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Nach Hause
Heute ist es schon wieder so kalt. Es gibt keine Thermometer, deswegen weiß ich nicht, ob es 22 Grad sind oder 15, die auf einmal kalt für mich bedeuten. Aber seit Tagen ziehe ich schon morgens lange Hosen und meine Regenjacke an, wenn ich aus dem Haus gehe. Mit dem “Weihnachtswetter”, das wir noch vor einer Woche hatten, ist es vorbei.
Meine Sandalen trage ich trotzdem noch. Seit meinem ersten Regenzeitregen hatte ich – außer im Wald oder am Strand – nichts anderes mehr an. Inzwischen haben sich die Lederriemen so gedehnt, dass ich wie ein Pferd im Tölt laufen müsste, damit die dünnen Sohlen nicht bei jeden Schritt über den Boden schleifen. Schlapp, schlapp, schlapp bahne ich mir den Weg zum Bus.
Auf der Fahrt fällt mir indessen immer stärker auf, wie fremd ich hier bin und aussehe, mit meiner hellen Haut und den roten Haaren. Rote Haare sind hier so selten, dass ich drei Sprachlehrer fragen musste, ehe einer das Wort für “rothaarig” (pelirroja) kannte.
Ich glaube, dieses Land ist allmählich bereit, mich wieder auszuspucken. Und ich bin auch bereit. Die Zeit hier war ganz wunderbar, aber wenn ich in zwei Listen aufschreibe, was ich an Costa Rica vermissen werde und was ich an Deutschland vermisse, dann ist letztere deutlich länger.
Wie in fast jedem anderen Land vermisse ich richtiges deutsches Brot. Im Supermarkt von Tamarindo gab es ein Regal mit Brot aus der einzigen deutschen Bäckerei Costa Ricas, aber selbst das war merkwürdig pappig und geschmacklos (wahrscheinlich lag es da schon etwas länger, weil außer mir niemand in Tamarindo deutsches Brot kauft). Und dieses Brot (ganz zu schweigen von Brötchen..) möchte ich dann ein paar Stunden lang offen herumliegen lassen können, ohne dass es gleich von einer Armada winzig kleiner Insekten befallen wird.
Ich vermisse Umlaute auf der Tastatur und die 110 zusätzlichen Volt, die meinem Fön zuhause so viel Power geben. Ich vermisse die starken deutschen Klospülungen, die auch mit Klopapier klarkommen, sodass man es nicht in einem extra Mülleimer entsorgen muss. Ich vermisse mein Fenster, das aus einer einzigen Scheibe besteht und nicht aus zehn breiten, durch die sich morgens um sechs (!) eine dicke Katze in mein Zimmer quetscht.
Das sind Luxusprobleme, ich weiß. Aber die Costaricaner leben hier auch im Luxus: In San José sieht man ganz am Ende immer die Berge, egal, wo man hinsieht. Binnen zwei Stunden kann man an einem der schönsten Postkartenstrände sein und all die Paradiesvögel beobachten. Das Essen ist hier, abgesehen von Reis und Bohnen zum Frühstück, toll, weil es immer neue, exotische Früchte zu probieren gibt. Und sie haben – angeblich – den besten Kaffee der Welt. Das sind die Dinge, die ich an Costa Rica vermissen werde. (Außer dem Kaffee. Der ist mir egal.)
Aber ich habe das alles in den vergangenen vier Wochen zu Genüge genossen, um jetzt meinen Wecker zufrieden auf 5 Uhr 15 (de la manana!) stellen zu können und mich dann morgen endlich auf den langen Weg nach Hause zu machen. Haltet schonmal die Brötchen bereit!
Ja, das bin wirklich ich, die da in 40 Metern Höhe kopfüber im Regenwald hängt.
Ein Wochenende habe ich bei einer ehemaligen Mitschülerin in Tamarindo verbracht, die dort, am linken unteren Ende Costa Ricas, genau das gleiche tut wie ich, nur mit Klassenräumen im Freien und direktem Zugang zu einem wunderschönen Pazifikstrand. Und der Möglichkeit, an einem “Adventure Trip” teilzunehmen, für den sie uns einfach mal angemeldet hatte.

An diesem Wochenende habe ich so viele erste Male erlebt: Ich war zum ersten Mal klettern. Ich bin zum ersten Mal nur an einem Stahlseil in 40 Metern Höhe hängend durch den Regenwald gesaust. Ich bin zum ersten Mal nur an einem Stahlseil in 40 Metern Höhe hängend kopfüber (!) durch den Regenwald gesaust. Ich bin zum ersten Mal in einem unkontrollierbaren Schlauchboot-Donut über einen wilden Bach gebraust. Ich war zum ersten Mal von oben bis unten mit Vulkanschlamm eingeschmiert und habe das Ganze anschließend in meiner ersten heißen Quelle abgewaschen. Ich war auch zum ersten Mal an einem richtigen Postkartenstrand und habe da zum ersten Mal einen surfenden Hund gesehen. Und das alles hat riesig Spaß gemacht.
Ein paar Freunde Zuhause scherzen immer, ich solle lieber nicht zurückkommen, weil ich nach vier Wochen Costa Rica bestimmt total verändert sei. Aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Ob ich meinen Tamarindo-Mut mit nach Deutschland nehme und dort auf einmal anfange, Achterbahn zu fahren? Oder ob ich zurück in der Heimat immer noch so offen für jegliches neue Essen mit den unbekanntesten Früchten bin? Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht. Doch selbst dann wäre das doch keine wirkliche Veränderung.
Das hat mich schon früher immer verwundert, bei Freunden, die ein Auslandsjahr gemacht hatten. Ich dachte stets, so etwas müsste einen sehr stark prägen, aber vielen merkt man ihre intensiven Auslandserfahrungen gar nicht an. Sie tragen mal einen Pulli aus argentinischer Lamawolle oder haben eine Vorliebe für Ahornsirup, aber ansonsten scheint das Ganze eher eine große zusätzliche Schublade in ihrem Kopf zu sein.
Ich habe jetzt also diese kleine Costa Rica-Schublade, aber inzwischen freue ich mich schon richtig drauf, die Deutschland-Fächer wieder zu öffnen.
Videogruß aus San José
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Kommentiert
anna*: tolle reihe, echt spannend!
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse