Heute nur zu lange Texte

Kurz vor den Winterferien hing am schuleigenen schwarzen Brett auf einmal ein kleiner und, wie sich später herausstellen sollte, sehr unauffälliger, aber schön illustrierter Zettel. Ein geheimnisvolles „Vorbereitungsteam Espresso“ rief alle Schüler dazu auf, eigene Texte in eine Tonne am Schulbüro (neben dem Klassenbuchschrank) zu werfen, um sie demnächst bei einer Lesung vorzutragen. Ich überlegte ein paar Tage lang, suchte – fand nichts, was lang genug gewesen wäre – und schmiss auch die ausgedruckten kurzen Dinge letztendlich nicht ein.

Erst zwei Tage vor Einsendeschluss machte dann doch noch einmal der vergessliche Klassenlehrer seine Täubchen auf die Aktion aufmerksam – nicht ohne den Zusatz, dass eine Teilnahme auf jeden Fall „ein paar Extrapunkte gebe“. Da war klar, dass das keine sonderlich kultige Lesung werden würde. Der Verdacht bestätigte sich, als vor einer Woche dann ein neuer Zettel auftauchte – wieder, wie sich später herausstellen sollte, nicht sonderlich auffällig, aber immerhin mit den gleichen hübschen Bildern: Die Lesung finde statt am Dienstag während der siebten und achten Stunde, in der Aula, sämtliche zu Unterrichtenden Schüler hätten sich dann dort einzufinden. Eine Lesung, die am helllichten Tag stattfindet und deren Zuhörer zu neunzig Prozent nur erscheinen, weil sie dazu verpflichtet sind, kann keine richtige Lesung sein. Keine gute, gemütliche.

Als sie davon erfuhren, reagierten meine Mitschüler überraschenderweise eher genervt und ohne Verständnis, statt sich wenigstens über die beiden verlorenen Lateinstunden zu freuen. Ich blickte mit Spannung auf dieses Ereignis, Spannung auf die Texte, die Umsetzung und vor allem die Autoren, die man ja doch irgendwie alle kennen musste. So war es auch.

Die Aula war rappelvoll heute, in der siebten Stunde (in der achten würde sie nach der Pause schon ein winzig kleines bisschen leerer sein). Vorn auf der Bühne stand ein Tisch, der aus den Unterstufengottesdiensten als Altar bekannt ist, darauf eine Vase mit traurigen weißen Tulpen und – ho, ho, ho – einer Kerze, davor ein Mikro. Eine Gemütlichkeit konnte aber trotzdem nicht entstehen. Wie auch, wenn da die halbe Zuhörerschaft in knisternden Jacken und mit Schultaschen zwischen den Beinen sitzt?

Nach der Anmoderation durch „Espresso“, bestehend aus zwei engagiert-beliebten Deutschlehrern, wurde es erstaunlich schnell still. Pia aus der Parallelklasse war die erste von sechs Lesenden, sie las mit sehr guter Stimme einen guten Text, an deren plötzlichem Ende die jugendliche Protagonistin durch den Kopfschuss ihres Entführers starb. Und wie ein Schüttelreim folgten diese Inhalte noch vier Mal. Einzige Ausnahme war eine Herr-der-Ringe-artige Geschichte ohne ausgeprägte Handlung. Selbst der Junge, der anfangs so lustig und wahrscheinlich doch unbeabsichtigt mit seinem Publikum spielte, indem er im ersten Abschnitt wieder und wieder den Busen seiner zweiten Hauptperson erwähnen musste, endete mit einem Tod.

Das war komisch. Ich hätte es nicht gedacht. Es war nicht schlecht, auf keinen Fall, auch, wenn wir alle nachher das Gefühl hatten, dass die Texte und Leser in ihrer Reihenfolge der Qualität nach geordnet worden waren. Trotzdem bestätigte diese Lesung das Klischee des schreibenden Schülers, denn – ohne es böse zu meinen – wer da las, das waren alles schulbekannte Freaks. Die meisten von ihnen nie verspottet, nein, aber Freaks nun mal, die ihr Image durch ihre Texte um Mord und Totschlag nur unterstrichen. Es war komisch.

Und weckte in mir wieder den nun immer lauter werdenden Wunsch nach einer popkulturellen Lesung, abends, im kleinsten Buchladen der Stadt, bei wenig Licht und viel Gemütlichkeit. Da würde ich mich dann vielleicht sogar trauen. Macht jemand mit?

4 Kommentare

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  1. David sagt:

    piep? … piep!

  2. Kathi sagt:

    Man würde sich zum Dienste melden, vor allem, da ich jetzt seit Januar Lesebühnenerfahrung habe. Im großen Stil, da werden kleinere Dinge mit links geschaukelt.

  3. Eva sagt:

    Spann mich doch nicht so auf die Folter! Los, los, erzähl schon! Kathiii.

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