Alle Einträge mit dem Tag blödes Gefühl

Einwegbrief

Ich wünschte, ich hätte die Worte. Die, die sich in meinem Kopf jagen und um den Verstand bringen. Oder welche, die sich wie Pflaster auf deine Wunden legen. Aber sie fehlen. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Du warst so oft krank, irgend etwas war in deinem Kopf oder deinem Bauch, und während dein Stuhl neben mir leer war, war mein Bauch voller Sorge. Den Stuhl konnte ich notdürftig füllen mit einem Rucksack, ein paar Büchern, aber der Bauch blieb leer wegen all der fehlenden Antworten. Natürlich musstest du sie nicht geben, und das musst du noch immer nicht und nie. Ich war wohl oft zu scheu zu fragen, war das ein Fehler?

Vielleicht willst du nicht reden und nicht denken. Vielleicht willst du Zerstreuung und Ablenkung. Vielleicht doch andersrum.

Zugegeben, ich kann mich kaum hineinversetzen in dich in dieser Lage. Aber ich wünschte, ich könnte irgendwas für dich tun und dafür, dass es dir gut geht. Du sollst wissen, dass du mir ein wertvoller Freund bist. Als neulich die Kurslisten herauskamen und ich unsere beiden verglich, freute ich mich schon darauf, in Erdkunde und Musik vielleicht neben dir zu sitzen und das letzte Jahr weiterzuleben mit dir. Du sollst wissen, dass ich immer für dich da war und bin.

Wenn ich irgend etwas tun kann für dich, gib mir ein Zeichen.

Eva

Lass dich fallen, wir fangen dich auf.
Gib uns nur die Chance dazu.

Neulich diesem Projekt beigesteuert, weil es doch noch raus musste, irgendwie.

Wenig Sympathie

Im Sonderzug nach Paderborn setze ich mich einem hageren Mittvierziger mit unglaublich langen Beinen gegenüber und esse mein Stück Pizza. Neben ihm liegen Krücken. Er blickt mich eindringlich an und zieht dann mehrere Wirtschaftsbücher aus seinem Rucksack und eins über den Bau irgendeiner Brücke. Immer wieder schaut er mich an, ich versuche es mit Grinsen, bekomme aber keine Reaktion. Ich glaube so etwas wie Verachtung aus seinen Blicken zu lesenund frage mich, was ich getan habe. Muss ich mich jetzt fürchten? Er guckt. Ist doch auch egal. Ich esse. Da kramt er noch einmal in seinem Rucksack und holt einen Apfel heraus, der mehr gelb ist als rot. Nach den ersten großen Bissen sagt er: “Das sieht ja sehr gesund aus.” – “Ihres auch”, sage ich und er erzählt, dass er früher nie überbackenen Käse mochte und heute Tiefkühlpizzas hasst. Ich erwähne meine Schwester, die von ihrer Margherita immer sämtlichen Belag herunterschiebt. Er fragt mich, ob ich in Düsseldorf studiere und wo ich herkomme. Er bekommt ausweichende Antworten und ich bin froh, dass er nicht ebenfalls in Essen den Zug verlässt. Beim Aussteigen stoße ich versehentlich zwei Mal gegen seine Beine.

Mamas Unfallsucht

„Ein schwerer Unfall hat sich in der Nacht zum Mittwoch auf der A 44 ereignet. Kurz nach ein Uhr fuhr ein 50-jährige Trucker aus Bremen seinen Lkw in Richtung Wuppertal..“

Pscht! Sei mal ruhig! Mach das mal lauter! Meine Mutter möchte das hören! Wann immer das Lokalradio von „tragischen Unfällen“ berichtet, in der Zeitung zerknüllte Autos abgebildet sind, darf sie das nicht verpassen. Manchmal liest sie vor, oder erzählt davon, und dann hat sie die Daten ganz genau im Kopf. Welche Straße und wie lang war sie gesperrt, wie viele Autos, wie viele Tote, wer hat Teilschuld und was war überhaupt die Ursache. Ich verstehe das nicht.

Bei Crashs und schwer Verletzten versucht man doch eher, wegzuhören, oder? Um sich die Laune nicht verderben zu lassen, um nicht noch mehr Angst vorm Autofahren zu bekommen, um nicht an all die Schicksale denken zu müssen. Denn wobei hilft es schließlich, was bringt es, über solche Dinge genau Bescheid zu wissen? Warum wird überhaupt so ausführlich darüber berichtet? Nachher sagen sie alle doch bloß wieder: „Hast du schon gehört?? Schrecklich, schreck-lich!“ Und können nichts rückgängig machen, nichts dagegen tun.

Letztlich ist es wohl wieder mal einer dieser Instinkte, Reflexe, aber ich glaube, er ist nicht so sehr verbreitet, so verhärtet wie.. na ja. Wie der Wegspring- oder Bremsreflex zum Beispiel, den hoffentlich jeder Verkehrsteilnehmer hat, wenn die Gefahr besteht einen von diesen Unfällen zu bauen, auf die meine Mama so steht.

Ein Tag im Schlafanzug macht mich depressiv

Dieser Tag hat für mich keinen Sinn.

Also gehe ich nach dem Frühstück gar nicht erst duschen (die Zeit bis genau zum Frühstück bleibt man natürlich im Bett liegen, und zwar so lange, bis die Familie schon gesammelt am Tisch sitzt, wenn man herunterkommt. Außer, es gibt einen irgendwie gearteten guten Grund, ganz früh aufzustehen, so etwas macht einen Sonntag dann besonders und mich glücklich), sondern lottere so rum. Und wenn es schon so losgeht, dann werde ich höchstwahrscheinlich den ganzen Tag lang nicht herauskommen aus dem Schlafanzug.

Einen ganzen Tag im Schlafanzug zu verbringen macht mich depressiv. Also verbringe ich den Tag im Schlafanzug und demotiviert, und hänge nur so auf irgendwelchen Sesseln, an Tischen und auf Sofas. Liege auf dem Boden rum und versuche Ordnung zu schaffen in meinem Kopf, indem Möglichkeiten herumwirbeln, Dinge, die ich tun könnte, aber nicht tun will.

Ich versuche Frust zu füttern mit selbstgemachten Schokocrossies, auf die nach der Produktion kein Hunger mehr ist, und finde keinen Gefallen an Filmen, selbst, wenn sie noch so toll sein sollen. Und ich schreibe merkwürdige Texte jeglicher Sinnfreiheit, die nachher nur noch da sein werden, um das Gefühl eines ebenso sinnfreien Sonntags einmal umrissen zu wissen.

Rosa

Dieses Zimmer mit seinen rosa Wänden, den weißen Holz-Möbeln. Mit all den Fotos, dem Schmuck, den gerade zehn Büchern. Mit der Labellosammlung, den Boutique-Taschen an der Wand, der Lichterkette und dem Selbstgestalten-Kalender über dem Schreibtisch. Der Rosendecke im weißen Edelstahlbett, den Kerzen, Dosen, Schubladen. Mit all den Schminkutensilien, den vielen Tablettenschachteln auf dem Nachttisch, dem CD-Player voller Kuschelrock und J.Lo. Dieses Zimmer ist sehr toll, sicher genau ihr Geschmack. Ich stehe vor dem riesig vergrößerten Foto von ihr und ihren Freundinnen, denke, sie lebt hier, hier ist es gemütlich für sie, und komme mir in diesem Moment nicht nur total fremd, sondern auch furchtbar falsch vor.