Gideon Nissanov hat gerade einen Diamanten gekauft. „Schau mal!“, ruft er und pickt ihn mit seiner Pinzette auf. Der kleine, farblose Stein glitzert unter Nissanovs Lupe. Wie viel hat er gekostet? „Nicht zu viel“, grinst er und lässt seinen Kauf wieder im „Briefken“ verschwinden. Die kleinen Umschläge, auf denen Anzahl, Karat und Farbe der Steine vermerkt sind, werden bis heute als Verpackung benutzt.

In diesen Tagen sind davon an der Tel Aviver Diamantenbörse besonders viele in Umlauf. Es ist die Internationale Diamantenwoche. Händler aus aller Welt tummeln sich auf dem Börsenparkett: von Delegationen aus Indien und der Türkei bis hin zu den ultra-orthodoxen heimischen Händlern mit schwarzen Hüten und langen Bärten.

Die Diamantindustrie ist eine der wichtigsten des Landes. Sie macht 20 Prozent der israelischen Industrieexporte aus. Ein Großteil davon geht in die USA. Einmal im Monat fliegt Gideon Nissanov dorthin, seine Briefken im Gepäck.

Diamantenbörse Tel Aviv

Gerade diskutiert er allerdings noch mit einem anderen Händler. „Die beiden verhandeln seit zwei Tagen über einen Stein“, verrät Ehud Avidan, der mit am Tisch sitzt. „Inzwischen sind sie nur noch 25 Dollar auseinander, aber das wird trotzdem noch dauern.“

Ein abgeschlossener Handel wird mit Handschlag und den Worten „mazal u bracha“, Glück und Segen, besiegelt. Das war auch schon in den 50er Jahren so, als das Land gerade gegründet und die Branche im Entstehen begriffen war. Yacob Nofarber war einer ihrer Pioniere. Gemeinsam mit seinen drei Brüdern gründete der heute 76-jährige ein Manufaktur- und Exportunternehmen. Heute sind sie auf „fancy cuts“ spezialisiert, Diamanten, die nicht rund, sondern in anderen, ungewöhnlicheren Formen geschliffen sind. Und an Rente ist nicht zu denken.

„Diamanthandel macht süchtig. Wer einmal angefangen hat, kann nicht mehr aufhören“, sagt Nofarbers Sohn Erez. „Es ist die Illusion des Preises, die Hoffnung auf Marge, die diese Aufregung ausmacht.“ Erez selbst ist seit vier Jahren Mitglied der Börse.

Das zu werden, ist nicht leicht: Man muss einen Lügendetektortest und einen Diamantintensivkurs machen, in dem man von Edelsteinkunde über Marketing und Vertrieb bis hin zu Ethik- und Sicherheitsthemen alles über die Industrie lernt. Außerdem braucht man mindestens zwei Referenzen von bestehenden Mitgliedern. „Für die erste Generation war es noch einfach, diese Vorgaben zu erfüllen. Inzwischen ist die Branche stark gewachsen und die Börsenleitung wählerischer“, sagt Nofarber. Durch seinen Vater habe er einen Vorteil gehabt.

Diamantenbörse Tel Aviv

Viele der Händler auf dem Parkett im Tel Aviver Stadtteil Ramat Gan gehören Familienunternehmen an. Doch das werde sich bald ändern, sagt Yaakov Almor von der Börse. „Zahlreiche kleine Firmen schließen sich inzwischen internationalen Unternehmen an oder beschäftigen Außenstehende, die Marketing- oder Businessabschlüsse haben.“ Die Branche habe sich globalisiert, insbesondere seit dem Zweiten Golfkrieg Anfang der 90er Jahre. Damals eröffneten viele israelische Diamantunternehmen Büros im Ausland.

Auch die Kosten sind gestiegen. Während es in den 70er Jahren in Israel noch etwa 25.000 Cutter gab, sind es heute noch gerade mal 1000. Die meisten Firmen haben die Bearbeitung der Steine in Werke in China, Laos oder Thailand ausgelagert, wo die Löhne günstiger sind.

Nicht zuletzt hat sich auch technologisch einiges getan. Zwar ist die Diamantindustrie noch immer eine Low-Tech-Industrie – die Schleifprozesse sind seit 400 Jahren die gleichen. Aber israelische Firmen haben Techniken entwickelt, um Rohdiamanten zu scannen und zu analysieren. Eine Software rechnet aus, wie viele Einzelsteine mit welchem Wert und Gewicht sich aus einem Rohdiamanten schneiden lassen. Ganz neu in diesem Jahr ist ein Programm, das einen hochauflösenden, dreidimensionalen Scan eines Diamanten anfertigt und seine „Performance“ je nach Lichteinfall simulieren kann.

Das Ende von Lupe und Pinzette? „Vielleicht“, sagt Tamar Brosh vom Sarina-Konzern. „In ein paar Jahren sitzen wir dann mit dem Ipad in den Börsen in Antwerpen, New York oder Tel Aviv und handeln bloß noch virtuell.“

Diesen Artikel habe ich im vergangenen Februar für die dpa in Tel Aviv geschrieben.