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Instant-Frankreich ist besser als gar kein Frankreich

Mir ist das erst in Frankreich klar geworden: Früher dachte ich, Bilder auf Postkarten könnten gar nicht wahr sein. Ich ging immer automatisch von Fälschungen aus, geschönten Wirklichkeiten, die die Daheimgebliebenen besonders neidisch oder zumindest sehnsüchtig machen sollten. (Deswegen verschicke ich gern Postkarten mit Trachtenmotiven. Da kann sich der Empfänger einfach über die Post freuen, ohne den neidischen Beigeschmack.)

Folklore-Gruß nach Hause

Bei unserem Roadtrip habe ich gemerkt, dass ich völlig falsch lag! Denn es gibt sie tatsächlich, die idyllischen, üppig beblumten Dörfer, die Lavendelfelder, die Weinberge mit den beeindruckenden Châteaus. Im Grunde war unsere Route eine einzige große Postkarte. Natürlich haben wir die aller postkartigsten Dinge nicht fotografiert. Denn das stimmt eben auch: Postkartenmotive sind in echt noch viel schöner. Wenn man einem begegnet, muss man es pur genießen und nicht durch die Linse einer Kamera. Deswegen habe ich auf den Lavendelfeldern, im riesigen Garten des Château Margüi und an dem wunderbaren Abend auf dem Marktplatz von Brignoles einfach nur ganz tief eingeatmet und versucht, die ganze Idylle in mich aufzusaugen.

Davon zehre ich jetzt immer noch, und wenn mir das schwerfällt, brauche ich nur den Soundtrack zu „Ein gutes Jahr‟ einzulegen und sehe uns schon wieder zwischen den Hügeln des Languedoc-Roussilon picknicken. Für den Härtefall habe ich noch etwas ganz besonderes, versteckt im hinteren Küchenschrank: eine Backmischung für original französische Mouelleux au Chocolat. Instant-Frankreich ist besser als gar kein Frankreich.

Ein Traum von einem Schloss: der Palais Idéal

Palais Idéal

Gar nicht weit weg von Mon Pistoulet liegt der kleine Ort Hauterives. Die Geschichte, die diesen Ort berühmt machen sollte, beginnt im Jahr 1879. Damals arbeitete Ferdinand Cheval als einfacher Landbriefträger in Hauterives. Seine tägliche Route war 32 Kilometer lang. „Was kann man anderes tun beim ewigen Gehen in der gleichen Umgebung, als zu träumen?‟ Cheval träumte – von fernen Ländern, exotischen Tieren, fremden Kulturen. Lange blieb diese Welt nur in seinem Kopf, und in den teuren Reisemagazinen, die er alle erst selbst las, bevor er sie ihren eigentlichen Besitzern zustellte.

Eines Tages stolperte Cheval über einen Stein. Der war so schön, dass er ihn mit nach Hause nahm. Fortan sammelte er all die schönen Dinge, die ihm auf seinem Weg vor die Füße fielen: Steine, Muscheln, kleine Fossilien… Die Fundstücke verbaute er in seinem Garten. Was als ein Brunnen begann, endete 33 Jahre später als Schloss. Der „Palais Idéal‟ ist zehn Meter hoch und 26 Meter lang und vereint die ganze Welt in sich. Es gibt eine ägyptische Grabstätte, einen Hindutempel, eine mittelalterliche Burg. Mehrere Höhlen beherbergen echte und fabelhafte Tiere. Von außen imponieren vor allem die drei Riesen, die sich über die gesamte Höhe dieses fantastischen Gebäudes erstrecken.

In unzähligen Arbeitsstunden hat sich der Bauernsohn Cheval die Welt in seinen Garten geholt. Besucher dürfen sie jetzt nach Herzenslust erkunden. Man kann im Schloss herumklettern, alles anfassen – oder es einfach nur von außen bestaunen. Tausende Touristen kommen jedes Jahr, aber wir hatten Glück, denn eine Stunde vor Schließung des Gartens an einem Sonntagabend war gar nichts mehr los. Wir hatten das ganze Schloss für uns allein. Wann kann man so etwas schon von sich behaupten?

Mon Pistoulet

Wie sieht das Paradies aus? Vielleicht so: ein alter Bauernhof mitten im Nichts, weinumrankt, mit einem Garten voller Blumen und versteckter Sitznischen, von denen aus man in die französisch-ländliche Ferne blicken kann. Morgens wird man von einem Hahn geweckt und bekommt frisch gebackenes Brot zum Frühstück, mit Marmelade und Joghurt – alles selbst gemacht, versteht sich. Man trinkt Wasser, dass man sich mit einer Karaffe selbst im Innenhof abfüllt, denn da fließt frischestes Quellwasser. Den Abend verbringt man in der Badewanne, die im Garten unter den schützenden Ästen einer Weide steht, und genießt den klaren Sternenhimmel.

Zehn Jahre ist es her, dass die Deutschen Melanie und Matthias nach Frankreich auswanderten, um sich diesen Traum zu erfüllen. In der Nähe des Dörfchens Montmiral fanden sie einen furchtbar heruntergekommenen Bauernhof. Zwei Jahre dauerte es allein, die drei Gästezimmer – eines davon im ehemaligen Stall – herzurichten. Jetzt sind sie den Sommer über fast ausgebucht, was uns angesichts ihrer Herzlichkeit und dieses wirklich wunderbaren Hofs überhaupt nicht verwundert. Zwischen 50 und 65 Euro kostet die Nacht zu zweit, für einen Aufpreis von 18 Euro kann man sich abends von Melanie bekochen lassen (4 Gänge! Französischer Wein!) und dabei die anderen Gäste kennenlernen.

Wir waren nur zwei Tage zu Gast in Mon Pistoulet, viel zu kurz, vor allem, weil auch die Umgebung so schön ist! Montmiral liegt im Department Drôme, das noch nicht richtig zu Südfrankreich gehört. Es gibt Sonnenblumen- statt Lavendelfeldern, Hügel statt Flachland und vor allem: bisher kaum Touristen. Ein absoluter Geheimtipp also – den ich hiermit mit euch teile.

Über mein sehr amerikanisches Verhältnis zu meinem Auto

Die lauen Abende, die wir hier am See im Moment genießen, erinnern mich an den Sommerurlaub. Wir sind durch Frankreich gereist, mein erster richtiger Roadtrip – mit meinem ersten eigenen Auto. Noch vor eineinhalb Jahren hätte ich niemandem geglaubt, der mir prophezeit hätte, dass ich das Autofahren einmal so schätzen würde. Den Führerschein habe ich Monate lang schleifen lassen. Solange, bis klar war, dass ich am Bodensee studieren würde und nicht in einer mit einem umfassenden öffentlichen Nahverkehr ausgestatteten Großstadt. (Das war nämlich eigentlich der Plan.)

Jetzt bin ich sehr glücklich mit meinem kleinen royalblauen Gebrauchtwagen. Es ist ein Opel, weil Papa gesagt hat, nur Opel und VW hätten genug Knautschzone für mich. Und weil Polos irgendwie Jungsautos sind und Corsas irgendwie Mädchenautos, entschied ich mich für letzteren. Ich bin nicht so sehr Mädchen, dass ich meinem Auto einen Namen verpasse. Ein bisschen Persönlichkeit hat es trotzdem, seit ich in einer dunklen, eisglatten Januarnacht an einer Hausecke hängenblieb. Es war eine sehr fiese Hausecke! Und sehr dunkel!

„Streifkollision‟ nannte das der Schweizer Polizist, der uns auf der Rückfahrt von Frankreich aus dem Verkehr zog, und ließ mich erst weiterfahren, nachdem ich ihm versichert hatte, dass dieses kleine Missgeschick nicht in seinem Land passiert ist und ich also auch nicht die Schweiz kaputt gemacht habe.

Was ich an meinem Auto besonders schätze, ist nicht so sehr die Möglichkeit, im Winter trocken in die Uni zu kommen oder einen Kasten Wasser mühelos nach Hause transportieren zu können. Es ist die Freiheit, einfach loszufahren, wann ich will und wohin ich will. Neulich habe ich gelesen, dass Sarah Kuttner „Sinnloses Herumfahren im Auto‟ zu ihren Hobbys zählt. Das gilt für mich auch. Man kann einfach so wunderbar nachdenken, wenn die Landschaft wie ein endloser Strich an einem vorbeizieht. Gerade im Sommer ist es ein tolles, freies Gefühl, mit offenen Fenstern unter einer strahlenden Sonne herzufahren, irgendwo ins Nirgendwo. Einfach mal links abzubiegen, weil man da noch nie war, oder hinter dem nächsten „Forstverkehr frei‟-Schild zu parken (das sind die besten Orte) und die Picknickdecke aus dem Kofferraum zu holen.

Genau so haben wir es auch in Frankreich gemacht. Haben uns für die Fahrttage kurze Strecken vorgenommen, 300 Kilometer vielleicht, und das GPS Autobahnen meiden lassen. Im Laufe des Tages hielten wir einfach überall dort an, wo es zu schön war, um bloß durchzufahren. Das führte zu herrlichen Entdeckungen abseits der üblichen Reiseführerroute, doch dazu vielleicht bald mehr.

Blasomat

Was ich nicht mag: Kunst, die mir förmlich ins Gesicht schreit, dass sie Kunst ist (oder sein will). Das finde ich anstrengend. Wenn mir die Kunst allerdings ins Gesicht bläst, finde ich das ganz wunderbar.
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