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Eva studiert das Leben: Alle mal mitschwimmen!

Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Doktor Kernstock, aber hiermit melde ich mich von Ihrem Marketingkurs ab. Kein Bedarf. Den braucht echt niemand. Meine Kommilitonen und ich wissen längst, wie gute Werbung funktioniert. Wenn wir etwas draufhaben, dann das!

Für jede Kleinigkeit starten wir eine Kampagne: Anna frittiert Fischwürfel und verteilt sie als Kibbeling in der Mensa, auf dass das holländische Nationalgericht die Leute in Scharen zum Holländischkurs treibe. Roman bastelt die ganze Nacht lang an einer Website, um die beste Mitbewohnerin der Welt zu finden. Wir drehen Trailer, um damit auf YouTube für unsere WG-Partys zu werben. Wir programmieren Facebook-Apps, um wirkungsvoller an die Gruppenarbeit erinnern zu können. Wir sind die Meister des Trommelns. Ihre Theorien, Herr Doktor Kenrstock, sind allenfalls hübsche, aber vollkommen nutzlose Hüllen für etwas, das wir längst verinnerlicht haben – im Alltag beweisen wir das ständig. Was soll ich da bitte noch in Ihrer Vorlesung?!

Sie glauben mir nicht? Als kleine Overachieverin, die ich nun mal bin, platziere ich meine neueste Kampagne nun hier, an prominenter Stelle: Anschwimmen im Bodensee, nächsten Freitag! Kommt! Alle! Ja, auch Sie, Herr Doktor Kernstock. Überzeugen Sie sich selbst. Ich freue mich schon auf Ihre Badehose.

ZEIT Campus, Mai / Juni 2011

Kurz vor Film gibt’s noch einen Film

Jedes Jahr werden allein in Deutschland 2000 Kurzfilme produziert. Zu sehen kriegen wir die so gut wie nie, denn sie laufen fast nur auf Festivals oder im Arte-Spätprogramm. Die Kampagne Kurz vor Film der AG Kurzfilm, der KurzFilmAgentur Hamburg und interfilm Berlin will das ändern und den Vorfilm zurück ins Kino bringen. Projektkoordinatorin Heide Schürmeier erklärt, wieso.

Frau Schürmeier, Ihre Kampagne setzt sich dafür ein, dass im Kino wieder Vorfilme gezeigt werden. Warum sind die überhaupt verschwunden?
Nach dem Krieg gab es Steuervergünstigungen für Kinobetreiber, wenn sie Kurzfilme mit Prädikat als Vorfilme zeigten. Die waren allerdings nicht immer so prickelnd. Neben Sketchen wie den alten La Linea-Filmen war auch die eine oder andere Tierdoku dabei… Als die Steuer dann gekippt wurde, gab es keinen Anreiz mehr für die Kinos, Vorfilme zu zeigen. Außerdem wurden immer mehr Trailer und Werbung gezeigt. Die Hauptfilme wurden länger und die Zeitschienen der Kinos enger. Heute laufen in einem Saal mitunter vier Filme pro Abend.

Aber gerade die großen Kinoketten werden doch nicht auf Werbeeinnahmen verzichten, um stattdessen Vorfilme aufzuführen.
Stimmt. Deshalb richten wir uns auch eher an Arthouse- und kleine, kommunale Kinos. Dort wird oft wenig Werbung gebucht und es ergeben sich Lücken, um einen Vorfilm einzusetzen und sich so einen Wettbewerbsvorteil beim Publikum zu verschaffen. Vorfilme sind für diese Kinos nahezu kostenlos. Sie kriegen nämlich bis zu 1500 Euro Förderung von der Filmförderungsanstalt, wenn sie welche zeigen. Der Eigenanteil beträgt gerade einmal 20 Prozent. Von dem Geld kann man sich schon ein Kurzfilmabo leisten. Der Kinobetreiber bekommt dann jede Woche einen neuen Kurzfilm, den er so oft zeigen kann, wie er will.

Was unterscheidet Kurz- von Langfilmen?
Im Kurzfilm konnten Filmemacher schon immer unglaublich viel ausprobieren – seien es technische Möglichkeiten, neue Bildsprachen oder Experimente im Animationsbereich, wie wir sie zum Beispiel aus den Pixar-Vorfilmen kennen. Das sind lauter Dinge, die man im Langfilmbereich niemals umsetzen könnte, da sie zu zeit- und kostenintensiv wären. Weil die Produktionen schneller und günstiger ablaufen, sind Kurzfilme oft sehr aktuell. Themen wie die Zukunft der Arbeit oder die Wirtschaftskrise können innerhalb weniger Monate aufgegriffen werden. Es braucht keine vier bis fünf Jahre wie im Langfilmbereich.

Eignet sich jeder Kurzfilm auch als Vorfilm?
Im Idealfall harmonisiert der Vorfilm mit dem Langfilm, weil er Thema und Ästhetik aufgreift und dem Zuschauer so ein Gesamtpaket bietet. Der Vorfilm sollte zehn, höchstens 15 Minuten dauern und einen gewissen Unterhaltungswert haben – schwermütige Stoffe eignen sich nicht so gut, wenn man danach noch eineinhalb Stunden in eine weitere Geschichte eintauchen will. Trotzdem kommt es nicht selten vor, dass am Ende des Abends mehr über den Vorfilm geredet wird als über den Hauptfilm.

Was kann ich als Kinobesucher tun, damit ich bald wieder mehr Vorfilme sehe?
Als Kinobesucher kann man die Kampagne bei Facebook oder mit einer Unterschrift auf unserer Website unterstützen. Die gesammelten Unterschriften sollen unserer Forderung mehr Schlagkraft verleihen, wenn wir im Februar auf der Berlinale nochmal die Werbetrommel für Vorfilme rühren. Und dann kann man natürlich einfach mal im Kino seiner Wahl nachfragen: Warum zeigt ihr keine Vorfilme? Manchmal wissen die Kinobetreiber nämlich noch gar nichts von den Fördermöglichkeiten.

jetzt.de, 23. Januar 2010

Karen Heumann fragt: Wann ist jemand alt?

Für mich hat Alter vor allem mit Beweglichkeit zu tun. Dass mein Opa alt ist, ist mir erst aufgefallen, als er vor einem Jahr einen Schlaganfall hatte. Seitdem kann er nicht mehr ohne fremde Hilfe aus seinem Sessel aufstehen. Viel wichtiger als die physische ist aber die mentale Beweglichkeit. Wirklich alt sind Menschen, die nicht mehr offen sind für Neues, die geistig erstarrt sind. Das Problem ist, dass wir heute dazu neigen, diese Alten aus unserem Alltag zu verbannen. Weil sie nicht so modern denken wie wir, hören wir ihnen einfach nicht mehr zu – wir haben den Respekt verloren. Das führt zu einer gesellschaftlichen Kluft, die langfristig ziemlich gefährlich werden kann. Wir sollten wieder mehr miteinander reden! Die letzte Frage, die mein Opa mir gestellt hat, war übrigens: „Was ist denn nun dieses Street View?“

Die Zeit, 22. Dezember 2010

Der Hund in der Vorlesung

ZEIT Studienführer 2010/11

Sturmfrei für immer

Vor einem halben Jahr zog Eva Schulz, 19, in eine eigene Wohnung, 500 Kilometer entfernt von ihrer Familie. Beim ersten Heimatbesuch wird klar: Im Elternhaus hat sich von Fernsehprogramm bis Wäsche-Service so ziemlich alles verändert. Eva fragt sich: Ist das noch ihr Zuhause?

Es sind meine ersten Semesterferien, und ich weiß nicht, wo mein Zuhause ist. Ich habe jetzt zwei Wohnsitze: die Adresse, unter der auch meine Eltern wohnen und an die die Bank noch immer meine Post schickt. Und die neue, in der neuen Stadt, deren Postleitzahl ich nicht auswendig kann.

Mein Begriff von Zuhause ist auf einmal verschwommen und doppeldeutig. Er steht gleichzeitig für zusammen und allein wohnen, für eine große und eine kleine, eine ordentliche und eine weniger ordentliche Wohnung. Dass ich damit nicht allein bin, merke ich an meinen Kommilitonen. Wenn einer von ihnen erwähnt, dass er gleich nach Hause fährt, lautet die erste Frage immer: “Nach Hause zu deinen Eltern oder in deine Wohnung?”

Bei meinen Eltern war ich das letzte Mal kurz nach dem Umzug in die neue Stadt. Da hatte meine Mutter im Vorfeld schon leise angedeutet, dass ich dreckige Wäsche in Zukunft bitte selbst waschen könne, schließlich hätte ich ja nun eine eigene Maschine. Plötzlich fühlte ich mich in meinem Elternhaus eher wie ein Gast, nicht mehr wie ein Bewohner.

Natürlich war das auch schön: Mein Vater holte mich bei meiner Ankunft vom Bahnhof ab, obwohl ich auch den Bus hätte nehmen können, meine Mutter kochte mein Lieblingsessen. Wir redeten wieder viel mehr miteinander als früher. Meine kleine Schwester überließ mir sogar freiwillig die Fernbedienung und verzichtete auf “Hannah Montana”. Aber dennoch: So richtig kam ich in diesen Haushalt nicht mehr rein.

Der kratzige Ringelpulli erinnert an den Chemietest

Das fing schon damit an, dass ich mein Zimmer nicht wiedererkannte. Alles, was diesen Raum früher zu meinem gemacht hatte, war verschwunden – das Bett, die Bücher, die Bilder an den Wänden. Schließlich war der ganze Kram mit mir umgezogen. Stattdessen stand da nun ein neuer Schreibtisch mit den Aktenordnern meiner Mutter und daneben das schmale Gästebett. Das sollte mein Zuhause sein?
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