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Evas EM-Tagebuch (5): Geht wählen

Evas EM-Tagebuch (1): Auf zum Semmering

Als Deutschland spielt, sitze ich in einem Flugzeug voller Österreicher. Vielleicht nicht der beste Ort, an dem man die Zeit verbringen kann, in der Deutschland ein Turnier spielt, aus dem es die Ösis kurz zuvor herausgekickt hat. Tatsächlich bin ich auf diesem Flug nach Wien aber nicht in der Diaspora, sondern es besteht ein relativ ausgewogenes Verhältnis zwischen deutschen und österreichischen Passagieren. Von Letzteren sitzen allerdings zwei neben mir. Als der Pilot kurz nach dem Start das erste Tor verkündet, stöhnen sie und ich freue mich. “Oh noan”, sagen sie, “koammst aus Doatschland?”, und bleiben trotzdem nett, als ich bejahe. Sogar noch beim zweiten Tor. Aber erst als das Gegentor gefallen ist, erzählen sie mir, dass sie gerade zwei Tage in Köln verbracht haben – bei der Aufzeichnung einer Gameshow. Einer von ihnen hatte sogar Glück und hat über 500 Euro gewonnen.

Ich fliege nach Wien, um dort in die Ferien reinzufeiern – indem ich lerne. Neun Tage verbringe ich in Semmering, einem Luftkurort, nicht weit weg von der Hauptstadt. Zusammen mit 116 anderen Jugendlichen stocke ich die Einwohnerzahl des Dorfes auf 758 auf. Im Rahmen einer Schülerakademie finden hier acht verschiedene Kurse mit Bezug auf einzelne Schulfächer statt. Ich bin im Englischkurs und werde in den kommenden Tagen Fragen beantworten wie: Wie funktioniert das politische System der USA eigentlich genau (also, so ganz genau)? Wer sind die Präsidentschaftsbewerber genau? Mit welchen Kampagnen hetzen sie das Volk einander auf den Hals? Was bedeuten Obamas Hautfarbe, Clintons Geschlecht und McCains mangelndes Wirtschaftswissen für die Entwicklung des amerikanischen Volkes und der Welt? Und: Warum nur tragen so viele von den Jungs, die gute Noten schreiben, ihr T-Shirt in die Hose gesteckt?

Der Krieg des Charlie Wilson

Der Krieg des Charlie Wilson

„Warum tut der Kongress nichts?“
- „Zum Großteil aus Tradition.“

Amerika lernt in den letzten Jahren allmählich über sich selbst zu lachen. Ein neues Beispiel dafür ist “Der Krieg des Charlie Wilson”. Dieser Film dröhnt zwar nicht so vor satirischen Inhalten wie zum Beispiel “Thank You for Smoking”, er ist eine leise Satire – die wohl kaum einer gehört hätte, würden es nicht gleich bei jedermann klingeln, wenn er die Namen der drei Hauptdarsteller hört.

Da wäre zum Beispiel Tom Hanks, der jetzt dicker ist und politischer. Er spielt Charlie Wilson, einen texanischen Abgeordneten, in den 80er Jahren – das ist mal eine ganz andere Rolle, mit den alten Gesichtsausdrücken, aber dafür einer neuen deutschen Synchronstimme. Seine Politikerstimme?

Dann wäre da noch der im letzten Jahr mit einem Oscar ausgezeichnete (und für diesen Film schon wieder nominierte) Philip Seymour Hoffman. Nur ein Schauspieler, der es aushält, hässlich zu sein, ist ein richtiger Schauspieler – Hoffman ist der König dieser Disziplin. Seine Rolle ist die des rüden CIA-Agenten Gust Avrakotos.

Fehlt noch die Frau: Julia Roberts spielt, mit grässlicher Frisur, Joanne Herring, die “sechstreichste Frau in Texas”. Als diese hat sie zwei großartige Hunde und kämpft mit viel Charme für das Wohl Afghanistans. Weiß sie um ihren merkwürdigen Haarschnitt? Dann darf sie die 102 Minuten neben Hoffman auf dem Thron sitzen.

Die wahre Begebenheit, auf der dieser Film beruht, ist de facto die größte Geheimoperation der amerikanischen Geschichte: Gemeinsam versammeln die drei Hauptdarsteller jede Menge wichtiger Leute und kratzen einen Haufen Geld zusammen, um die Afghanen für den Kampf gegen Russland auszurüsten. Im Verdeckten eröffnet Wilson so einen großen Krieg – den die Afghanen gewinnen. Gleichzeitig entsteht damit jedoch eine Basis für die erbittertsten Feinde, die die USA heute haben.

Ja ja, das ist wieder eine von diesen Geschichten, die wirklich nur in Amerika passieren können. Aber die sind es dann auch wert verfilmt zu werden. “Der Krieg des Charlie Wilson” macht endlich einmal bewusst, dass es außer dem amerikanischen Präsidenten und seinen Außen- und Verteidigungsministern, außer Arnold Schwarzenegger und dem Bürgermeister von New York, noch andere Politiker in den USA gibt.

Dabei erspart Regisseur Mike Nichols (“Die Reifeprüfung”) dem Zuschauer komplizierte politische Verwicklungen, die man irgendwann nicht mehr versteht, wirkt aber mitunter oberflächlich. Muss das eine automatisch das andere bedeuten?

Wenig oberflächlich sind hingegen die Charakterisierungen. Wilson selbst erscheint vordergründig als whiskysüchtiger Lebemann. Schnell erfährt der Zuschauer jedoch, dass der Abgeordnete auch ein Leben abseits von Poolpartys hat und der Grund für sein Engagement tatsächlich tiefe Betroffenheit ist.

Ersteres bietet aber die Möglichkeit für herrlich lustige Szenen, wie die in Wilsons Büro: Er bekommt Besuch von Avrakotos, der ihm sogar eine Flasche Whisky mitbringt. Wegen dringender “Pussy Pressen”, wie er Konferenzen mit seinen durchweg jung-hübschen Assistentinnen nennt, muss er den Agenten ständig aus dem Büro schicken und wieder hereinholen. Erst nach drei Mal rein-raus eröffnet ihm Avrakotos, dass er ihn die ganze Zeit abgehört hat – ausgerechnet mit einer Whiskyflasche. An dieser Stelle lacht wahrscheinlich ganz Amerika.

New York Hodgepodge

Diese Stadt schläft nicht. Sie lebt, Tag und Nacht, 24 Hours 7 Days a Week immer 100% ohne Pause. Und ich? Habe mein Deo vergessen.

Das Schild an der Wooster Street Ecke Spring Street, sagt unser Guide, kann man einfach nicht ernst nehmen in New York. Auch nicht, wenn unter dem „Don’t Honk“ eine Geldstrafe von $350 angedroht wird.

Die Telefonnummer von Polizei und Feuerwehr ist 911. Leute!

Tanzende Menschen sind doch immer wieder unbeschreiblich. Aber einer von ihnen sieht aus, als rufe er sich die einzelnen Schritte beim Kugelstoßen aus seinem 16. Lebensjahr ins Gedächtnis.

Die besten drei Lieder über die Stadt (ich kenne nicht alle):
1. Tomte – New York
2. Harry Nilsson – I Guess the Lord Must Be in New York City
3. Frank Sinatra – New York, New York

Ohrstöpsel sieht man im Übrigen nur wenige. Den New Yorkern hängen Freisprechanlagen am Ohr.

Die Amerikaner New Yorker halten sich beim Gähnen / die Hand nicht vor den Mund. Sie kennen keine Apfelschorle / und mögen tatsächlich Jessica Simpson.

Auf dem Rockefeller Center stehend liegt die ganze Stadt vor dir, so klein auf einmal und doch von so riesigem Ausmaß, das keine Grenzen festzustellen sind. Du siehst nur den Horizont und musst dir klar machen, was da kommt: auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Amerika.

Roman hat aus meinen New York-Fotos die herausgesucht, die er hätte sehen wollen, wäre er ihr (und neugierig auf die Stadt):

Die Lunge der Stadt

Dies ist nicht das Reservoir

“Und wir standen am Reservoir
Das gleißende Licht verwandelte alles in einen perfekten Tag”
Tomte – New York, New York

Die Lunge New Yorks ist grün und weltberühmt. Aber nicht nur wegen ihrer Größe und ungewöhnlichen Lage, sondern auch wegen der vielen Jogger. Als wir uns an einem Vormittag mit Fahrrädern aufmachen, den Central Park zu erkunden, begegnen uns unzählige. Joggende Frauen mit iPod am Oberarm, joggende Männer mit nacktem Oberkörper, joggende Mütter mit Kinderwagen, joggende Senioren, joggende Herrchen mit Hunden in allen Größen. Auf jeden Jogger kommen außerdem ungefähr 1,2 von den zutraulichen amerikanischen Eichhörnchen, diese grauen, die man bei uns nur auf Cornflakes-Packungen sieht. Mehr schreibe ich nicht zum Central Park. Er gehört den New Yorkern.