Journalistin & Moderatorin

Menü Schließen

Wandern in der West Bank

Wir haben Glück: Es ist Winter in der Wüste. Zwei oder drei Wochen lang hat es immer wieder Regen gegeben diesen Januar, sodass jene Seiten der Judäischen Berge, die im Schatten liegen, nun für kurze Zeit mit einem grünen Flaum bedeckt sind. Es blüht im Wadi Qelt.

Wandern in der West Bank

„Wadi“ ist Arabisch für „Tal“. Das Wadi Qelt liegt zwischen Jerusalem und Jericho und gilt als eines der schönsten im Westjordanland. Wer hier wandern gehen will, besorgt sich am besten einen Führer. Der kann erklären, warum man zu dieser Jahreszeit lieber nicht durchs Tal selbst läuft (Springfluten!) und was es mit dem Aquädukt auf sich hat, an dem wir uns stattdessen orientieren.

Wandern in der West Bank

Wandern in der West Bank

Die Römer errichteten die Anlage vor über 2000 Jahren, um Jericho das ganze Jahr über mit Wasser zu versorgen. Noch heute gluckert das Wasser darin wie ein klarer Gebirgsbach in den Alpen. Doch das Wandern hier ist ganz anders.

Wandern in der West Bank

Statt einer Almhütte kommen wir an verlassenen Beduinenbehausungen vorbei. Statt weißer Bergkuppen und rosa-gelber Blümchen dominieren verdorrte Büsche und trockener Boden. Statt Brotzeit mit Pfefferbeißern gibt es Pita mit Hummus.

Wandern in der West Bank

Wandern in der West Bank
Wandern in der West Bank

Meine Freunde hatten mir von dieser Wanderung vorgeschwärmt, und sie hatten recht: Es ist eine faszinierende Natur, es sind atemberaubende Aussichten. Aber ist das auch schön? Ich merke immer wieder, wie europäisch mein ästhetisches Empfinden geprägt ist. Dreieinhalb Jahre lang bin ich mit Blick auf den Bodensee und die Alpen aufgewacht, eine ganze Kindheit (und Pubertät…) lang habe ich mit meiner Familie Wanderungen in Österreich und der Schweiz unternommen. Dort ist das etwas ganz normales.

Wandern in der West Bank

In der West Bank hingegen waren die Einheimischen in den ersten Jahren irritiert: Warum wollten die Touristen Kilometer lang durch die Wüste stapfen?! Als die Wanderführer jedoch begannen, die Anwohner einzubinden, begriffen sie schnell, dass auch für sie etwas dabei herausspringen kann. So warten an manch einem Pausenplatz palästinensische Jungs mit Eseln auf uns, in der Hoffnung, dass jemand erschöpft ist und lieber auf das tierische Taxi umsteigen will.

Wandern in der West Bank
Wandern in der West Bank

Und nach 15 Kilometern, als ich tatsächlich ein wenig aus der Puste komme, steht am Fuße des letzten Hügels ein Palästinenser mit seiner Saftpresse. Frischen Granatapfelsaft vor dem Panorama von Jericho – das gibt es in den Alpen nicht.

Wandern in der West Bank