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Nader und Simin – eine Trennung

Nader und Simin - eine Trennung
„Allah und den Propheten haben Sie wohl für sich gepachtet, oder was?!“

Ich war lange nicht mehr im Programmkino. Irgendwie hatte ich eine Angst vor den schweren Stoffen entwickelt. Mir stand nicht der Sinn danach, aus den Gedanken gerissen und emotional bewegt zu werden. Stattdessen sah ich mir lustige Dokus, belanglose Romanzen und mittelmäßige Woody-Allen-Filme an, die man genauso schnell verdaut wie eine mittlere Portion Popcorn.

Aber dann kam „Nader und Simin – eine Trennung“ nach Friedrichshafen, drei Monate nach dem offiziellen Kinostart und ein Dreivierteljahr, nachdem er in Berlin den Goldenen Bären gewonnen hatte. Da wurde es allmählich Zeit.

Im Zentrum des Films stehen Nader (Peyman Moaadi) und seine Familie, in der gerade alles schiefgeht: Naders Vater hat Alzheimer und muss rund um die Uhr gepflegt werden. Naders Frau Simin (Leila Hatami) sieht keine Zukunft für sich und ihre Tochter im Iran und will auswandern. Doch das kann Nader nicht zulassen, was soll denn dann mit seinem Vater passieren? Deshalb will Simin die Scheidung. Und dann ist da auch noch die Pflegerin, Razieh (Sareh Bayat), der er kündigt, nachdem sie den Vater ans Bett gefesselt und einfach die Wohnung verlassen hat. Es kommt alles zusammen, und die angestaute Verzweiflung bricht sich ausgerechnet dann Bahn, als Razieh sich vor Nader verteidigt. Wütend stößt er sie von sich, die Treppe hinunter – er kann ja nicht ahnen, dass sie schwanger ist und kurz darauf eine Fehlgeburt haben wird. Oder kann er doch?

Das Familiendrama wird zum Krimi, und weil dieser Film nicht so schwarz-weiß ist wie all die anderen, bleibt bis zum Schluss unklar, wer hier gut ist und wer böse. Der Zuschauer bekommt nicht alles mit, wohl aber, dass sämtliche Protagonisten so ihre Fehler haben und vor allem ihren Stolz, und deshalb ist es kaum möglich, sich auf eine Seite zu schlagen. Nicht nur das ist für den von Cinestar/-drom/–plex verzogenen Zuschauer ungewohnt, auch mit der verhältnismäßig bedächtigen Erzählweise, den langen Dialogen und der wenigen Musik muss man sich erst einmal wieder vertraut machen.

Wenn das passiert ist, fragt man sich schnell, ob die gleiche Geschichte nicht auch bei uns spielen könnte. Die Themen sind nämlich altbekannt: Wer pflegt die Alten? Wo haben die Jungen eine sichere Zukunft? Und kann es sein, dass manche Liebespaare einfach nicht für die Ewigkeit gemacht sind?

Doch dieser Film spielt im Iran, und das macht es kompliziert. Zum Beispiel erkennt man nicht, dass eine Frau schwanger ist, wenn sie einen Schleier trägt. Ein Richter kann einem einfach so die Scheidung verweigern, wenn man keinen triftigen Grund hat. Und einen alten, kranken Mann zu waschen, kann man sich als Frau erst erlauben, nachdem man sich vorher bei der Koran-Hotline versichert hat, dass das keine Sünde ist.

Es sind spannende, ehrliche Einblicke in eine – zumindest für mich – völlig fremde Kultur. Und doch konnte ich mich mit den Protagonisten identifizieren. Ich war mit ihnen angespannt, traurig, verzweifelt. Der Film hat mich aus den Gedanken gerissen, er hat mich bewegt. Endlich mal wieder.

Midnight in Paris

Midnight in Paris

“That Paris exists and anyone could choose to live anywhere else in the world will always be a mystery to me.”

Beim Trailer von „Midnight in Paris“ dachte ich mir, och, wie schön, das ist wie „Vicky Cristina Barcelona“, nur eben in Frankreich: Hübsche Menschen tragen ihre Beziehungsprobleme durch eine der schönsten Städte Europas – so schön, dass man gleich ein Ticket buchen will. Was ich nicht wusste: „Midnight in Paris“ ist „Vicky Cristina Barcelona“ mit einem guten Schuss „Scoop“. Aber von vorn.

Es geht um das amerikanische Paar Gil (Owen Wilson) und Inez (Rachel McAdams), die im Paris-Urlaub ihre Bekannten Paul und Carol treffen. Genervt von Pauls besserwisserischen Kommentaren während ihrer gemeinsamen Ausflüge seilt Gil sich bald ab und streift allein durch die Stadt. Als es Mitternacht schlägt, passiert ihm etwas MAGISCHES: Ein vorbei fahrender Oldtimer bringt ihn ins Paris der 20er Jahre. Hier trifft Gil auf Größen wie Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Pablo Picasso.

Abend für Abend verbringt er nun mit ihnen und lernt Paris von einer ganz anderen Seite kennen. Am Ende würde er am liebsten gar nicht mehr zurückkehren – ein Wunsch, der bei seinen neuen Freunden auf Unverständnis trifft. So würde die bezaubernde Adriana (hach, Marion Cotillard) viel lieber in der Belle Époque leben als in ihrem 20er-Jahre-Jetzt.

Das ist ein Gedanke, den bestimmt jeder schon einmal durchgespielt hat: Wenn ich durch die Zeit reisen könnte, was wäre mein Ziel? Woody Allens Botschaft ist eindeutig. Wir neigen dazu, vergangene Zeiten zu glorifizieren und unsere Gegenwart kleinzureden. Das ist aber ja auch kein Wunder, angesichts dieses künstlerischen Melting Pots, der da porträtiert wird. So viele Berühmtheiten, und alle lebten gleichzeitig und unter demselben Dach (nämlich dem von Getrude Stein, toll gespielt von Kathy Bates)! Bei mir warf das wieder mal die Frage auf, ob es bestimmte „Genie-Phasen“ in der Historie gibt – oder ob wir die gegenwärtigen Genies einfach noch nicht erkennen.

Woody Allen würde vielleicht sogar dazugehören. Allerdings nicht wegen dieses Films. „Midnight in Paris“ ist nett anzusehen, aber in vielerlei Hinsicht zu einfach gestrickt. Die Geschichte wird in Blöcken erzählt, die zu hart voneinander abgetrennt sind. Die Szenen strotzen vor berühmten Schauspielern, die zu oberflächliche Rollen spielen. Die Kulissen sind die üblichen Pariser Touri-Spots. Selbst die Kostüme (der Jetzt-Zeit) sind nach drei Szenen durchschaubar. Und natürlich wird, aber das ist ja bei Allen nun eher Markenzeichen als Makel, zu viel gelabert. Eine Kostprobe davon gibt es in diesem herrlichen Zusammenschnitt von Arte: „Die blödsinnige Ausrede von Woody Allen“.

So schlimm, dass man sich eine Ausrede einfallen lassen müsste, um nicht ins Kino zu gehen, ist „Midnight in Paris“ freilich nicht. Andererseits ist das Wetter gerade doch viel zu schön…

Beginners

Beginners
“Was hältst du von Vandalismus?” – “Ich weiß nicht… ganz okay!”

„Beginners“ beginnt mit dem Tod von Olivers Vater. Und damit, dass man sich erst mal wieder daran gewöhnen muss, Ewan McGregor nicht in irgendwelchen Parfümwerbungen und Modezeitschriften, sondern tatsächlich auf der Leinwand zu sehen. Er spielt einen Mann Ende 30, dem außer einem in Untertiteln sprechenden Hund niemand geblieben ist. Sein verstorbener Vater (richtig gut: Christopher Plummer) hatte ihm im Alter von 75 Jahren eröffnet, dass er schwul sei – und sie beide damit in ein ganz neues Leben in der homosexuellen Subkultur gestürzt.

Nicht, dass Oliver auch schwul wäre. Er ist nur nicht so gut in Beziehungsdingen – und bedauert das spätestens, als er sich in die französische Schauspielerin Anna (Mélanie Laurent, übrigens schon wieder als Jüdin) verliebt. Die beiden bilden eins dieser Gespanne, die typisch geworden sind für das Indie-Kino der letzten Jahre: Verschrobener Schluffi bekommt tolles, im echten Leben unerreichbares Mädchen.

Das kennt man schon aus „500 Days of Summer“, „Elizabethtown“ oder auch Tom Tykwers „Paris, je t’aime“-Episode „True“. Sowieso ist „Beginners“ ein Mix aus all diesen Filmen: Wie in „500 Days of Summer“ ist der Hauptdarsteller ein depressiver Illustrator, der poetische Dates mit seiner Traumfrau hat (Ikea, Karaokebar und Plattenladen gegen nächtliche Graffitiaktionen, Rollschuhhalle und Antiquariat). Den toten Vater, das leere Hotel und nicht zuletzt die Synchronstimme von Philipp Moog gab es bereits in „Elizabethtown“. Und natürlich dürfen auch die seit „Amelie“ so beliebten Collagenartigen Zwischenschnitte und ein eher sachlicher Off-Kommentar nicht fehlen.

Dadurch wird man als Zuschauer das Gefühl nicht los, das alles schon irgendwo gesehen zu haben. Allerdings ist die Poesie in „Beginners“ nicht ganz so vollkommen und sonnig wie bei den anderen. Sie wird vom Tod des Vaters überschattet, der ganz am Anfang des Films steht und ihm einen dauerhaften, depressiven Beigeschmack verleiht. Deshalb ist diese Erzählstruktur, glaube ich, ein Fehler. Ich weiß allerdings auch nicht, wie man es hätte besser machen können – schließlich werden hier drei verschiedene Zeitebenen zugleich beschrieben.

Sich davon abschrecken zu lassen, wäre aber auch wieder falsch. Wer die oben genannten Indie-Romanzen mochte, wird auch „Beginners“ toll finden, und angesichts des vor Fortsetzungen und platten Hollywoodfilmen strotzenden Kinosommers ist dieser Film nun wirklich die beste Wahl für den nächsten völlig unsommerlich verregneten Abend.

POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold

POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold
“Where should I be able to go where I don’t see one bit of advertising?” – “To sleep.”

Morgan Spurlock hat einen neuen Film gemacht. Der Mann, dessen McDonald’s-Diät 2003 zu Leberschäden, Depressionen, elf Kilo mehr auf den Rippen und nicht zuletzt einer ziemlich tollen Dokumentation („Super Size Me“) führte, widmet sich dieses Mal dem Thema Product Placement. Der Clou: die gesamte Produktion hat er durch eben dieses finanziert.

Product Placement ist aus amerikanischen Kinofilmen kaum mehr wegzudenken. Das zeigt schon ein kurzer Blick in „Iron Man“, „Sex and the City 2“ oder zuletzt „Somewhere“. Aber eine komplett von Werbekunden bezahlte Doku? Spurlock machts möglich. Er gewinnt eine Fluglinie, eine Tiefkühlpizzamarke und eine Tankstellenkette für sich, übernachtet immer im gleichen Hotel und fährt immer das gleiche Auto. Schließlich verkauft er selbst den Titel seines Films an einen Safthersteller.

Seine irren Pitches und die teils abstrusen Verhandlungsgespräche sind der rote Faden des Films, angereichert mit einer unglaublichen Menge von Interviews – die dunkelrote Saftflasche immer im Bild. Apropos: In Sachen Kameraführung hätte man sich sicher noch steigern können, andererseits heben sich so die mitten im Film platzierten Werbespots (!) besser ab. Gerade zu Beginn des Films hätte ich auch gern ein paar Beispiele oder Infografiken mehr gesehen, allein schon, damit klar wird, wie RIESIG dieses Geschäft ist.

Selbst Amerikas Schulen machen inzwischen mit. Doch statt das zu verurteilen, beleuchtet Spurlock den Zwiespalt, in dem die High Schools stecken – zwischen Budgetkürzungen und ungewolltem Einfluss der Wirtschaft. Dabei mangelt es aber zu keiner Zeit an der für Spurlock so typischen Ironie. Natürlich sind es vor allem seine Person und seine sehr sportliche 1,5-Millionen-Dollar-Zielmarke, die diesen Film von der normalen Dokumentation zum höchst amüsanten „Docbuster“ machen.

Zum Ende hin wird es richtig wild, denn der Regisseur, der bisher immer für andere werben wollte, muss plötzlich für sich selbst werben, um die Vertragsbedingungen zu erfüllen. Jetzt wird klar, warum Product Placement längst „Co-Promotion“ genannt wird: Die Fluglinie, die Spurlocks Produktion sponsert, bewirbt das Ergebnis in ihrem On-Board-Programm, auf den Tiefkühlpizzen finden sich Werbeaufkleber und die Tankstellen verkaufen Sammelbecher mit dem Gesicht des Regisseurs. Man weiß gar nicht mehr, wer hier wen bezahlt.

Am Schluss steht daher kein so klarer Appell wie in „Super Size Me“, sondern das Porträt einer völlig abgedrehten Industrie. Als Zuschauer wird man Insider und Opfer zugleich – diesen dunkelroten Granatapfelsaft hätte ich jedenfalls nur zu gerne mal probiert…

The Romantics

The Romantics

“He has to love you more, Lila, more than you love him. That’s the only way marriage works.”

Bei meiner letzten Hochzeit war ich sechs Jahre alt und Blumenmädchen. Jetzt bin ich zum ersten Mal zur Hochzeit einer Freundin eingeladen. Ich wusste ja, dass die Heiraterei irgendwann auch in meiner Generation losgehen würde, aber so bald schon?? Zur Vorbereitung habe ich ein paar Hochzeitsfilme geguckt – darunter auch „The Romantics“.

Der Film handelt von einer Dreiecksbeziehung: Laura und Tom waren vier Jahre lang ein Paar, doch jetzt heiratet er Lila, Lauras beste Freundin. Zur Hochzeit in einem typisch amerikanischen Strandhaus versammelt sich ihre ganze Clique und lässt alte College-Zeiten wieder aufleben. Kein Wunder, dass sich dabei auch Laura und Tom wieder näher kommen…

Das Schauspielerensemble verspricht einen tollen Überblick über die amerikanische Nachwuchsriege: Neben Katie Holmes und Anna Paquin (die ich zuletzt in „Amy und die Wildgänse“ gesehen hatte) spielen Malin Akerman, Adam Brody und Elijah Wood. Nur sind das leider schon zu viele, und so müssen sich die meisten mit undankbaren Nebenrollen begnügen. Die männliche Hauptrolle hingegen hat ausgerechnet Josh Duhamel bekommen, den man bisher bloß aus lächerlichen Katherine Heigl-Komödien und blockbusterigen Actionfilmen („Transformers“) kennt. Er wirkt viel zu schön, viel zu glatt, als dass man ihm den Shakespeare-affinen Romantiker abnähme, der hin- und hergerissen ist zwischen zwei Frauen.

Das ist fatal. Denn wie soll ein Film funktionieren, dessen zentrales Objekt der Begierde gar keines ist? Katie Holmes und Anna Paquin schleichen also völlig unnötig 85 Minuten lang umeinander herum, ehe es kurz vor Schluss zum großen Eklat kommt. Doch selbst der wirkt auf der Leinwand nicht so richtig dramatisch. Als Zuschauer kommt man spätestens bei dieser Szene auf die Idee, doch mal wieder ein richtig gutes Buch zu lesen.

Dazu muss man wissen, dass es sich bei „The Romantics“ ursprünglich um einen Roman handelt, der nun von der Autorin selbst – Galt Niederhoffer – verfilmt wurde. Das merkt man den Dialogen an. Sie sind ziemlich gut, aber man will sie lesen, nicht hören. So stellt Lilas kleine Schwester ihr in einem Moment der Unsicherheit drei wunderbare Fragen: „Does he make you feel beautiful? Does he make you feel safe? Does he make you feel special, like you’re his most interesting person?“ (Als ich einen lieben Menschen fragte, was das männliche Pendant zu diesen Kontrollfragen sei, gab er die einzig richtige Antwort: „Does she feel beautiful? Does she feel safe? Does she feel special, like my most interesting person?“)

Neben solchen Sternstundensätzen spricht auch die übrige Handlung dafür, lieber das Buch zu lesen: Es passiert zu wenig, und wenn etwas passiert, ist das visuell nicht stark genug für eine Verfilmung. Abgesehen vom Ende natürlich, aber das ist wiederum so dramatisch, dass es auch besser zu einem Roman passt als zu einer leichten Kinoromanze.

Und doch kriegt der Film hin, was ich mir für die nächsten Hochzeiten wünsche: Diese gemütliche Wuseligkeit vor einer bildschönen Kulisse, mit guter Musik im Hintergrund und unter lauter schönen, fröhlichen Freunden. Solange man nicht selbst heiratet, das lehrt einen „The Romantics“, machen Hochzeiten eigentlich großen Spaß.