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Das ist nicht bunt, aber da ist so viel davon.

Vanity Fair

Einmal, mit vier Jahren, als sie durch Silvias Modezeitschriften blätterte, störte sie sich an den vielen weißen, unbedruckten Stellen auf der Seite. “Ich mag Weiß nicht”, sagte sie. “Das ist nicht bunt.” Dann brach sie in Tränen aus. “Das ist nicht bunt, aber da ist so viel davon.” Schluchzend saß sie eine Stunde lang über die Zeitschrift gebeugt und malte Seite für Seite die weißen Stellen bunt an. Dazu gehörte das Weiß im Auge der Menschen, deren Zähne, die Abstände zwischen den Spalten, die weißen Ränder rund um die Anzeigen. Sie weinte, weil ihr bewusst war, dass es bei so viel Weiß aussichtslos war, dass sie sich, wenn sie auch nur diese kleine Geschmacksverirrung korrigieren wollte, in eine nicht endende, hoffnungslose Aufgabe verstrickte. Irgendwann wäre sie alt, und immer noch gäbe es weiße Laken, weiße Wände und schließlich auch das eigene weiße Haar.

Dieser Ausschnitt steht auf Seite 56 des Buches “Der Jane Austen Club” von Karen Joy Fowler. Es handelt von fünf Frauen und einem Mann, die sich regelmäßig treffen, um über die Romane der berühmten englischen Schriftstellerin zu diskutieren. Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, Fowler gelingt es besonders gut, ihre so unterschiedlichen Figuren ausgiebig zu charakterisieren: Da wären die frisch geschiedene Sylvia und ihre lesbische Tochter Allegra (die sich früher an weißen Flecken störte), die einsame Hundezüchterin Jocelyn, die alternde Quasselstrippe Bernadette und, neben Französischlehrerin Prudie, Grigg, der Hahn im Korb, welcher eigentlich lieber Science Fiction liest.Letztendlich geht es also mehr um die Menschen als um Austen, aber die Verbindungen dazwischen sind fein und sanft geknüpft und auch für jene verständlich, die sich noch nicht mit der Literatur des 18. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben. Trotzdem werde ich das Buch wohl noch einmal lesen, wenn ich mehr als “Stolz und Vorurteil” kenne.

Expedition ins Bierreich: Ein Deutschlandführer

Angestrichen:
“In einem brandneuen Einkaufszentrum aus Glas, Stahl und buntem Kunststoff in Magdeburg musste ich feststellen, dass die Deutschen keine Vorstellung davon haben, wer sie eigentlich sind.”

Wo steht das denn:
Im Vorwort von Eric T. Hansens neuem Buch “Planet Germany”, in dem der gebürtige Hawaiianer die typischsten, klischeehaftesten und verrücktesten Eigenschaften der Deutschen unter die Lupe nimmt. So heißen seine Kapitel zum Beispiel “Die Deutschen können zwar den VW-Käfer erfinden, aber keine lustigen Filme über ihn drehen” oder “Die Deutschen sind Patrioten – und wissen es nicht”.

Um diese Aussagen dingfest zu machen, hat er nicht nur umfassend recherchiert, sondern auch unzählige Beispiele gefunden, anhand derer sich der Deutsche schnell wiedererkennt. Warum zum Beispiel kann ein Amerikaner einen VW kaufen und sich immer noch als Amerikaner fühlen, während ein Deutscher sich für einen Verräter hält, kaum dass er in einen Cheeseburger beißt? Nicht zuletzt die ständigen Vergleiche mit den USA sorgen beim Lesen immer wieder für Überraschungen.

Der Autor feuert eine verblüffende Tatsache nach der anderen ab, schlägt wild mit Zahlen um sich und behandelt ganz nebenbei einen Großteil der deutschen Geschichte – ohne, dass es je langweilig wird. Schuld daran sind der feine Humor und das Gespür für jene Dinge, die die Deutschen tatsächlich ausmachen. Letzteres eignete sich Hansen während der zwanzig Jahre an, die er hier inzwischen lebt. Als Mormonenmissionar schickte man ihn einst nach Deutschland. Trotz seines baldigen Austritts aus dieser Gemeinschaft blieb er. Lernte die Sprache, Winnetou und den Feierabend kennen (und lieben), und noch viele andere Dinge, derer sich die Deutschen bis heute gar nicht bewusst sind. Ein weiterer Grund dieses erfrischende Buch zu lesen! Da darf das ein oder andere Argument ruhig weit hergeholt und – ausgerechnet – das Nörgel-Kapitel irgendwie überflüssig sein.

Dafür können wir in der nächsten Diskussion über Amerikanisierung und den Verlust der deutschen Seele zurückschlagen. Unseren Gegnern geben wir dieses Buch über ein Volk, das man nach dem Lesen endlich und völlig überzeugt sein eigenes nennen wird.

Steht im Bücherregal zwischen:
“My dear Krauts” von Roger Boyes und “Wie wir Amerikaner wurden” von Michael Rutschky – denn das hat Hansen immerhin dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben.

Planet Germany – Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts von Eric T. Hansen, 286 Seiten, 12,95 Euro ist im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen.

jetzt.de, 19. Februar 2007

Kultkatze #8

You rock, rock. 10,7 MB

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I ♥ Roman

PfauenFuchsDJ

Da das Lesen von Büchern zum Ende des letzten Schuljahres hin ziemlich kurz kam, nahm ich mir folgendes vor: Jeder Woche deiner Ferien, Eva, widmest du ein Buch. Hier sind nun die zweiten drei Wochen.

Ferienbücher, 2. Teil

„Ich kann nicht glauben, dass du DAFÜR bezahlt wirst!“
Hans Nieswandt, diesen Namen hatte ich schon mal gehört, aber mein Gott – wer der Mann ist, was er macht, wo er überhaupt herkommt, davon hatte ich keine Ahnung. Dann fiel mir sein erstes Buch „plus minus acht – DJ Tage DJ Nächte“ in die Hände, in dem er laut Klappentext von seinem Leben als DJ erzählt „irgendwo in Clubs zwischen Köln und Johannesburg“. Das stimmt auch. Erstmal geht es aber um seinen Werdegang und ums DJ-Sein im Allgemeinen, und das war für mich holprig bis schwer zu lesen. Nicht wegen seiner Formulierungen, Gott bewahre! Sondern vielmehr, weil ich nichts von seinem Handwerk verstehe und noch dazu auch nur geringe Teile der erwähnten Musik(er) kenne. Denn House, Techno, Hip Hop, das ist alles nicht wirklich mein Metier… Trotzdem wurde das Buch nach dem komplizierten Start zu einer angenehmen Lesereise, weil Nieswandt doch immer ein wenig erklärend erzählt, Anekdoten einflicht und niemals den abgehobenen „Master of Ceremony“ spielt. Dieses Buch kam mir nach dem Zuklappen als perfekt vor für all die Jungs, die davon träumen, einmal in einer Reihe mit DJ Hell, Sven Väth und wiesienichtalleheißen zu stehen, und die daher sowieso schon eine gewisse Begeisterung für das Thema hegen. Mir machte es aber auch Spaß, nicht zuletzt aufgrund der lockeren Erzählweise und der unterschiedlichsten Reisen, die Nieswandt beschreibt.

Allmählich meine ich, dass ich heute Nachmittag vielleicht bloß in Panik geraten bin und irgendwie überreagiert habe.
Stuart David ist einer der Mitbegründer der schottischen Band Belle and Sebastian, und tatsächlich kann man sagen, dass was für seine Musik gilt, auch auf sein Schreiben zutrifft: Es ist verschroben, eigenwillig, fantasievoll – und verdammt gut. Sein Debüt „Wie Nalda sagt“ erzählt von einem jungen Mann, der ein Geheimnis in sich birgt. Etwas großes, wertvolles, von dem niemand wissen darf, niemand! Mit diesem verborgenen Schatz führt er ein rastloses, einsames Leben. Immer auf der Flucht darf er niemandem vertrauen, sich nicht blenden lassen. Wenn ihm da nicht Marie dazwischenkäme, eine äußerst bezaubernde Krankenschwester… Die Handlung hier ausführlicher oder weniger rätselhaft zu beschreiben, wäre dumm. Diese Geschichte, aus der Sicht ihres Protagonisten erzählt, ist die grandiose Charakterisierung eines naiven und zu gleich misstrauisch-verängstigten Mannes, der schließlich an einer Schwelle steht und es doch nicht schafft, sie zu übertreten. Aufgebaut wie ein guter Psychothriller, ist sie doch vielmehr Tragikomödie, die durch Einfühlungsvermögen und Worte des Autors sowie das tolle Ende besticht. „Betörend und verstörend“, wie das britische The Face schrieb, trifft es sehr.

Man nennt mich Peacock – den Pfau.
Weil mir Stuart Davids Erstling so gut gefiel, las ich auch gleich dessen Nachfolger „Peacocks Manifest“. Wieder geht es um einen Typen, der im Grunde das genaue Gegenteil des Protagonisten aus „Wie Nalda sagt“ ist – abgesehen von den Sympathiewerten, die der Leser für ihn hegt. Diese sind auch hier recht niedrig, würde ich sagen. Und wir erfahren zumindest den Spitznamen der Hauptfigur: Peacock trägt etwas in sich, etwas, das er niemandem verrät… Und wieder erfährt man erst nach und nach, dass es sich um die Idee für einen Dancetrack handelt. Aus dem fernen Schottland ist Peacock mit ihr nach Amerika gereist, um sie mithilfe von Evil Bob, dem Freund vom Freund eines Freundes, zu verwirklichen. Doch das wird schwieriger als gedacht, die beiden müssen mehr reisen, brauchen mehr Geld und vor allem mehr Geduld als geplant. Als dann noch Peacocks Freundin Beverly anreist, entwickelt sich die Geschichte zu einer wahren Roadnovel, wie es auch auf dem Titel steht. Dieses Buch kann ich mir sehr gut als Film vorstellen, auch, wenn der aufregende Teil wohl erst am Ende kommt. Letzteres ist, nebenbei bemerkt, ab einem gewissen Punkt auch vorhersehbar. Trotzdem: Wem „Wie Nalda sagt“ gefällt, der mag sicher auch „Peacocks Manifest“.

MonsterMörderPunk

Da das Lesen von Büchern zum Ende des letzten Schuljahres hin ziemlich kurz kam, nahm ich mir folgendes vor: Jeder Woche deiner Ferien, Eva, widmest du ein Buch. Und voila! Hier sind die ersten drei Wochen.

Ferienbücher, 1. Teil

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.
Für Patrick Süßkinds „Parfüm“ wurde es jetzt einfach mal Zeit, wo momentan jeder davon schwärmt und noch dazu bald die – allem Anschein nach hochkarätige – Verfilmung in die Kinos kommt. Auf diese bin ich nun auch sehr gespannt, da viele Szenen und Umstände als nur sehr kompliziert verfilmbar anmuten. Die Geschichte spielt im stinkenden Frankreich des 18. Jahrhunderts. Es geht um Grenouille, einen armen und hässlichen Jungen mit der besten Nase der Welt, der später zu einem grausamen Mörder wird. Den Inhalt umfassender zu beschreiben, würde den Platz sprengen, den ich mir hier vorgeschrieben habe. Stattdessen muss ich erwähnen, dass die Idee dieses Buches unglaublich ist und brillant, und dass sie von einem Mann umgesetzt wurde, der sein Handwerk wirklich versteht. Für dieses Buch wurde sehr gut recherchiert, sehr gut fantasiert und sehr, sehr gut formuliert. Statt einer Zuneigung für den Protagonisten werden Gefühle heraufbeschworen, die von Unverständnis und Staunen über Verzweiflung bis hin zu Angst reichen. Am Schluss bleibt diese merkwürdig-makabere Mischung aus Schadenfreude, Zufriedenheit und Grauen. Und eine Gänsehaut.

Das Monster war zurückgekehrt.
„Rückkehr nach River’s End“ von Nora Roberts lag etwa zwei Jahrelang irgendwo unten in dem Bücherstapel neben meinem Bett und ich konnte mich einfach nicht aufraffen es zu lesen. Es war ein Geburtstagsgeschenk meiner Tante, das mich aber so gar nicht ansprach. Als ich es jetzt herauskramte, wurde es zu einem Erlebnis, von dem ich mir wünschte, dass mich die Figuren und diese Welt noch viel länger als 470 Seiten begleiten würden. Es geht um Livyy, Tochter eines Schauspielerpaares, die im Alter von vier Jahren den Mord an ihrer Mutter beobachtet. Ihr Vater landet als der Mörder im Gefängnis, und nach mehreren Zeitsprüngen wird das, was als Psycho-Thriller angefangen hat, zu einer fast idyllischen Liebesgeschichte. Der Sohn des damals zuständigen Cops, Noah, verliebt sich in die inzwischen 24jährige Livyy. Sie ist wie unter einer Glasglocke bei ihren Großeltern aufgewachsen, die ein Gästehaus in einem Naturschutzgebiet betreiben. Als Noah ein Buch über den grausamen Mord schreiben will, begegnet sie ihm wieder – und nicht viel später auch ihrem grausamen Vater. Abwechselnd spannend und gemütlich, mit ausgeprägten Charakteren, wurde mir dieses Buch höchstens mal ein bisschen zu porno, im letzten Drittel. Ansonsten aber ziemlich gut und das vor allem ziemlich unerwartet, weil Nora Roberts mit inzwischen über 100 Romanen nun mal doch eine von diesen amerikanischen Fließbandautorinnen ist. Aber vielleicht ist meine Begeisterung auch einfach damit zu begründen, dass ich lange keine intensive Geschichte mehr gelesen hatte.

Es ist der beste Job in ganz England und ich werde ihn nicht kriegen.
„Ballroom Blitz“, benannt nach dem gleichnamigen Song von The Sweet, unterscheidet sich, grob gesehen, in lediglich drei Punkten von Nick Hornbys „High Fidelity“: Wir befinden uns noch zwanzig weitere Jahre vorher, gegen Ende der Siebziger, die Hauptperson ist weiblich, und sie arbeitet statt in einem Plattenladen in der Redaktion eines Musikmagazins. Auch sie hat einen Ex-Freund, der einfach nichts von Musik versteht und mit dem zu Beginn des Buches Schluss ist. Daraufhin zieht Linda nach London um dort als Musikjournalistin mit schrulligen Kollegen und in schrulligen Klamotten Kreuzworträtsel zu basteln und sich in einen beziehungsscheuen (und natürlich völlig durchgeknallten) Fotografen zu vergucken. Das alles und noch viel mehr auf gut 380 Seiten, diese natürlich durchzogen von Song- und Bandlisten, wie man es von Hornby kennt. Nur hat Autorin Jessica Adams bisher nicht den Fehler gemacht, ihre vielleicht beachtenswerte Bibliographie mit einem Buch namens „31 Songs“ anreichern zu wollen, das ausschließlich von Liedern handelt, die ihr Leben verändert haben. Verfilmen lassen könnte sie „Ballroom Blitz“ aber trotzdem gern. Damit ich mir endlich eine Vorstellung von diesen Frisuren machen kann.