Journalistin & Moderatorin

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Zehnjähriges

Seine Grundschulklasse nach zehn Jahren wiederzutreffen ist toll. Zu allererst, weil man zu diesem Anlass noch einmal Bravo Hits 25 hören darf. Mit Echt und Tic Tac Two und Britney Spears, als sie noch brav und unschuldig war. Da kommt prompt alles wieder hoch: wie in der dritten Klasse alle Mädchen in Bieti verliebt waren, wie wir zu Weihnachten in der Stadt Tannenbäume schmückten und wie eines Tages der Kanarienvogel tot in seinem Käfig lag. Simon, der damals Vogeldienst hatte, hat heute noch ein schlechtes Gewissen. Und eine Narbe vom Fangspiel in der Lesenacht. Ein anderer zählt inzwischen sieben Punkte in Flensburg. Wieder ein anderer massiert die Spieler des 1. FC Köln.

Während meine Eltern nicht einmal Lina wiedererkennen, erscheint es mir, als hätten wir uns kaum verändert, als wären alle bloß ein bisschen gewachsen und hier ein Bart oder dort ein Piercing dazugekommen. Wir verstehen uns immer noch so gut wie zu Zeiten der Anlauttabelle, vielleicht sogar besser. Im Grunde könnten wir gleich wieder auf den Schulhof springen und Mädchen fangen die Jungs (mit Küssen!) spielen. Tatsächlich würden wir uns aber wohl nie in dieser Konstellation treffen, wäre da nicht dieses ungeahnt starke, zehn Jahre alte Band.

Schuld sind die weiterführenden Schulen. Schon als Viertklässlerin konnte ich nicht richtig verstehen, warum Sabine plötzlich auf die Realschule und ich aufs Gymnasium gehen sollte. Damals sah ich genauso wenig Unterschiede zwischen uns wie heute. Die frühe Trennung bewirkt eine verrückte, weil sinnlose Separation. Es ist erschreckend, aber 95 Prozent der Gleichaltrigen, mit denen ich im Alltag zu tun habe, waren ebenfalls auf dem Gymnasium. Unter meinen ehemaligen Mitschülern hat dieser Fehler in unserem Bildungssystem noch einen weiteren Effekt: Fast alle, die nach der Grundschule eine Realschule besuchten, haben anschließend doch noch ein Fach- oder Vollabitur gemacht. Dass dieser Weg in den meisten Fällen schwieriger ist als der direkte, wurde in der Diskussion an jenem Abend schnell klar.

Vom Klassentreffen bleiben daher nicht nur die Erinnerungen an eine idyllische Grundschulzeit, sondern auch offene Fragen: Welche Freundschaften hätten doch gehalten, welche Stärken und Talente wären entdeckt worden, welche Karrieren hätten begonnen, wenn wir länger zusammen geblieben wären? Und nicht zuletzt: Wie viele Küsse hätte ich wohl noch bekommen, von Simon und Co? In Mädchen fangen die Jungs war ich nämlich meistens ziemlich gut.