren die Kopfhörer, ich will nicht wissen, welche Musik.
In öffentlichen Verkehrsmitteln spiele ich ein Spiel besonders gern, für das ich noch keinen Namen habe. Eine neue Runde ergibt sich öfter zufällig als geplant. Dann fange ich jemandes Blick auf oder umgekehrt er meinen, als ich ihn gerade beobachte oder nur kurz anschaue. Das Spiel geht so: Festhalten. Die Augen nicht abwenden. Sehen. Sich in die Augen zu schauen wird schon nach wenigen Sekunden zu einem derart intimen Moment, dass es sich komisch anfühlt, vielleicht bedrängt, vielleicht aber auch vertraut, auf eine Weise. Ich glaube, jeder, mit dem man ins Spiel kommt, weiß sehr schnell, dass der jenige verliert, der zuerst wegsieht. Der der Gefahr eines fremden Blicks in die eigene Seele nicht standhält. Der Nazijunge ist ziemlich schlecht in diesem Spiel. Allein hält er niemandem stand.


Was wirst du tun, wenn ein Blick deine Seele trifft, sie umschlingt, sie fesselt, sie gefriert, so schnell, dass nicht einmal mehr wegschauen noch hilft. Was, wenn du dieses Spiel einmal auf eine Art und Wiese verlierst, die dich verändert?
So, daß mit der schwarzen Schrift war eine unerwünschte Auswirkung meiner eigenen Faulheit. Inzwischen habe ich das Licht angemacht, und eine Automatikschaltung sorgt dafür, daß auch Du Licht haben solltest. ;)
Desweiteren zählt das zu den Spielen, die ich nicht treibe. Gerade weil es, wie Du sagst, intim ist. Ich gucke nur den wenigsten Leuten länger als eine Sekunde oder so direkt in die Augen.
Ein griffiger Name fällt mir gerade aber auch nicht ein.
Schau an, du bist auch bei den letzten 60 im Blogstipendium dabei? Dann werden wir vielleicht Nachbarn :-).
Hey, du bist dieses freundlich Mädchen, das uns (der Theater-AG vom KKG in Dortmund) zweimal bei den Proben und bei der zweiten Aufführung zugeschaut hat; ich habe am Schluss einen Mann gespielt, falls dir das etwas sagt. :) Toll ist dein Blog. Ich mag deine Texte und ich finde viele Ideen von mir wieder – komisch. (Jetzt muss ich mal kommentieren)
Ich liebe dieses Spiel nämlich auch, weil ich es schon immer unheimlich faszinierend gefunden habe, wie die Leute darauf reagieren. Und dieser Kitzel, dass man vielleicht einem Seelenverwandten begegnet, wenn man gerade seinen Blick und seine Gedanken aus ihm heraussaugt…
Noch mal ein großes Lob für diese Seite und viele Grüße!
Hej, und du bist das lachende Mädchen mit dem lateinischen Namen und den hübschen Ohrringen, das mich am Freitag gefragt hat, ob ich noch mitkomme in diesen komischen Laden! Schön, hier von dir zu hören. Und schön, dass noch jemand meine Leidenschaft für das Spiel versteht. Glaubst du, dass das passieren kann, was Roman da prophezeit? Mich hat das ganz schön verschreckt, Roman, mein Lieber, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Sowieso kann ich mich nicht erinnern, jemals mit einem negativen Gefühl aus einer \”Partie\” gegangen zu sein. Vielleicht kommt es auf die Einstellung an. Ich weiß nicht.
Und Simon: heissa! Aber da weiß ich auch nicht so genau – wird aus den sechzig jetzt bloß einer ausgewählt, oder kramt dort auch noch die Jury? Alles so verwirrend. Aber viel Glück!
Hmm, falls es dir in “diesem komischen Laden” nicht so gut gefallen hat, tut es mir leid, ich zum Beispiel wusste nicht, dass wir hinterher dahin gehen würden. :)
Ich glaube schon, das so etwas passieren kann – dass man hinterher verändert aus dem Spiel herausgeht. Ich glaube an die Macht von “Seelen-Blicken”, aber man müsste schon wirklich sehr bösartig sein, um damit etwas Negatives anzurichten. Oder?
Naja, vier werden von der Jury ausgewählt, und einer vom Publikum. Was meiner Meinung nach dahinter steckt: Durch die “Abstimmung” und das allgemein hohe Presseaufkommen erhofft sich Jetzt.de neuen Traffic in ihrem Portal. Immerhin werden von den 60 Finalisten die allermeisten dazu aufrufen, für sie wählen zu gehen, und natürlich bringt das Jetzt.de neue Besucher.
Noch dazu werden die fünf, die gewinnen, viel neue Inhalte auf die Seite bringen, auch das bringt Jetzt.de einen Vorteil.
Andererseits halte ich 300 Euro für eine durchaus faire Bezahlung, insbesondere, weil Jetzt.de verspricht, keinen Einfluss auf die Inhalte der Blogs nehmen zu wollen. Eine Win-Win-Situation also.