Heute habe ich meine letzte Lateinklausur geschrieben. Für immer.
Das klingt nach einem tollen Tag, leider lief es aber nicht so gut. Mir ist die Lust an der Sprache komplett verloren gegangen. Ich habe im siebten Jahr Latein, nach dem fünften hatte ich das Latinum – die letzten zwei muss ich trotzdem machen, wegen der komischen Abibürokratie. Und so geht es auch all meinen Kursgenossen.
Uns macht das keinen großen Spaß. Wir lernen nichts mehr. Nach fünf Jahren ist man mit der Grammatik einfach durch, sogar mit dem blöden fünften Fall. Das heißt, wenn man das alles überhaupt jemals gelernt hat. Denn wer die wichtigen Deklinationstabellen nicht gleich am Anfang paukt, tut es nie. Der hangelt sich so durch.
Nach sieben Jahren sind unsere Arme davon ausgeleiert und schwer. Wir kriegen sie nichtmal mehr in die Luft, um uns zum Übersetzen zu melden. Es ist schrecklich, eine tote Sprache zu lernen. Meistens fragen wir uns, wofür wir das überhaupt machen.
Das fällt einem dann ausgerechnet im Urlaub ein: Egal ob in Spanien, Italien oder Frankreich, plötzlich kann man Straßenschilder übersetzen, Werbeslogans erahnen, Speisekarten ableiten. Praktisch, ja – aber ein Grund, sich alldem so lange auszusetzen?
Vor die Wahl zwischen Französisch und Latein gestellt, wählten an meiner Schule im letzten Jahr immer noch zwei Drittel der Fünftklässler die tote Variante. Ich glaube, dass ihre Eltern dem Irrglauben unterliegen, dass man es ohne Latinum an der Uni zu nichts bringen kann. Viele von ihnen wissen ja noch nicht einmal, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen großem und kleinem Latinum.
Sie schicken ihre Kinder in einen Unterricht, der ihnen nach ein paar Wochen mit dem römischen Liebesgeplänkel von Markus und Cornelia (dessen erste Sätze sie noch nach Jahren auswendig sprechen werden und über das sie die Tabellen völlig vergessen..) auf einmal die Kriegsstrategien von Cäsar vorsetzt. Das macht keinen Spaß.
Irgendwann merkt man dann nicht einmal mehr, wenn einem zwischendurch richtig guter Stoff geboten wird. Senecas Briefe über die Stoa wären wahrscheinlich an mir vorbeigegangen wie die letzten Kommunalwahlen – bei denen ich nicht wählen durfte -, wenn ich nicht ein Referat darüber hätte halten müssen.
Ich habe erkannt, dass Mark Aurel das war, was wir uns 2000 Jahre später von Barack Obama erhoffen: Ein Philantrop, der weder auf Ruhm noch auf Prunk oder Macht aus war, sondern einzig und allein auf das Wohl seines Staates. Der andere Länder nie erobern wollte, weil alles zusammen, vor dem großen Ganzen betrachtet, doch sowieso so klein und unbedeutend ist.
Man kann viel lernen im Lateinunterricht. Über Politik, Philosophie, das Leben. Doch leider steht das in Deutschlands Lehrplänen nicht im Vordergrund. Solange sich daran nichts ändert, appelliere ich deshalb an alle Fünfer: WÄHLT FRANZÖSISCH!


Zuender: Hannah, du bist über einen Monat lang mit zwei Menschen, die du nie zuvor getroffen hast, durch die USA gereist. Wie fühlt sich das an?

Kommentiert
anna*: tolle reihe, echt spannend!
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse