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Tourismus und Tango im dunklen München

Neulich wollten wir uns führen lassen, durch den „Münchner Hofgarten bei Nacht“. Ich habe nie so eine verrückte Führung mitgemacht. Der Führer hieß Herr Gut. Er war über 90 Jahre alt und hatte ganz große Ohren, wie sie so viele alte Männer haben. Seine Augen dagegen waren klein und lieb. Er hatte sich seitenweise Notizen zu allen Kurfürsten und Prinzen gemacht und hielt sie die ganze Zeit über in seiner zitternden Hand. Dumm war nur, dass er sie in der Dunkelheit nicht lesen konnte, und dass er noch dazu so viel vergaß. Mitten im Satz entfiel ihm auf einmal jener Name oder dieses Datum, was ja nicht schlimm ist, aber schon ein bisschen merkwürdig, es war schließlich eine Führung.

Wirklich schlimm waren aber die anderen Führungsteilnehmer. Zum Beispiel die kleine Frau mit den zusammengekniffenen Lippen und dem blauen Haarband, die Herrn Gut dauernd ins Wort fiel mit rhetorischen Fragen à la „war das nicht 1786?“ – nur um dann von ihm verneint und berichtigt zu werden.

Ein Mann mit Trekkingweste und Baseballcap war ganz begeistert von der Bronzefigur vor der Staatskanzlei, die einst von einem Industriellen gespendet worden war, und rief: „Dazu weiß ich auch eine Geschichte!“ Seine Story hatte dann aber überhaupt nichts mit dem Hofgarten, der Bronzefigur oder der Staatskanzlei zu tun. So überboten sich alle gegenseitig in sinnlosen Besserwissereien, es war wirklich anstrengend.

Wir warteten dann noch ab, bis Herr Gut allen das Stück Berliner Mauer gezeigt hatte, das gegenüber der amerikanischen Botschaft steht („Da sind ja gar keine Graffitis drauf!“, rief die Frau mit dem Haarband), und verließen den Pulk etwas früher.

Wir stellten fest: Der Hofgarten ist eigentlich sehr schön. Es gibt ein tolles Café, das innen drin ganz österreichisch-Kaffeehausartig anmutet und draußen ein paar Tische mit roten Kerzen aufgestellt hatte. Der romantischste Fleck war in dieser Nacht aber der Dianatempel in der Mitte des Gartens. Hier treffen sich an jedem lauen Freitagabend Tänzer, die zu leiser Ghettoblastermusik Tango tanzen. Mehr darf man dazu gar nicht sagen. Man muss einfach hingehen, und vielleicht sogar mittanzen.

Was ich nach 5 Wochen über München gelernt habe

  1. Bayerisch Münchnerisch reden heißt auch: langsam reden.
  2. Berliner heißen jetzt Krapfen.
  3. Das Oktoberfest ist nicht nur für Touristen.
  4. Es gibt hier viel gute Kunst und viel gutes Essen.
  5. Tief in sich drin sind alle Münchner Italiener (brand eins 10/09).
  6. Es sieht zwar ruhig aus, aber eigentlich ist immer was los (man muss nur wissen, wo).
  7. Die Eisbachsurfer gibt es wirklich.
  8. Eisbachsurfer

  9. München ist nicht Bayern. (Oder umgekehrt?!)
  10. Hier steht das am längsten durchgängig bespielte Kino der Welt. Angeblich.
  11. Schokocroissants sind hier TEUER.
  12. Alles andere auch!
  13. Nur Zeitungen gibt es an jeder Ecke umsonst – vorausgesetzt, man hat keine Skrupel.
  14. München ist sicher. Ein Umstand, auf den man sich erstmal einstellen muss, wenn man gerade aus Costa Rica kommt und sich daran gewöhnt hat, keinen Schmuck anzulegen und seine Tasche immer mit dem Verschluss nach innen zu tragen.
  15. Apropos Tasche: Louis Vuitton.

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Zwischen den Pinakotheken

Romanasalat

… gibts leckeren Salat. In der Brasserie Tresznjewski, wo auch alle anderen Portionen so aussahen, als könne man sie locker zu zweit verdrücken.

Kunst, die ich nicht mochte: In der Pinakothek der Moderne. Es gibt so viel dort, aber das Einzige, was mich auf Anhieb ansprach, war die temporäre Ausstellung des Fotografen Gerrit Engel, der sich mit Berliner und New Yorker Architektur beschäftigt hat. Sogar Beuys war – zumindest teilweise – viel zu sehr aus dem Kontext gerissen, fand ich. Dafür gibt es aber einen wirklich tollen Museumsshop! Und auf die bin ich ja bei neuen Museen, das muss ich gestehen, spätestens seit dem BOZAR in Belgien genauso gespannt wie auf die Ausstellungen selbst.

Kunst, die ich mochte: Im Museum Brandhorst! Das war toll. Das Haus wurde erst vor ein paar Monaten eröffnet und zeigt eine Auswahl der bislang privaten Sammlung von Udo und Annette Brandhorst – darunter so große Namen wie Andy Warhol, Damien Hirst und Sigmar Polke. Ich fand vor allem die Arbeiten von Cy Twombly toll, den ich vorher noch gar nicht kannte. Beeindruckend ist auch das Gebäude selbst, das innen durch Schlichtheit, außen durch herrliche Farben besticht.

Zwitschern für den guten Zweck

Beim Twestival in München trafen sich Twitterfans, um Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Der trat aber ziemlich schnell in den Hintergrund.

„Du gehörst zu denen vom Twitter, oder?“, fragt Kathi. Sie kellnert im Münchner Lokal „Niederlassung“ und muss, weil ich zu denen vom Twitter gehöre, heute 50 Cent von meiner Apfelschorle abziehen. Die gehen an die Waris Dirie Foundation, eine Stiftung, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung engagiert.

Draußen, auf dem Gehsteig, sitzen an diesem lauen Abend zwischen zwanzig und dreißig Twitternutzer und reden wild durcheinander. Sitzgelegenheiten gibt es hier kaum noch, iPhones dafür umso mehr. Sie feiern das „Twestival“, ein Festival von und für Twitterer, das vom 10. bis 13. September an über 100 Orten auf der ganzen Welt stattfindet. Die Ziele sind immer die gleichen: sich endlich mal „in echt“ kennenlernen, netzwerken und Geld für gute Zwecke sammeln.

In München hat Heiko Ditges (@heikoditges) das Treffen organisiert. Der 31jährige hatte eigentlich gehofft, Waris Dirie für diesen Abend gewinnen zu können, weil die am Mittwoch eh in Berlin war, um ihren Film „Wüstenblume“ vorzustellen. „Das hat aber leider nicht geklappt.“ Stattdessen hat er ein paar signierte Bücher bekommen, die er im Laufe des Abends verlosen will.

Ansonsten hat das alles mehr etwas von einem großen Stammtisch. Die „Twestival“-Teilnehmer, die im Vorfeld Spendentickets für fünf, zehn, 15 oder 20 Euro gekauft haben, sind Technikfreaks, Kreative, Netzbegeisterte in jedem Alter, die vor allem eins gemeinsam haben: Sie kommen alle aus der Werbung oder einer Onlineagentur oder irgendeiner Branche, die so jung ist, das sie noch gar keinen Namen hat.

Sabine Sikorski (@siktwin), 33, ist die „Twitter-Beauftragte“ in der PR-Agentur, für die sie arbeitet. Sie ist mit ihrer Freundin Anya Rutsche (@angel_ita), 29, da, die Marketing Managerin bei einem Internetunternehmen ist. Die beiden haben sich im „Social Media Club“ kennengelernt und treffen sich eigentlich nur selten. „Die letzten vier Wochen haben wir uns lediglich über Twitter gesprochen“, sagen sie.

Aber gerade das gefalle ihnen so gut an dem Online-Dienst. „Man kann leicht in Kontakt bleiben und erfährt von Dingen, die man sonst aufwendig recherchieren müsste“, sagt Sabine, deren Twitterfeed 185 Follower hat. Anya bringt es sogar auf über 1130 Follower. „Wenn ich eine Frage habe, bekomme ich über Twitter am schnellsten eine Antwort“, sagt sie.

Zum „Twestival“ sind sie gekommen, weil man hier all die Leute trifft, die man sonst nur aus Followerlisten und Favcharts kennt. „Hier ist endlich mal wer, der weiß, was das ist!“, freut sich Sabine.

Tatsächlich erkennt man die Twitterer zwar nicht am Äußeren, wohl aber an den Gesprächen, weiß Kellnerin Kathi: „Die Technik ist halt der gemeinsame Nenner.“ Hier wird viel darüber geredet, welches Handy am besten zum Twittern geeignet ist, wie sich der Onlinedienst für Vermarktungszwecke einsetzen lässt und welche Apps man unbedingt kaufen sollte. Es geht aber auch um die bevorstehenden Wahlen. Darum, wie man die skeptischen Bekannten von der Piratenpartei überzeugen kann und dass man nicht nach seinem Wahl-O-Mat-Ergebnis wählen soll.

Die Diskussionen dauern noch ziemlich lange an diesem Abend. Am Ende kommen 300 Euro für die Stiftung zusammen, um die es aber eigentlich gar nicht mehr ging. Das ist mehr der nette Nebeneffekt des Twitterstammtisches, den man in der Niederlassung (@niederlassung) bald wieder veranstalten will.

Nur Kathi, die Kellnerin, ist immer noch nicht überzeugt. „Ich komme ja auch aus der Onlinebranche und interessiere mich für die ganzen social communities und so“, sagt sie. „Aber für Twitter sitze ich einfach zu wenig vorm Computer.“

jetzt.de, 11. September 2009