Archiv für August, 2006

Der Blick nach innen

Miez
 
“Eines Tages”, sagte die Dame zu der Katze und streichelte sie sanft zwischen den Ohren, “werde ich deine Augen lesen können.”

Soundtrack

„If you love something
throw it away
and then walk away
then walk walk walk walk away”
St. Judes Infirmary

Sie rennt rennt rennt rennt davon.

Über eine vor Ewigkeiten geteerte Landstraße, zwischen den Feldern her. Die hohen Ähren lassen nicht viel von ihr entdecken, nur den fliegenden Zopf, das dunkle Gesicht.

Sie reißt ihre Beine hoch in den Jeans, die angewinkelten Arme immer mit, ihre Finger ausgestreckt, vom Laufen rot. Jeder Muskel angespannt. Weit hinten kommt ein Gewitter auf, der Wind ist schon da, die Luft schon schwül. Die Ähren wiegen sich träge im Wind, aber ihr Takt ist schneller. Die Senkel ihrer Kapuzenjacke knallen immer wieder in ihr Gesicht.

In der Totale läuft sie, rennt, getrieben von tausend schweren Gefühlen. Läuft vorbei, die Kamera folgt ihr nicht. Träge Ähren im Wind.

Sie rennt rennt rennt rennt davon.

Kultcast #34

Selbst Muffins haben lustige kleine Fähigkeiten. 8,3 MB

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Benjamin von Stuckrad-Barre und sein Runterladen
spit on a stranger
jetzt.de Blogstipendium

Rettet seine Seele, vor dem fremden Blick

Ein Sonntag Abend im Regionalexpress. Da sind ein nettes Mädchen mit bestickten Slippern und lauter kleinen grünen Dingen an sich. Wir werfen Küsse durch die schmutzige Fensterscheibe und ich würde ihr gerne Fragen stellen. Ein wohlhabendes älteres Ehepaar, sie kommt mit jedem ins Gespräch und strahlt eine wundersame Herzlichkeit aus, während er, langsam, von ihr durch den Zug geleitet wird. Hoffentlich ist ihm bewusst, was er an ihr hat. Da ist ein kräftiger junger Mann mit Husky-Augen und viel Gepäck, ein schwarzer HSV-Fan und ein Nazijunge, aber der steht weit genug weg.

Er hat ein hübsches Gesicht, der Junge, er sieht verbittert aus, oder auch einfach nur kalt. Ich stelle ihn mir als lachendes Kind vor. Er ist kein richtiger Nazi, noch nicht, noch nur von seinem äußerstem Außen. Schwarze große Schuhe und eine schwarze große Jacke, kariert von innen, und ein roter Kragen unter dem dunklen Pullover. Aber an der Jacke dieser Button mit dem Adler, und um seinen Hals das merkwürdige Amulett, und in seinen Ohren die Kopfhörer, ich will nicht wissen, welche Musik.

In öffentlichen Verkehrsmitteln spiele ich ein Spiel besonders gern, für das ich noch keinen Namen habe. Eine neue Runde ergibt sich öfter zufällig als geplant. Dann fange ich jemandes Blick auf oder umgekehrt er meinen, als ich ihn gerade beobachte oder nur kurz anschaue. Das Spiel geht so: Festhalten. Die Augen nicht abwenden. Sehen. Sich in die Augen zu schauen wird schon nach wenigen Sekunden zu einem derart intimen Moment, dass es sich komisch anfühlt, vielleicht bedrängt, vielleicht aber auch vertraut, auf eine Weise. Ich glaube, jeder, mit dem man ins Spiel kommt, weiß sehr schnell, dass der jenige verliert, der zuerst wegsieht. Der der Gefahr eines fremden Blicks in die eigene Seele nicht standhält. Der Nazijunge ist ziemlich schlecht in diesem Spiel. Allein hält er niemandem stand.

Big laughter

Mit dem schleppend vorangehenden Erwachsenwerden zieht sich das Lachen langsam aus meinem Alltag zurück. Wie lang ist es her, dass ich mich jeden Nachmittag mit Lina traf und wir tatsächlich jedes Mal hemmungslose Lachkrämpfe bekamen?

Einmal saßen wir in Linas Garten auf dem Giebel eines dieser Häuser, die aus bunten Röhren zusammengesteckt werden und in die man Platten klemmt als Böden und Wände. Wir saßen oben auf unserem selbstgebauten zweistöckigen Haus wie Pippi auf ihrer Villa Kunterbunt, und bekamen plötzlich einen unserer berüchtigten Lachkrämpfe. Wir lachten minutenlang und so sehr, dass wir samt dem Haus umkippten. Einfach zur Seite weg. Jetzt hatten wir zwar keine zwei Stockwerke mehr, aber zufällig ergab sich so eine wunderbare Dusche. Und heute?

Heute habe ich nur noch ein einziges Zimmer und nicht mehr die Fantasie für eine Dusche. Oder auch einfach keine Lust darauf. Spielen wird schneller langweilig. Spielenwollen, oh ja, aber Spielenkönnen, geht nicht mehr, funktioniert nicht mehr. Wie beneidenswert sind die Kinder.