Journalistin & Moderatorin

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Was ich in Finnland über Deutschland gelernt habe

„Meine Reisen brauchen immer eine Weile, bis sie einen Platz in mir gefunden haben“, schrieb Elisabeth Rank vor kurzem und fasste damit in Worte, was ich in den letzten Monaten empfunden habe. Inzwischen ist ein Vierteljahr vergangen seit meiner Zeit in Finnland, doch all die Eindrücke, Menschen und Orte, die ich kennengelernt habe, finden erst allmählich ihre Ruhe und ihren Platz in mir.

Hei Finnland!
"Gebt ihr einfach Gummistiefel und einen Wald voller Beeren, und alles ist gut." Mehr als gut.

Ich hätte nie gedacht, dass dieser Sommer so viel mit mir machen würde. Finnland, das war, wenn wir ganz ehrlich sind, weder das erste, noch das zweite oder dritte Land, das ich mir für so ein Abenteuer ausgesucht hätte. Aber gerade dafür bin ich inzwischen so dankbar: dass mir das Schicksal diese fremde Kultur einfach so ins Leben geshufflet hat.

Zuvor hatte ich Finnland vor allem als Strebernation gekannt. Dort lief immer alles richtig, sei es im Bildungssystem, in Sachen Gleichberechtigung oder Europapolitik. Alle sehen auf zu den Skandinaviern und suchen nach Dingen, die sie abgucken können. Heute weiß ich, dass es oft umgekehrt war: Die Finnen haben sich vieles von uns abgeguckt.

Finnland vermeidet unsere Fehler – und wird so zu unserem Vorbild

Ich hatte ja keine Ahnung, wie jung dieses Land ist und wie vor nicht einmal 100 Jahren einige schlaue Politiker beschlossen, das beste aus der neu gewonnenen Unabhängigkeit zu machen. „Finland didn’t happen, Finland was built“ – und zwar auf der Basis unserer „alten“ europäischen Erfahrungen. So haben sich die Finnen ein Sozialsystem gebaut und erst einmal geschaut, wie die anderen das gemacht haben. Was konnten sie verbessern, welche Fehler ließen sich vermeiden?

Ebenso läuft es aktuell mit der Integrationspolitik, einer Herausforderung, vor der Finnland erst ein paar Jahrzehnte später steht als Deutschland. Auch in Sachen EU sind die Finnen „little Germany“, und jüngst eröffnete Premierminister Katainen das Parlament unter anderem mit einem Hinweis auf die Energiewende, die man genau beobachten müsse. Wenn Deutschland das hinbekäme, würde es ein Modell für die Welt.

Von alldem wusste ich nicht, als ich meine Vorsätze für die Finnlandreise fasste. Ich wollte

  • herausfinden, wie man eine Sauna richtig benutzt (check),
  • einen Baum in einem finnischen Wald umarmen (check),
  • die finnische Küche kennenlernen (check),
  • lernen, die schönsten Wörter dieser herrlich verschwurbelten Sprache auszusprechen (check)
  • und endlich einmal meine Schuhe ausziehen und bloß in Socken durch ein Klassenzimmer laufen (check).

Womit ich nicht gerechnet hatte

Das alles habe ich geschafft. Ich war gut vorbereitet auf das umfassende Programm des finnischen Außenministeriums. Was ich jedoch nicht auf dem Schirm hatte, waren die anderen Teilnehmer. Wenn 20 verschiedene Kulturen aufeinander treffen, gibt es unfassbar viel zu lernen. So spannend waren die Gespräche mit Iga aus Polen, Gunjan aus Indien und Roman aus Russland, dass ich mich in mancher Mittagspause nicht einmal traute, aufs Klo zu gehen – aus Angst, etwas zu verpassen. Ich habe in diesen Gesprächen nicht nur viel über meine Kollegen und ihre Kulturen gelernt, sondern auch über mich selbst. Darüber, was es bedeutet, aus Deutschland zu kommen, Europäerin zu sein.

Foreign Correspondents’ Programme 2013

An einem Tag saßen Hend aus Ägypten und ich wieder mal nebeneinander im Bus. Nach einem Blick aus dem Fenster fragte sie plötzlich: „Eva, could you imagine living in a country where everything is as perfect as it is here?“

Ich schaute hinaus und sah ein Land, in dem es dunkles Brot und erschwingliche Marshmallows gibt. Ein Land, in dem ich heiraten dürfte, wen ich will – und das, ohne dass mein Vater vorher ein Auto, 15 Kühe oder einen Stapel Kimonos kaufen müsste. Ein Land, in dem es unabhängige Medien gibt (und zwar mehrere auf einmal). Ein Land, das Mitglied in der EU ist. In dem Arztbesuche und Ausbildung nichts kosten. Ein Land, in dem es Spielplätze gibt. In dem ich mich nicht verschleiern muss, wenn ich vor die Tür gehe, und Auto fahren darf, obwohl ich eine Frau bin. Ein Land, in dem es Facebook gibt (und ich dort posten darf, was ich will). Ein Land, in dem ich keine großen Probleme haben würde, einen Job zu kriegen. Ein Land, in dem jeder Fahrrad fahren lernt. Ein Land, in dem man das Leitungswasser bedenkenlos trinken kann. Ein Land, das viele Schulden hat, auf das aber deshalb niemand sauer ist. Ich schaute hinaus und dachte an Hends Frage.

„Actually… I already am.“