Archiv für Juni, 2006

Der will doch nur spielen

Winson hat ein neues Album gemacht. „Frag die richtigen Leute“ heißt seine zweite Platte und rockt mindestens genau so wie das Debüt von 2004 – aber doch irgendwie ganz anders. Und obwohl der Herr stets behauptet, keiner von den richtigen Leuten zu sein, habe ich ihn gefragt.

Winson spielt. Mit seiner Wasserflasche, die ganze Zeit. Aufdrehen, trinken, zudrehen, auf dem Tisch drehen. Fingert an einem Stück Papier rum, klappert mit einem Stift. Und immer wieder diese Flasche. Der Psychologe sagt, das sei Spannungsabbau. Stimmt! Winson steckt voller Energie. Er lacht viel und springt plötzlich auf, um Luftgitarre zu spielen oder laut eine Liedzeile zu singen. Er ist verspielt, und wild.

So wild klingt auch die erste Singleauskoppelung seines neuen Albums. „45 mal/Minute“ ist eine von diesen Abrechnungen mit dem Musikbusiness, wie außerdem der Titeltrack „Frag die richtigen“. Denn Winson mag noch so sehr Spielkind sein – er weiß sehr wohl, auf welch glattem Eis er sich in seiner Branche bewegt. „Wenn man mit der Musikindustrie zu tun hat, muss man jeden Tag einmal jeden angucken und sich fragen, wer ist richtig, wer ist falsch. Aber ob man dann am Abend richtig steht, wenn das Licht angeht, ist die andere Frage.“ Für seine neue Platte hat Winson auf jeden Fall die richtigen Leute gefunden: Im Gegensatz zum ersten Album „So sah die Zukunft aus“ nahm er diesmal seine Liveband mit ins Studio, zusammen mit der Berliner Sängerin Barbara Cuesta. Mit ihnen entstanden auch erstmals Balladen wie „Anders“ oder das großartige „Liebesspielsalon“ über den trostlosen Alltag eines Ecstasydealers. Dass es immer noch dieser abgedrehte Typ aus Berlin ist, der da singt, mag manch einer nicht glauben wollen.

Winson hat sich verändert. „Die einzige Möglichkeit war zu sagen, ich lasse es zu oder ich lasse es nicht zu.“ Er ließ es zu und riskiert damit, dass alte Anhänger vom Winsonzug abspringen und es eine Single mal nicht in die Charts schafft. „Aber der Plan, den ich verfolge, ist eigentlich chartsfeindlich. Ich bin meist eher ein bisschen für mich, mit der Musik.“ Weiterhin gilt jedoch: Winson macht verrückte, neue Popmusik. Kommt ihm etwas bekannt vor, wird es abgeändert oder gleich rausgeschmissen. Und wann immer er kann, packt er kleine Informationen in seine Texte, versteckte Botschaften. Diese Möglichkeit war überhaupt ein Grund für ihn, statt auf englisch vorwiegend auf Deutsch zu texten. „Man macht diese Musik, hat gewisse Ideen, und wenn die Musik gut gemacht ist, dann können andere Leute da noch ganz andere Ideen drin finden und hören.“ Das gefällt Winson. So dreht sich die Kamera im aktuellen Video ständig um die Musiker, passend zur Textzeile „Ich dreh mich 45 mal pro Minute und ich will keine Single sein“.

Geschrieben, ohne Musik dazu zu machen, hat Winson trotz seines Liebäugelns mit der deutschen Sprache aber fast nie. „Ich habe mal versucht ein Drehbuch zu schreiben. Das könnte sogar noch fertig werden. Einem Freund von mir gefiel es und der macht das vielleicht weiter.“ Die allgemeine Deutschlandfrage umgeht er trotzdem gerne. Da ist nun mal doch noch das bisschen Kind im Winson, das nicht die Verantwortung übernehmen will und deshalb vielleicht bald nach Österreich zieht. „Ich zieh ein halbes Jahr nach Wien und nehme da Demos auf und nenne die nächste Platte ‘Wienson’! Ist doch eine Superidee! Oder?“

Winson macht Radio
Anfang des Jahres hat der Berliner Radiosender Motor FM sein Moderatorenteam auf vier Leute aufgestockt. Seitdem ist Winson mit dabei. Jeden Tag sitzt er von 14 bis 16 Uhr am Mikro – und dreht sich da gerne ein bisschen mehr Bass in die Stimme. „Wenn ich selber Radio höre, finde ich immer tiefe Stimmen so gut. Deshalb mache ich meine auch tiefer. Tiefer, Winson, das geht noch tiefer..!“ Motor FM ist in Berlin auf 100,6 MHz und in Stuttgart auf 97,2 MHz zu hören. Ansonsten im Netz: motorfm.de.

Ein Fall für zwei

“Was ist los mit dir, du meidest jede Berührung. Schweige nicht. Sieh mich an. Schweige nicht.”

Sie fordert meinen Blick. Das ist Selbstmord.

“Bitte, gib mir nur ein Wort. Sieh mich an.”

Aber ich fühle nicht mehr das, was sie in meinen Augen sehen will.

“Warum sagst du nicht, was dich bedrückt, du hast sonst immer alles erzählt. Keine Worte, kein Kuss. Die letzte Zeit bist du so fern.”

Die letzte Zeit tat so weh.

“Bitte. Mein ganzer Kopf ist voller Ängste und Sorgen, denn du bist so stumm. Bitte.”

Mein ganzer Kopf ist so leer. Alles ist so leer.

“Rede mit mir, und wenn es nur ein Hinweis ist. Stört dich etwas? An mir? Hast du ein Problem, hast du Schmerzen? Was ist da, in deinem Kopf, deinem Herzen? Sag es mir, bitte. Ich werde mit dir weinen, ich werde mit dir leiden, mit dir wütend sein. Wenn du nur mit mir teilst. Gib mir deine Hand.”

“Ich kann nicht mehr.”

“Gib mir deine Hand.”

“Ich kann nicht mehr.”

“Ich kämpfe! Was, wenn ich kämpfe?”

Kultcast #28

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   Kultcast #28
(9,23 Minuten | 8,6 MB)

150 Fragen in Sachen Podcasts

Der Saftmann

Der Saftmann begegnete uns im Supermarkt. Er stand vor uns in der kurzen Schlange an der Kasse, und trotz deren geringer Länge bereuten wir bald, nicht die andere gewählt zu haben: Als nämlich der Saftmann sämtlichen Inhalt seines Korbes ordentlich hintereinander auf das Band zu legen begann. Es handelte sich nicht um die mehr oder weniger üblichen Einkaufskorbkombinationen, die man gewöhnlich im Supermarkt antrifft. Die Familien-Großeinkauf-am-Samstag-Kombination oder die Studenten-WG-Kombination, oder auch die Single-40-sucht-Kombination. Es war auch nicht die Freitagabend-Fußball-Treff-Kombination, neben der dieser sehr ähnlichen Party-Kombi die einzige, die uns bei einer solchen Anhäufung von Getränken nicht weiter verwundert hätte. Es war eine uns vollkommen neue Kombination, die uns zwar sehr wahrscheinlich nie wieder begegnen wird, die aber trotzdem einen Namen verdient hat. Wenn man nur ihren Sinn kannte.

Der Saftmann packte – und wir begriffen schnell, dass sie zu zählen sich lohnen würde – über zehn verschiedene Säfte aufs Band. In Plastik- und Glasflaschen, Tüten und Tetra Paks. Zu großen Teilen Orangensaft, aber auch Multivitamin- und Traubensaft. Und von jedem mindestens zwei. Zum Schluss und ohne eine Miene zu verziehen deutete er noch auf die Sechserpackung Küchenpapierrollen in seinem Wagen, die schlichtweg nicht mehr aufs Band passte. Die Kassiererin, eine gewisse D. Stiller, hat sehr wahrscheinlich ebenfalls keine Miene verzogen. So oder so war das aber aufgrund ihres stark geschminkten Gesichts nicht zu erkennen. Sie kassierte also, einen Betrag, den wir nicht mitbekamen, weil wir schon in Spekulationen vertieft waren. Spekulationen um einen möglichen Namen für diesen Einkaufskorb.

War es vielleicht eine Stiftung-Warentest-Kombination, für einen langfristig geplanten, groß angelegten Saft-Test? Doch dafür wären statt der Küchentücher eher ein paar Flaschen Wasser als Geschmacksneutralisierer vonnöten gewesen. Es konnte auch die nahe liegende Gastronomie-Kombination sein, der Mann war ein frisch gebackener Restaurantbesitzer, der wenige Säfte für seine Speisekarte aussuchen musste. Oder ein Bistrokellner, der wegen der schlechten Qualität seines bisherigen O-Saftes ständig Beschwerden erhalten hatte und dem jetzt ein Ende machen wollte. Vielleicht wollte er sogar einen ganzen Saftladen eröffnen. Aber da gibt es doch ausschließlich selbst gemachte Säfte, oder?

Hinter der Kasse las der Mann seine Quittung und rechnete noch mal nach. Er schien nichts vergessen zu haben, sondern machte sich auf den Weg nach draußen auf den Parkplatz. Nicht ohne den Bon einzustecken – zu unserer maßlosen Enttäuschung. Aber vielleicht brauchte er ihn später tatsächlich noch mal, um den Saft von der Steuer abzusetzen! Möglicherweise war er ein Kindergärtner, der mit seinen Schützlingen Eis herstellen wollte. Die Wassereis-Kombination! Nach der alten Masche, Saft in die Plastikbecher, Stab rein, und dann im Eisfach gefrieren lassen. Da wären dann endlich auch die Küchentücher plausibel, bei Kindergartenkindern! Er schob seinen Wagen über den Parkplatz zu einem großen Auto. Packte alles ein, fuhr los und war schließlich aus unserem Blickfeld verschwunden.

Wir machten uns auf den Weg nach Hause. Mit der wir-brauchen-nicht-viel-für-einen-besten-Nachmittag-Kombination im Rucksack.

Opa

Mein Opa ist sehr schön. Er hat schneeweißes Haar und seine Haut ist dick wie die eines Elefanten und braun wie die eines Spaniers. In seinem Gesicht Falten, die aussehen wie reingeschnitten, so unglaublich viele Falten, die eine so abwechslungsreiche Mimik ermöglichen. Wenn er seine Späßchen mit mir treibt, dann zieht er seine buschigen Augenbrauen hoch und lacht und die Falten schwappen wie Wellen aus lahmem Sand zur Seite. Seine Augen sind groß und dunkel und in ihnen liegen tausend Geschichten. Er sieht jung aus für sein Alter, aber er gehört zu dieser Generation, die in sich gekehrt ist und oft unnahbar, weil in ihr so vieles steckt, was gar nicht verarbeitet werden kann. Seinen Weisheiten merkt man die Historie an, wenn er sagt, dass man einen Streit manchmal wegwischen muss wie früher die Hausaufgaben von der Schiefertafel. Wir sehen uns nicht oft, und wenn doch, dann ist Unterhalten anstrengend, denn er hört schlecht und weigert sich das zu akzeptieren. Am Ende, an der Haustür, macht er seinen Froschkussmund und sagt, bis Morgen. Immer bis Morgen.