Im Dezember war ich noch einmal in Tunis. Das war fast genau fünf Jahre nach dem Beginn der Arabischen Revolution, und exakt die Woche, in der das „Quartett für den nationalen Dialog“ den Friedensnobelpreis entgegennahm.

Es war aber auch eine Woche Woche im Ausnahmezustand. Kurz zuvor waren bei einem Anschlag auf die Präsidentengarde 13 Menschen gestorben. Deshalb war über Tunis eine Ausgangssperre verhängt worden. Nach Mitternacht durfte niemand mehr auf die Straße.

International gilt Tunesien als Gewinner der Revolution. Doch dafür hatten die jungen Aktivisten, die ich im Rahmen des Young Media Summit der Deutschen Welle traf, nur ein mildes Lächeln übrig. Und viele zynische Kommentare.

Der jungen Demokratie fehlen die jungen Stimmen

Die Hälfte der 10,9 Millionen Tunesier ist jünger als 35 Jahre. Zur letzten Wahl im Oktober 2014 ging aber nur ein Bruchteil von ihnen. Während die allgemeine Wahlbeteiligung sehr hoch war, war die Jugend frustriert und wählte – den Boykott. Der jetzige Präsident ist 89 Jahre alt und bis auf seine liberalen wirtschaftlichen Ansichten sehr konservativ. Ihm gegenüber steht ein Parlament, in dem viele der alten Politiker nach dem Ende Ben Alis nun endlich ihre Chance auf Mitbestimmung sehen. Das bedeutet aber auch, dass für den Nachwuchs, für eine neue, junge Generation von Politikern kaum Platz ist.

Bisher ging es in der neuen tunesischen Politik vor allem um Machterwerb und -erhalt. Da war noch keine Zeit für die dringend nötigen Wirtschaftsreformen, die den lange erhofften Aufschwung bringen könnten. Dabei brauchen gerade die Jungen endlich Jobs. Viele von ihnen sind gut ausgebildet, finden aber keine Anstellung. Die Frustration wird noch stärker werden, wenn die neue Regierung mit dem Bürokratieabbau beginnt, der weitere Jobs kosten wird. Ob es dann wieder zu Protesten kommt? Wie wird das neue System damit umgehen?

Die Blogger, die ich vor vier Jahren als hoch motiviert und euphorisch kennengelernt hatte, sind resigniert. Viele haben aufgegeben, manche die Kanäle gewechselt. Die Facebook- und Twitter-Szenen seien viel größer geworden. Firas, der inzwischen eine eigene Radiosendung moderiert, sagt, der Einfluss sei jetzt höher. „Die Follower fragen viel mehr.“ Yamina hingegen glaubt nicht daran, in den sozialen Netzwerken noch etwas bewirken zu können, trotz ihrer fast 13.000 Follower. „Social Media hätte das Rückgrat des Bottom-up-Aktivismus werden können. Stattdessen ist es ein Werkzeug für Propaganda, für Leute, die jammern anstatt zu handeln. Komplette Passivität.“ So gehen der jungen Demokratie die jungen Stimmen verloren.

Demokratisierung ist kein Software-Upgrade

Und überhaupt: Demokratie funktioniert nicht wie das Upgrade für ein veraltetes Betriebssystem. Sie lässt sich nicht von heute auf morgen installieren. Unter Ben Ali gab es keine politische Bildung. Deshalb kennt ein Großteil der Bevölkerung sich noch kaum aus mit dem neuen System. Wofür steht eigentlich eine sozial-demokratische Partei? Was kann und soll die Opposition bewirken? Was dürfen wir wissen?

Die letzte Frage stellt Samad, ein junger Journalist aus Marokko, als wir über die Transparenz unserer Parlamente diskutieren. Die deutschen E-Petitionen zum Beispiel klingen für die arabischen Teilnehmer traumhaft. „Du solltest nicht fragen, ‘Dürfen wir das wissen?’, sondern ‘Warum dürfen wir das nicht wissen?’”, meint Hardy, einer der Kollegen aus Deutschland. „Ihr seid uns weit voraus“, seufzt Samad daraufhin. Und meint damit Deutschland, aber auch Tunesien.

Große Polizeipräsenz in der Innenstadt von Tunis

„Was wir brauchen, ist eine Reform des Justizwesens“, sagt Yamina auf unserem Weg zum Abendessen. „Wir haben hier Redefreiheit – zumindest in der Theorie -, aber Polizei und Institutionen können Menschen einfach so schikanieren.“ Sie erzählt von schwarzen Listen, von willkürlich verteilten Strafzetteln, von jungen Leuten, die Tagelang in U-Haft gehalten werden, weil sie Zigarettenpapier bei sich hatten – angeblich ein Zeichen für Haschischkonsum.

Mir fällt nichts Aufmunterndes mehr ein, das ich ihr darauf antworten könnte. Ein Polizeiapparat als eigenmächtiger Akteur, losgelöst von Richtern und Regierenden – das befremdet mich. Und kommt mir so gar nicht demokratisch vor. Ich muss an die Zahlen denken, die ich Zuhause zur Vorbereitung gelesen hatte. Tunesien ist das Land, aus dem die meisten IS-Kämpfer in den Dschihad zogen. Zwischen 5000 und 6000 sollen es bislang sein. Die meisten von ihnen stammen aus der Mittelschicht, sind wohlbehütet aufgewachsen. Ihre einzige Gemeinsamkeit: Fast alle haben Erfahrung mit Polizeigewalt gemacht.

Liberté vs. sécurité

Die Polizei ist auch auf der Avenue Habib Bourguiba stark präsent, dem prächtigen Boulevard im Zentrum von Tunis. Vieles hier erinnert mich an Brüssel, die Stadt, aus der ich gerade komme, und in der bis vor Kurzem ebenfalls der Ausnahmezustand herrschte. Die Cafés tragen französische Namen – „Le Grand Café du Theatre“, „Le Parnasse“, „Café Paris“ – und servieren Espressi und Croissants. Um diese Zeit, am späten Nachmittag, sind die Tische auf den breiten Bürgersteigen noch voll besetzt.

Cafés auf der Avenue Habib Bourguiba in Tunis

Doch am Abend wird die Stadt ruhig. Schon Stunden vor der Ausgangssperre schließen viele Geschäfte, bleiben den Restaurants die Besucher aus. „Die reichen Leute aus der Innenstadt gehen jetzt extra oft aus, um ein Zeichen zu setzen“, erzählt Firas. „Aber die Mehrheit bleibt Zuhause und meidet manche Orte, zum Beispiel Shopping Malls, komplett.“ Der Terrorismus ist der neue Diktator.

Der Anschlag auf die Präsidentengarde Ende November war kein Einzelfall. Schon im Frühjahr 2015 waren bei zwei schweren Anschlägen auf ein Museum in Tunis und ein Hotel in der Hafenstadt Sousse, zu denen sich später der IS bekannte, über 60 Menschen gestorben. „Das Hauptproblem ist, dass die Regierung keine Strategie hat, um dem Terrorismus zu begegnen“, sagt Firas. Man schicke einfach noch mehr Polizisten auf die Straße.

Gegen halb zehn wollen ein paar von uns nochmal raus, auf eine schnelle Shisha. „Muss das sein?“, fragt einer der Organisatoren und kommt dann mit, zur Sicherheit. Liberté vs. sécurité, das ist hier so eine Sache, denke ich, als wir durch die deutlich leereren Straßen ziehen, auf der Suche nach einer Bar, die noch geöffnet ist. Die meisten Geschäfte haben jetzt die Rollläden heruntergelassen, nur ein paar Kioske verkaufen noch Kaugummi und Orangen. Aber es lohnt sich. Wir finden eine Shishabar, freuen uns über Apfellimo und die angenehm warmen Temperaturen.

Shishas und Diskussionen

Auf dem Rückweg um kurz nach elf ist die Stadt dann komplett dunkel. Nur die viel zu weit auseinander platzierten Laternen leuchten noch matt, und ich erschrecke richtig, als auf einmal eine Straßenbahn um die Ecke rauscht, hell erleuchtet, aber völlig leer. Geisterbahn.

Zwei Tage später bin ich wieder Zuhause und Firas meldet sich via Facebook. Die dumme Ausgangssperre sei endlich aufgehoben worden. Wohl auch, weil viele Gastronomen sich über die schlechten Geschäfte beschwert hatten. „Wir freuen uns“, schreibt Firas. „Jetzt können wir länger draußen Spaß haben. Wir wissen zwar alle, dass es nicht sicher ist. Aber YOLO.“