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Atlanta, Georgia: „They smoke you.“

Fünf Jahre nach meinem letzten Aufenthalt am Flughafen von Atlanta hängen da noch immer diese Banner: „The State of Georgia and the City of Atlanta Welcome Our Troops Home“. Hartsfield-Jackson ist nicht nur der Flughafen mit dem größten Passagieraufkommen der Welt, er ist auch das Dreh- und Angelkreuz für das amerikanische Militär. Soldaten legen hier einen Zwischenstopp ein, wenn sie an einen neuen Standort versetzt werden, zu ihren Familien nach Hause oder zum Einsatz ins Ausland fliegen. Überall sieht man Männer und Frauen in Uniform. Nur Zivilisten, die ihnen auf die Schulter klopfen, sehe ich dieses Mal keine.

Zum Mittagessen im Food Court setze ich mich einem jungen Mann oder, naja, eigentlich einem Jungen gegenüber, der zwar keine Uniform trägt, aber einen olivgrünen Seesack bei sich hat. Über unsere gebratenen Nudeln kommen wir ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass Alex tatsächlich ein Soldat ist und just an diesem Tag aus der Grundausbildung entlassen wurde.

„Schön, dass du diesen Moment mit mir teilst“

„Ich musste mich gerade total kontrollieren, um an der Kasse im Thai-Laden nicht so zu stehen wie vor meinem Drill Sergeant“, lacht er und macht die Haltung vor: streckt den Rücken durch, verschränkt seine Arme dahinter und guckt ganz ernst. Auf einmal sieht er so gar nicht mehr jungenhaft aus.

Mit 18 sei er eingetreten, es sei schlicht die beste der wenigen Optionen gewesen, die er hatte. „Im Grunde bezahlen sie dich dafür, fit zu werden. Das ist doch kein schlechter Deal.“ Sie zahlen aber auch dafür, dass man sich herumschubsen lässt von unberechenbaren – „unmenschlichen!“ – Ausbildern. „Angeschrien werden tut nicht weh“, sagt Alex. „Das habe ich vor ein paar Wochen dann endlich kapiert.“

Was sind das für Typen, die ihn da anschreien? „Man kann sich nicht bewerben, um Drill Sergeant zu werden, dazu wird man einfach ernannt. Sie ernennen die Leute zu Drill Sergeants, die eigentlich gar nicht in die Armee hätten aufgenommen werden dürfen.“

Alex ist schon fertig mit seinen Nudeln, jetzt reißt er eine Packung Jelly Beans auf – die ersten Süßigkeiten seit acht Monaten. „Schön, dass du diesen Moment mit mir teilst“, grinst er und schüttet die bunten Zuckerkugeln auf dem Tisch aus. In die Kaserne hätte manchmal jemand etwas reingeschmuggelt, aber das sei ihm zu teuer gewesen. „Ich habe gesehen, wie einer 20 Dollar für eine Packung salzige M&Ms bezahlt hat.“

Nachdem er sich die ersten in den Mund gesteckt und dabei genüsslich die Augen geschlossen hat, schiebt er drei braune Root Beer- und eine weiße 7up-Bean so zusammen wie eine militärische Formation. Der schlimmste Befehl sei „halb links“ – das bedeute Workout. „They smoke you.“ Richtigen Sport hätten sie nicht machen dürfen, die ganze Zeit nur Rennen, Liegestütze, solche Sachen. Musik war auch nicht erlaubt. Kein Fernsehen. Kein Internet. Moment mal.

„Hast du von der Krim gehört?“, frage ich ihn.

„Was zur Hölle ist die Krim?!“, lacht Alex.

Das war im April 2014. Alex hatte nicht die leiseste Ahnung davon, dass in der Ukraine gerade ein Krieg im Gange war (oder in Gang kam). Er wusste nicht, was in Syrien passierte und in welchem Ausmaß sich die NSA-Affäre entwickelt hatte. Acht Monate lang war er komplett vom Weltgeschehen abgeschnitten gewesen. Ich war völlig baff. Warum macht man das mit jemandem, der dazu ausgebildet wird, in den Krieg zu ziehen? Sollte er nicht dringend wissen, warum er an welche Orte geschickt wird? Was sagt das über das System, von dem Alex ausgebildet wird? Was traut man ihm zu? Vertraut man ihm überhaupt?

Alex zuckt mit den Schultern. Das nächste halbe Jahr muss er ohnehin pausieren, er hat eine Fraktur im Knie. „Wenn die Verletzung nicht wäre, wäre ich jetzt auf Hawaii, zum Navy-Training“, seufzt er. Nun muss er sechs Monate irgendwie rumbringen und hoffen, dass sie ihn danach zurücknehmen. Aber diese Sorge schiebt er gerade noch auf. Jetzt geht es erst mal darum, die nächsten zehn Stunden rumzubringen. So lange dauert es, bis sein Anschlussflug geht.

Apropos Auslandseinsatz: Für den Klub Konkret habe ich mich letzten Sommer mit deutschen Soldaten auf Afghanistan vorbereitet. Den Film dazu gibt es hier.