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Depressive Genies – glückliche Leser

In der aktuellen Spiegel-Ausgabe (39/2011) gibt es ein interessantes Interview mit dem Regisseur Lars von Trier. Auf die Frage nach seinen Depressionen erklärt er: „Ich habe eine ziemlich klare Theorie dazu. Das Gehirn setzt 90 Prozent seiner Kraft ein, um Sinneseindrücke abzuschwächen oder zu unterdrücken. Eigentlich kann der Mensch weitaus mehr sehen und hören – aber wir müssen diese Eindrücke durch Filter begrenzen. Wenn einer dieser Filter kaputt ist, wird man vielleicht verrückt oder bekommt Depressionen. Man kann den kaputten Filter aber auch nutzen, um ein bisschen mehr zu sehen als andere. Dann werden Sie interessant als Künstler.“

Joey Goebel - VincentDas hat mich an ein wirklich gutes Buch erinnert, das ich kürzlich gelesen habe. „Vincent“ von Joey Goebel handelt von einem literarisch hochbegabten Jungen. Er wird Teil des Experiments einer riesigen Medienfirma, die in einer geheimen Akademie die großen Künstler von Morgen ausbilden und mit ihrer Hilfe den 08/15-Mainstream-Quatsch von Plattentellern und Kinoleinwänden vertreiben will. Die Leiter des Experiments sind allerdings überzeugt, dass man leiden muss, um wirklich bedeutende Kunst zu schaffen. Und so stellen sie Vincent einen „Beschützer“ namens Harlan zur Seite, der dafür sorgt, dass dem Jungen ein Unglück nach dem nächsten passiert.

Es ist ein wunderbar abstruser, aber dann doch irgendwie logischer Plot, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Besonders gut finde ich, dass das Buch aus der Sicht von Harlan erzählt wird, der ständig hin und her gerissen ist: Einerseits mag er Vincent und will ihm nicht schaden, gleichzeitig ist genau das aber sein Job und es stellt sich schnell heraus, dass etwas dran ist an der Theorie vom leidenden Genie.

Kaum hatte ich mich von dieser Geschichte erholt (nach guten Büchern brauche ich immer erst ein, zwei Tage Pause, um aus den Welten wieder herauszukommen), fiel mir Benedict Wells’ neuestes Werk „Fast genial“ in die Hände. Das ist deshalb so verrückt, weil dieser Roman sich ebenfalls mit der Idee beschäftigt, ob man Genies irgendwie kreieren und „züchten“ kann.

Benedict Wells - Fast genialUnd es gibt noch mehr Parallelen: Wieder ist die Hauptfigur, Francis, ein Außenseiter aus der Unterschicht, der seinen Vater nicht kennt und von seiner verlotterten Mutter vernachlässigt wird. Die beiden leben in einem Trailerpark irgendwo in New Jersey, und Francis ist längst klar, dass er dort niemals rauskommen wird – bis er erfährt, dass er das Ergebnis eines verrückten Genexperiments ist, bei dem Frauen mit dem Sperma von Nobelpreisträgern künstlich befruchtet wurden, um eine neue Generation von Genies hervorzubringen. Also macht er sich auf die Suche nach seinem Vater und hach, schon wieder ist diese Geschichte so abenteuerlich und gut, dass man das Buch gar nicht aus der Hand legen will.

Zwei junge Genies hätten wir also schon gefunden, den Amerikaner Goebel und den Deutschen Wells, die irgendwie auch noch beide beim Diogenes Verlag gelandet sind. Ob sie beim Schreiben ihrer Werke depressiv waren? Ob Sie Hochbegabtengene in sich tragen? Man weiß es nicht. Aber ich will bitte ganz schnell mehr von ihnen.

Völlig verzettelt: Umberto Eco macht mich fertig

Dieses Listen-Thema lässt mich nicht los, und vielleicht liegt das schlicht daran, dass es ein UNENDLICHES Thema ist. Zumindest, wenn es nach Umberto Eco geht. In seinem Band „Die unendliche Liste“ hat er jede Menge Listen gesammelt: visuelle Listen in Form von Gemälden, praktische Listen wie Einkaufszettel oder Inventare und poetische Listen, vornehmlich aus der Literatur. Doch das Buch ist mehr als eine reine Listenliste. Es beschreibt auch, woher der Drang, alles aufzulisten, überhaupt kommt.

Es geht darum, in einer unendlichen Welt, deren Orte, Menschen und Dinge wir nie vollständig überblicken können, kleine Endlichkeiten zu schaffen. Zu ordnen, was nicht zu ordnen ist – „denn gerne glaubt man, dass man auch versteht, was man gezählt und mit einem Etikett versehen hat.“

Bei der Lektüre fühle ich mich ertappt: Dieser Drang zur Vollständigkeit kommt mir sehr bekannt vor. Jeder ist irgendwann Sammler. Sei es im Supermarkt, wo man nichts vergessen will, im Urlaub, wo man alles fotografieren will, oder bei Facebook, wo man nichts verpassen will. Wie gut tut da eine Liste, die man einfach so abarbeiten kann, völlig frei von der Sorge, doch noch etwas zu übersehen!

Es gibt aber auch Leute, denen gefällt diese Unruhe. Sie sammeln Dinge, von denen sie genau wissen, dass sie sie nie in ihrer Gesamtheit besitzen können. Eco spricht von der „pure[n] Lust an der Anhäufung und Mehrung ad infinitum“ – mich würde das ja verrückt machen. Auch wenn ich ganz lange und fest nachdenke, fällt mir nichts ein, von dem ich ALLES haben wollte. (Außer vielleicht die vollständigen J. Crew-Kollektionen der vergangen drei Jahre. (Aber selbst da gibt es ein, zwei Farben, die mir einfach nicht stehen.))

Der kurze Streifzug durch die Uni-Bibliothek (schon eine monströse Liste an sich) zeigt: Listen sind überall.

Ganz im Gegensatz zu diesen praktischen Listen stehen die poetischen. Hier geht es weniger darum, einen Inhalt zu vermitteln als einen übergeordneten Eindruck. Wenn Patrick Süskind in „Das Parfum“ seitenlang die üblen Gerüche der Pariser Innenstadt aufzählt, Homer in der Ilias 300 Verse lang griechische Schiffe auflistet und Andy Warhol zig identische Suppendosen nebeneinander platziert, geht es immer um „einen Eindruck von Überfluss, von unendlicher Menge und Vielfalt“ – und damit auch von Unendlichkeit.

Diese fiese Unendlichkeit! Damit hat Umberto Eco mich ziemlich fertig gemacht. Denn man kann sie noch so stark bekämpfen mit lauter Listen, Sammlungen, Anhäufungen – und entkommt ihr doch nie. So bleibt auch Ecos Buch eine unbefriedigende, weil unvollständige Listenliste, deren letztes Wort nur lauten kann: “undsoweiter”.

Jane, Julie und Andrea

Leider hatte Jane Austen nicht die Möglichkeit zu bloggen. Mit Sicherheit wäre ihr über kurz oder lang das gleiche passiert wie Julie Powell, deren Buch „Julie & Julia‟ ich gerade gelesen habe. Ja genau, das ist das Buch, das eigentlich ein Blog war und am Ende dann sogar ein Film wurde. Das Dumme ist nur: Ich habs auf Deutsch gelesen.

„Julie & Julia‟ wurde von Andrea Ott übersetzt. Sie hat sich mit Übersetzungen englischer Klassiker wie Austen, Bronte und Trollope einen Namen gemacht. Hätte Jane Austen gebloggt, wäre dieser Auftrag vielleicht naheliegend gewesen. So verstehe ich einfach nicht, wie man darauf kommen kann, die Frau, die sonst „Pride and Prejudice‟ übersetzt, auf ein (200 Jahre jüngeres) Buch über Blogs loszulassen.

Original: Anyway, it seemed I had been missed, out in the virtual world. Someone named Chris posted a comment on the Poulet Poêlé à l’Estragon post, my first in most of a week: „Oh thank GOD you’re back!‟

Übersetzung: Inzwischen wurde ich draußen in der virtuellen Welt anscheinend vermisst. Jemand namens Chris schrieb einen Kommentar zum Poêle à l’Estragon, meine erste Post seit fast einer Woche: „GOTT sei Dank bist du wieder da!‟

Okay, das ist jetzt noch nicht ganz so schlimm. Irgendwie ist Kommentare kriegen ja auch ein bisschen wie Post kriegen. Aber es geht noch weiter:

Original: After reading my post about this, Eric’s father called me and cleared up the trouble: the gizzard is the thing like two hearts stuck together, the heart is the thing like half a gizzard.

Übersetzung: Nachdem ich meine Post zu diesem Thema gelesen hatte, rief mich Erics Vater an und klärte das Problem: Der Muskelmagen sei das Ding, das aussehe wie zwei zusammenhängende Herzen, und das Herz sei das Ding, das aussehe wie ein halber Muskelmagen.

Das ist einfach nur noch schlampig übersetzt. Oder? Bin ich vielleicht zu pingelig?

Dieses Leseerlebnis hat eine Lektion jedenfalls endgültig in mein Hirn gehämmert: Wann immer meine Sprachkenntnisse es zulassen, werde ich Bücher im Original lesen. Auch, wenn das manchmal ein bisschen anstrengender ist – das Wort gizzard hätte ich nämlich ganz bestimmt nachschlagen müssen.

Die Eleganz der Madame Michel

Die Eleganz der Madame Michel
„Nie die Katze heraus lassen. Nie die Concierge hineinlassen.‟

„Die Eleganz des Igels‟ ist ein wunderbares Buch von der französischen Autorin Muriel Barbery, das 2007 in Frankreich erschien und kurz drauf auch bei uns zum Bestseller wurde. Und wie das so ist mit international erfolgreichen französischen Büchern: Eine Verfilmung lässt nicht lange auf sich warten. Im Kino ist es also statt des Igels „Die Eleganz der Madame Michel‟.

René Michel arbeitet als Concierge in einem schicken Pariser Wohnhaus und entspricht – nach eigenen Worten – voll und ganz dem Klischee: „Ich bin Witwe, ziemlich klein, hässlich und mollig.‟ Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Fassade aber noch eine ganze andere, elegante und belesene Madame Michel.

Das entdeckt zu allererst Paloma, eine junge Bewohnerin des Hauses, die das Leben der Reichen schon mit elf Jahren satt hat und deshalb beschließt, sich an ihrem nächsten Geburtstag umzubringen. Bis dahin bleibt allerdings noch ein bisschen Zeit, die sie sich mit einem persönlichen Videotagebuch vertreibt. Sie dokumentiert die Depression ihrer Mutter, die Zickereien ihrer Schwester und den Einzug des neuen Hausbewohners, Monsieur Ozu. Der Japaner spürt ebenfalls, dass Madame Michel mehr ist als bloß die „verwilderte‟ Concierge und stellt ihr Leben mit einer Einladung zum Essen auf den Kopf.

Schon bei der Buchvorlage habe ich bedauert, dass Monsieur Ozu im Gegensatz zu Paloma und Madame Michel eine eindimensionale Figur bleibt. Im Film wird diese Nebenrolle, die eigentlich eine Hauptrolle sein sollte, von Togo Igawa allerdings hervorragend ausgefüllt. Genauso gut hat mir Garance Le Guillermic gefallen, die als Paloma aussieht wie eine Zeichnung von Cornelia Funke: schlaksig, mit riesigen Wuschelhaaren, Brille und immerzu in Ringelpullis.

Der Film braucht einen ziemlich langen Anlauf, ehe er seine typisch französische Poesie entfaltet. Darin erinnert „Die Eleganz der Madame Michel‟ übrigens sehr an eine andere Bestseller-Verfilmung – „Zusammen ist man weniger allein‟. Genau wie damals gilt auch hier wieder: Der Film ist zwar ganz nett, aber das Buch ist um Längen besser. Lesen! (Zum Beispiel im Rahmen des virtuellen Lesezirkels von Marcel…)

An Awesome Book

Eigentlich hatte er das Buch nur für seinen Sohn geschrieben. Dann verkaufte Dallas Clayton fast 20.000 Stück davon. Jetzt hat er angefangen, es zu verschenken.

Dallas auf Lesetour

“Es gibt zwei Arten von Träumen: Die, die du hast, wenn du schläfst, und die, die du hast, wenn du wach bist.” Mit diesen Worten beginnt ein kurzes Video, das Dallas Clayton ins Netz gestellt hat. Darin beschreibt Dallas Clayton die unglaubliche Geschichte von dem Buch, das eigentlich nur für seinen Sohn gedacht war – und von dem er inzwischen fast 20 000 Stück verkauft hat.

Dallas ist 29 Jahre alt und lebt in Los Angeles. Er verdient sein Geld mit dem Schreiben. Das hätte schon angefangen, als er 13 war, sagt er. “Damals schrieb ich kleine Hefte, voll mit kindischen Ideen, und verkaufte sie für einen Dollar pro Stück an Menschen auf der Straße.” Jetzt macht er die Sachen, die ihm Spaß machen, und dann noch die, die Geld bringen.

Er konnte nicht ahnen, dass er mit seinem Buch “An Awesome Book” beides vereinen würde. Es ist ein dünnes, kunterbuntes Buch, das ohne viele Worte auskommt. Darin beschreibt Dallas, dass die Leute heute von zueinander passenden Silberlöffeln oder einem neuen Hut träumten, anstatt von magischen Wassermelonenbooten oder von Autos, die man mit Bonbons antreiben kann. Manchmal, steht da zwischen lauter flatternden Dollarscheinen, träumten sie sogar Träume, die nicht mal ihre eigenen seien. “Das Buch soll die Leute daran erinnern, dass die fantastischen Träume, die wir im Schlaf haben, nicht enden müssen, nur, weil wir aufwachen.”

Als “An Awesome Book” fertig war, ließ Dallas eine kleine Auflage drucken und bot es für 15 Dollar im Internet an. Er nahm ein Video auf, nicht mal eine Minute lang, in dem er erklärt, dass dieses Buch wirklich das großartigste auf der ganzen Welt sei („nach der Bibel“), und baute es in seine Website ein. Sonst tat er eigentlich nicht viel. Trotzdem war die erste Auflage schon nach einer Woche vergriffen. Auf einmal gingen Bestellungen aus aller Welt ein, in Amerika, in Asien, Europa, überall wollte man sein Buch lesen.
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